Die 'unerhörte Begebenheit' als Element einer kritischen Inszenierung der Gesellschaft - Eine Studie zu den Novellen Kleists


Magisterarbeit, 2005

85 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Aspekte der unerhörten Begebenheit
2.1 Literarhistorischer Kontext und Forschungslage
2.2 Charakteristika der Begebenheit bei Kleist
2.2.1 Wahrscheinlichkeit und Wahrheit
2.2.2 Der Zufall als konstitutives Element der Begebenheit
2.2.3 Schein und Sein – der Konflikt in der Begebenheit
2.2.4 Begebenheit ohne Grenzen?

3 Die Inszenierung der Gesellschaftskritik
3.1 Die dramatischen Elemente der Novelle
3.2 Moral oder Gesellschaftskritik – der „soziale Sinn“ in Kleists Novellen
3.3 Zwischenbilanz

4 Justiz: unerreichbare Gerechtigkeit?
4.1 Individuum und Rechtsstaat: der Fall Michael Kohlhaas
4.1.1 Parallelität von Recht und Unrecht
4.1.2 Die Willkür des Junkers
4.1.3 Das Standesvorurteil
4.1.4 Vetternwirtschaft und Korruption
4.1.5 Der Gesellschaftsvertrag und seine Auflösung
4.1.6 Zwischen Genugtuung und Rachsucht
4.2 Gott als Rechtsinstanz? Justiz im „Zweikampf“
4.3 Zwischenbilanz

5 Familie: ein gebrechliches Element der Gesellschaft
5.1 Marode Familienstrukturen – „Die Marquise von O...“
5.1.1 „Familienrücksichten“ als sozialer Zwang
5.1.2 Gestörte Kommunikation in der Familie
5.1.3 Autoritätsverlust des Patriarchen
5.2 Lieblosigkeit und familiäre Dysfunktionalität in den Novellen
5.3 Zwischenbilanz

6 Religion: Missbrauch des christlichen Wertesystems
6.1 Scheinheiligkeit und Fanatismus – „Das Erdbeben in Chili“
6.1.1 Die Heuchelei in der Gesellschaft
6.1.2 Das trügerische Idyll
6.1.3 Religiöser Wahn: Demagogie und Lynchjustiz
6.2 Wunderglaube und Bigotterie
6.3 Zwischenbilanz

7 Exkurs: das Vorurteil in der „Verlobung in St. Domingo“

8 Fazit

9 Literaturverzeichnis
9.1 Quellen
9.2 Sekundärliteratur
9.3 Allgemeine Hilfsmittel

1 Einleitung

Die Novellen von Kleist sind in der Literaturwissenschaft ein vielfach bearbeitetes Objekt der Forschung. Häufig steht im Mittelpunkt des Interesses seine Darstellung gesellschaftlicher Phänomene wie Liebe, Vertrauen und familiäre Konflikte, Fragen nach Recht und Gerechtigkeit oder der Religion. Jeder dieser Bereiche wurde schon mehrfach untersucht und anhand variierender Fragestellungen durch neue Aspekte bereichert. Auch diese Arbeit schließt die Darstellung der Gesellschaft in den Novellen Kleists nicht aus. Ausgangspunkt ist jedoch hier ein zentraler Begriff aus der Novellentheorie: Es soll untersucht werden, in welcher Beziehung die unerhörte Begebenheit zur Darstellung der Gesellschafts-kritik in den Novellen steht.

In den Bemühungen um eine einheitliche Definition der Gattung „Novelle“ findet auch heute noch der Begriff der „unerhörten Begebenheit“ Verwendung. Doch obwohl er seit Goethe als wichtiges Element der Novelle verstanden wird, ist seine Begrifflichkeit bislang nicht klar eingegrenzt. Ein Teil der Arbeit ist deshalb der Darstellung besonderer Eigenschaften der unerhörten Begebenheit im Allgemeinen und bei Kleist im Besonderen gewidmet. Die allgemeine Definitionsproblematik des Begriffs „Novelle“ kann dabei weitgehend unberücksichtigt bleiben. Sie kommt nur dort zur Sprache, wo sie für die „unerhörte Begebenheit“ von Bedeutung ist. Das Gleiche gilt für die Differenzierung zwischen den Begriffen „Novelle“ und „Erzählung“, die in der Forschung noch immer diskutiert wird.[1]

Es ist für diese Arbeit wenig relevant, welche Kriterien zum heutigen Stand der Forschung allgemein für eine Novelle festgelegt sind, sofern sie nicht die Begebenheit unmittelbar betreffen und ob und inwiefern Kleists Erzählungen in dieses Gefüge passen. Vielmehr erscheint es sinnvoll, die novellentheoretischen Ansätze – angefangen bei Zeitgenossen Kleists bis hin zur modernen Forschung – lediglich auf den Bereich der unerhörten Begebenheit hin zu untersuchen. So soll dann eine für diese Arbeit gültige Definition der unerhörten Begebenheit entstehen, die es ermöglicht, den Zusammenhang zwischen der Begebenheit und der kritischen Inszenierung der Gesellschaft zu untersuchen. Die allgemeine Entwicklung des Begriffs „Novelle“ kann hier als bekannt vorausgesetzt werden, ebenso die Geschichte der Novelle als Erzählform. Die Entwicklung der unerhörten Begebenheit hingegen soll genauer untersucht werden.

Der zweite Teil der Arbeit widmet sich der Beziehung zwischen der unerhörten Begebenheit und der jeweiligen gesellschaftskritischen Leistung der einzelnen Novellen. Jeweils ein größeres Kapitel soll sich mit den Themen „Recht und Gerechtigkeit“, „Familie“ und „Religion“ befassen. Darin wird je eine Novelle exemplarisch untersucht und vergleichbare Problemstellungen in anderen Novellen Kleists ergänzend dargestellt. Der Exkurs zur „Verlobung in St. Domingo“ soll abschließend die Problematik des Vorurteils darstellen und diese wiederum in Relation zur unerhörten Begebenheit setzen. Ein abschließendes Fazit stellt dann noch einmal überblicksartig die Ergebnisse der Untersuchung dar.[2]

Einen ersten Zugang zum Thema ermöglicht der von Goethe geprägte Begriff der „unerhörten Begebenheit“. Dabei dürfen die Differenzen zwischen beiden Dichtern nicht außer Acht gelassen werden. So distanziert sich Kleist mit seinen Erzählungen von der Tradition, Novellen in einer Rahmenhandlung zu verankern und als Novellensammlung zu präsentieren, wie es seit Boccaccios „Decamerone“ bekannt ist. Goethe hat mit den „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ eben dieses Muster aufgegriffen und anstelle der Pest den Krieg als Hintergrund-geschehen gewählt. Kleists Erzählungen hingegen sind Einzelnovellen, sie stehen formal isoliert nebeneinander. Wenn sie auch durch Ähnlichkeiten in den thematischen Bereichen durchaus miteinander verknüpft sind, werden sie jedoch nicht durch eine gemeinsame Erzählsituation geeint. Auch ist überliefert, dass Goethe Kleists Talent zwar anerkannte, aber von den extremen Charakteren seiner Dramen und Erzählungen eher abgestoßen war:

„Mir erregte dieser Dichter, bei dem reinsten Vorsatz einer aufrichtigen Teilnahme, immer Schauder und Abscheu, wie ein von der Natur schön intentionierter Körper, der von einer unheilbaren Krankheit ergriffen wäre.“[3]

Diese Stellungnahme Goethes lässt sich auch auf die Unterschiede zwischen den Novellen und damit den unerhörten Begebenheiten der beiden Dichter übertragen. Bei allen Unterschieden im Hinblick auf Biographie und Werk lässt sich dennoch ein Bezug zwischen den Zeitgenossen Kleist und Goethe herstellen. Kleists Erzählungen enthalten stets ein zentrales Element, das Goethe später als wichtigstes Kennzeichen einer Novelle benennt: die „unerhörte Begebenheit“.

„Nach Goethe ist die Novelle nichts ‚anders als eine sich ereignete unerhörte Begebenheit’. Wenn einer, so ist es Kleist, der diese Begriffsbestimmung erfüllt hat, und für die Kennzeichnung seiner Erzählkunst ist keine andere Definition nötig.“[4]

Kleist hat also die spätere Begriffsbestimmung vorerfüllt. Was aber ist der Zweck dieser unerhörten Begebenheit? Welche Leistung erbringt sie im Rahmen der Novelle? In dieser Arbeit soll versucht werden, die unerhörte Begebenheit in den Novellen von Kleist als Element einer kritischen Inszenierung der Gesellschaft zu analysieren. Dabei dient Goethes Definition als Ansatzpunkt. Aust kritisiert zwar

„die über persönliche und zeitliche Unterschiede hinwegspringende Gleichschaltung des Kleistschen Erzählwerkes mit Goethes Wort von der sich ereigneten unerhörten Begebenheit [...]“[5],

bezieht sich damit aber insbesondere auf Forschungsansätze, die diese „Gleichschaltung“ als Beweis dafür nutzen, dass die Erzählungen Kleists als Novellen zu bezeichnen sind. Allein aufgrund der Datierung der Goetheschen Definition 15 Jahre nach Kleists Tod ist eine solche Beweisführung natürlich unzulässig und wenig sinnvoll. Für diese Arbeit soll Goethes Äußerung als Ansatz für eine Untersuchung der Novellen Kleists dienen, weil sie in einem Satz die Eigenheit der Novelle zusammenfasst, wie sie insbesondere bei Kleist zu beobachten ist. Die Fragestellung soll dabei aber weder missverstanden werden als Versuch, die Erzählungen der Definition nach Goethe zu unterwerfen, noch ihre Bezeichnung als Novelle durch die jeweilige Existenz einer unerhörten Begebenheit zu rechtfertigen. Vielmehr soll untersucht werden, welchen Stellenwert die unerhörte Begebenheit bei Heinrich von Kleist für die gesellschaftskritische Darstellung einnimmt.

Dass Kleist ein kritischer Beobachter der Gesellschaft war, muss nicht mehr bewiesen werden. Diese Arbeit soll zeigen, wie er die Besonderheit der Gattung Novelle, die unerhörte Begebenheit, nutzte, um gesellschaftliche Zustände zu hinterfragen und kritisch darzustellen. In der Forschung mangelt es nicht an Untersuchungen zur Gesellschaftskritik bei Kleist; jede seiner Novellen ist mehrfach untersucht und interpretiert worden.[6] Der Zusammenhang aber zwischen dem wichtigen Element der Novelle und ihrer Leistung für die gesellschaftskritische Darstellung in seinem Werk ist bislang noch nicht eingehend untersucht. Diese Lücke soll mit vorliegender Arbeit geschlossen werden.

2 Theoretische Aspekte der unerhörten Begebenheit

Kaum eine Gattungsdefinition ist in der Literaturwissenschaft undiskutiert und durchgehend akzeptiert. Die verschiedenen Herangehensweisen der Forschung führen immer wieder dazu, dass ein Begriff nicht einheitlich verwendet wird und ihm verschiedene Bedeutungen zugeordnet sind. Schon der Begriff „Gattung“ selbst wird unterschiedlich verwendet – einerseits im Sinne der Gattungstrias Epik, Dramatik, Lyrik, andererseits im Sinne untergeordneter Textsorten wie etwa der Novelle.[7] Der Begriff der „Novelle“ stellt dabei keine Ausnahme, sondern eher ein Extrembeispiel für die Problematik literaturwissenschaftlicher Definitionen dar. Der Gegenstand der Novelle ist nach wie vor für die Forschung ein definitorisch unlösbares Problem, die Vielzahl der als Novellen bezeichneten Werke und die Verschiedenheit ihrer Ausformungen machen es offensichtlich unmöglich, eine endgültige Bestimmung festzulegen.[8] Auch ist es noch nicht gelungen, die zahlreichen Novellentheorien mit der Praxis, also den tatsächlich produzierten Novellen in Einklang zu bringen.

Goethes Definition der Novelle als eine „sich ereignete unerhörte Begebenheit“[9] ist bis heute die bekannteste geblieben. Problematisch ist die Definition aus formalen Gründen: Goethe hat den Satz zu keinem Zeitpunkt schriftlich fixiert, er ist überliefert nach einem Gespräch mit Eckermann. Gegenstand des Gespräches war die Suche nach einem geeigneten Titel für eines von Goethes Werken, das schließlich schlicht als „Novelle“ betitelt wurde. Der Entstehungsrahmen bezeugt, dass die Definition nicht ursprünglich aus dem Willen entstanden ist, eine gültige Gattungsdefinition für die Novelle festzulegen, sondern eher zufällig und auch bedingt durch die Auswahl Eckermanns fixiert wurde. Ähnlich sind auch andere Definitionsversuche aus zeitnahen Epochen für allgemeingültig erklärt worden.[10] Wenn sie auch nicht als solche geplant war, blieb Goethes Definition im Gedächtnis der Literaturwissenschaft, denn sie hält fest, was die Novelle von anderen Formen der erzählenden Literatur unterscheidet. Es ist nicht allein der Umfang, die Figuren oder der Ort, auch nicht die Anwesenheit eines Erzählers als Figur der Rahmenhandlung, welche die Novelle von verwandter Prosa abhebt. Kennzeichnend für die Novelle ist die Begebenheit, die einem oder mehreren Menschen widerfährt, die erzählenswert, interessant, neuartig und unerhört ist.

„Auf das Geschehene kommt es an; Die Psychologie, die Charaktere der Handelnden und Leidenden interessieren uns nicht an und für sich, sondern nur insoweit das Geschehene durch sie bedingt ist.“[11]

Heute findet sich im Duden eine Beschreibung der Novelle als „Erzählung kürzeren od. mittleren Umfangs, die von einem einzelnen Ereignis handelt u. deren geradliniger Handlungsablauf auf ein Ziel hinführt.“[12] Das zentrale Ereignis – die Begebenheit – bleibt somit selbst bei knappster Beschreibung der Novelle im allgemeinen Sprachgebrauch als konstituierend für diese Gattung erhalten. Die Idee eines bis dato unbekannten und dadurch erzählenswerten Geschehens ist in Grundzügen bereits in der Etymologie des Begriffs Novelle verankert: Der Wortursprung liegt im altprovenzalischen „novela“, das wiederum aus dem lateinischen „novus“, zu deutsch „neu“ abgeleitet ist. Aus „novela“ entwickelte sich dann das französische „nouvelle“ und das italienische „novella“, die deutsche Übersetzung für diesen Begriff lautet Novelle.[13] Schon die Herkunft des Wortes Novelle verweist also auf etwas Neues, damit Unbekanntes und im ersten Wortsinn Unerhörtes.

2.1 Literarhistorischer Kontext und Forschungslage

Das Phänomen einer besonderen Begebenheit, die Goethe „unerhört“ nennt, taucht schon früh in theoretischen Gedanken zur Novelle auf. Populär wurde der Gattungsbegriff „Novelle“ in Deutschland erst im 18. Jahrhundert, auch wenn sich Erzählformen mit novellistischen Strukturen schon Jahrhunderte zuvor nachweisen lassen.[14] Doch nachdem sich die Gattungsbezeichnung durchgesetzt hatte, häuften sich auch die Versuche, die Novelle definitorisch von anderen erzählenden Texten abzugrenzen. Dies geschieht durch Benennung ihrer Eigenheiten. 1798 hält Friedrich Schlegel fest: „Eine Novelle ist eine witzige Begebenheit[...]“[15]. Schon hier wird die enge Verbindung zwischen der Novelle und der Begebenheit geknüpft. An anderer Stelle betont er, dass die Begebenheit erst die Novelle ausmacht: „Es spielt eine wichtige Rolle in der Novelle: denn eine Geschichte kann doch nur durch eine solche einzig schöne Seltsamkeit ewig neu bleiben.“[16] Auch sein Bruder August Wilhelm Schlegel bemerkt, dass erst eine „seltsame Einzigkeit“[17] die Novelle zur Novelle macht: „Die Novelle [...] erzählt folglich merkwürdige Begebenheiten [...]. [18]

Auf der bereits erwähnten Suche nach einem Titel für eine seiner Erzählungen äußert sich Goethe im Gespräch mit Eckermann wie folgt:

„Wissen Sie was, sagte Goethe, wir wollen es die Novelle nennen; denn was ist eine Novelle anders als eine sich ereignete unerhörte Begebenheit. Dies ist der eigentliche Begriff, und so Vieles, was in Deutschland unter dem Titel Novelle geht, ist gar keine Novelle, sondern bloß Erzählung oder was sie sonst wollen. In jenem ursprünglichen Sinne einer unerhörten Begebenheit kommt auch die Novelle in den Wahlverwandtschaften vor.“[19]

Basierend auf Goethes Formulierung ist die Bezeichnung der Novelle als sich ereignete, unerhörte Begebenheit zum Grundbegriff der Novellendefinition geworden.[20] Um die Bedeutung der unerhörten Begebenheit und ihre Umsetzung als Element einer kritischen Inszenierung der Gesellschaft richtig einschätzen zu können, sollte zunächst der Begriff zumindest für den Rahmen dieser Arbeit definiert werden. Auch für diesen, im Bereich der Novelle zentralen Begriff ist bislang in der Forschung keine endgültige Bedeutungseingrenzung gelungen:

„Wer erinnert sich nicht an Goethes Definition der Novelle als einer sich ereigneten unerhörten Begebenheit, an Tiecks Wendepunkt und Heyses Falken, und wenn man auch nicht so genau sagen kann, was diese Ausdrücke bedeuten und wie sie sich in einer Novelle verwirklichen, so glaubt man doch im festen Vertrauen auf eine traditionelle Lehrmeinung an die Existenz der Novelle.“[21]

Sinnvoll beim aktuell unsicheren Forschungsstand ist an dieser Stelle ein Versuch der Definition mit Hilfe der wörtlichen Bedeutung der Begriffe „unerhört“ und „Begebenheit“ und den Eigenschaften und Besonderheiten, die eine unerhörte Begebenheit von einem bloßen Geschehen unterscheidet. Einleuchtend ist die Bedeutung des Begriffs „unerhört“, wie sie Aust darstellt:

„‚Unerhört’ kann sowohl bedeuten, dass dem Publikum die erzählte Geschichte noch nicht bekannt ist, als auch, dass die Geschichte von etwas Außerordentlichem berichtet, sei es ein Normenbruch, sei es die Außerkraftsetzung einer Norm (das Wunderbare), sei es auch nur die Einmaligkeit, die dem Ganzen den charakteristischen Zug verleiht bzw. dem Verlauf die entscheidende Wendung gibt.“[22]

Somit lässt sich die Begebenheit eingrenzen auf Geschehnisse, die dem Leser oder Zuhörer gänzlich neu sind und auf Fälle, die innerhalb seiner Lebenserfahrung und seines Weltwissens als bemerkenswert, weil einzigartig herausstechen[23]. Die Neuheit eines Ereignisses als Faktor für seine Relevanz hält Goethe bereits 1795 in den „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ fest. Die Figur des Geistlichen lässt er dort im Gespräch mit Luise und der Baronesse folgendes sagen:

„[...] was gibt einer Begebenheit ihren Reiz? Nicht ihre Wichtigkeit, nicht ihren Einfluß, den sie hat, sondern die Neuheit.“[24]

Als bedeutsamer Faktor für die unerhörte Begebenheit lässt sich auch ihr plötzliches und damit meist überraschendes Eintreten festhalten. Kunz fasst zur Unerhörtheit zusammen:

„Die Thematik der Novelle ist nun dadurch festgelegt, daß das darin gestaltete Geschehen den Charakter des Überraschenden, Unerwarteten, Unberechenbaren hat.“[25]

Aust bekräftigt die Sinnfälligkeit und den Nutzen der auf Goethe zurückgehenden Novellendefinition als Erzählung einer „Begebenheit“ und dem passiven Charakter dieses Begriffs. Er verweist auf den Umstand, dass eine Begebenheit der Figur widerfährt.[26] Auch Freund sieht die Figur weniger als aktiven Teil der Begebenheit:

„Entscheidend für die Erkenntnis novellistischen Erzählens ist die Dominanz prozeßhaften Geschehens, des Ereignisses, das den Menschen aus dem Mittelpunkt verdrängt.“[27]

Das Individuum ist der Begebenheit nicht gänzlich ausgeliefert, es tritt jedoch zurück hinter dem, was ihm geschieht. Dies gilt selbst für den Fall, dass eine Person die Begebenheit als Auslöser verursacht. Eine nähere Beschreibung der in der ersten Definition lediglich genannten unerhörten Begebenheit bietet Goethe laut Kunz selbst in einem Satz aus den „Wahlverwandtschaften“:

„[...] allein jener, den eigentlich auf der Reise nichts mehr interessierte als die sonderbaren Ereignisse, welche durch natürliche und künstliche Verhältnisse, durch den Konflikt des Gesetzlichen und des Ungebändigten, des Verstandes und der Vernunft, der Leidenschaft und des Vorurteils hervorgebracht werden [...]“[28]

Kunz sieht den Satz als „Andeutung einer Novellendefinition“[29]. Die Äußerung kann – insbesondere für diese Arbeit – als genauere Definition der Begebenheit dienen. Unerhörte Begebenheiten im Sinne der Novellendefinition sind somit Geschehnisse, die einen Konflikt enthalten, entweder „innerhalb“ des Individuums oder – häufiger noch – ein Konflikt der Person mit den Normen der Gesellschaft, in der sie lebt. Dieser der Begebenheit innewohnende Konflikt weist deutlich auf ihre Möglichkeiten gesellschaftskritischer Leistung hin. Typisch für die Novelle hält Freund, dass derjenige, der in einen Konflikt mit den gesellschaftlichen Ansprüchen gerät, fast zwangsläufig scheitern muss:

„In der Novelle hat das Subjekt nur dann eine Chance, wenn es mitschwimmt im Strom, wer gegen den Strom zu schwimmen versucht, geht unweigerlich unter..[30]

Zwei Jahre nach Goethe formuliert Tieck in einem Vorwort, die Novelle sollte sich

„[...] dadurch aus allen andern Aufgaben hervorheben, daß sie einen großen oder kleinen Vorfall in’s hellste Licht stelle, der, so leicht er sich ereignen kann, doch wunderbar, vielleicht einzig ist. Diese Wendung der Geschichte, dieser Punkt, von welchem aus sie sich unerwartet völlig umkehrt, und doch natürlich, dem Charakter und den Umständen angemessen, die Folge entwickelt, wird sich [...] umso fester einprägen[...]“[31]

Tieck stellt damit die Verbindung zwischen der Begebenheit und dem Wendepunkt der Novelle her. Gleichzeitig betont er den bemerkenswerten und wahrhaftigen Charakter der Begebenheit in der Novelle. Aust nennt auch das „Wahre“[32] einer Begebenheit als konstituierend für die Novelle. Wahrheit bedeutet dabei nicht, dass die Begebenheit tatsächlich geschehen ist, dass sie aber unter den gegebenen Umständen durchaus hätte geschehen können. Wahrheit ist in diesem Kontext stellvertretend für eine Art von Möglichkeit gebraucht. Dieser Anspruch an die Novelle findet sich bereits bei Wieland:

„Bey einer Novelle [...] werde vorausgesetzt, daß sie sich [...] in unserer wirklichen Welt begeben habe, wo alles natürlich und begreiflich zugeht, und die Begebenheiten zwar nicht alltäglich sind, aber sich doch, unter denselben Umständen, alle Tage allenthalben zutragen könnten[33]

Auch August Wilhelm Schlegel bemerkt 1804 in seinen Gedanken zur Novelle :

„An die materielle Wahrscheinlichkeit d.h. die Bedingungen der Wirklichkeit eines Vorfalls, muss sich der Erzähler durchaus binden, hier erfodert sein Zweck die größte Genauigkeit.“[34]

Für die unerhörte Begebenheit im Allgemeinen lässt sich festhalten, dass die Doppeldeutigkeit des Wortes „unerhört“ einerseits die Neuartigkeit, andererseits die Einzigartigkeit der Begebenheit impliziert. Zudem setzt die Begebenheit meist plötzlich und unerwartet ein und überrascht gerade deshalb. Darüber hinaus verdeutlicht der Begriff „Begebenheit“ den passiven, eher zweitrangigen Charakter der Figur innerhalb des Geschehens. Häufig ist ein Konflikt, sei er innerer oder äußerer Natur, Bestandteil der Begebenheit. Schließlich hat die Begebenheit den Anspruch des Möglichen zu erfüllen. Im Folgenden sollen nun ausgehend von diesen allgemeinen Kennzeichen die spezifischen Merkmale der unerhörten Begebenheit bei Kleist zusammengestellt werden.

2.2 Charakteristika der Begebenheit bei Kleist

Die prägnanteste Eigenschaft der unerhörten Begebenheit bei Kleist liegt in ihrem unerwarteten Einbrechen in das normale Alltagsleben. Zwar ist dies stets einer Begebenheit zu Eigen, bei Kleist aber gewinnt die Schlagartigkeit eine neue Dimension. Da bricht ein Erdbeben über eine Stadt herein, die Pest überrascht Reisende und ein Skandal erschüttert den Zusammenhalt einer Familie. Mit der Plötzlichkeit der Begebenheit verbindet sich bei Kleist meist eine weitere Besonderheit. Er lässt keine Zeit vergehen, bis das Unerhörte geschieht, sondern beginnt seine Novellen medias in res. Fast immer sieht sich der Leser bereits in den ersten Sätzen der Erzählung mit der unerhörten Begebenheit konfrontiert. Er hat keine Gelegenheit, sich mit der Umgebung und dem Geschehen vertraut zu machen, ehe die Begebenheit hereinbricht; noch bevor er gedanklich in der Erzählung Fuß gefasst hat, wird er von den hereinbrechenden Ereignissen erschüttert.

2.2.1 Wahrscheinlichkeit und Wahrheit

Wie bereits im vorangegangenen Kapitel aufgezeigt wurde, ist eine Bedingung für die Begebenheit ihre Wahrhaftigkeit. August Wilhelm Schlegel führt eine Möglichkeit für den Autor auf, diese Wahrhaftigkeit zu untermauern:

„Die Novelle kann von ernsten Begebenheiten mit tragischer Katastrophe bis zur bloßen Posse alle Töne durchlaufen, aber immer soll sie in der wirklichen Welt zuhause seyn, deswegen liebt sie auch die ganz bestimmten Angaben von Ort, Zeit und Namen der Personen.“[35]

Diese Bemerkung trifft auch auf Kleists Novellen zu, denn die „bestimmten Angaben“ finden sich bei ihm meist bereits im ersten Satz der Novellen, etwa bei „Michael Kohlhaas“[36], und der „Verlobung in St. Domingo“[37] oder verschlüsselt in der „Marquise von O...“[38]. Das „Wahre“ der Begebenheit stellt Kleist in einer besonderen Weise dar. Er verwendet an mehreren Stellen Kunstgriffe, die den Anschein von Tatsächlichkeit erzeugen. „Michael Kohlhaas“ untertitelt er mit dem Zusatz „Aus einer alten Chronik“ (9), benennt somit eine geschichtliche Aufzeichnung als Grundlage seiner Erzählung.[39] Seine Figur und die gesamte Erzählung wirken dadurch greifbar und glaubhaft.

„Auch beim ‚Michael Kohlhaas’ ist das Unerhörte der Begebenheit Effekt eines unter dem Originalitätsanspruch stehenden Schreibens.“[40]

Bemerkenswert ist auch, dass das einzige Geschehen im „Kohlhaas“, das sich am Rand der Wahrscheinlichkeit abspielt, von Kleist ausdrücklich als Solches benannt wird. Als der Kämmerer auf der Suche nach einem alten Weib, das die Zigeunerin darstellen soll, ausgerechnet die Zigeunerin selbst anspricht, grenzt dieser Zufall an ein Wunder:

„[...] und wie denn die Wahrscheinlichkeit nicht immer auf Seiten der Wahrheit ist, so traf es sich, daß hier etwas geschehen war, das wir zwar berichten: die Freiheit aber, daran zu zweifeln, demjenigen, dem es wohlgefällt, zugestehen müssen“(98)

Es wurde Kleist vorgeworfen, er habe sich mit dieser Episode dem Zeitgeist unterworfen und ein unpassendes märchenhaftes Motiv in die ansonsten realitätsnahe Erzählung eingefügt. Dabei sollte jedoch beachtet werden, dass die Unwahrscheinlichkeit explizit genannt und so hervorgehoben wird. Das lässt – wie eine Ausnahme von der Regel – die gesamte Erzählung umso glaubhafter wirken.

„Die Marquise von O...“ erhält den Untertitel „Nach einer wahren Begebenheit“(104) und wird damit – trotz der schier unglaublichen Ereignisse im ersten Satz – in ihrer Wahrheit bestätigt. Zur weiteren Bestätigung findet sich bereits im Titel eine Namensabkürzung, im Text sind sowohl Figuren („Herrn von G...“ (104), „Graf F...“ (107)) als auch Schauplätze der Handlung („In M...“ (104),bei V...“(104)) abgekürzt.[41] „Das Erdbeben in Chili“ kommt ohne Untertitel und Verfremdung der Namen aus, hier suggeriert die Erwähnung des historischen Erdbebens im ersten Satz dem Leser die Wahrhaftigkeit des nachfolgenden Geschehens. Da das tatsächliche Erdbeben in Chile Kleists Zeitgenossen bekannt gewesen sein dürfte, kann es zur Beglaubigung der Novelle dienen.[42] Ebenso geht „Die Verlobung in St. Domingo“ von einem historischen Ereignis aus. Der reale Aufstand der schwarzen Bevölkerung in Haiti wird zum Ausgangspunkt für Kleists Fiktion, die erdachte Handlung gewinnt an Realitätsnähe. Dyer bestätigt diese Elemente der Realitätsschaffung, die zentral für die unerhörte Begebenheit bei Kleist sind:

„The opening sentences set the tone of the stories. Time, place, and the name of a main character are stated in them, with an insistence on factual detail that appears to guarantee the realism and accuracy of the story.“[43]

Kleist will seinen Leser nicht davon überzeugen, die Dinge seien tatsächlich so geschehen, aber er schafft die realitätsnahe Umgebung für die Begebenheiten, die seine Novellen als Möglichkeiten der Realität enthüllen. Er inszeniert Varietäten der Wirklichkeit und ist somit in der Lage, auf reale Missstände zu verweisen.

Auffällig ist auch, dass sich jede der unerhörten Begebenheiten bei Kleist in einer Realität ereignet, die Kleist von seinen eigenen Lebensumständen zeitlich oder räumlich distanziert hat. Die Novellen sind entweder zeitlich im Mittelalter oder zwei Jahrhunderte vor Kleists Gegenwart angesiedelt, Orte der Handlung sind neben dem historischen Deutschland Italien, die Schweiz, Südamerika und Haiti. Besonders die „Marquise von O...“ macht deutlich, dass es durchaus Absicht von Kleist war, keine der Begebenheiten in Preußen und in seiner eigenen zeitlichen Gegenwart geschehen zu lassen. Die „Marquise“ wurde, wohl weil sie zeitlich zu nah an der damaligen Gegenwart erzählt ist, von Kleist sogar im Untertitel wörtlich mit ihrem „Schauplatz vom Norden in den Süden verlegt“(104). Das kann verschiedene Gründe haben. Einerseits könnte damit beabsichtigt sein, die zuvor erwähnte Realitätsnähe zu verstärken. Eine unerhörte Begebenheit, die sich in zeitlich und räumlich unmittelbarer Nähe der Leser ereignet, müsste dem Publikum bekannt sein. Durch die Verlagerung in ein fernes Land oder die Vergangenheit ist der Leser automatisch distanziert und von der tatsächlichen Realität entfernt. So sind die Novellen leicht als Varietäten der Realität zu akzeptieren. Darüber hinaus ist die zweidimensionale Distanzierung möglicherweise auch für die Annahme der gesellschaftskritischen Aspekte von Nutzen. Eine direkte Anklage des Dichters stößt wohl eher auf absolute Ablehnung, als eine kritische Darstellung der menschlichen Fehler die durch die Fremdheit des Ortes oder der Zeit distanziert dargeboten wird.

2.2.2 Der Zufall als konstitutives Element der Begebenheit

Die „unerhörte Begebenheit“ bei Kleist ist oft vom Faktor Zufall beeinflusst. Müller-Seidel weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass der Zufall in Kleists Erzählungen die Funktion der schicksalhaften Vorausbestimmung in den Dramen übernimmt[44]. Der Zufall macht die unerhörten Ereignisse erst möglich, und er taucht erstaunlich häufig auf. Im „Erdbeben in Chili“ kann Jeronimo „durch einen glücklichen Zufall“ (144) Josephe im Klostergarten wiedertreffen, erhängen will er sich mit „einem Strick, den der Zufall ihm gelassen hatte“ (145) und sein Leben rettet beim Erdbeben „eine zufällige Wölbung“ (146). Auch im „Findling“ wird der Zufall gleich mehrmals explizit benannt. Nicolo begegnet Elvire in der Maske, „die er zufällig gewählt hatte“ (204) , „Zufällig aber traf es sich, daß Piachi, der in der Stadt gewesen war, beim Eintritt in sein Haus dem Mädchen begegnete[...]“ (205) . Unter dem von Kleist häufig verwendeten „Es traf sich“ (199, 204, 209) verbergen sich ebenfalls Zufälle. So „traf“ (199) es sich, dass in Ragusa „eben eine pestartige Krankheit ausgebrochen war“ (199), ein Umstand, der alle folgenden Ereignisse nach sich zieht, denn weil Piachis Sohn an dieser Krankheit stirbt, nimmt er Nicolo zu sich und adoptiert ihn. Ebenso zufällig und scheinbar unbegründet war Piachi „eine Unpäßlichkeit zugestoßen“ (204), und nur deshalb begegnet Elvire Nicolo in seiner Maskierung. Nicolo findet schließlich „zufällig“ (210) heraus, dass „Colino“ ein Anagramm seines eigenen Namens ist. Häufigkeit und Unwahrscheinlichkeit der Zufälle verweisen allerdings auch auf den Einfluss einer höheren Macht wie etwa des Schicksals.

„Zufälle sind rätselhafte Begebenheiten; sie gehören bei Kleist zum Bild seiner Wirklichkeit. Aber sie sind zumeist auch mehr als nur Zufälle und berühren sich gelegentlich derart eng mit dem Unwahrscheinlichen, daß sie ans Wunderbare grenzen“[45]

Wie oben bemerkt überschreitet Kleist zwar diese Grenze zum Wunderbaren, aber gerade diese Überschreitung und ihre ausdrückliche Erwähnung festigt das Gesamtbild der Realitätsnähe. Von Wiese hält zwei Funktionen des Zufalls in der Novelle fest. Einerseits als „sinnbildliches [...] Zeichen des Schicksals“[46] andererseits als Exempel für die „Undurchschaubarkeit und Unberechenbarkeit der menschlichen Erfahrungswelt“[47].

2.2.3 Schein und Sein – der Konflikt in der Begebenheit

Wurde schon bei den allgemeinen Merkmalen der unerhörten Begebenheit festgehalten, dass ihr häufig ein Konflikt zugrunde liegt, so ist dieser Konflikt bei Kleist oft auf die Diskrepanz zwischen der subjektiven Einschätzung einer Situation und der objektiven Realität zurückzuführen. An dieser Stelle muss Kleists sogenannte Kant-Krise Erwähnung finden. Nach seiner Beschäftigung mit dem Philosophen Immanuel Kant – ob sie nun, wie diskutiert wird, eingehend war oder nur oberflächlich – litt Kleist schwer an einer Erkenntnis, die er gewonnen hatte: Nichts ist wirklich objektiv erfahrbar und somit auch nichts als wahr erkennbar. Die anschauliche Darstellung seines Dilemmas gelingt Kleist in dem Brief an Wihelmine von Zenge vom 22. März 1801.

„Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün – und nie würden sie unterscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzutut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört. So ist es mit dem Verstande – wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist oder ob es uns nur so scheint.“ (634)

Diese Unsicherheit, die Wahrheit nicht erkennen zu können, drückt Kleist auch in seinen Novellen aus. Täuschung, Irrtum, Lüge, Missverständnis und Fehlurteil sind die menschlichen Mängel, die in den Novellen zu den Begebenheiten, zu Katastrophen und Gewalttätigkeit führen. So etwa, wenn Gustav sich betrogen fühlt, wenn Josephe und Jeronimo irrigerweise glauben, die Gesellschaft habe ihnen verziehen oder wenn Elvire meint, den toten Geliebten vor sich zu sehen. Dyer betont, dass die Täuschung sowohl von der Äußerlichkeit einer Sache oder eines Umstandes als auch intentional von einer Figur ausgehen kann.

„Not only appearances deceive; characters too deceive one another and themselves.“[48]

Die Unfähigkeit der Menschen, zwischen Schein und Sein zu unterscheiden, einerseits weil ihr eigener Verstand etwas „hinzutut“(634), andererseits weil sie böswillig getäuscht werden, führt zu den Geschehnissen in den Novellen und ist somit ein wesentlicher Bestandteil der unerhörten Begebenheit.

„A third Test imposed by Kleist on his characters is how they stand up to the conflicting nature of appearances and the contrast between what things appear to be (‚Schein’) and what they may eventually turn out to be (‚Sein’).[49]

[...]


[1] Beide Begriffe werden in dieser Arbeit synonym für folgende Werke Kleists gebraucht: „Michael Kohlhaas“, „Die Marquise von O...“, „Das Erdbeben in Chili“, „Die Verlobung in St. Domingo“, „Das Bettelweib von Locarno“, „Der Findling“, „Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik“ und „Der Zweikampf“.

[2] Bis auf wenige Ausnahmen, die dann in gesonderten Fußnoten vermerkt sind, werden Quellenzitate aus: Kleist, Heinrich von: Sämtliche Werke und Briefe. Hrsg. v. Helmut Sembdner. Zweibändige Ausgabe in einem Band. Band II. München 2001. entnommen und mit der Seitenzahl versehen.

[3] Goethe, Johann Wolfgang von: Ludwig Tiecks Dramaturgische Blätter, 1826. Zit. n. Sembdner (1984): Nachruhm, S. 208.

[4] Samuel (1972), S. 76.

[5] Aust (1990), S. 73.

[6] Vgl. zur Forschungslage Grathoff (2000), S.11f., Schunicht (1981), S. 91f. und Müller-Salget (2002).

[7] Vgl. Polheim (1981), S. 9f.

[8] Ebd., S. 13: „Als im 20. Jahrhundert die literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit der Novelle, was immer man auch darunter verstand, einsetzte, wiederholte sich das Bild, das von den Autoren des vorangegangenen Jahrhunderts zu gewinnen ist: Eine Vielfalt von zustimmenden und ablehnenden Meinungen und Theorien standen und stehen nebeneinander. Einheitlichkeit gibt es nach wie vor nicht.“ „Und daraus ist zu ersehen, daß es eine allgemeine Anerkennung der Novelle und eine Einigung, was diese überhaupt sei, schon im 19. Jahrhundert nicht gegeben hat.“ und Aust (1990), S. 47: „Selbst für das 19. Jahrhundert ergibt sich kein einheitliches bzw. spezifisches Bild.“

[9] Goethes Gespräch mit Eckermann am 29. Januar 1827. Eckermann (1986), S. 203.

[10] Polheim (1981), S. 13: „[...] man übersah, daß diese Autoren selbst sich eher zögernd als bestimmt, eher versuchsweise als abschließend äußerten: Goethe hat seinen Definitionsversuch zu einem bestimmten Anlaß, in Frageform und in einem Gespräch vorgebracht und gar nicht selbst überliefert; auch Tieck und Heyse verfaßten keine großen oder großartigen Novellentheorien, ja nicht einmal eigene Aufsätze, sondern sie haben lediglich in Vorworten das Problem in wenigen Sätzen gestreift, stets auf ihre eigene literarische Situation bezogen.“

[11] Jolles, André: Einleitung zur deutschen Übersetzung von Boccaccios Decamerone. Leipzig 1928. S. LXXVII-LXXIX. Zit. n. Kunz (1973), S. 113.

[12] Duden (2001), S. 683.

[13] Erstmalig taucht der Begriff im "Corpus iuris civilis" des byzantinischen Kaisers Justinian (527-565 n.Chr.) auf. Er bezeichnet dort einen Nachtrag zu einem bestehenden Gesetz und wird in diesem Sinne auch heute noch verwendet. Der Beweis eines wortgeschichtlichen Zusammenhangs zwischen juristischem und literarischem Begriff steht allerdings noch immer aus. Vgl. Rath (2000), S. 57. Im literarischen Sinn wird das Wort zum ersten Mal im 13. Jahrhundert in der von einem unbekannten Autor verfassten Novellensammlung „Il Novellino“ verwendet.

[14] Vgl. Rath (2000), S. 81f.:„Nationalgefühl und Sprachpflege, von den deutschen Humanisten hochgehalten, haben vermutlich einer Integration des Fremdworts entgegengestanden[...]. Noch Lessing übersetzt 1751 Cervantes Novelas ejemplares als Neue Beispiele .“

[15] Schlegel, Friedrich: Literary Notebooks 1797-1801. Hrsg. v. Hans Eichner. London 1957. S. 149. Zit. n. Kunz (1973), S. 36.

[16] Schlegel, Friedrich: Athenäumsfragmente (1789). In: Friedrich Schlegel 1794-1802. Seine prosaischen Jugendschriften. Hrsg. v. J. Minor, Bd. 2, Zur deutschen Literatur und Philosophie, 2. Aufl., Wien 1906, S. 271f. Zit. n. Kunz (1973), S. 38.

[17] Schlegel, August Wilhelm: Vorlesungen über schöne Litteratur und Kunst. Dritter Teil (1803-1804) Geschichte der romantischen Litteratur. Deutsche Litteraturdenkmale des 18. und 19. Jahrhunderts. Bd. 19. Hrsg. v. J. Minor. Heilbronn (1884), S. 241-248. Zit. n. Kunz (1973), S. 45.

[18] Ebd., S. 50.

[19] Eckermann (1986), S. 203.

[20] Rath bezeichnet die Formulierung Goethes als „seither grundlegende Gattungsbestim-mung“. Rath (2000), S. 105.

[21] Polheim (1981), S. 12.

[22] Aust (1990), S. 11.

[23] Nach von Wiese hat Goethe mit dem Begriff unerhört lediglich die Bedeutung des „noch nicht gehört“ intendiert. (Vgl. von Wiese (1971), S. 5.) Dies muss jedoch Vermutung bleiben. Sicher ist, dass der Begriff „unerhört“ von der Zeit um 1800 bis heute eine Bedeutungsverschiebung erfahren hat. Zur Zeit Kleists und auch Goethes wurde er nicht zwangsläufig pejorativ gebraucht, unerhört konnte theoretisch also auch eine positive Begebenheit sein.

[24] Goethe, Johann Wolfgang von: Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten. Hamburg 1963. Zit. n. Kunz (1973), S. 29.

[25] Kunz (1973), S. 4.

[26] Aust (1990), S. 10:„ ‚Begebenheit’ stellt die pronominalisierte Form dessen dar, was einem widerfährt und sich so erzählen läßt. Als Erlebnis in diesem ‚passiven’ Sinn steht es im Gegensatz zur Passivität des Handelns und begründet das Bild der Novelle als einer weltanschaulich bestimmbaren Form. Denn gerade Geschehnisse, die nicht als selbstverantwortet erscheinen, sondern ‚begegnen’, stellen das Substrat eines Lebenssinns dar, in dem Zufall und Schicksal, Einbruch und Wende, Bestimmung und Notwendigkeit ihren charakteristischen Ort einnehmen.“

[27] Freund (1993), S. 8.

[28] Goethe (1987), S. 473f.

[29] Kunz (1973), S. V. (Inhaltsverzeichnis). S.a. Kunz (1992), S. 42f.

[30] Freund (1993), S. 9.

[31] Tieck, Ludwig: Schriften. Bd. 11. Vorbericht zur dritten Lieferung, S. LXXXIV-XC. Berlin 1829. Zit. n. Kunz (1973), S. 53.

[32] Aust (1990), S. 12.

[33] Wieland, Christoph Martin: Gesammelte Schriften. Berlin 1939. Zit. n. Kunz (1973), S. 28.

[34] Schlegel, August Wilhelm: Vorlesungen über schöne Litteratur und Kunst. Dritter Teil (1803-1804) Geschichte der romantischen Litteratur. Deutsche Litteraturdenkmale des 18. und 19. Jahrhunderts. Bd. 19. Hrsg. v. J. Minor. Heilbronn (1884), S. 241-248. Zit. n. Kunz (1973), S. 49.

[35] Schlegel, August Wilhelm: Vorlesungen über schöne Litteratur und Kunst. Dritter Teil (1803-1804) Geschichte der romantischen Litteratur. Deutsche Litteraturdenkmale des 18. und 19. Jahrhunderts. Bd. 19. Hrsg. v. J. Minor. Heilbronn (1884), S. 241-248. Zit. n. Kunz (1973), S. 49.

[36] „An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts ein Rosshändler, namens Michael Kohlhaas[...]“ (9)

[37] „Zu Port au Prince [...] lebte, zu Anfang dieses Jahrhunderts, [...] ein fürchterlicher alter Neger, namens Congo Huango.“ (160).

[38] „In M..., einer bedeutenden Stadt im oberen Italien, ließ die verwitwete Marquise von O...,[...]“ (104). Die Zeitangabe erfolgt allerdings später im Text.

[39] Jochen Schmidt erwähnt, dass nicht gesichert ist, ob „Kleist den [...] Untertitel selbst autorisierte, [...] denn dieser Untertitel findet sich lediglich auf dem Titelblatt des ersten Bandes der Erzählungen [...]“ Schmidt (2003), S. 211. Doering betont allerdings, dass das Auslassen solcher Zusätze nicht den Intentionen des Autors gefolgt sein muss und verweist auf bloße Unachtsamkeit oder auch Verlegerwillkür. Doering (2002), S. 11. Aus den gleichen Gründen finden sich die Zusätze auch in der Sembdner-Ausgabe, die dieser Arbeit zugrunde liegt.

[40] Wichmann (1988), S. 180.

[41] Aust (1990), S. 12: Aust nennt verschiedene Stilmittel, die von Novellen-Autoren verwendet werden, um Authentizität und Glaubhaftigkeit zu vermitteln: „die Wahrheit der Begebenheit kann sich schon in der Benennung der Figuren ausdrücken (einschließlich der Fiktion von Decknamen zur Vermeidung ‚wahrer Namen’, [...], Abkürzungen und Sternchen [...]);auch Kennzeichnungen (‚wahre Geschichte’), Quellenvermerke und Erzählerreflexionen [...] dienen solchen Wahrheitsbeteuerungen.“ Vgl. Doering (2002), S. 11.

[42] Vgl. dazu Wichmann (1988), S. 96. Wichmann nennt als ursprünglichen Titel für „Das Erdbeben in Chili“ „Jeronimo und Josephe. Eine Szene aus dem Erdbeben zu Chili, vom Jahr 1647“. Weiter bemerkt er: „Der ausführliche ursprüngliche Titel verdankt sich wohl der Absicht Kleists, dem Erzählten Realitätscharakter zu verleihen[...]“

[43] Dyer (1977), S. 156.

[44] Müller-Seidel (1961), S. 82.

[45] Müller-Seidel (1961), S. 84.

[46] von Wiese (1971), S. 9.

[47] Ebd.

[48] Dyer (1977), S. 153.

[49] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 85 Seiten

Details

Titel
Die 'unerhörte Begebenheit' als Element einer kritischen Inszenierung der Gesellschaft - Eine Studie zu den Novellen Kleists
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Philosophische Fakultät)
Note
2,0
Jahr
2005
Seiten
85
Katalognummer
V63503
ISBN (eBook)
9783638565479
Dateigröße
711 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Begebenheit, Element, Inszenierung, Gesellschaft, Eine, Studie, Novellen, Kleists
Arbeit zitieren
Anonym, 2005, Die 'unerhörte Begebenheit' als Element einer kritischen Inszenierung der Gesellschaft - Eine Studie zu den Novellen Kleists, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63503

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