Irrungen, Wirrungen: Zur Metapher des ersten Kapitels


Seminararbeit, 2005

14 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Fontanes Roman im Vergleich zum Drama

2. Die Exposition: Narrative Einordnung
2.1 Der Prolog
2.2 Die Einleitung der handlungsinternen Exposition
2.3 Der Expositionsdialog

3. Die Bedeutung der Exposition:
3.1 Der Raum/ der Ort
3.2 Die Zeit
3.3 Die Handlung

Schluss

Bibliographie

Einleitung:

Aus dem Tagebuch Theodor Fontanes geht hervor, dass der Roman „Irrungen, Wirrungen“ eigentlich unter der gattungsspezifischen Bezeichnung „Novelle“ hätte erscheinen sollen. Das Werk wurde trotzdem 1898 als Roman veröffentlicht. Die Frage, warum diese Änderung vorgenommen wurde, drängt sich auf. Sei die Umbenennung von Fontane durchgeführt worden oder von einem Außenstehenden, ist außer Acht zu lassen.

Relevanter ist die Frage, warum Fontane ursprünglich seinen Text als Novelle bezeichnet hat. „Eine Novelle […] kennzeichnet „das Kleinere“ (gegenüber der Tragödie) […]“[1], so charakterisiert Fontane die Gattung. Die Gegenüberstellung von Novelle mit Tragödie suggeriert eindeutig eine negative Charakterisierung, indem der Schriftsteller mit dem Komparativ „Kleinere“ die Novelle unter die Tragödie einordnet. Die Aussage bleibt aber ohne literarische Grundlage wage, insofern der Sinn des Vergleichs noch undeutlich bleibt. Meinte Fontane mit dem Kleineren die Länge einer Novelle? Dies lässt sich schwer nachvollziehen. Vergleicht Fontane den Inhalt einer Novelle mit dem einer Tragödie, wo Novelle als Kurzfassung einer Tragödie zu verstehen ist? Oder bewertet Fontane die Novelle als eine niedrigere Gattung als die Tragödie, welche ja von den Literaten über Jahrhunderte als das literarische Vorbild gefeiert wurde? In Fontanes Erzählungen spielt das erste Kapitel immer eine bedeutende Rolle, indem es durch eine komplexe Symbolstruktur einen Spiegel für die Bedeutung der jeweiligen Werke darstellt. Diese Struktur ist auch im ersten Kapitel von „Irrungen, Wirrungen“ zu erkennen. Die Analyse dieses Kapitels hebt eindeutige Bausteine einer Tragödie hervor und lässt sich deshalb wie eine Exposition bearbeiten. Die Metapher der Tragödie ist zwar im ersten Kapitel stark vertreten, aber rechtfertigt trotzdem nicht die Bezeichnung Novelle für „Irrungen, Wirrungen“. Von der Gesamtstruktur her gesehen, unterscheidet sich dieses Werk nicht von den Romanen, die Fontane geschrieben hat. Es ist daher schwer „Irrungen, Wirrungen“ weder als Novelle, noch als Roman einzuordnen. Relevant dagegen bleibt, wie in jedem Roman Fontanes, die Bearbeitung der Struktur des Textanfangs, weil diese Vorrausdeutungen, Vorwegnahmen, Schlüssel, für die Lektüre enthält.

1. Fontanes Roman im Vergleich zum Drama

In seinen Romanen fordert Fontane den Typus des Konfliktdramas, dessen Aufgabe darin liegt, „uns nicht nur in Entstehung des Konflikts, sondern vor allem auch seine Durchführung, seine unabänderliche Andauer in jedem Augenblicke glaubhaft zu machen.“ “ Die hohe Tragödie braucht […] leidenschaftlich gespannte Tendenzen, eine hinreißende Macht der Ideen und Gegensätze, Konflikte, die wir empfinden, in denen wir aufgehen.“[2]

Auch Friedrich Spielhagen, der als Theoretiker der Objektivität im Roman bekannt ist, erkannte den dramatischen Gehalt der Romane seiner Zeit (1829 – 1911). Seiner Meinung nach, sollte der Roman in der Gattungswertung nicht nur neben das Drama gesetzt werden, sondern als ebenbürtig, wenn nicht als führende Gattung etabliert werden.

Bei der Betrachtung des Werks „Irrungen, Wirrungen“ unter dem Aspekt der Tragödie, fallen tatsächlich erhebliche Gemeinsamkeiten zum Drama auf.

Aristoteles forderte die so genannten drei Einheiten für eine Tragödie: Raum, Zeit und Handlung. Für ihn war der wichtigste Aspekt einer Tragödie, die Zusammenführung der Geschehnisse. Auch die Handlung muss in sich geschlossen sein, denn nur das ergibt nach Aristoteles ein Ganzes, was Anfang, Mitte und Schluss hat. Die Teile der Geschehnisse müssen so zusammengefügt sein, dass sich das Ganze verändert oder durcheinander gerät, wenn irgendein Teil umgestellt oder weggenommen wird.[3] Im 19. Jahrhundert gab es auch grundlegende Forderungen in den Poetiken an das ‚klassische’, ‚geschlossene’ Drama: unter Beachtung der drei Einheiten steigert sich die Handlung, der ein zentraler Konflikt zugrunde liegt bis zum Höhe- und Wendepunkt, um dann der Katastrophe, der tragischen Lösung zuzueilen.

Insofern stimmt der „Irrungen, Wirrungen“ schon mit der vorangegangenen Rezeption überein.

Die Einheit des Raums ist gegeben: Berlin, (Hankels Ablage); die Einheit der Zeit ebenso: eine Woche nach Pfingsten 1875 – August 1878; die Einheit der Handlung schließlich auch: Zentraler Konflikt ist das verbotene Liebesglück Botho und Lenes.

Zudem kann „Irrungen, Wirrungen“ noch weiter mit dem Drama verglichen werden, da es durch eine handlungsexterne Exposition, (einen szenisch dargestellten Prolog) (Kap.1, S.3, Z.1-30)[4] und mit einer handlungsinternen Exposition im Rahmen eines Expositionsdialogs (Kap.1, S.4, Z.22- S.7, Z5) eröffnet wird.

Die Exposition ist die Eröffnung der Handlung, die Einführung der Figuren. Die Verhältnisse, die Gründe und Bedingungen werden dargelegt, denen der dramatische Konflikt entspringt. Die Exposition in Fontanes „Irrungen, Wirrungen“ ist nach den vorangegangenen Erkenntnissen mit dem Drama verbunden, da sie die drei Einheiten von Raum, Zeit und Handlung sowie einen eindeutigen dramatischen Eingriff, der der Teichoskopie/ Mauerschau am Ende des ersten Kapitels „ Gott, da kommen sie. Und bloß in Zivil, un Rock un Hose ganz egal.[…]“[5], schon in sich beinhaltet.

2. Die Exposition: Narrative Einordnung

2.1 Der Prolog

Unter dem Aspekt der Zeitgestaltung ist der Prolog zeitraffend erzählt, da der Erzähler einen kurzen Bericht über seine Eindrücke macht. Die Erzählzeit ist daher kürzer als die erzählte Zeit. Der Ordnung nach ist der Prolog eine externe Analepse, ein zeitliches Zurückwenden außerhalb der Basiserzählung. Der Zeitpunkt des Erzählens ist das epische Präteritum. „Irrungen, Wirrungen“ ist eine heterodiegetische Erzählung, denn der Erzähler hat nicht Teil an der Geschichte, zudem ist sie auktorial erzählt, was eine Nullfokalisierung des Erzählers bedeutet. Die auktorialen Eingriffe erfährt man schon im Prolog in Form der Zeitgestaltung, Kommentare und Leseranreden.

Durch einen auktorialen Eingriff bricht der Erzähler die Vorstellung Spielhagens schon im Prolog des Werks, dass ein Roman objektiv erzählt sein muss. Es wird subjektiv erzählt, denn der Erzähler bringt sich mit ein und gibt Wertungen ab, wie „kleines“, „dreifenstriges“, „Vorgärtchen“[6] und verschwindet nicht, wie nach Spielhagen, völlig hinter dem Erzählten. Weiter versucht der Erzähler den Leser mit in die Geschichte einzubeziehen, indem er ihn im Satz: „[…], und doch musste jeder, der zu Beginn unserer Erzählung des Weges kam […].“[7] direkt anspricht. Es wird ein realistischer Eindruck der Vorgänge erweckt, da man sich vorstellen kann, dasselbe wie der Erzähler sehen zu

können.

[...]


[1] Fontane Handbuch , S.457

[2] Vgl.ebd.,: Fontanes Dramentheorie, S.459. In: Fontane Handbuch.

[3] Aristoteles, Poetik. S.19 – 29.

[4] Irrungen, Wirrungen; Theodor Fontane. Reclam.

[5] Vgl. ebd., Kap.1, S.6, Z.32- S.7, Z.3. Reclam

[6] Vgl. ebd., Kap.1, S.3, Z.6.Reclam.

[7] Vgl. ebd., Kap.1, S.3, Z.27. Reclam.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Irrungen, Wirrungen: Zur Metapher des ersten Kapitels
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Deutsches Institut)
Veranstaltung
Fontane und der Bürgerliche Realismus
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
14
Katalognummer
V63571
ISBN (eBook)
9783638565905
ISBN (Buch)
9783656771913
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Irrungen, Wirrungen, Metapher, Kapitels, Fontane, Bürgerliche, Realismus
Arbeit zitieren
Karolin Mennenga (Autor:in), 2005, Irrungen, Wirrungen: Zur Metapher des ersten Kapitels, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63571

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