Die Entwicklung der deutschen Kolonialstadt Tsingtau 1897 bis 1914


Hausarbeit, 2006

60 Seiten, Note: Noch gut (2,3)


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Urbanisierung

3 Geschichte Tsingtaus und des deutschen Pachtgebietes Kiautschou
3.1 Das Gebiet Tsingtaus vor der deutschen Inbesitznahme
3.2 Besetzung und Pacht Kiautschous
3.3 Tsingtau nach der deutschen Kapitulation von 1914

4 Entwicklung der Stadt Tsingtau
4.1 „Bauboom“ in Tsingtau
4.1.1 Entwicklung der Infrastruktur
4.1.2 Die „Europäerstadt“
4.1.3 Die „Chinesenstadt“
4.2 Die Verwaltung Kiautschous
4.2.1 Der Gouverneur
4.2.2 Die Bürgerschaftsvertreter
4.2.3 Die Bauverwaltung
4.2.4 Die Landordnung
4.3 Tsingtau als Wirtschaftszentrum
4.4 Tsingtau als Militärstützpunkt
4.5 Tsingtau als Verbindungspunkt zwischen deutscher und chinesischer Kultur
4.5.1 Chinesen in Tsingtau
4.5.2 Deutsche/Europäer in Tsingtau

5 Bewertung der Stadtentwicklung Tsingtaus

6 Zusammenfassung/Schluss

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Nachdem nunmehr die Vorfälle bei der Mission in der Präfektur Caozhoufu in Schantung ihre Erledigung gefunden haben, hält es die Kaiserliche Chinesische Regierung für angezeigt, ihre dankbare Anerkennung für die ihr seither in Deutschland bewiesene Freundschaft noch besonders zu betätigen. Es haben daher die Kaiserlich Deutsche und die Kaiserlich Chinesische Regierung, durchdrungen von dem gleichmäßigen und gegenseitigen Wunsche, die freundschaftlichen Bande beider Länder zu kräftigen und die wirtschaftlichen und Handelsbeziehungen der Untertanen beider Staaten miteinander weiterzuentwickeln, nachstehende Separat-Konvention abgeschlossen:[1]

Mit diesen Worten, die, kennt man nicht ihren Kontext, nicht vermuten lassen, dass hinter ihnen keine freundschaftliche Gesinnung steckt, sondern ein von einer Seite diktierter Vertrag, beginnt der deutsch-chinesische Pachtvertrag für das Kiautschou-Pachtgebiet. Mit ihm nahm auch die Geschichte der Stadt Tsingtau ihren Anfang.

Kaum einer in Deutschland weiß heute, dass die Stadt Tsingtau deutsche Wurzeln hat. Die Umgebung der Kiautschou-Bucht wurde 1897 mit einem militärischen Handstreich in deutschen Besitz gebracht. Dieser Handstreich wurde nachträglich mit einem Pachtvertrag besiegelt, um ihm den Anschein von Legalität zu geben. In dem nun deutschen Gebiet sollte ein Militär- und Wirtschaftsstandort entstehen. Ebenso plötzlich und relativ unbemerkt von der Öffentlichkeit, wie es begann, endete 1914 dieses Kapitel deutscher Kolonialgeschichte in China mit der Eroberung und Besetzung des Pachtgebietes Kiautschou und der Stadt Tsingtau durch Japan. 17 Jahre war also ein kleiner Landstrich an der ostchinesischen Küste unter deutscher Herrschaft.

In dieser Hausarbeit zeige ich auf, wie die Stadt Tsingtau im Lauf dieser Jahre entstand, quasi aus dem Boden gestampft wurde und wie sie sich entwickelte.

Ich verdeutliche die Bedeutung der Stadt als Wohnort für Chinesen und Europäer, als Wirtschafts- und als Militärstandort und ich stelle die Verwaltung und die Infrastruktur der Stadt dar. Letztere war besonders wichtig, war sie doch Vorraussetzung für einen florierenden Handel. Tsingtau war keine gewachsene Stadt, die sich aus einer kleinen Ansiedlung entwickelte. Die Stadt wurde von Grund auf geplant, auf das, wozu sie dienen sollte, zugeschnitten, wobei die zur damaligen Zeit modernsten Erkenntnisse aus Technik, Hygiene und Gesundheit beachtet wurden. Bei der Planung der Stadt spielten aber auch die 1897 herrschenden Vorstellungen der Deutschen von Chinesen, dem Zusammenleben mit diesen und dem Umgang mit einem kolonisierten Volk eine Rolle. Ich gehe in der Hausarbeit darauf ein, wie sich diese Vorstellungen der Deutschen von Chinesen in der Planung der Stadt und im täglichen Leben in ihr äußerten.

Ein Blick ist darauf gerichtet, inwieweit bei der Entwicklung Tsingtaus und deren Einfluss auf die Umgebung von Urbanisierung gesprochen werden kann. Dafür stelle ich in einem gesonderten Kapitel den Urbanisierungsbegriff so dar, wie ihn die Stadtgeographie kennt.

Bei allen chinesischen Ortsangaben benutze ich, soweit vorhanden, die deutsche Schreibweise, so wie sie von 1897 bis 1914 im Pachtgebiet benutzt wurde.

2 Urbanisierung

Der Begriff der Urbanisierung ist ein Begriff, der sehr viele Aspekte bezeichnet. Ihn allein mit dem qualitativen Begriff der Verstädterung zu übersetzen, also der Vergrößerung und Vermehrung einer Stadt in Bezug auf Fläche, Einwohner und Anzahl, füllt ihn nicht vollständig. Urbanisierung bezeichnet auch den qualitativen Aspekt der Verbreitung städtischer Lebensformen. Quantitative Verstädterung teilt sich in vier Ebenen: den Anteil der Stadtbevölkerung an der Gesamtbevölkerung, die Zunahme der Stadtbevölkerung, die Zunahme der Anzahl von Städten und die Umverteilung der Bevölkerung vom Land in die Stadt, jeweils in einem definierten Gebiet. Qualitative Verstädterung kann man trennen in einen funktionalen Teil, der Funktionsänderungen wie die Ansiedlung von Arbeitersiedlungen beinhaltet, und in einen sozialen Teil, der Sozial-, Wohn-, Lebens- und Wirtschaftsformen beinhaltet.[2]

Um Urbanisierung festzustellen, muss aber erst der Begriff der Stadt definiert werden. Wie grenzt sich eine Stadt von Dorf ab, was ist ländlich, was ist städtisch? Ein offensichtlicher Aspekt, der eine Ansiedlung als Stadt oder Dorf kennzeichnet, ist die Einwohnerzahl. Allein eine hohe Bevölkerungsdichte macht aber noch keine Stadt aus.

Im 19. Jahrhundert gab es Veränderungen in den bis dahin geltenden Kriterien zur Unterscheidung zwischen Stadt und Dorf. Seit dem Mittelalter diente der Definition von Stadt die Existenz eines legalen Marktes. Dörfer wiederum verstand man als Siedlungen mit landwirtschaftlich geprägter Bevölkerung. Die im Laufe der industriellen Revolution entstandenen Siedlungen waren aber nach diesen Definitionen weder Dorf noch Stadt. Das Vorhandensein eines Marktes, gibt der Stadt eine weitere Rolle, nämlich einer Funktion für das Hinterland. Die Stadt mit ihrem Markt wird zum Umschlagplatz von Waren aus dem der Stadt zugeordneten Hinterland, was wiederum auch das Vorhandensein von weiteren Einrichtungen wie Banken, Büros und Geschäften verlangt. Wenn es auch in Dörfern kleine Läden gibt, macht das das Dorf noch nicht zur Stadt, die Ballung solcher Einrichtungen macht den Unterschied aus. Die Stadt dient außerdem nicht nur als Umschlagplatz von Waren, sondern durch ihre Bevölkerung auch selbst als Abnehmer.[3]

Aus historischer Sicht spielt für die Definition von Stadt neben den quantitativen Merkmalen auch durch das Vorhandensein einer Rechtsordnung eine Rolle.[4]

Während der Industriellen Revolution strömten immer mehr Menschen auf der Suche nach Arbeit in die industriellen Ballungszentren. Verstädterung fand statt, aber nicht überall Urbanisierung; soziale Komponenten, wie z.B. Alphabetisierung, fehlten oft.[5] Urbanisierung ist also ein Phänomen der Neuzeit, das erst seit der industriellen Revolution existiert. Um 1900 lag der Anteil der Stadtbevölkerung an der Weltbevölkerung bei 14 %, erst seit der letzten Jahrtausendwende sind die Anteile von Stadt- und Landbevölkerung in etwa gleich groß.[6]

Es gibt verschiedene Theorien, wie es zu einer Urbanisierung kommen kann. Für viele ehemalige Kolonialstädte und ihre Umgebung trifft die Export-Base-Theorie zu. Viele Kolonialstädte wurden allein als Handelsstädte gegründet. Erst mit der Zeit entwickelten sich um den Handel Industrie und der Dienstleistungssektor. Schließlich wird die Stadt zur regionalen Metropole.[7]

In China gab es schon vor Beginn der Industrialisierung viele große Städte. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts allein sieben mit mehr als 300000 Einwohnern, 1600 Verwaltungs- und 30000 Marktstädte, in denen insgesamt über 20 Millionen Menschen lebten. Dennoch war und ist die Urbanisierungsrate eher gering. In China liegt der Anteil der Stadtbevölkerung an der Gesamtbevölkerung bei nur 26%.[8]

Die weitere Stadtentwicklung in China unter ausländischem Einfluss seit Mitte des 19. Jahrhunderts kann man in verschiedene Phasen einteilen. Seit den 1840er Jahren kamen ausländische Händler nach China, um sich dort niederzulassen. Zunächst war es ihnen nicht erlaubt, sich innerhalb der alten chinesischen Städte anzusiedeln, stattdessen wurden ihnen außerhalb, jedoch nicht weit entfernt, Bauplätze zugewiesen. Diese Siedlungen entwickelten sich schnell zu eigenen Städten in der Nachbarschaft der chinesischen Städte, vor deren Toren sie sich einst angesiedelt hatten. Nachdem dann in den folgenden Jahrzehnten bestimmte Häfen zu Vertragshäfen erklärt wurden, war es dann in der zweiten Phase Ausländern erlaubt, innerhalb dieser Hafenstädte zu leben. Die dritte Phase begann um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert. In dieser Zeit gründeten Ausländer in China ganz neue Städte, die sie nach Aspekten westlicher Städteplanung errichteten und anlegten. Hongkong und Macao existierten zur Jahrhundertwende bereits länger, waren aber dennoch die ersten Typen dieser Art Städte.[9] Tsingtau hingegen war 1898 eine der modernsten, geplanten Städte der Welt.[10] Diese neuen europäischen Städte unterschieden sich nicht nur äußerlich durch Anlage und Bauweise von traditionellen chinesischen Städten. Auch ihr Selbstverständnis war anders. Diese neuen Kolonialstädte waren Einheiten für sich, mit eigener Regierung und Verwaltung. Chinesische Städte hatten eine andere Tradition, sie waren zwar Verwaltungssitz, jedoch von kaiserlichen-, provinziellen-, oder Präfekturverwaltungen. Eine eigene Stadtverwaltung gab es nicht, chinesische Städte wurden immer durch die Provinz, in der sie lagen, verwaltet.[11]

Die Urbanisierung, die um 1900 in China auf Grund des zunehmenden kolonialen Engagements der europäischen Mächte einsetzte, hatte also andere Gründe als die europäische, durch die Industrialisierung geprägte Urbanisierung.

Dennoch beeinflusst sie auch in China die soziokulturelle Verfassung der ganzen Bevölkerung. Verstädterung allein lässt den Gegensatz zwischen Stadt und Land größer werden, der Prozess der Urbanisierung hingegen nähert Stadt- und Landbevölkerung wieder einander an.[12]

Der Begriff der Urbanisierung ist also sehr vielschichtig. Er bezeichnet die Zunahme von Städten, der Stadtbevölkerung und einer städtischen Lebensweise. Damit schließt er sowohl eine qualitative Veränderung als auch quantitative Kriterien mit ein. Anzuwenden ist er nie auf eine Stadt allein. Urbanisierung bezieht sich stets auf ein bestimmtes Gebiet, das von der Stadt beeinflusst wird.

3 Geschichte Tsingtaus und des deutschen Pachtgebietes Kiautschou

Die Geschichte Tsingtaus und des Pachtgebietes Kiautschou begann nicht erst mit der Inbesitznahme im Jahr 1897 und endete nicht mit der deutschen Kapitulation 1914. Pläne zur Erlangung eines Stützpunktes in China existierten schon länger. Auch die Kapitulation bedeutete keinen Abstieg der Stadt. Noch heute ist im Stadtbild die deutsche Vergangenheit allgegenwärtig.

3.1 Das Gebiet Tsingtaus vor der deutschen Inbesitznahme

Das deutsche Pachtgebiet Kiautschou lag in der chinesischen Provinz Schantung. In der rund 150000 Quadratkilometer großen Provinz lebten zum Ende des 19. Jahrhunderts ca. 30 Millionen Menschen. Seit 1370 ist Tsinan die Provinzhauptstadt.[13]

Die Provinz liegt im Osten Chinas mit Zugang zum gelben Meer. Das Pachtgebiet selber liegt an einer natürlichen Bucht. Namengebend für das Pachtgebiet, obwohl nicht darin liegend, war die alte Hafenstadt Kiautschou, die Ende des 19. Jahrhunderts ca. 50000 Einwohner hatte. Im Laufe der Zeit hatte Kiautschou seine Bedeutung als wichtige Hafenstadt verloren, die traditionelle Verarbeitung von Bronze und Silber hatten jedoch noch immer einen gewichtigen Platz in der Stadt. Ein gewisser Wohlstand aus früherer Zeit war in den 1890er Jahren immer noch vorhanden.[14] Da die Stadt rund fünf Kilometer landeinwärts vom westlichen Ufer der Bucht lag, war der eigentliche Hafen in der kleinen Stadt Taputou am westlichen Ende der Bucht. Nachdem im Jahre 1863 der Hafen Yantai im Norden der Provinz für den internationalen Handel geöffnet wurde, verlor der internationale Handel für die Kiautschou-Bucht an Bedeutung.[15]

Die landwirtschaftlich geprägte Umgebung der Kiautschou-Bucht war vor der deutschen Besetzung keinesfalls ein karger, ärmlicher Landstrich, wie es in deutschen Beschreibungen der Gegend häufig dargestellt wurde, um schließlich die Zivilisierung durch die Deutschen hervorzuheben. Stattdessen war die Bucht seit Jahrhunderten Handelsplatz, der den nationalen und internationalen Handel Chinas miteinander verband. Eine Rolle spielte die Bucht auch für die chinesische Marine.[16]

Die Landwirtschaft der Provinz basierte auf dem Anbau von Weizen, Baumwolle, Erdnüssen und Tabak. Ein weiteres Standbein war der Obstanbau und die Zucht von Seidenraupen.

Die erste Besiedelung des Gebietes fand bereits ca. 2000 Jahre vor unserer Zeit statt, seit dem 10. Jahrhundert gehörte die Provinz zu den am dichtesten besiedelten Gegenden Chinas. Das bäuerliche Leben blieb über Jahrhunderte gleich. Die meisten Bauern lebten in einfachen Lehmhäusern, die Nahrung bestand aus Hirse, Weizen, Sojabohnen und Süßkartoffeln. Traditionelle Riten und der traditionelle chinesische Kalender bestimmten das Leben der Bauern um die Kiautschou-Bucht.[17]

Auf dem Gebiet der späteren Stadt Tsingtau befanden sich mehrere kleine Dörfer. Bei den Vermessungsarbeiten im Zuge der Planung Tsingtaus 1899 wurden 30 Dörfer mit rund 14000 Einwohnern gezählt.[18]

3.2 Besetzung und Pacht Kiautschous

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts richtete sich das Augenmerk der europäischen Kolonialmächte verstärkt auf China. Das Land schien, vor allem bei der Beteiligung am Eisenbahnbau und an Bergbaugesellschaften, ungeheure Gewinne zu versprechen.

Seit dem Erwerb der pazifischen Kolonien durch das Deutsche Reich war aber auch das Interesse der Marine an einem asiatischen Flottenstützpunkt mit Kohlestation gewachsen.[19]

Pläne diesbezüglich existierten bereits schon seit der preußischen Ostasienexpedition von 1861.[20]

Zu Beginn der 1890er Jahre begann das Deutsche Reich sich aktiv um die Erlangung eines Stützpunktes in China zu kümmern. 1895 schließlich wurde vom Deutschen Gesandten in Peking der chinesischen Regierung der Vorschlag unterbreitet, dass eine Verpachtung eines entsprechenden Gebietes ausreichen würde, falls es nicht zu einer dauerhaften Abtretung käme. Diese Lösung wurde von China aus Angst vor Nachahmern abgelehnt.[21]

Sinn eines überseeischen Flottenstützpunktes sollte sein, das von der Marineleitung befürwortete Kreuzerkrieg-Konzept zu ermöglichen. Die Flotte sollte im Kriegsfall in der Lage sein, auf den Handelsrouten des Gegners in aller Welt präsent zu sein und die dort fahrenden Schiffe zu versenken, um den Gegner wirtschaftlich in die Knie zu zwingen. Seit 1896 wurde aber in der Stützpunktfrage auch der wirtschaftliche Aspekt eines überseeischen Stützpunktes wieder mehr und mehr mit berücksichtigt. Tirpitz selbst, der seit kurzem Chef des ostasiatischen Geschwaders war, stellte nach seiner Chinareise 1896, bei der er die Kiautschou-Bucht besuchte und für einen Stützpunkt als geeignet befand, den wirtschaftlichen Aspekt in den Vordergrund.[22]

Die Entscheidung zu Gunsten der Kiautschou-Bucht fiel zum einen wegen ihrer günstigen Lage, zum anderen aus Rücksicht auf die Interessen anderer Nationen in China. Außerdem war ein weiteres Ziel, im Laufe der Zeit das Hinterland wirtschaftlich zu durchdringen, was in der Provinz Schantung möglich schien.[23]

Hatte man sich nun für die Kiautschou-Bucht entschieden, musste man in der Folge einen Entschluss fassen, wie man in deren Besitz kommen könnte. Zunächst bemühte sich das Deutsche Reich um internationale Zustimmung zu seinem Plan, einen Stützpunkt zu errichten. Während es in Russland Gegner gab, die die Kiautschou-Bucht für sich beanspruchten, stimmte Großbritannien den deutschen Plänen zu.[24]

Da bereits in der Vergangenheit der Versuch fehlgeschlagen war, China auf diplomatischem Weg zum Überlassen eines Gebietes zu zwingen, obwohl Auswärtiges Amt und Reichsmarineamt diesen Weg bevorzugten, blieb nur eine militärische Okkupation übrig.[25] Nun fehlte nur noch ein Grund, ein Fehltritt von chinesischer Seite, der die Okkupation rechtfertigen sollte.

Am 1. November 1897 kam es dann im südlichen Schantung zu einem Zwischenfall, bei dem zwei deutsche, katholische Missionare ermordet wurden. Es handelte sich nicht um eine politische Tat, sondern um einen Raubüberfall. Die chinesische Regierung, der klar war, dass das Deutsche Reich auf so einen Vorfall nur wartete, trat sofort durch ihren Botschafter in Berlin an die Deutsche Regierung heran und bot von sich aus jede im Rahmen bleibende Genugtuung an. Die Deutsche Regierung war sich jedoch darüber im Klaren, wie viel Nutzen ihr der Vorfall in Schantung bringen konnte, so dass sie nicht darauf einging, den Vorfall, gegen aus ihrer Sicht zu geringe Gegenleistungen von der chinesischen Seite, für erledigt zu erklären. Kaiser Wilhelm II. selbst forderte Sühne durch Eingreifen der Flotte und Okkupation der Bucht. Wilhelms energisches Auftreten in dieser Sache war nicht nur seinem persönlichen Interesse an der Flotte und so auch an einem asiatischen Flottenstützpunkt geschuldet. Mit seinem harten Durchgreifen, das ja der Sühne der ermordeten Missionare diente, wollte er auch bei den deutschen Katholiken und Ultramontanen punkten, die dem protestantisch geprägten Kaiser oft genug kritisch gegenüber standen. Zumal er bei der bevorstehenden Entscheidung im Reichstag über das Flottengesetz, sollte dieses nicht scheitern, auf die Stimmen der Abgeordneten des katholischen Zentrums angewiesen war.[26]

Am 7. November 1897 erhielt schließlich der Chef des ostasiatischen Geschwaders, Diederichs, vom Kaiser Order zur Besetzung der Kiautschou-Bucht. Die militärische Besetzung der Kiautschou-Bucht, die vor allem von Kaiser Wilhelm II. und dem Oberkommando der Marine propagiert wurde, stieß jedoch nicht bei der gesamten Reichsregierung auf Beifall. Es wurden diplomatische Auseinandersetzungen mit Russland und England, aber vor allem auch mit China befürchtet. Sowohl Reichskanzler Hohenlohe als auch Staatssekretär Tirpitz intervenierten bei Kaiser Wilhelm II., worauf schließlich ein Telegramm an Diederichs geschickt wurde, mit dem Inhalt, die Besetzung zu unterlassen, falls die deutschen Forderungen zur Sühne der Morde erfüllt würden. Dieses Telegramm erreichte Diederichs jedoch nicht mehr, und da nun Unklarheit darüber herrschte, ob die Besetzung schon erfolgt sei, beschloss am 15. November der Kronrat, die Besetzung anzustreben und diese durch einen Pachtvertrag nachträglich legitimieren zu lassen. Tatsächlich war die Bucht bereits am 14. November besetzt worden.[27]

Die chinesische Garnison an der Kiautschou-Bucht war sich dabei nicht im Klaren, was vor sich ging. Sie hielten das Einlaufen der deutschen Schiffe für einen Höflichkeitsbesuch, empfingen die rund 700 an Land gehenden Soldaten mit militärischen Ehren.[28]

Als sie erkannten, dass sie sich getäuscht hatten, blieb dem Kommandeur nichts anderes übrig, als sich dem deutschen Ultimatum zu fügen und seine Truppen in drei Stunden ins 15 km entfernte Tsankau zu führen.[29]

Nachdem die chinesischen Truppen das Gebiet verlassen hatte wurde in dem nun zum Besitz deklarierten Gebiet die Flagge des Deutschen Reiches gehisst, die die neuen Herrschaftsverhältnisse auch optisch untermauerte. Dieses Prozedere, zunächst durch den symbolischen Akt der Flaggenhissung die Inbesitznahme zu demonstrieren, war ein Prozedere, das seit den mittelalterlichen Kreuzzügen Vorbild für die Landnahme der europäischen Kolonialmächte war, das jedoch 1897 eher anachronistisch wirkte.

Nachdem China überrumpelt und vor vollendete Tatsachen gestellt worden war, wurden Verhandlungen mit China aufgenommen.[30]

Diese nahmen vier Monate in Anspruch. Allgemeinhin werden die Verhandlungen so dargestellt, dass das Deutsche Reich die Bedingungen für den Pachtvertrag diktierte, während China keine Möglichkeit hatte, selber aktiv zu handeln. Zunächst wurde über die Sühne für die beiden ermordeten Missionare und erst später über die Bedingungen für die Pacht der Kiautschou-Bucht verhandelt. Die Ermordung der Missionare wurde durch China nach diesen Verhandlungen teuer bezahlt. Vereinbart wurden Geldzahlungen an den katholischen Missionsorden, der Bau von Kirchen sowie das Zur-Rechenschaft-ziehen von Beamten der Provinz. Mit diesen sehr hohen Zugeständnissen erhoffte sich China eine bessere Position bei der Verhandlung über die Frage der Kiautschou-Bucht zu erhalten.

Dabei lehnten die deutschen Verhandlungsführer andere Angebote Chinas, die eine Alternative zur Pacht sein sollten, beispielsweise das Angebot eines anderen Hafens, oder die Umwandlung Kiautschous in einen Vertragshafen, stets ab. Da man sich nicht einigen konnte, zogen sich die Verhandlungen in die Länge, was zeigt, dass die chinesische Seite entgegen der landläufigen Meinung zumindest einen gewissen Spielraum hatte, und nicht nur deutsche Vorschläge abnickte. Die Länge der Verhandlungen störte jedoch Wilhelm II. Erst unter der Androhung weitere Militäraktionen stimmte die chinesische Seite dem Pachtvertrag schließlich zu.[31]

Die chinesische Seite ging ohne Erfolge aus den Pachtverhandlungen hervor. Der einzige Vorteil, den sie erringen konnten, war, dass die Pacht auf 99 Jahre begrenzt wurde. Das Deutsche Reich hingegen bekam im Pachtgebiet weitgehend Souveränität zugesprochen sowie das für die wirtschaftlichen Erwartungen wichtige Recht, eine Eisenbahn ins Innere der Schantung-Halbinsel bauen zu dürfen, mit frei zu wählendem Endpunkt. Weiterhin wurde dem Deutschen Reich das Recht zugesprochen, in einer neutralen Zone um das Pachtgebiet unbeschränkt Truppenbewegungen vornehmen zu können, während alle chinesischen Truppenbewegungen in diesem Gebiet von der deutschen Regierung genehmigt werden mussten. Die Vertragsunterzeichnung fand schließlich am 4. März 1898 statt.[32]

Zum Pachtgebiet gehörten die beiden Halbinseln am Eingang der Bucht, deren Ufer sowie die Inseln in und vor der Bucht.[33]

Seine Fläche war mit 551,7 km² ungefähr so groß wie das damalige Staatsgebiet Hamburgs.[34]

Aus deutscher Sicht beschränkte sich der Pachtvertrag zwar auf dieses Gebiet, war aber Ausgangsbasis, um die gesamte Provinz Schantung im Laufe der Zeit politisch, wirtschaftlich, kulturell und militärisch zu durchdringen.[35]

Die gewünschte politische Durchdringung blieb jedoch weitgehend aus. Zwar wurde der ein oder andere untere Beamtenposten auf Provinzebene auf Bestreben des Gouvernements im Pachtgebiet mit vermeintlich den Deutschen wohlgesonnen Chinesen besetzt, bei höheren Posten gelang dies jedoch nicht, und schon gar nicht gelang es, Einfluss auf die Provinzpolitik oder gar die Politik in ganz China zu nehmen.[36]

Während nun also nach erfolgreichem Abschluss der Pachtverhandlungen von deutscher Seite versucht wurde, Kiautschou zu einer erfolgreichen deutschen Kolonie zu machen, wurde umgekehrt von chinesischer Seite kein Versuch ausgelassen, die Deutschen wieder aus China herauszudrängen oder zumindest den deutschen Einfluss in China so gering wie möglich zu halten.[37]

3.3 Tsingtau nach der deutschen Kapitulation von 1914

Die Stadt Tsingtau verdankt ihre Existenz allein dem aggressiven Vorgehen des Deutschen Reiches in der Frage eines Stützpunktes in China. Die deutsche Herrschaft über Tsingtau endete aber bereits wieder nach 17 Jahren; das Ende der Stadt Tsingtau war damit jedoch nicht besiegelt. Nachdem im Sommer 1914 in Europa der Erste Weltkrieg ausgebrochen war, dauerte es nicht lange, bis der Krieg auch in China ankam. Am 15. August forderte das mit Großbritannien verbündete Japan das Deutsche Reich auf, das Pachtgebiet zu verlassen. Als diese Aufforderung unbeantwortet blieb, landeten am 23. August rund 60000 japanische Soldaten in Schantung, verletzten dabei Chinas Neutralität und griffen das Pachtgebiet an. Zunächst konnten die Verteidiger, unterstützt durch weitere Soldaten, Zivilisten sowie ein in der Bucht liegendes österreichisches Schiff, die Stadt verteidigen. Als aber keine Munition mehr vorhanden war, kapitulierten die Verteidiger schließlich am 7. November 1914.[38] Bei der Verteidigung Tsingtaus fielen 224 deutsche Soldaten.[39] 4347 Soldaten gerieten in japanische Kriegsgefangenschaft.[40]

[...]


[1] Leutner, Mechthild / Mühlhahn, Klaus (Hrsg.) 1997: 164

[2] Bähr, Jürgen: 1

[3] Carter, Harold 1975: 58 f.

[4] Schwentker, Wolfgang 1998: IV

[5] Mayrhofer, Fritz 1993: 57

[6] Schwentker, Wolfgang 1998: III

[7] Hofmeister, Burkhard 1993: 66

[8] Schwentker, Wolfgang 1998: V

[9] Schinz, Alfred 1989: 21 f.

[10] Schinz, Alfred 1989: 120

[11] Schinz, Alfred 1989: 71

[12] Mayrhofer, Fritz 1993: 57

[13] Bauer, Wolfgang 1999: 14

[14] Bauer, Wolfgang 1999: 18

[15] Leutner, Mechthild / Mühlhahn, Klaus (Hrsg.) 1997: 67

[16] Leutner, Mechthild / Mühlhahn, Klaus (Hrsg.) 1997: 54

[17] Hinz, Hans-Martin / Lind, Christoph (Hrsg.) 1998: 61 ff

[18] Artelt, Jork 1984: 15

[19] Gründer, Horst (Hrsg.) 1999: 107

[20] Reinhard, Wolfgang 1996: 213

[21] Artelt, Jork 1984: 9

[22] Leutner, Mechthild / Mühlhahn, Klaus (Hrsg.) 1997: 63 f.

[23] Bauer, Wolfgang 1999: 21

[24] Hinz, Hans-Martin / Lind, Christoph (Hrsg.) 1998: 19

[25] Gründer, Horst (Hrsg.) 1999: 107 f.

[26] Hallgarten, George W.F. 1963: 451 ff

[27] Leutner, Mechthild / Mühlhahn, Klaus (Hrsg.) 1997: 108 f.

[28] Kuo, Heng-yü / Leutner, Mechthild (Hsg.) 1994: 378

[29] Artelt, Jork 1984: 10

[30] Leutner, Mechthild / Mühlhahn, Klaus (Hrsg.) 1997: 105

[31] Mühlhahn, Klaus 2000: 107 ff

[32] Hallgarten, George W.F. 1963: 454

[33] Artelt, Jork 1984: 14

[34] Kuo, Heng-yü / Leutner, Mechthild (Hrsg.) 1994: 379

[35] Kuo, Heng-yü / Leutner, Mechthild (Hrsg.) 1994: 309

[36] Kuo, Heng-yü / Leutner, Mechthild (Hrsg.) 1994: 360

[37] Leutner, Mechthild / Mühlhahn, Klaus (Hrsg.) 1997: 35

[38] Hinz, Hans-Martin / Lind, Christoph (Hrsg.) 1998: 42 f.

[39] Kuo, Heng-yü / Leutner, Mechthild (Hrsg.) 1994: 378

[40] Bauer, Wolfgang 1999: 48

Ende der Leseprobe aus 60 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung der deutschen Kolonialstadt Tsingtau 1897 bis 1914
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Historisches Institut)
Note
Noch gut (2,3)
Autor
Jahr
2006
Seiten
60
Katalognummer
V63623
ISBN (eBook)
9783638566278
ISBN (Buch)
9783640469147
Dateigröße
610 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Sie haben eine kenntnissreiche und umfassende Hausarbeit vorgelegt, die in Gliederung und Facettenreichtum der Breite des Themas durchaus gerecht wird, jedoch hinsichtich ihrer Argumentation eine größere gedanktliche Durchdringung verdient gehabt hätte. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Sie haben ausgezeichnete Kenntnisse der Geschichte des deutschen Tsingtau bewiesen und insofern eine gute Hausarbeit verfasst. Die o.g. Kritikpunkte sollen Sie auf Verbesserungsmöglichkeiten hinweisen.
Schlagworte
Entwicklung, Kolonialstadt, Tsingtau
Arbeit zitieren
Sebastian Brüninghaus (Autor), 2006, Die Entwicklung der deutschen Kolonialstadt Tsingtau 1897 bis 1914, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63623

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