Erklärungsversuche für die Christianisierung der Oberschicht im 4. Jahrhundert


Seminararbeit, 1997

18 Seiten, Note: 3,1


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

I Einleitung

II Das Christentum und die heidnischen Kulte vor dem 4. Jahrhundert

III Vorstellung der Motive
III. 1 Privat-religiöse Motivation und ihre begrenzte Aussagekraft
III. 2 Gesellschaftliche Umstrukturierung und ihre Auswirkungen auf die Motivation zur Konversion
III. 3 Bedeutung der Bekehrung Konstantins zur Konversion der Oberschicht
III. 4 Der Senat in Konstantinopel - der Senat der Christen
III. 5 Die Rolle der Frauen
III. 6 Weitere Erklärungen für Motive zur Konversion
III. 7 Motive gegen die Konversion zum Christentum

IV Zusammenfassung mit Schlußwort und Ausblick

V Bibliographie

I Einleitung

Im Zuge der Christianisierung des römischen Reiches in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt blieb keine gesellschaftliche Schicht des Imperiums von Konversionen zu dem „neuen“ Glauben aus Galiläa ausgeschlossen.[1] So wurde nach und nach, in einem sehr langwierigen Prozeß auch die Elite des Reiches, die adelige Senatorenschicht, christianisiert.

In dieser Arbeit soll nun versucht werden, diese Entwicklung zu erklären und Gründe aufzuzeigen, die für die Angehörigen der Oberschicht Motivation gewesen sein mögen zum Christentum zu konvertieren. Gleichzeitig können somit auch die Gründe für ein Verbleiben eines großen Teils der Oberschicht in den heidnischen Kulten der Antike angeführt werden.

Erklärungsversuche für die Christianisierung der Oberschicht des römischen Reiches im 4. Jahrhundert plausibel und fundiert zu erbringen, ist in mehrfacher Hinsicht nicht einfach zu leisten. Einerseits ist die Quellenlage relativ wenig umfassend, andererseits sind die uns erhaltenen Quellen (Epigraphiken, Ikonographien, Briefe, Gesetzestexte, u.v.m.) nicht unbedingt repräsentativ weil nicht gewährleistet werden kann, daß uns sämtliche, einst existierende Quellen erhalten geblieben sind. Darüber hinaus muß davon ausgegangen werden, daß die meisten Quellen in irgendeiner Weise beeinflußt sind und somit unter Umständen nicht wahrheitsgemäß Zeugnis geben.[2] Ein weiters Problem, das sich bei der Annäherung an dieses Thema eröffnet, ist die Tatsache, daß eine Konversion von einem Glauben zu einem anderen häufig eine äußerst private Angelegenheit zu sein scheint, das nicht dokumentiert wird. Wir können daher oftmals nur vermuten, was die Motivation des Einzelnen gewesen sein mag sich zum Christentum zu bekennen.

Der Forschungsstand in der Fachliteratur zu diesem Thema ist verhältnismäßig umfassend. Auf Sekundärliteratur basierend mußte eine Auswahl getroffen werden, deren Ergebnis nach Bearbeitung derselben ein recht unterschiedliches Bild in der

Beurteilung des Themas ergab. Es empfahl sich daher die verschiedenen Motivationsdarstellungen und ihre Erklärungen in einzelne Kapitel einzuteilen, um ein adäquat zusammenfassendes Bild des gegenwärtigen Forschungsstandes zu präsentieren.

Die Frage, die sich hierbei stellte, ist die, inwiefern von einem gewissen Hauptmotiv für den Großteil der konvertierten Senatoren und ihrer Familien gesprochen werden darf.

II Das Christentum und die heidnischen Kulte vor dem 4. Jahrhundert

In den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt kann das Christentum nicht anders bezeichnet werden als eine kleine, aber sich immer mehr verbreitende Sekte,[3] die für die Zeitgenossen vor allem wegen ihres Monotheismus stark dem damals recht verbreiteten Judentum ähnelte.[4] Das Chrt. war einer von vielen Kulten oder Religionen, die es im römischen Reich gab, die meisten davon waren politheistisch; eine Staatsreligion im heutigen Sinne existierte nicht.[5] Gut organisiert[6] verbreitete sich das Chrt. besonders im Osten des Reiches in den mittleren und unteren städtischen Gesellschaftsschichten.[7] Durch seine Kompromißlosigkeit und unbedingte Hingabe zu seinem Glauben setzte es sich auch gesellschaftlich von den übrigen Kulten ab.[8] In zunehmendem Maße konnte es als eine Bedrohung für die bestehende Ordnung angesehen werden.[9] Dies äußerte sich in Progomen und Verfolgungen, die besonders in der 2. Hälfte des 3. Jhr. gegen das Chrt. auftraten.[10] Zusätzlich wurde das Chrt. durch Abspaltungen und ideologischen Diskussionen geschwächt.[11] Nichtsdestotrotz wuchs seine Anhängerschaft langsam. Selbst in den elitären Senatorenkreisen werden im 3. Jhr. Christen vermutet, da Kaiser Valerian im Jahre 257 unter Strafe verbot, daß Senatoren zum christlichen Glauben übertraten.[12]

Der Paganismus blieb jedoch in allen Schichten majorisierend. Für das Jahr 312 wird angenommen, daß nur ca. 10% der Bevölkerung des gesamten Reiches Christen waren.[13] Zu erklären ist diese Zahl vielleicht dadurch, daß „we must not forget that Christianity was in its early days a vulgar religion“[14], wie Jones es formulierte.

III Vorstellung der Motive

III. 1 Privat-religiöse Motivation und ihre begrenzte Aussagekraft

Einige Historiker wie Bardy, Cumont oder Nock, die sich mit dem Thema der Christianisierung auseinandergesetzt haben, sind der Überzeugung, daß die private, religiöse, also gläubige Neuorientierung des Einzelnen die ausschlaggebende Motivation für die Konversion zum Chrt. gewesen sei.[15] Dies gelte für alle Schichten der Gesellschaft, also auch für die Anghörigen der Oberschicht.

Eine bewußte Neuorientierung zum Chrt. setzt in diesem Zusammenhang voraus, daß die Missionierung der frühkatholischen Kirche sehr erfolgreich gewesen ist und wirft die Frage auf, worauf dieser Erfolg zurückzuführen sein mag.[16]

Es kann heute nicht mit Sicherheit gesagt werden ob nun die Jenseitstheorie, die immer wieder neuentstehenden Erzählungen von christlichen Wundern, der einzig im Chrt. betriebene Exorzismus, das Gefühl der Zusammengehörigkeit in der christlichen Gemeinde, die ausgeprägte Wohltätigkeit der Christen, die Lehren der Bibel, die aufkommende asketische Lebensweise der Christen oder die Tatsache, daß das Chrt. den übrigen Kulten gegenüber eine wirkliche Religion war[17], den Einzelnen zu einer Konversion bewogen haben mag oder nicht. Insbesondere deshalb nicht, da für diese Art von Motivation die entsprechenden Quellen fehlen. Und niemandem ist es möglich, nach 1500 Jahren zu beurteilen, inwieweit der einzelne Konvertierte tatsächlich aus Überzeugung heraus seinen alten Glauben hinter sich gelassen hat oder nicht. Ein Versuch dieses Motiv zu untersuchen würde nur zu nicht repräsentativen Ergebnissen führen.

Allgemein wird heute allerdings davon ausgegangen, daß die Konversionen, die in der Zeit vor dem und Anfang des 4. Jhr. stattgefunden haben durchaus in dem Bewußtsein standen, daß der alte Glaube „falsch“ ist und der neue der „richtige“[18] sei, da die im Folgenden vorgestellten Motivationsgrundlagen zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorhanden waren.

[...]


[1] Vgl. A.H.M. Jones: The Social Background of the Struggle between Paganism and Christianity;

in: A. Momigliano (Hrsg.):Paganism and Christianity in the Fouth Century, Oxford 1963, S. 17.

[2] Dies vor allem vor dem Hintergrund, daß Europa seit dieser Zeit mehr als 1500 Jahre christlich geprägt ist und auch die Geschichtsschreibung christlich beeinflußt ist; wir betrachten
sozusagen die Entwicklung nur von der „Siegerseite“ aus; vgl. M.R. Salzman: How the West
was won: The Christianization of the Roman Aristocracy in the West in the Years after
Constantine; in: Studies in Latin Literature and Roman History, Band VI, Bruxelles 1992,
S.455.

[3] Vgl. A.H.M. Jones: Der soziale Hintergrund des Kampfes zwischen Heidentum und
Christentum; in: R. Klein (Hrsg.): Das frühe Christentum und der römische Staat. Wege der
Forschung, Band CCCXVII, Darmstadt 1971,S. 363.

[4] Vgl. D. Praet: Explaining the Christianization of the Roman Empire. Older Theories and
Recent Developments; in: SEJG (1992/93), S. 6; S. 11.

[5] Vgl. D.Praet: ibid.; S.11.

[6] Vgl. A.H.M. Jones: The Decline and Fall of the Roman Empire, London 1984, S.265.

[7] Vgl. D.Praet: Explaining the Christianization of the Roman Empire. Older Theories and
Recent Developments; in: SEJG (1992/93), S. 12ff, 72. & vgl. A.H.M. Jones: The Social
Background of the Struggle between Paganism and Christianity; in: A. Momigliano (Hrsg.):
Paganism and Christianity in the Fourth Century, Oxford 1963, S. 17.

[8] Vgl. A.H.M. Jones: The Social Background of the Struggle between Paganism and Christianity;
in: A. Momigliano (Hrsg.): Paganism and Christianity in the Fourth Century, Oxford 1963,S.20

[9] Vgl. R.A. Markus: Christianity in the Roman World, London 1974, S.126.

[10] Vgl. D. Praet Explaining the Christianization of the Roman Empire. Older Theories and
Recent Developments; in: SEJG (1992/93), S. 82; & vgl. P.R.L. Brown: The Rise of Western
Christendom. Triumph and Diversity AD 200-1000, Massachusetts/Oxford 1996, S. 22.

[11] Vgl. R.A. Markus: Christianity in the Roman World, London 1974, S. 105ff.

[12] Vgl. A.H.M. Jones: Der soziale Hintergrund des Kampfes zwischen Heidentum und
Christentum; in: R. Klein (Hrsg.): Das frühe Christentum und der römische Staat. Wege der
Forschung Band CCXVII, Darmstadt 1971, S. 343.

[13] vgl.P:R:L: Brown: The Rise of the Western Christendom. Triumph and Diversity AD 200-1000; Massachusetts/Oxford 1996, S. 24.

[14] Vgl. A.H.M. Jones: The Social Background of the Struggle between Paganism and Christianity;
in: A. Momigliano (Hrsg.): Paganism and Christianity in the Fourth Century, Oxford 1963,
S. 20.

[15] Vgl. D. Praet: Explaining the Christianization of the Roman Empire; in: SEJG(1992/93), S. 8f.

[16] Diese Frage kann im Rahmen dieser Arbeit nicht verfolgt werden.

[17] d.h., die heidnischen Kulte waren mehr ritualisierte Traditionen als wahre Bekenntnisse; sie
schrieben ihren Anhängern keine Regeln für eine gewisse Lebensweise vor wie es das Chrt, tat;
vgl. D.Praet: ibid., S. 8.

[18] Vgl.D. Praet: ibid., S. 8, 11; & vgl. M.R. Salzman: How the West was won: The
Christianization of the Roman Aristocracy in the Wets in the Years after Constantine; in:
Studies in Latin Literature and Roman Society, Band VI, Bruxelles 1992, S. 452; Laktanz dazu:
„Aber mit vollem Recht, so sagt man, werden diejenigen bestraft, welche die allgemein
anerkannten, von den Vorfahren überlieferten Religionen verabscheuen. Wie? Wenn jene
Vorfahren darin, daß sie nichtige Religionen angenommen haben, so wie wir es früher schon
gezeigt haben, töricht gewesen sind, sollen wir uns dann vorschreiben lassen, daß wir dem
Wahren und Besseren nicht folgen dürfen? (...). Es sei uns doch erlaubt, Vernunft zu besitzen,
erlaubt auch, nach der Wahrheit zu forschen.“; Lactancius: epit. 50,1-2,; in: R. Klein: Das frühe
Christentum bis zum Ende der Verfolgungen. Band 2: Die Christen in der heidnischen
Gesellschaft. Übersetzungen der Texte von P. Guyot, Darmstadt 1994, S. 188f.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Erklärungsversuche für die Christianisierung der Oberschicht im 4. Jahrhundert
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Ambrosius von Mailand und das Verhältnis von Kirche und Staat zu seiner Zeit
Note
3,1
Autor
Jahr
1997
Seiten
18
Katalognummer
V638
ISBN (eBook)
9783638104234
Dateigröße
407 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ambrosius von Mailand; römisches Reich
Arbeit zitieren
Magister Artium Michael Barthels (Autor), 1997, Erklärungsversuche für die Christianisierung der Oberschicht im 4. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/638

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