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Die 'unerhörte Begebenheit' als Element einer kritischen Inszenierung der Gesellschaft - Eine Studie zu den Novellen Kleists

Title: Die 'unerhörte Begebenheit' als Element einer kritischen Inszenierung der Gesellschaft - Eine Studie zu den Novellen Kleists

Thesis (M.A.) , 2005 , 85 Pages , Grade: 2,0

Autor:in: Anonym (Author)

German Studies - Modern German Literature
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Summary Excerpt Details

Die Novellen von Kleist sind in der Literaturwissenschaft ein vielfach bearbeitetes Objekt der Forschung. Häufig steht im Mittelpunkt des Interesses seine Darstellung gesellschaftlicher Phänomene wie Liebe, Vertrauen und familiäre Konflikte, Fragen nach Recht und Gerechtigkeit oder der Religion. Jeder dieser Bereiche wurde schon mehrfach untersucht und anhand variierender Fragestellungen durch neue Aspekte bereichert. Auch diese Arbeit schließt die Darstellung der Gesellschaft in den Novellen Kleists nicht aus. Ausgangspunkt ist jedoch hier ein zentraler Begriff aus der Novellentheorie: Es soll untersucht werden, in welcher Beziehung die unerhörte Begebenheit zur Darstellung der Gesellschaftskritik in den Novellen steht.
In den Bemühungen um eine einheitliche Definition der Gattung „Novelle“ findet auch heute noch der Begriff der „unerhörten Begebenheit“ Verwendung. Doch obwohl er seit Goethe als wichtiges Element der Novelle verstanden wird, ist seine Begrifflichkeit bislang nicht klar eingegrenzt. Ein Teil der Arbeit ist deshalb der Darstellung besonderer Eigenschaften der unerhörten Begebenheit im Allgemeinen und bei Kleist im Besonderen gewidmet. Die allgemeine Definitionsproblematik des Begriffs „Novelle“ kann dabei weitgehend unberücksichtigt bleiben. Sie kommt nur dort zur Sprache, wo sie für die „unerhörte Begebenheit“ von Bedeutung ist. Das Gleiche gilt für die Differenzierung zwischen den Begriffen „Novelle“ und „Erzählung“, die in der Forschung noch immer diskutiert wird.
Es ist für diese Arbeit wenig relevant, welche Kriterien zum heutigen Stand der Forschung allgemein für eine Novelle festgelegt sind, sofern sie nicht die Begebenheit unmittelbar betreffen und ob und inwiefern Kleists Erzählungen in dieses Gefüge passen. Vielmehr erscheint es sinnvoll, die novellentheoretischen Ansätze - angefangen bei Zeitgenossen Kleists bis hin zur modernen Forschung - lediglich auf den Bereich der unerhörten Begebenheit hin zu untersuchen. So soll dann eine für diese Arbeit gültige Definition der unerhörten Begebenheit entstehen, die es ermöglicht, den Zusammenhang zwischen der Begebenheit und der kritischen Inszenierung der Gesellschaft zu untersuchen. Die allgemeine Entwicklung des Begriffs „Novelle“ kann hier als bekannt vorausgesetzt werden, ebenso die Geschichte der Novelle als Erzählform. Die Entwicklung der unerhörten Begebenheit hingegen soll genauer untersucht werden.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Aspekte der unerhörten Begebenheit

2.1 Literarhistorischer Kontext und Forschungslage

2.2 Charakteristika der Begebenheit bei Kleist

2.2.1 Wahrscheinlichkeit und Wahrheit

2.2.2 Der Zufall als konstitutives Element der Begebenheit

2.2.3 Schein und Sein – der Konflikt in der Begebenheit

2.2.4 Begebenheit ohne Grenzen?

3 Die Inszenierung der Gesellschaftskritik

3.1 Die dramatischen Elemente der Novelle

3.2 Moral oder Gesellschaftskritik – der „soziale Sinn“ in Kleists Novellen

3.3 Zwischenbilanz

4 Justiz: unerreichbare Gerechtigkeit?

4.1 Individuum und Rechtsstaat: der Fall Michael Kohlhaas

4.1.1 Parallelität von Recht und Unrecht

4.1.2 Die Willkür des Junkers

4.1.3 Das Standesvorurteil

4.1.4 Vetternwirtschaft und Korruption

4.1.5 Der Gesellschaftsvertrag und seine Auflösung

4.1.6 Zwischen Genugtuung und Rachsucht

4.2 Gott als Rechtsinstanz? Justiz im „Zweikampf“

4.3 Zwischenbilanz

5 Familie: ein gebrechliches Element der Gesellschaft

5.1 Marode Familienstrukturen – „Die Marquise von O...“

5.1.1 „Familienrücksichten“ als sozialer Zwang

5.1.2 Gestörte Kommunikation in der Familie

5.1.3 Autoritätsverlust des Patriarchen

5.2 Lieblosigkeit und familiäre Dysfunktionalität in den Novellen

5.3 Zwischenbilanz

6 Religion: Missbrauch des christlichen Wertesystems

6.1 Scheinheiligkeit und Fanatismus – „Das Erdbeben in Chili“

6.1.1 Die Heuchelei in der Gesellschaft

6.1.2 Das trügerische Idyll

6.1.3 Religiöser Wahn: Demagogie und Lynchjustiz

6.2 Wunderglaube und Bigotterie

6.3 Zwischenbilanz

7 Exkurs: das Vorurteil in der „Verlobung in St. Domingo“

8 Fazit

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis der „unerhörten Begebenheit“ zur Darstellung gesellschaftskritischer Aspekte in den Novellen von Heinrich von Kleist. Die Forschungsfrage zielt darauf ab, wie Kleist dieses zentrale novellentheoretische Element funktionalisiert, um durch das plötzliche Einbrechen in die Alltagswelt gesellschaftliche Missstände, Machtstrukturen und moralische Dysfunktionalitäten offenzulegen und kritisch zu beleuchten.

  • Definition und Funktion der „unerhörten Begebenheit“ bei Kleist
  • Gesellschaftskritik im Kontext von Rechtsstaat und Justiz
  • Instabilität und dysfunktionale Strukturen innerhalb der Familie
  • Missbrauch religiöser Wertesysteme und religiöser Fanatismus
  • Die Rolle von Vorurteilen und die Diskrepanz zwischen Schein und Sein

Auszug aus dem Buch

Die Willkür des Junkers

Welche gesellschaftskritischen Ideen Kleists finden in dieser Begebenheit Ausdruck? Offensichtlich ist zunächst die Empörung über die Willkür des Junkers. Augenfällig wird dabei, dass der Erzähler der objektiv-sachlichen Erzählweise eines Chronisten nicht gerecht wird. Er ist von Beginn an kein neutraler Berichterstatter, der ohne subjektive Einflüsse die Geschehnisse schildert. Eine explizite Stellungnahme ist zwar nicht nachweisbar, aber es finden sich wertende Beschreibungen wie „schändliche und abgekartete Gewalttätigkeit“, „nichtswürdiger Dickwanst“ und „unverschämte Forderung“, die Kohlhaas’ Gegner diskreditieren und dem Pferdehändler die Sympathie des Lesers sichern.

Diese indirekte Stellungnahme richtet sich zwar im Verlauf der Novelle auch gegen Kohlhaas, wenn er etwa der „Schwärmerei krankhafter und mißgeschaffener Art“ bezichtigt oder als „Mordbrenner“ bezeichnet wird, doch bevor die unerhörte Begebenheit in sein Leben einbricht und Kohlhaas darauf reagiert, ist der Erzähler offensichtlich auf seiner Seite.

Zusammenfassung der Kapitel

1 Einleitung: Darstellung des Forschungsinteresses an der Beziehung zwischen der „unerhörten Begebenheit“ und der Gesellschaftskritik in den Novellen Kleists.

2 Theoretische Aspekte der unerhörten Begebenheit: Definition des Begriffs in der Literaturwissenschaft mit Fokus auf Goethes Verständnis und Anwendung bei Kleist.

3 Die Inszenierung der Gesellschaftskritik: Analyse der dramatischen Struktur von Kleists Novellen und deren Eignung als Instrument zur Kritik am sozialen Gefüge.

4 Justiz: unerreichbare Gerechtigkeit?: Untersuchung der Rechtsstaatlichkeit und individuellen Gerechtigkeitssuche am Beispiel des „Michael Kohlhaas“ sowie der Problematik des Gottesurteils im „Zweikampf“.

5 Familie: ein gebrechliches Element der Gesellschaft: Analyse familiärer Dysfunktionalität und Autoritätsverluste anhand der „Marquise von O...“ und des „Findlings“.

6 Religion: Missbrauch des christlichen Wertesystems: Erörterung religiöser Heuchelei, Fanatismus und Wunderglaube in „Das Erdbeben in Chili“ und „Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik“.

7 Exkurs: das Vorurteil in der „Verlobung in St. Domingo“: Auseinandersetzung mit Rassismusvorwürfen und der Funktion des Vorurteils in dieser Erzählung.

8 Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse über die Funktion der unerhörten Begebenheit als aufbrechendes Element gesellschaftskritischer Darstellung.

Schlüsselwörter

Kleist, Novelle, unerhörte Begebenheit, Gesellschaftskritik, Recht, Gerechtigkeit, Familie, Religion, Fanatismus, Zufall, Schein und Sein, Vorurteil, Patriotismus, Korruption, Moral

Häufig gestellte Fragen

Was ist das zentrale Anliegen der Arbeit?

Die Arbeit untersucht, wie Heinrich von Kleist die literarische Form der „unerhörten Begebenheit“ nutzt, um die Gesellschaft seiner Zeit kritisch zu hinterfragen und deren Mängel aufzudecken.

Welche Themenbereiche stehen im Fokus der Analyse?

Die Arbeit konzentriert sich schwerpunktmäßig auf die Darstellung von Recht und Gerechtigkeit, familiären Strukturen sowie den Missbrauch religiöser Wertesysteme innerhalb der Novellen.

Welche wissenschaftliche Fragestellung liegt der Arbeit zugrunde?

Die zentrale Frage ist, in welcher Beziehung die „unerhörte Begebenheit“ zur kritischen Inszenierung der Gesellschaft steht und welchen Stellenwert sie bei Heinrich von Kleist einnimmt.

Welche methodische Herangehensweise wird verfolgt?

Die Arbeit basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Analyse, die novellentheoretische Ansätze mit einer detaillierten Untersuchung exemplarischer Erzählungen von Kleist verknüpft.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in drei große Themenblöcke: Justiz und Staat, Familie und Religion, in denen jeweils die Funktion des unerhörten Geschehens als Auslöser gesellschaftskritischer Reflexion analysiert wird.

Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?

Die Analyse wird durch Begriffe wie „unerhörte Begebenheit“, „Gesellschaftskritik“, „Rechtsgefühl“, „Willkür“, „Schein und Sein“ sowie „famliliäre Dysfunktionalität“ geprägt.

Warum wird „Michael Kohlhaas“ als „Terrorist“ bezeichnet?

Die Arbeit zieht eine Verbindung zur heutigen Weltlage und bezeichnet Kohlhaas als Terroristen, da er sich aufgrund des Versagens der staatlichen Rechtsordnung ungerecht behandelt fühlt und zur Gewalt als letztem Mittel greift, um seine Ziele durchzusetzen.

Welche Rolle spielt die Zigeunerinnen-Episode im „Michael Kohlhaas“?

Die Episode dient als notwendiges Element für die kritische Darstellung der Rechtswirklichkeit; durch das Eingreifen einer höheren Macht wird verdeutlicht, dass menschliche Justiz ohne moralische Instanzen unzureichend ist.

Warum ist die „Marquise von O...“ ein Skandal?

Der Skandal liegt nicht primär in der Vergewaltigung selbst, sondern in der bewussten Verletzung gesellschaftlicher Konventionen durch die Marquise, die ihre Schwangerschaft öffentlich in der Zeitung bekannt macht, anstatt zu schweigen.

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Details

Title
Die 'unerhörte Begebenheit' als Element einer kritischen Inszenierung der Gesellschaft - Eine Studie zu den Novellen Kleists
College
Saarland University  (Philosophische Fakultät)
Grade
2,0
Author
Anonym (Author)
Publication Year
2005
Pages
85
Catalog Number
V63503
ISBN (eBook)
9783638565479
ISBN (Book)
9783656782728
Language
German
Tags
Begebenheit Element Inszenierung Gesellschaft Eine Studie Novellen Kleists
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Anonym (Author), 2005, Die 'unerhörte Begebenheit' als Element einer kritischen Inszenierung der Gesellschaft - Eine Studie zu den Novellen Kleists, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63503
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