Die vorliegende Hauptseminarsarbeit beschäftigt sich mit der Figur der Ottilie in Goethes "Wahlverwandtschaften". Die Begriffe der einfachen und doppelten Wahlverwandtschaft und der Ersatzverwandtschaft machen einen wesentlichen Teil der Arbeit aus, da die Verwandtschaften chemischen Gesetzmäßigkeiten unterliegen, die letztlich Denken und Handeln der Romanfiguren lenken und sich am deutlichsten in der Liebe zwischen Eduard und Ottilie manifestieren.
Anhand von ausgewählten Textstellen soll analysiert werden, wie Ottilie, als die Verkörperung des Reinen und Unschuldigen, durch verschiedene Charaktere des Romans, das sind Charlotte, Eduard, die Pensionsvorsteherin und ihr Gehilfe, und durch den Erzähler dargestellt wird, wie sie durch die Erziehung ihrer Zeit geprägt ist und durch welche besonderen Wesenszüge sie sich von den anderen Figuren unterscheidet. Bezug nehmend auf das Thema des Seminars "Männerbilder - Frauenbilder" wird sich die Arbeit ferner darauf konzentrieren, wie Ottilie als Frau in dem Roman dargestellt wird und welche Funktion sie für das Werk hat. Ottilie besticht durch ihre Schönheit, die Art und Weise ihrer Bildlichkeit und nicht zuletzt durch ihre Verwobenheit mit der Legende von der Heiligen Odilia, die ihre Namensgeberin ist. Ebenso wie Odilia eine Heilige ist, wird Ottilie am Ende des Romans zu einer Heiligen überhöht. Inwieweit unterscheiden sich die Männerfiguren, im besonderen Eduard, von den Frauenfiguren im Roman? Muß die Rolle der Ottilie zwangsläufig von einer weiblichen Figur besetzt werden? Dies werde ich herauszuarbeiten versuchen.
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Inhaltsverzeichnis
1) Einleitung
2) Die doppelte Wahlverwandtschaft und die dafür notwendige Viererkonstellation
3) Der Charakter der Ottilie
3.1. Ottilie, dargestellt aus der Sicht der Vorsteherin des Pensionats und des Gehilfen, und ihr Konflikt mit der Pädagogik ihrer Zeit
3.2.) Ottilie, Charlotte und Eduard
4) Der liebende (?) Eduard als treibende Kraft des Verhältnisses zu Ottilie
5) Goethes Motivation, die Rolle der Ottilie mit einer Frau zu besetzen - oder: Ist Ottilie notwendigerweise eine Frau?
6) Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit analysiert die Figur der Ottilie in Johann Wolfgang von Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“. Ziel ist es, ihre Charakterisierung, ihre Rolle im Spannungsfeld zwischen Natur- und Sittengesetz sowie ihre Funktion als weibliche Identifikationsfigur vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Erziehungsideale und Männer- bzw. Frauenbilder zu untersuchen.
- Die chemische Metaphorik der Wahlverwandtschaften und die Viererkonstellation der Romanfiguren.
- Die pädagogische Prägung Ottilies und ihr Konflikt mit den gesellschaftlichen Erwartungen.
- Eduards egoistisches Liebesverständnis und sein patriarchaler Herrscherwille.
- Die Notwendigkeit der weiblichen Geschlechtszugehörigkeit der Ottilie für die Romanstruktur.
Auszug aus dem Buch
3.1. Ottilie, dargestellt aus der Sicht der Vorsteherin des Pensionats und des Gehilfen, und ihr Konflikt mit der Pädagogik ihrer Zeit
Ottilies Geschichte beginnt in einem Mädchenpensionat, in welches sie, wie zu damaliger Zeit üblich, von ihrer Pflegemutter Charlotte geschickt wurde, um dort eine angemessene Erziehung zu erhalten. Bereits bei der ersten Beschreibung Ottilies durch die Vorsteherin des Internats wird deutlich, daß sie anders ist als die übrigen Mädchen des Internats und in ihrer eigenen Welt lebt, die sich kaum mit den Vorstellungen der Vorsteherin vereinbaren läßt.
Ottilie wird von der Vorsteherin als bescheiden und anderen gegenüber hilfsbereit und zuvorkommend beschrieben, aber im selben Atemzug heißt es: "dieses Zurücktreten, diese Dienstbarkeit will mir nicht gefallen." Dies ist einer der ersten Hinweise, daß Ottilie die Vorstellung der Vorsteherin nicht erfüllt. Im übrigen findet Ottilies Person nie in einem einzelnen Brief Erwähnung, sondern immer nur als Anhang zu den Briefen über Luciane, was sicher Aufschluß über ihr Verhältnis zur Lehrerin gibt. In der Schule ist Ottilies Neigung zur Demut und Mäßigung nicht erwünscht.
Obwohl Ottilie in diesem Kapitel noch nicht als aktive Person in den Roman eingeführt worden ist, erhält der Leser durch diesen Brief wichtige Informationen über sie. Sie ist bescheiden, mäßigt sich und will dienen; alles Eigenschaften, die sich durch den kompletten Roman ziehen werden und die man schon beinahe als frommes Verhalten interpretieren könnte. Es erinnert doch sehr an das asketische Leben innerhalb eines Klosters, welches von der feinen Gesellschaft vielleicht bewundert, nicht aber praktiziert wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1) Einleitung: Darstellung des Forschungsinteresses an der Figur Ottilie und ihrer Einbettung in die chemische Wahlverwandtschaftsthematik.
2) Die doppelte Wahlverwandtschaft und die dafür notwendige Viererkonstellation: Untersuchung der chemischen Gleichnisformel als Modell für das Schicksal der vier Hauptfiguren.
3) Der Charakter der Ottilie: Analyse der Wesenszüge Ottilies sowie ihrer Erziehung und pädagogischen Einordnung.
3.1. Ottilie, dargestellt aus der Sicht der Vorsteherin des Pensionats und des Gehilfen, und ihr Konflikt mit der Pädagogik ihrer Zeit: Gegenüberstellung der unterschiedlichen pädagogischen Perspektiven auf Ottilie im Pensionat.
3.2.) Ottilie, Charlotte und Eduard: Beleuchtung des Beziehungsgeflechts zwischen der Pflegemutter, dem Ehemann und der Nichte.
4) Der liebende (?) Eduard als treibende Kraft des Verhältnisses zu Ottilie: Kritische Betrachtung von Eduards egoistischem und patriarchalischem Verhalten gegenüber Ottilie.
5) Goethes Motivation, die Rolle der Ottilie mit einer Frau zu besetzen - oder: Ist Ottilie notwendigerweise eine Frau?: Diskussion der geschlechtsspezifischen Eigenschaften Ottilies im Kontext der Goethe-Zeit.
6) Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Entwicklung und des Verstummens der Hauptfiguren.
Schlüsselwörter
Ottilie, Wahlverwandtschaften, Johann Wolfgang von Goethe, Viererkonstellation, chemische Gleichnisformel, Pädagogik, Frauenbild, Männerbild, Erziehung, Selbstaufopferung, Naturgesetz, Sittengesetz, Eduard, Charlotte, Patriarchat.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die literarische Figur der Ottilie aus Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“ unter besonderer Berücksichtigung ihrer Charakterisierung und ihrer Rolle innerhalb des sozialen Beziehungsgeflechts.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die chemisch begründete Konstellation der Hauptfiguren, das Spannungsfeld zwischen weiblicher Erziehung und gesellschaftlicher Rolle sowie die Dynamik der Liebesbeziehungen im Roman.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Ottilies spezifische Wesenszüge und ihre pädagogische Prägung sie als Figur konstituieren, die zwangsläufig in den Konflikt zwischen natürlichen Neigungen und sittlichen Normen gerät.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine textnahe literaturwissenschaftliche Analyse, die den Roman unter Einbeziehung von Sekundärliteratur (Goethe-Handbuch, zeitgenössische pädagogische Schriften) interpretiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die chemische Modellbildung, die Analyse der pädagogischen Sicht auf Ottilie im Pensionat, das Beziehungsverhältnis zu Charlotte und Eduard sowie eine kritische Untersuchung von Eduards Rollenverständnis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Ottilie, Wahlverwandtschaften, Patriarchat, Erziehung, Sittengesetz, Naturgesetz, Viererkonstellation und Selbstaufopferung.
Warum ist die Rolle der Vorsteherin des Pensionats für das Verständnis von Ottilie wichtig?
Die Vorsteherin repräsentiert die oberflächliche, auf Repräsentation ausgerichtete Erziehung der Zeit, an der Ottilie scheitert, da ihr Naturell auf inhaltliches Verständnis und tiefere Zusammenhänge ausgerichtet ist.
Inwiefern spielt der "Gehilfe" eine andere Rolle als die Vorsteherin?
Der Gehilfe besitzt ein tieferes Verständnis für Ottilies Persönlichkeit und erkennt in ihr eine "verschlossene Frucht", womit er sich positiv von der rein leistungsorientierten Pädagogik der Vorsteherin abhebt.
Wie lässt sich Eduards Liebe zu Ottilie nach dieser Analyse beschreiben?
Eduards Liebe wird als überwiegend egoistisch und von einem Herrscherwillen geprägt beschrieben, bei dem er versucht, Ottilie an seine eigenen Wünsche und Erwartungen anzupassen.
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- Katja Pabst (Author), 2001, Die Figur der Ottilie in Goethes Wahlverwandtschaften, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6352