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Die biblische Geschichte vom verlorenen Sohn in der europäischen Literatur des 20. Jahrhunderts

Ausgewählte Beispiele

Title: Die biblische Geschichte vom verlorenen Sohn in der europäischen Literatur des 20. Jahrhunderts

Thesis (M.A.) , 2006 , 83 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Magistra Artium Melanie Finck (Author)

German Studies - Modern German Literature
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Summary Excerpt Details

Die von Jesus erzählte Geschichte vom verlorenen Sohn, der sich vom Vater löst, in die Welt hinauszieht und schließlich reuig zurückkehrt, hat herausragende Position unter den Gleichnissen und eine große Wirkungsgeschichte in der internationalen Literatur. Das vorliegende Buch widmet sich vier Variationen der biblischen Geschichte vom verlorenen Sohn aus dem 20. Jahrhundert. "Die Rückkehr des verlorenen Sohnes" von André Gide, das letzte Fragment der "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" von Rainer Maria Rilke, "Heimkehr" von Franz Kafka und "Die Geschichte des verlorenen Sohnes" von Robert Walser werden komparativ untersucht. Methodisch geht das Buch folgendermaßen vor: Im ersten Teil wird die inhaltliche Dimension und literarische Qualität der biblischen Geschichte analysiert. Der zweite Teil beschäftigt sich mit Einzeluntersuchungen, die Antworten auf die Frage der literarischen Umsetzung der biblischen Geschichte liefern. Die Geschichte vom verlorenen Sohn im Lukas-Evangelium ist keine Geschichte, die eine Geschichte im heutigen Sinn sein will oder kann, sondern ist ein Beitrag zur religiösen Erziehung der Zuhörer. Die Lehre Jesu ist Ziel der Geschichte, die über das eigentlich Gesagte hinaus weist. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn hat also den Zweck, die Heilsbotschaft zu verdeutlichen. Es berichtet davon, dass der überirdische Vater - symbolisiert durch den irdischen Vater - eine göttliche Ordnung garantiert. Wer dieser Ordnung davonläuft, wer sie ignoriert und schmäht, darf dennoch darauf hoffen, wieder aufgenommen zu werden, wenn er reuig umkehrt. Was geschieht nun mit den verlorenen Söhnen des 20. Jahrhunderts? Sind sie tatsächlich verloren? Ist ihr Aufbegehren gegen das Patriarchat, gegen die Obrigkeit nicht vielmehr ein Gewinn? Ist ihr Aufbruch, ihr Fortgang, ihre Sinnsuche nicht vielmehr der Ausdruck von Individualität? Womöglich ein Gewinn an individueller Freiheit? Die Bearbeitungen des Motivs vom verlorenen Sohn werden von Gide über Rilke und Kafka bis zu Walser schrittweise moderner und spiegeln die Entwicklung der Bewusstseinsprozesse. Die Botschaft der biblischen Geschichte - die Gnade Gottes, dank der der Verlorene gerettet werden kann - tritt in den neuen Fassungen der alten Geschichte in den Hintergrund. Es ist Aufgabe dieses Buches herauszustellen, dass eine reuige Rückkehr in letzter Konsequenz der Selbstverwirklichung und dem Bewusstsein einer eigenen Identität der verlorenen Söhne des 20. Jahrhunderts widerspricht.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Gleichnis vom verlorenen Sohn, Lukas 15: 11-32

2.1 Exkurs: Bedeutung und Funktion der Gleichnisse Jesu

2.2 Die exegetische Auslegung

2.3 Die Einordnung in das Spektrum parabolischer Rede

2.4 Struktur und Figurenkonstellation

3 Das Gleichnis vom verlorenen Sohn in der Literatur des 20. Jahrhunderts

3.1 André Gide: Die Rückkehr des verlorenen Sohnes - Aufbruch und Resignation

3.1.1 Struktureller Handlungsaufbau der Erzählung

3.1.1.1 Das Vorwort des Erzählers

3.1.1.2 Der verlorene Sohn

3.1.1.3 Der Verweis des Vaters

3.1.1.4 Der Verweis des älteren Bruders

3.1.1.5 Die Mutter

3.1.1.6 Das Zwiegespräch mit dem jüngeren Bruder

3.1.2 Der Konflikt des Zurückgekehrten

3.2 Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge - „Die Legende dessen, der nicht geliebt werden wollte“

3.2.1 Die Handlungsstruktur des Romans

3.2.2 Die Legende vom verlorenen Sohn

3.2.2.1 Der Weg des Sohnes

3.2.2.2 Die Heimkehr des Sohnes

3.3 Franz Kafka: Heimkehr - Die verfehlte Heimkehr

3.3.1 Struktureller Aufbau der Erzählung

3.3.2 Die vollständige Entfremdung

3.4 Robert Walser: Die Geschichte vom verlorenen Sohn - Der Bruder des verlorenen Sohnes

3.4.1 Form und Aufbau der Erzählung

3.4.1.1 Die gegensätzlichen Söhne

3.4.1.2 Der Wechsel der Perspektive: Der „wahrlich Unzufriedene“

3.4.2 Der Umkehrschluss

4 Schlussbetrachtung

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht komparativ, wie das biblische Motiv des verlorenen Sohnes in der europäischen Literatur des 20. Jahrhunderts von André Gide, Rainer Maria Rilke, Franz Kafka und Robert Walser neu interpretiert wurde, um den Fokus auf individuelle psychologische und existenzielle Fragestellungen statt auf religiöse Dogmen zu verschieben.

  • Säkularisierung und Umdeutung des biblischen Prätextes im 20. Jahrhundert
  • Die Rolle der Ich-Suche und Selbstverwirklichung in der Moderne
  • Analyse der intertextuellen Bezüge und Abweichungen zum Lukas-Evangelium
  • Darstellung von Vater-Sohn-Verhältnissen und existenziellem Unbehaustsein
  • Verschiebung der narrativen Perspektiven auf den verlorenen Sohn oder den verbliebenen Bruder

Auszug aus dem Buch

3.1.1.2 Der verlorene Sohn

Der Text beginnt mit der auktorialen Erzählung vom verlorenen Sohn. Der Leser wird unmittelbar in die Handlung hineinversetzt, in welcher der Sohn rückblickend und Zukünftiges wünschend den Entschluss fasst, nach Hause zurückzukehren. Der Entschluss resultiert aus der eigenen Feststellung, dass er das Glück nicht gefunden habe. Damit wird die beschlossene Heimkehr zum Eingeständnis des Versagens. Entgegen dem Sohn der biblischen Parabel, der weiß, dass er seine Sohnschaft durch die Auszahlung des väterlichen Vermögens verloren hat und nur noch eine Anstellung als Knecht auf dem väterlichen Hof für möglich hält, spekuliert der Sohn in Gides Erzählung auf die väterliche Gnade. Er ist sich seiner Legitimation vollends bewusst: „er schämt sich für seine Scham, im Bewusstsein, der rechtmäßige Sohn zu sein, …“ (486)

Seine Rückkehr folgt dem Text des Lukasevangeliums. Gide erweitert die lukanische Vorlage um einen bellenden Hund und dem Sohn entgegen schlagendes Misstrauen der Leute am Hof; so wird deutlich, dass der Sohn lange Zeit fort war. In der Beschreibung der Wiederbegegnung zwischen Vater und Sohn bleibt Gide eng an der Überlieferung. Doch der Vater geht seinem Sohn nicht entgegen, sondern verharrt in statuarischer Haltung und wartet darauf, dass der Sohn, den er sofort erkannt hat, ihm entgegen kommt. Was Gide jetzt einführt, soll in Rilkes Neufassung des verlorenen Sohnes im letzten Fragment der Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge kulminieren: Gide lässt den verlorenen Sohn vor dem Vater niederknien und die Arme um Vergebung flehend empor heben. Sein Sündenbekenntnis, das Verzeihen des Vaters, das Fest und die Einwände des älteren Bruders folgen sinngemäß der lukanischen Geschichte. In Gides Fassung verkörpert der Vater die Liebe, der ältere Bruder die Ordnung. Damit ist das Figurenpersonal des Gleichnisses erschöpft, mit der Heimkehr schließt es, bei Gide aber ist die Heimkehr des Sohnes nur Einleitung zur Auseinandersetzung mit der Familie.

Zusammenfassung der Kapitel

1 Einleitung: Vorstellung des Themas und der vier ausgewählten literarischen Variationen sowie Erläuterung der pragmatischen Auswahlbegründung.

2 Das Gleichnis vom verlorenen Sohn, Lukas 15: 11-32: Analyse der biblischen Vorlage hinsichtlich ihrer Funktion, Struktur und exegetischen Bedeutung als Grundlage für den Vergleich.

3 Das Gleichnis vom verlorenen Sohn in der Literatur des 20. Jahrhunderts: Untersuchung der verschiedenen literarischen Adaptionen bei Gide, Rilke, Kafka und Walser, wobei die jeweils spezifische Modernisierung und Umwertung des Stoffes analysiert wird.

4 Schlussbetrachtung: Synthese der Ergebnisse über die schrittweise Modernisierung und Säkularisierung des Motivs und die daraus resultierende Bedeutung für das Identitätsverständnis im 20. Jahrhundert.

Schlüsselwörter

Verlorener Sohn, Bibelrezeption, Literaturwissenschaft, Säkularisierung, André Gide, Rainer Maria Rilke, Franz Kafka, Robert Walser, Moderne, Identitätssuche, Parabel, Existenzialismus, Vater-Sohn-Verhältnis, Intertextualität

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?

Die Arbeit untersucht, wie das Gleichnis vom verlorenen Sohn als biblischer Prätext in der europäischen Literatur des 20. Jahrhunderts adaptiert und durch moderne Autoren umgedeutet wurde.

Welche Autoren und Werke stehen im Mittelpunkt?

Analysiert werden "Die Rückkehr des verlorenen Sohnes" von André Gide, die Legende am Ende der "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" von Rainer Maria Rilke, "Heimkehr" von Franz Kafka und "Die Geschichte vom verlorenen Sohn" von Robert Walser.

Was ist das primäre Ziel der Analyse?

Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die Autoren das biblische Motiv von einer religiösen Lehrgeschichte in eine säkulare Auseinandersetzung mit individueller Identität und gesellschaftlicher Ordnung transformieren.

Welche methodische Vorgehensweise wurde gewählt?

Es erfolgt eine textanalytische Untersuchung, die zunächst das biblische Gleichnis analysiert und anschließend die vier literarischen Werke komparativ hinsichtlich Struktur, Figurenkonstellation und Motivik vergleicht.

Was sind die wesentlichen Inhalte des Hauptteils?

Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der Analyse der vier Autoren, wobei jeder Autor in einem eigenen Unterkapitel hinsichtlich seiner spezifischen Transformation des Stoffes betrachtet wird.

Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?

Wichtige Begriffe sind Säkularisierung, Existenzialismus, intertextuelle Bezüge, Identitätssuche, Entfremdung und die Umdeutung von Autoritätsstrukturen wie dem "Vaterhaus".

Welche besondere Bedeutung hat der "ältere Bruder" bei Robert Walser?

Bei Walser rückt der daheimgebliebene Bruder ins Zentrum. Er wird als der eigentlich Verlorene dargestellt, der an seiner eigenen Rechtschaffenheit und Unfähigkeit zum Aufbruch leidet, wodurch das traditionelle Modell ironisch umgekehrt wird.

Was unterscheidet Kafkas "Heimkehr" von der biblischen Geschichte?

Kafkas Erzählung wird als "verfehlte Heimkehr" beschrieben, bei der es zu keinem freudigen Wiedersehen kommt, sondern der Sohn entfremdet vor der Tür bleibt und das "Ankommen" ins Leere läuft.

Wie unterscheidet sich Rilkes verlorener Sohn von dem der Bibel?

Rilkes Figur möchte gerade nicht geliebt werden, da er Liebe als Fessel empfindet; er sucht nicht die Gnade des Vaters, sondern reift durch eine "stille, ziellose Arbeit" zur Individualität heran.

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Details

Title
Die biblische Geschichte vom verlorenen Sohn in der europäischen Literatur des 20. Jahrhunderts
Subtitle
Ausgewählte Beispiele
College
Technical University of Berlin  (Institut für Literaturwissenschaften)
Grade
1,0
Author
Magistra Artium Melanie Finck (Author)
Publication Year
2006
Pages
83
Catalog Number
V63667
ISBN (eBook)
9783638566650
ISBN (Book)
9783638669481
Language
German
Tags
Geschichte Sohn Literatur Jahrhunderts Beispiele
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Magistra Artium Melanie Finck (Author), 2006, Die biblische Geschichte vom verlorenen Sohn in der europäischen Literatur des 20. Jahrhunderts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63667
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