ARIS. Architektur integrierter Informationssysteme


Hausarbeit, 2006
40 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Informationssysteme im 21. Jahrhundert
1.1 Aktueller Bezug
1.2 Zielsetzung

2. Prozessmodellierung
2.1 Ebenen
2.2 Methoden zur Prozessmodellierung
2.3 Sichten der Prozessmodellierung
2.2.1 UML
2.2.2 EPK
2.2.3 Petri-Netze EPK

3. Darstellung der Architektur integrierter Informationssystem
3.1 Entstehung
3.2 IDS Scheer AG
3.3 House of ARIS
3.3.1 Modellierungssichten
3.3.1.1 Datensicht
3.3.1.1.1 Entitäten
3.3.1.1.2 Attribute
3.3.1.1.3 Identifikationsschlüssel
3.3.1.1.4 Entity-Relationship-Modell
3.3.1.1.5 Erweitertes Entity-Relationship-Modell
3.3.1.1.6 Fachbegriffmodell
3.3.1.2 Funktionssicht
3.3.1.2.1 Funktionsbaum
3.3.1.2.2 Zieldiagramm
3.3.1.3 Organisationssicht
3.3.1.4 Steuerungssicht
3.3.1.4.1 Wertschöpfungskettendiagramm
3.3.1.4.2 Vorgangskettendiagramm
3.3.1.4.3 Ereignisgesteuerte Prozesskette
3.3.1.4.4 Erweiterte Ereignisgesteuerte Prozesskette
3.3.1.4.5 Objektorientierte Ereignisgesteuerte Prozesskette
3.3.1.5 Leistungssicht
3.3.2 ARIS-Phasenmodell

4. Toolunterstützungen von ARIS
4.1 Möglichkeiten und Einsatz
4.2 ARIS Platform
4.2.1 ARIS Strategy
4.2.2 ARIS Design
4.2.3 ARIS Implementation
4.2.4 ARIS Controlling
4.2.5 ARIS in Verbindung mit SAP

5. Optimierung des Kreditantragsprozesses bei der DaimlerChrysler Bank

6. Fazit

Anhangverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Informationssysteme im 21. Jahrhundert

1.1 Aktueller Bezug

Um die Wettbewerbsfähigkeit aufrecht zu erhalten, wird die Prozessorganisation in einem Un- ternehmen immer notwendiger. Die Veränderung der wirtschaftlichen Umweltbedingungen - besonders der international aufgestellten Unternehmen - machen es notwendig, die Marktposi- tionierung permanent zu überprüfen. Nachfrageveränderungen, steigende Wettbewerbsdyna- mik in Europa und der weltweite Fall von Handelsbarrieren fordert die Unternehmen zu einer immer schnelleren Gestaltung von effizienten Strategien. Einen weiteren wichtigen Beitrag zum Erfolg liefern die Überprüfung und das Überdenken der innerbetrieblichen Ablaufprozesse.

Dabei müssen die einzelnen Geschäftsprozesse darauf untersucht werden, ob sie den ge- wünschten Beitrag zur Wertschöpfung des Unternehmens leisten. Das Ziel der Prozessorgani- sation ist, die Geschäftsprozesse optimal zu gestalten, um Probleme im ganzheitlichen Zusammenhang des Unternehmens zu sehen. Somit besteht die Möglichkeit nachhaltige Lö- sungen zu generieren, d.h. Verbesserung der Produktqualität, Steigerung der Arbeitseffizienz bis zur Qualitätszertifizierung.

Die Prozessmodellierung verläuft vom Entwurf bis zur Implementierung von Geschäftsprozessen mit Hilfe von Geschäftsprozessmanagementtools. Dafür stehen in der Regel grafische Editoren zur Verfügung. Allerdings konnte sich bis heute kein einheitlicher Standard für die Geschäftsprozessmodellierung durchsetzen.

Die von Prof. Wilhelm-August Scheer entwickelte "Architektur integrierter Informationssysteme" (ARIS) und das Softwarepaket "ARIS-Toolset" setzten sich auf dem Gebiet der Unternehmensorganisation und der betriebswirtschaftlichen Informationsverarbeitung vor allem im deutschsprachigen Raum durch.

1.2 Zielsetzung

Im Folgenden wird die Modellierung mit dem Informationssystem ARIS vorgestellt, wobei der Schwerpunkt in der betriebswirtschaftlichen Anwendung liegt.

Im zweiten Kapitel wird definiert, was die Prozessmodellierung ist, außerdem werden alternative Modellierungsansätze dargestellt. Anschließend wird die Entstehung als auch das Unternehmen, das die ARIS-Tools vertreibt, vorgestellt. Es wird weiterhin ins Detail der Architektur gegangen sowie die Sichten und Ebenen des Systems erläutert. Für die einzelnen Sichten werden ausgewählte Darstellungsformen vorgestellt. Im vierten Kapitel sollen die Einsatzmöglichkeiten des ARIS-Tools als auch der Einsatz anhand eines praktischen Beispiels erläutert werden. Speziell dazu wird die Verbindung von ARIS zu SAP aufgezeigt.

2. Prozessmodellierung

„Produkte sind das Ergebnis von (Unternehmens-) Prozessen.“1 Um Unternehmensprozesse zu beherrschen ist es erforderlich, diese auf einer abstrakten Ebene dazustellen. Durch die Modellierung von Prozessen wird von der Wirklichkeit abstrahiert und durch Verkürzung ein relevanter Abschnitt abgebildet. Komplexe Abläufe können auf diese Weise vereinfacht dargestellt werden und stehen für Analysen und Simulationen zur Verfügung.

Im Folgenden wird der Ablauf bzw. das Aufbaukonstrukt der Prozessmodellierung dargestellt.

2.1 Ebenen

Der Ebene der Prozessmodellierung vorgelagert, ist die strategische Ebene. Sie betrachtet die Geschäftsfelder eines Unternehmens inklusive der kritischen Erfolgsfaktoren. Die strategische Ebene dient der Strategieentwicklung, als Ergebnis von diesem Prozess bildet sich die Geschäftsfeldstrategie. Auf der Ebene der fachlich-konzeptionellen Ebene erfolgen im Rahmen des Prozess-Managements die Ableitung, die Modellierung und die Führung der entsprechenden Prozesse. Das Workflow-Management mit den Phasen der Modellierung, der Ausführung und des Monitoring ist der Operativen Ebene zugeordnet.2

2.2 Methoden zur Prozessmodellierung

Zur Klassifizierung der Methoden der Prozessmodellierung unterscheidet Gadatsch die Forma- len Methoden in Skriptbasierte Methoden - auch Skriptsprachen genannt - und Grafische Me- thoden, die auch Diagrammsprachen genannt werden.3 Mittels der Skriptbasierten Methode ist es möglich eine hohe Detaillierung zu erzielen, allerdings bei mangelnder Anschaulichkeit. Dies erschwert eine Interpretation und ist deshalb nur unter erschwerten Bedingungen in der Praxis nutzbar. Die Diagrammsprachen werden differenziert nach Objektorientiert,4 Datenflussorien- tiert und Kontrollflussorientiert. Zu den Objektorientierten Ansätzen zählen Unified Modelling Language (UML) und Objektorientierte Ereignisgesteuerte Prozessketten (oEPK).5 Flussdia- gramme, Datenflussdiagramme und IDEF-Diagramme werden nach Gadatsch zu den Daten- flussorientierten Ansätzen gezählt. Eine sehr starke Verbreitung hat die Ereignisgesteuerte Prozesskette gefunden, die von Gadatsch zur Gruppe der Kontrollflussorientierten Ansätze ge- zählt wird.6

2.3 Sichten der Prozessmodellierung

Zur besseren Übersicht der Prozessmodellierung werden die relevanten Aspekte mittels des Sichtenkonzepts in mehrere Sichten unterteilt. Die Sichtenbildung nach Gehring orientiert sich an den Grundelementen der Prozessmodellierung: dem Prozess, den organisatorischen Struk- turen und den Daten. Nach Ansicht von Scheer ist eine Unterteilung nach Sichten sowie die zu- sätzliche Differenzierung nach Ebenen vorgesehen. Hingegen wird nach Österle nicht durch Sichten, sondern durch Gestaltungsdimensionen - wie z.B. Organisation, Daten und Funktionen - differenziert.7

2.2.1 UML

In der Unified Modelling Language (UML) werden zahlreiche Methodenkonzepte zur objektori- entierten Modellierung zusammengeführt. Hierzu zählen insbesondere die Methoden OOD von Booch, OOSE von Jacobson, OMT von Rumbaugh et al., RDD von Wirfs-Brock et al. und be- züglich dynamischer Methoden die Entwicklungen von Harel in Form der State Charts.8

Ein zentraler Begriff in der UML ist das Verhalten. Es kann sowohl für Objekte als auch für O- perationen spezifiziert werden, dabei ist es dem jeweiligen Modellierer überlassen, sich für einen der Untertypen zur Verhaltensbeschreibung zu entscheiden.9 Die wichtigsten Varianten sind Statecharts und Aktivitätsdiagramme, aber auch Interaktionsdiagramme und Use-Cases sind möglich. Derzeit ist die Version 2.0 veröffentlicht.10

2.2.2 EPK

Zur Konstruktion von Geschäftsprozessmodellen auf fachlich konzeptioneller Ebene hat sich, aufgrund ihrer Anwendungsorientierung und umfassenden Werkzeugunterstützung, insbeson- dere im deutschsprachigen Raum die Ereignisgesteuerte Prozesskette etabliert.11 Es wurde 1992 am Institut für Wirtschaftsinformatik, Saarbrücken, in Zusammenarbeit mit der SAP AG entwickelt und ist zentrale Modellierungssprache der Architektur Integrierter Informationssys- teme.12

2.2.3 Petri-Netze EPK

Petrinetze stellen einen Formalismus zur Beschreibung nebenläufiger Prozesse dar. Professor Carl Adam Petri legte 1962 in seiner Dissertation "Kommunikation mit Automaten" die Grundla- ge für Petrinetze. Mehr als fünftausend Artikel haben sich seither mit diesem Thema beschäf- tigt.

Der Erfolg der Petrinetze gründet in ihrer einfachen und anschaulichen, zugleich aber auch formalen und ausdrucksstarken Natur und ihrem starken Bezug zur Praxis. Dieser äußert sich in der Vielzahl der durch Petrinetze beschreibbaren Systeme. Zahlreiche computergestützte Werkzeuge stehen heute bereit, um die Entwicklung, Validierung und Verifikation von Petrinetzmodellen zu unterstützen.13

3. Darstellung der Architektur integrierter Informationssystem

3.1 Entstehung

Als Professor August Wilhelm Scheer 1975 den neu gegründeten Lehrstuhl für Wirtschaftsin- formatik an der Universität des Saarlandes übernahm, versuchte er sich soweit wie möglich von der rasanten Entwicklung der Informationstechnik abzukoppeln. Er wollte ein Abstraktionsni- veau bei der Beschreibung von betriebswirtschaftlichen Informationssystemen erreichen, das von diesen Entwicklungen nicht stark beeinflusst wird. Seine Vorlesungen sollten von der Technikentwicklung unabhängig sein, um der Halbwertzeit der permanenten Weiterentwicklung zu entgehen. Das ursprünglich gewählte Abstraktionsniveau, das er damals wählte, war die Be- schreibung von Informationssystemen durch Datenmodelle. Es ging Scheer darum, den Ein- fluss der Informationstechnik auf neue betriebswirtschaftliche Organisations- und Entscheidungsprozesse zu analysieren. Durch die Datenmodelldarstellung konnte die Wirkung integrierter Informationssysteme dargestellt werden. Die integrierten Informationssysteme, wie sie später durch die ERP-Systeme vervollkommnet wurden, sind durch eine unternehmenswei- te Datenbank gekennzeichnet. Der logische Entwurf und die Beschreibung durch ein unter- nehmensweites Datenmodell war deshalb auch Zentrum seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit. Gleichzeitig wollte er mit der Verwendung von Datenmodellen, insbesondere der Sprache des Entity-Relationship-Modells, eine gemeinsame Sprache für die Spezialisten der Informations- technik und dem Management erreichen. Nur wenn sich beide Gruppen inhaltlich verstehen, lassen sich die Möglichkeiten der Informationstechnik für neue Geschäftsmodelle, also neue digitale Produkte und neue Geschäftsprozesse nutzen.

Anfangs war die Methode des Entity-Relationship-Modells für die fachlich ausgerichteten Manager zu abstrakt. Das heißt, ein Leiter der Logistik kann nicht erst einen Kurs in Datenmodellierung absolvieren, wenn er ein neues Konzept zur Produktionsplanung entwickelt.

Daraufhin entwickelte Scheer mit dem ARIS-Konzept eine Architektur, die es Managern ermöglichte ohne einen Kurs in Petrinetzen, die Geschäftsideen zu formulieren. Es sollten Beschreibungsaspekte einbezogen werden, die zwar organisatorisch von Nutzen sind, aber nahezu gar nichts mit einem technischen Informationssystem zu tun haben. Mit dem ARIS-Haus wollte Scheer die gleichberechtigte Frage der Organisation, der Funktionalität und der benötigten Dokumente eines Geschäftsprozesses beschreiben. Um die Komplexität des Beschreibungsfeldes zu reduzieren, sollte dies zunächst voneinander losgelöst möglich sein, dann aber auch alle Zusammenhänge durch die eigens eingeführte Steuerungssicht erfassen.

Durch dieses dreistufige Phasenmodell, bestehend aus den Ebenen Fachkonzept, DV-Konzept und Implementierung, sollte auch eine Umsetzung der fachlich organisatorischen Beschreibungen in die Implementierungsebene der Systemwelt verfolgt werden. Später wurden die ARISSichten um die Leistungssicht ergänzt, um die Ergebnisse eines Geschäftsprozesses bzw. aller Funktionen darzustellen.14

3.2 IDS Scheer AG

Im Jahre 1984 wurde die IDS Prof. Scheer Gesellschaft für integrierte Datenverarbeitungssys- teme mbH als Spin-Off der Universität des Saarlandes, durch den Prof.Dr.Dr.h.c. August Wil- helm Scheer als Leiter des Instituts für Wirtschaftsinformatik (IWI), gegründet. Das Ziel bestand darin, wissenschaftliche Erkenntnisse für die Wirtschaft nutzbar zu machen, um Theorie und Praxis zu verbinden. Nach der Markteinführung des ersten UNIX-basierten Leitstandardsys- tems zur flexiblen, dezentralen Fertigungssteuerung 1989, wurde 1992 das ARIS-Toolset, als erstes Softwarewerkzeug zur Analyse und Beschreibung von Geschäftsprozessen eingeführt. 1994 erfolgten die Einführungen von Referenzmodellen für Branchen wie Papierindustrie, Au- tomobil- und Kfz-Zulieferer, Chemie/Pharma und Energieversorger. Seit 1995 erfolgte die Inter- nationalisierung durch Gründung von Tochterfirmen und Jointventures u.a. in den USA, Japan, Großbritannien, Frankreich und in der Schweiz.15

Innerhalb Deutschlands hat die IDS neben dem Hauptsitz in Saarbrücken noch weitere Standorte. Seit 1999 ist die IDS Scheer AG an der Börse notiert und hat August Wilhelm Scheer als größten Anteilseigner mit 41 %.16

Weltweit sind über 2.500 Mitarbeiter für IDS tätig. Diese gestalten die Geschäftsprozesse sei- ner ca. 6000 Kunden in 70 Ländern verschiedenster Branchen, das heißt deren interne Abläufe sowie ihre Zusammenarbeit mit Lieferanten und Kunden, effizient und kostengünstig. Im Jahr 2005 wurde ein Umsatz von 318 Mio. € erzielt. IDS Scheer deckt heute das gesamte Spektrum der IT-Beratung mit Themen wie dem Supply Chain Management, Enterprise Management und Customer Relationship Management das Geschäftsprozess-Engineering, das Product Lifecycle Management sowie Application Management, Business Process Outsourcing und Controlling Support.17

3.3 House of ARIS

Das House of ARIS18 bildet ein Rahmenkonzept für die Einordnung von Beschreibungsverfah- ren aller Sichten und Ebenen. Die ganzheitliche Beschreibung von ARIS teilt sich in die Be- schreibungssichten Daten-, Steuerungs-, Organisations-, Funktions- und Leistungssicht sowie die hinsichtlich ihrer Nähe zur Informationstechnik strukturierten Beschreibungsebenen Fach- konzept, DV-Konzept und Implementierung. Aufgrund der unterschiedlichen Einzelaspekte und Zusammenhänge der Sichten kann keine einheitliche Beschreibungssprache angewendet wer- den, daher müssen verschiedenartige problemspezifische Methoden wie die Datenmodellie- rung, Organigrammdarstellungen, Funktionsbeschreibungen und Produktstrukturen eingesetzt werden19.

Das ARIS-Konzept ist somit der allgemeine Bezugsrahmen für die Geschäftsprozessmodellie- rung und stellt ebenen- und sichtensspezifische Modellierungs- und Implementierungsmetho- den bereit. Dabei dient das Konzept der Komplexitätsreduzierung der Geschäftsprozess- beschreibung20.

Durch die vollständige und systematische Beschreibung der Prozesse und deren Umsetzung in IT-Lösungen wird die Transparenz erhöht und eine gemeinsame Diskussionsbasis für unterschiedliche Personengruppen, wie z.B. der Unternehmensleitung, Fachanwender, Organisatoren und IT-Spezialisten, geschaffen.21

3.3.1 Modellierungssichten

Der verfügbare Methodenvorrat in ARIS ist sehr umfangreich, da sehr viele Modelltypen unter- stützt werden. Ein Schwerpunkt ist in der fachlichen Modellierung der Steuerungssicht zu er- kennen, d.h. der Geschäftsprozessmodellierung, was den semantischen Schwerpunkt von ARIS unterstreicht. Da die Leistungssicht sich mit Definitionen von Produkten beschäftigt, ste- hen für die DV-Konzeption und Implementierung keine spezifischen Verfahren zur Verfügung, obgleich Leistungen in der Regel mit Computerunterstützung erstellt werden oder aus solchen bestehen. ARIS unterscheidet in die vier sekundären Sichten Organisationssicht, Datensicht, Funktionssicht und Leistungssicht. Die zentrale Sicht ist die Steuerungssicht.22

3.3.1.1 Datensicht

Die Datenmodellierung hat die Aufgabe eine detaillierte Beschreibung der in den Geschäftspro- zessen verwendeten Informationsobjekte und deren Beziehung zueinander darzustellen, die von Funktionen manipuliert werden. Die Modellierung stellt Zustandsdaten wie beispielsweise den Kundenstatus und Informationen zu Ereignissen (u.a. der Kundenauftrag ist eingetroffen) der Informationsobjekte dar. Als Informationsobjekt kann auch eine Kundendatenbank, eine Kundenbestellung mit allen Bestellpositionen oder ein einzelnes Datenfeld verstanden werden.

Bei den Beziehungen der Objekte ist festzulegen, ob es sich um komplexe Daten (z.B. Kundenstammdaten) handelt, die noch in Details zerlegbar sind oder um elementare Datenstrukturen (z.B. Postleitzahl). Die Beziehungen sind ein- oder mehrdimensional (ein Kunde hat mehrere Anschriften).

Das Ziel ist, die modellierten Datenstrukturen mittels eines Datenhaltungsbankver- waltungssystems (DBVS) abzubilden und zu verwenden. Aus diesem Grund wird ein fachlich orientiertes "Semantisches konzeptionelles Datenmodell" erstellt, das dann in einem zweiten Schritt in ein DBVS-gestütztes (für DV-Konzept) konzeptionelles Datenmodell überführt wird, welches für die Implementierung genutzt wird. Die fachliche Datenmodellierung kann in dem erweiterten Entity-Relationship-Diagramm (ERM) oder dem Fachbegriffsmodell erfolgen.23

3.3.1.1.1 Entitäten

Grundlage der Datenmodellierung sind die Entitäten24. Dies sind individuelle und eindeutig identifizierbare Elemente der Datenwelt, die durch Eigenschaften beschrieben werden. Dabei kann es sich um beispielsweise reale Objekte wie Kunden (Personen), Lieferanten, Artikel (Dinge), Anlagen oder gedankliche Konstrukte wie Kosten, Preise oder Termine handeln.

Die einzelne Entität wie der Kunde Müller ist Bestandteil der Entitätsmenge "Kunde". Die zu- sammengefasste Entitätsmenge (Klassenbildung) mit gleichen Eigenschaften kann Entitäten beinhalten, allerdings mit unterschiedlichen Ausprägungen. Die Klassenbildung kann differen- ziert erfolgen, sodass verschiedene Typen gebildet werden. Die disjunkte Entitätsmenge bein- halten Entitäten, die nicht gleichzeitig in anderen Entitätsmengen vorhanden sind. Bei nicht dis- junkten Entitätsmengen überlappt sich mindestens eine Entity mit einer anderen Entitätsmenge. Beinhaltet eine Entitätsmenge eine andere vollständig, so wird dies als umfassende Entitäts- menge bezeichnet.

Die Beziehungen (Relationen) der Entität (-smengen) drücken die bestehenden Abhängigkeiten bzw. Wechselwirkungen aus. Die Relationen werden in den Varianten Assoziation und Kardina- lität dargestellt. Die Assoziation zeigt die Art der Beziehung zwischen den Entitäten (-mengen). Die Beziehungsvariante Kardinalität gibt an, mit wie vielen Entities einer Entitäts- menge eine bestimmte Entität in Beziehung gesetzt werden kann. Die Darstellung erfolgt durch eine Intervallschreibweise mit Angabe von Unter- bzw. Obergrenze [0,1] oder durch eine Kurz- form. Durch die wechselseitige Zusammenfassung gelangt man zum Beziehungstyp.25

3.3.1.1.2 Attribute

Die Attribute definieren die gemeinsamen fachlichen Eigenschaften der Entitäten einer Enti- tätsmenge. Eine Entitätsmenge "Artikel" kann die Attribute Artikelnummer, Benennung, Maß- einheit, Gewicht enthalten. Die Artikelnummer (Name) benennt und identifiziert das Attribut. Die konkrete Ausprägung wird durch den Wert festgelegt (z.B. Artikelnummer = 11880). Über den Wertebereich (z.B. Artikelnummer 8.000 - 12.000 oder die Maßeinheit Kilo, Liter oder Meter) werden die Ober- und Untergrenzen sowie die Auswahlliste für Ausprägungen festgelegt.26

3.3.1.1.3 Identifikationsschlüssel

Neben dem rein beschreibenden Charakter können Attribute (z.B. Ort, Postleitzahl, Bundes- land) die Aufgabe haben die Entitätsmenge (z.B. Kunden) zu identifizieren. Die identifizieren- den Attribute werden als Identifikationsschlüssel bezeichnet. Ein Schlüssel der aus einem Attribut besteht, wird als "einfacher Schlüssel" und einer der mehrere besitzt als "zusammen- gesetzter Schlüssel" bezeichnet. Ein minimaler Schlüssel ist durch die fortlaufende Nummerie- rung der Entitätsausprägungen zu erzeugen. Da fortlaufende Nummern keine beschreibende Funktion innehaben, werden sie als "künstliche Schlüssel" beschrieben (z.B. Debitoren-, Kredi- toren- oder Artikelnummer). Hat eine Entitätsmenge mehrere Schlüssel, so übernimmt ein Schlüssel die Funktion des Primärschlüssels (z.B. Kundennummer) mit der eine Entität genau identifiziert werden kann. Die anderen werden Sekundärschlüssel (Name, Name + Ort oder Ort + Postleitzahl) genannt.27

3.3.1.1.4 Entity-Relationship-Modell

Das einfache Entity-Relationship-Modell28 (ERM) zur Datenstrukturierung von fachlichen An- wendungen wurde 1976 von P. Chen für die Datenmodellierung von permanenten gespeicher- ten Daten entwickelt. Es sollen Daten und ihre Beziehungen zueinander beschrieben werden. Die Modellierung kann beispielsweise zeigen, welche und wie viel Artikele ein Kunde von einem Account-Manager beziehen kann. Diese Entitäten bzw. Entitätsmengen werden durch die jewei- ligen Attribute (Primär- und Sekundärschlüssel) bestimmt und durch Assoziationen und Kardinalitäten, welche die Beziehungen zueinander regeln, dargestellt.29

3.3.1.1.5 Erweitertes Entity-Relationship-Modell

Im Vergleich zum einfachen ERM weist das eERM die im Folgenden beschriebenen Erweiterungspunkte auf:

Die erste Erweiterung ist die Generalisierung und Spezialisierung, die besondere Beziehungs- typen darstellen. Die Generalisierung fasst ähnliche Entitätsmengen zu einer übergreifenden Entitätsmenge zusammen. Gemeinsame Attribute einer Entitätsmenge werden einer überge- ordneten Entitätsmenge, die als Generalisierungstyp (Supertyp) bezeichnet wird, zugeordnet. Jedem Entity der spezialisierten Entitätsmenge (Subtypen) entspricht einem Entity der genera- lisierten Menge.30 Jeder Spezialisierungstyp erbt vom Generalisierungstyp automatisch die ge- meinsam verwendeten Attribute. Dadurch wird bei der Modellierung eine Reduktion von Redundanzen bewirkt.

Die Spezialisierung stellt die Umkehr der Generalisierung dar. Ein Supertyp wird in mehrere Subtypen zerlegt. Um den Modellierungsaufwand zu senken, werden gemeinsame Attribute auf dem Supertyp verlagert. Im Vergleich zur Generalisierung haben die Subtypen gegenüber dem Supertyp zusätzliche Attribute oder Beziehungen.31

Ein ERM zerlegt einen komplexen Zusammenhang in eine überschaubare Struktur. Da der Bezug zu dem Gesamtkomplex nicht immer sichtbar bleibt, wird der Begriff komplexes Objekt eingeführt, dessen Ziel es, ist die Übersichtlichkeit der ERM-Diagramme zu erhöhen.

Nicht nur zwischen verschiedenen Entitäten und Entitätsmengen, sondern auch zwischen Entitäten, die einer gemeinsamen Entitätsmenge angehören, kann es Beziehungen geben. Die rekursiven Beziehungen lassen sich durch nicht-rekursive Modellierungen darstellen.

Eine weitere Ergänzung des eERM ist die Uminterpretation von Beziehungstypen zu Entityty- pen bzw. umgekehrt. Dies bedeutet, das Entitätsmengen zugleich Beziehungen oder umgekehrt sein können. In dem Fall ist der uminterpretierte Typ ein Entity- und Beziehungstyp zugleich.32 33

3.3.1.1.6 Fachbegriffmodell

Der Zweck des Fachbegriffsmodells (FBM) besteht in der Definition zentraler Unternehmens- begriffe in Form eines Glossars. Dieses dient dem einheitlichen Verständnis über wichtige Be- griffsinhalte und stellt die Beziehungen der im Unternehmen verwendeten fachlicher Begriffe untereinander dar.

Beispielsweise versteht der Mitarbeiter im Vertrieb etwas anderes unter "Kunde" als der Mitar- beiter in der Finanzbuchhaltung. Diese und andere mehrfache Bedeutungen von Begriffen sol- len ausgeschlossen werden. Daher beschreibt das FBM die Begriffsinhalte wichtiger Begriffe sowie deren Synonyme und die Beziehungen der Begriffe zu Datenobjekten im Entity- Relationship-Modell.34

[...]


1 Itm 2005, PDM und Engineering- Informationssysteme, 2005, Seite 386.

2 Siehe zu diesem Abschnitt: Gehring, Betriebliche Anwendungssysteme, 1998, Seite 51, Abb. 35.

3 Vgl. Gadatsch, Grundkurs Geschäftsprozessmanagement, 2005, S 66f.

4 Siehe dazu auch Heß, Wiederverwendung von Software, 1993, S. 60-71.

5 Ähnlicher Ansicht ist Itm 2005: Beispiele für Modellierungsmethoden, 2006, Seite 382ff.

6 Siehe zu diesem Abschnitt auch: Gadatsch, Grundkurs Geschäftsprozessmanagement, 2005, S 67.

7 Zu diesem Abschnitt siehe: Gadatsch, Grundkurs Geschäftsprozessmanagement, 2005. S 64ff, basierend auf Gehring, Betriebliche Anwendungssysteme, Hagen 1998.

8 Siehe Anlage 1.

9 Siehe dazu auch: Puhlmann et al: Prozessmodellierung, o.J. http://bpt.hpi.uni-potsdam.de/twiki/pub/Public/ SeminarPublications/ ReaderPM-Part1.pdf, 02. Juli 2006.

10 Siehe zu diesem Abschnitt vertiefend: Amberg: Business Engineering, http://www.wi3.uni- erlangen.de:1901/lehre/lv/ws2002/BE/BE-ws02-06.ppt, 04.Juli 2006.

11 Ähnlicher Ansicht ist Nüttgens/ Rump, EPK, in: Desel/ Weske (Hrsg.): Prozessorientierte Methoden und Werkzeuge für die Entwicklung von Informationssystemen, 2002, S. 64 - 77.

12 Vgl. vertiefend hierzu Abschnitt 3.3.1.4.3.

13 Vgl. zu diesem Abschnitt: o.V., Petri Netz World, 2006, http://www.informatik.uni-hamburg.de/TGI/PetriNets/, 08.08.2006.

14 Vgl. zu diesem Abschnitt Scheer/ Jost, ARIS in der Praxis, 2002, S. 2 f.

15 Vgl. o.V., Unternehmenskennzahlen, 2006, http://ipo.onvista.de, 20. Mai 2006.

16 Vgl. o.V., Aktionärsstruktur, www.ids-scheer.de, 20. Mai 2006.

17 Vgl. o.V. Unternehmensdarstellung, www.ids-scheer.de, 20. Mai 2006.

18 Siehe dazu Anlage 2.

19 Vgl. Scheer/ Jost, ARIS in der Praxis, 2002, S. 4.

20 Vgl. dazu Scheer, ARIS Modellierungsmethode, 1998, S. 2.

21 Vgl. Scheer, ARIS - Vom Geschäftsprozess zum Anwendungssystem, 2002, S. 149.

22 Vgl. Gadatsch, Grundkurs Geschäftsprozessmanagement, 2005, S. 113f, 116f.

23 Vgl. zum Abschnitt Scheer, ARIS, Modellierungsmethode, Metamodelle, Anwendungen, 1998, S. 68 und Gadatsch, Grundkurs Geschäftsprozessmanagement, 2005, S. 121.

24 Synonym ist der englische Begriff Entity.

25 Vgl. zum Abschnitt Gadatsch, Grundkurs Geschäftsprozessmanagement, 2005, S. 123 f.

26 Vgl. Gadatsch, Grundkurs Geschäftsprozessmanagement, 2005, S. 127.

27 Vgl. zur Vertiefung auch Scheer, ARIS, Modellierungsmethode, Metamodelle, Anwendungen 1998, S. 73 und Gadatsch, Grundkurs Geschäftsprozessmanagement, 2005, S. 127 f.

28 Synonym im deutschsprachigen Raum ist der Begriff "Gegenstands-Beziehungs-Modell".

29 Vgl. Gadatsch, Grundkurs Geschäftsprozessmanagement, 2005, S. 128 f. sowie Anlage 3.

30 Siehe zur Generalisierung Anlage 4.

31 Siehe zur Spezialisierung Anlage 5.

32 Vgl. Scheer, ARIS - Modellierungsmethode, Metamodelle, Anwendungen 1998, S. 74f. sowie Gadatsch, Grundkurs Geschäftsprozessmanagement, 2005, S. 129 ff.

33 Siehe zum eERM Anlage 6.

34 Vgl. zum Abschnitt: Gadatsch, Grundkurs Geschäftsprozessmanagement, 2005, S. 134 f.

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
ARIS. Architektur integrierter Informationssysteme
Hochschule
Hochschule Bremen
Veranstaltung
Organisation
Note
1,3
Autoren
Jahr
2006
Seiten
40
Katalognummer
V63577
ISBN (eBook)
9783638565943
ISBN (Buch)
9783668343924
Dateigröße
812 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ARIS, Architektur, Informationssysteme, Organisation
Arbeit zitieren
Frederick Berger (Autor)Christian Priehs (Autor), 2006, ARIS. Architektur integrierter Informationssysteme, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63577

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