Die Osterweiterung und die Europawahlen zum neuen Europäischen Parlament haben die Europäische Union (EU) wieder einmal in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt. Die hierzulande niedrige Wahlbeteiligung und die Tatsache, dass viele Bürger die EU als intransparenten und rein ökonomischen Zusammenschluss sehen, hat mich zu der Frage gebracht, wie demokratiefähig die EU überhaupt ist. Herrscht in ihren Entscheidungen nur elitäre Willkür, oder gibt es eine demokratische Legitimationsbasis für die EU?
Dabei sollen zum einen die Organe der EU auf ihre Demokratiefähigkeit hin untersucht werden. Auch im Kontext mit dem neuen Verfassungsentwurf, der zwar von den Mitgliedstaaten noch nicht ratifiziert wurde, aber im Juni diesen Jahres von den Staats- und Regierungschefs verabschiedet wurde. Ein Hauptaugenmerk kommt dabei der Frage zu, in wie weit eventuell heute schon eine ausreichende Demokratiefähigkeit vorliegt, oder ob die EU unter einem demokratischen Defizit leidet. Zum anderen wird auch das Vorhandensein eines europäischen Demos genauer untersucht. Ist dieses bereits vorhanden oder vollausgebildet? Oder ist ein Demos auf europäischer Ebene gar nicht möglich?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Aufbau und Struktur der EU
2.1 Europäischer Rat (ER)
2.2 Europäisches Parlament (EP)
2.3 Rat der Europäischen Union (Rat) / Ministerrat
2.4 Europäische Kommission (EK)
3. Demokratische Legitimation der EU
3.1 Input- / Outputlegitimierung
3.2 Legitimation durch Verfahren
3.2.1 Der Ministerrat
3.2.2 Das Europäische Parlament
3.2.3 „Demokratie-Dilemma“
4. „Demos“ in der Europäischen Union
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Demokratiefähigkeit der Europäischen Union vor dem Hintergrund der supranationalen Struktur und des Fehlens eines klassischen europäischen Volkskörpers. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert dabei, ob die EU trotz ihres institutionellen Aufbaus unter einem demokratischen Defizit leidet oder ob alternative Legitimationsmodelle wie die Input- und Outputlegitimierung sowie verfahrensbasierte Mechanismen eine ausreichende demokratische Basis schaffen.
- Analyse der institutionellen Struktur der EU und deren Funktionsweise.
- Untersuchung der demokratischen Legitimation durch Input- und Output-Kriterien.
- Diskussion des „Demokratie-Dilemmas“ im Kontext der Sitzverteilung im Parlament.
- Reflexion über die Existenz und Bildbarkeit eines europäischen „Demos“.
- Vergleich der Identitätsbildung zwischen Nationalstaat und europäischer Union.
Auszug aus dem Buch
3.2.3 „Demokratie-Dilemma“
Die Ungleichheit der Stimmen der jeweiligen EU-Bürger ist sogar Bestandteil von Artikel 19 Absatz 2 des Verfassungsentwurfes, in dem es heißt: „Die europäischen Bürgerinnen und Bürger sind im Europäischen Parlament degressiv proportional, mindestens jedoch mit vier Mitgliedern je Mitgliedstaat vertreten.“
Diese Aussage spiegelt sich auch im Verhältnis von Bevölkerungs- und Abgeordnetenzahl wider: So vertrat ein luxemburgischer Europaabgeordneter 1994 rd. 37.000 Wahlberechtigte, während sein deutscher Kollege rund 610.000 Wähler vertrat. Würde das Europäische Parlament die Gleichgewichtung der unterschiedlichen Wählerstimmen berücksichtigen wollen, so würde dies zur Konsequenz haben, dass ein unüberschaubares Parlament entstünde, dessen Handlungsfähigkeit aufgrund der Größe sicherlich sehr eingeschränkt wäre. Die Staats- und Regierungschefs haben also den neuen Verfassungsentwurf ganz bewusst mit diesem Proporz ausgestattet, der die „kleinen“ Staaten übervorteilt.
Es wird auch nicht die Repräsentationsfähigkeit des Parlaments in Frage gestellt, da es zum Wesen eines Repräsentanten gehört, dass er beliebig viele Bürger repräsentieren kann. Auch im als demokratisch legitimiert anerkannten amerikanischen 2 Kammernsystem ist diese Ungleichgewichtung von Wählern zu Repräsentanten zu erkennen (vgl. Steffani, 1995, S. 41). Dieser Kompromiss zwischen dem bundesstaatlich-demokratischen Prinzip der Proportionalität auf der einen Seite – bei dem die Mandatszahl direkt von der Bevölkerungszahl abhängt – und dem Prinzip der Staatengleichheit – bei dem allen Mitgliedstaaten die gleiche Anzahl von Abgeordneten zustehen – hebt lediglich den unterschiedlichen Erfolgswert der Wählerstimmen in den Mitgliedstaaten hervor.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Demokratiefähigkeit der EU ein und stellt die Relevanz der Untersuchung im Kontext von Wahlbeteiligung und supranationaler Organisation dar.
2. Aufbau und Struktur der EU: Das Kapitel liefert einen Überblick über die wesentlichen Institutionen der EU und deren funktionale Ausgestaltung ohne detaillierte historische Herleitung.
3. Demokratische Legitimation der EU: Hier werden theoretische Ansätze wie Input- und Output-Legitimation sowie die verfahrensbasierte Legitimation der EU-Organe kritisch beleuchtet.
4. „Demos“ in der Europäischen Union: Dieser Teil analysiert die Identitätsfrage und die Voraussetzungen für die Bildung eines europäischen Demos jenseits nationaler Grenzen.
5. Fazit: Die Schlussbetrachtung fasst zusammen, dass die Institutionen der EU trotz struktureller Eigenheiten ausreichend legitimiert sind und die Herrschaftslegitimation auf gemeinsamen Werten basiert.
Schlüsselwörter
Europäische Union, Demokratiefähigkeit, Demokratisches Defizit, Europäisches Parlament, Ministerrat, Europäische Kommission, Legitimation, Input-Legitimierung, Output-Legitimierung, Demokratie-Dilemma, Demos, Europäische Identität, Verfassungsentwurf, Supranationalität, Politische Repräsentation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht, wie demokratiefähig die Europäische Union ist und ob sie trotz ihrer supranationalen Struktur eine ausreichende Legitimationsbasis besitzt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf dem Aufbau der EU-Institutionen, den Modellen zur demokratischen Legitimation und der Frage, ob ein europäischer „Demos“ existieren kann.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, das sogenannte „demokratische Defizit“ der EU zu hinterfragen und zu prüfen, inwieweit die bestehenden Strukturen den Anforderungen an eine moderne Demokratie gerecht werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine politikwissenschaftliche Analyse auf Basis demokratietheoretischer Grundlagen, unter Einbeziehung des Verfassungsentwurfs und empirischer Daten zu Wähleridentifikationen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Kompetenzen der EU-Organe, wendet Input- und Output-Modelle an und diskutiert das Spannungsfeld zwischen nationalstaatlicher Identität und supranationaler Integration.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Besonders prägend sind die Begriffe Demokratiefähigkeit, Legitimation, Demos, degressive Proportionalität und Europäische Integration.
Was versteht die Arbeit unter dem „Demokratie-Dilemma“?
Der Begriff beschreibt die Ungleichheit der Wählerstimmen bei Europawahlen, bei denen Bürger kleinerer Staaten mathematisch stärker repräsentiert sind als Bürger bevölkerungsreicherer Staaten.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Europäischen Parlaments?
Der Autor sieht das Parlament als direkt gewähltes Organ, das zwar in seiner Gesetzgebungsmacht begrenzt ist, aber über substanzielle Kontrollrechte verfügt, die denen nationaler Parlamente nahekommen.
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- Benjamin Behrens (Author), 2004, Demokratie und Demokratiefähigkeit in der EU, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63815