Goethes Roman "Die Wahlverwandtschaften" im Urteil seiner Zeitgenossen


Seminararbeit, 2004

15 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Roman im Widerstreit der zeitgenössischen Urteile und die sie leitenden Leserperspektiven
2.1 Die positive Aufnahme: Rudolf Abeken
2.2 Die zustimmend, korrigierende Haltung: Johann Friedrich Rochlitz
2.3 Die kritische Distanz: Christoph Martin Wieland

3. Reaktionen Goethes auf seine Kritiker

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Am 9. Oktober 1809 hält Goethe in Weimar das erste gedruckte Exemplar seines Romans Die Wahlverwandtschaften in den Händen. Bereits vor dessen Fertigstellung hatte der Autor Teile des Werkes Freunden und Bekannten zur Begutachtung übersandt.1 Mit der Veröffentlichung setzt nun eine ausführliche und kritische Auseinandersetzung mit dem Roman ein, die bis in die Gegenwart anhält.

Die vorliegende Hausarbeit konzentriert sich auf die unmittelbare Entstehungszeit des Werkes. Sie verfolgt dabei eine dreifache Zielsetzung.

Zum einen möchte sie darstellen, wie Die Wahlverwandtschaften von den Zeitgenossen Goethes aufgenommen und beurteilt wurden.

Des weiteren ist es interessant nachzuforschen, aus welcher Perspektive die Rezensenten das Werk betrachtet haben.

Der dritte Komplex befasst sich schließlich mit der Fragestellung, wie Goethe auf seine Kritiker reagiert hat.

Aus arbeitsökonomischen Gründen, die aber auch in der Sache begründbar sind, muss eine Reduzierung der zu analysierenden Texte vorgenommen werden.

So gibt es eine Vielzahl von Äußerungen zu Goethes Roman, die sehr kurz und somit wenig ergiebig sind. Die vorliegende Arbeit greift daher auf ausführlichere Rezensionen zurück.

Das Analysematerial soll exemplarischen Charakter haben. Daher werden drei Stellungnahmen untersucht, die das Spektrum von einer überwiegend positiven, über eine kritisch abwägende bis hin zu einer eher distanzierten Haltung abdecken.

Schließlich gilt es Quellen heranzuziehen, die, entsprechend der o.a. Zielsetzung, auch Goethe bekannt waren und mit denen er sich auseinandergesetzt hat.

Die zu analysierenden Texte stammen aus einer sehr akribischen Sammlung aller Äußerungen des Dichters über seine poetischen Werke. Es ist davon auszugehen, dass der Autor, Hans Gerhard Gräf, wissenschaftlich korrekt gearbeitet hat.2

2. Der Roman Die Wahlverwandtschaften im Widerstreit der zeitgenössischen Urteile und die sie leitenden Leserperspektiven

2.1 Die positive Aufnahme: Bernhard Rudolf Abeken

Eine der ersten ausführlicheren Beurteilungen der Wahlverwandtschaften stammt von Bernhard Rudolf Abeken (1780-1866).3

Er studierte zuerst Theologie in Jena. Die Bekanntschaft mit verschiedenen Dichtern führte dazu, dass er „allmählich von seinem gewählten Beruf abgezogen [wurde], zumal als er bei seinem für Poesie und Geist so empfänglichen Geiste schon in früher Jugend sich sehr fleißig mit neuerer Litteratur beschäftigt hatte.“4

1802 zog er nach Berlin und wurde Hauslehrer beim Minister von der Recke. Von 1808 bis 1810 lebte er in Weimar als Erzieher der Kinder Schillers. Nach einem mehrjährigen Aufenthalt als Konrektor am Gymnasium in Rudolfstadt kehrte er nach Osnabrück zurück. Bis zu seiner Pensionierung 1863 leitet er dort das Rathsgymnasium.

Abeken veröffentlichte mehrere Schriften, u.a. `Ein Stück aus Goethe`s Leben` (1848) und `Goethe in den Jahren 1771-1775` (1861).

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Der vorliegende Text5 ist zuerst ohne Namenskennzeichnung erschienen. Als eine mögliche Begründung für die gewählte Anonymität kann der Hinweis von Gräf angesehen werden, dass Abeken die `Fragmente aus einem Brief` ursprünglich als vertrauliche Mitteilung an einen seiner Freund aufgefasst hatte, der dann diese Texte anonym veröffentlichen ließ.6

Der Autor wendet sich zuerst dem Thema der Wahlverwandtschaften zu. Die ewig gleichen Gesetze, die die Natur beherrschen, gelten auch für die Menschen. So wie die Natur mittels einer gesteigerten Kraft leblose Stoffe zueinander zwingt, so werden auch Menschen zueinander geführt. Bestimmend für die Menschen ist,

„dass etwas in ihrem Inneren liegt, [...] was vielleicht einer höheren Welt angehört. – Das sind die heiligen hohen Gedanken, die im tiefsten Grunde der Seele entspringen, welche der Mensch mit freier Gewalt festhält, die ihm ewig vorschweben als höchste Muster, als Sitte, als unveränderliches Gebot.“7

Der irdische Werdegang kann allerdings mit dieser ewigen Gesetzmäßigkeit in Konflikt geraten. „Das ist das tragische Prinzip, das [im Roman] herrscht, und das unwiderstehlich uns ergreift und die Menschheit in uns erschüttert.“8

Im Folgenden beschäftigt sich Abeken in erster Linie mit den Personen des Romans, wobei besonders Ottilie sein Interesse erregt. Ihre Beziehung zu Eduard ist nicht geprägt „von bewusster Leidenschaft, sie wird vom Schicksal hingerissen, und findet sich von einem Strome gefasst, ehe sie weiss, dass sie hineingerathen ist.“9

Anders Eduard. Seine Hinwendung zu Ottilie ist Leidenschaft, gepaart mit Bewusstsein.

Damit nun der Konflikt, der sich aus dieser personalen Konstellation mit den ewigen Gesetzen ergibt, nicht eskaliert, wird er eingebunden in eine „ruhige Weisheit,[...] nüchterne Mäßigung, die alles lenkt und alles ordnet, wodurch das Werk ein vollendetes, selbstständiges Ganzes wird, das sich selbst trägt und erhält.“10

Diese Qualität erhält der Roman in erster Linie durch das Wesen Ottilies. Abeken sieht sie einerseits als unschuldiges Opfer des Schicksals. „Sie wird fortgerissen von ihrem Geschicke und ist, ohne Schuld, einer fremden Macht anheimgefallen.“11 Ein zweiter, entscheidender Aspekt tritt nun aber hinzu. Sie ist zwar „der Naturnotwendigkeit unterworfen“12, es gelingt ihr aber „sich über diese Naturnotwendigkeiten in ihrem festen Anhalten an die heiligen Gedanken“13 frei zu erheben.

Interessant ist dabei das Attribut `heilig`; Abeken erhebt Ottilie in den Rang einer Heiligen.

„Wir nennen diejenigen Heilige, die durch ihre Tugend die niedere Welt überwinden, und als Heilige thut sich Ottilie uns kund in ihrem Scheiden, und der Himmel selbstverklärt sie, und umgibt sie mit dem heiligen Schein, da sie wundertätig wirkt und den Sterblichen Trost und Genesung in ihrer Nähe zu Theil wird.“14

Ihre Heiligkeit zeigt sich nach Abeken besonders in Ihrem Tod. Ihren Suizid verklärt er als Buße.

[...]


1 Vgl: Hans Gerhard Gräf: Goethe über seine Dichtungen. Versuch einer Sammlung aller Äußerungen des Dichters über seine poetischen Werke. T.1: Die epischen Dichtungen. Bd. 1. Repr. Darmstadt 1968. S. 362-488.

2 Vgl. dazu auch das Vorwort in ebd., S. V-XII.

3 Zu den folgenden biographischen Daten siehe: Bernhard Rudolf Abeken. In: Elektronische Allgemeine Deutsche Biographie (Hg.). Online im Internet unter < http://mdz.bib-bvb.de/digbib/lexika/adb/images/ad001/@ebt-link?target=idmatch(entityref,adb0010024)>, aufgerufen am 29.08.2004, S. 8.

4 Ebd., S. 8.

5 Bernhard Rudolf Abeken: Ueber Goethes Wahlverwandtschaften. Fragmente aus einem Briefe. In: Gräf (Hg.): Goethe über seine Dichtungen, S. 438-447.

6 Ebd., S. 438.

7 Ebd., S. 439.

8 Ebd., S. 440.

9 Ebd., S. 440.

10 Ebd., S. 441.

11 Ebd., S. 443.

12 Ebd., S. 445.

13 Ebd., S. 445.

14 Ebd., S. 445.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Goethes Roman "Die Wahlverwandtschaften" im Urteil seiner Zeitgenossen
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
15
Katalognummer
V63728
ISBN (eBook)
9783638567046
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goethes, Roman, Wahlverwandtschaften, Urteil, Zeitgenossen
Arbeit zitieren
Sabrina Sieprath (Autor), 2004, Goethes Roman "Die Wahlverwandtschaften" im Urteil seiner Zeitgenossen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63728

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