In der folgenden Arbeit soll Karl Heinz Bohrers „Ästhetik des Schreckens“ erläutert und auf ihre Fruchtbarkeit hinsichtlich der griechischen Tragödie überprüft werden.
Da sich Bohrers ästhetische Theorie hauptsächlich auf die Literatur der Moderne bezieht, werde ich im ersten Teil versuchen, einige grundsätzliche Überlegungen und Thesen Bohrers, stark verkürzt und notgedrungen vereinfacht, vorzustellen. Dies soll zum Verständnis von Bohrers Tragödieninterpretation beitragen, sie in den Gesamtzusammenhang seines literaturtheoretischen Schaffens einordnen. Als Grundlage dienten mir hierbei Bohrers Schriften „Die Ästhetik des Schreckens: die pessimistische Romantik und Ernst Jüngers Frühwerk“ und „Plötzlichkeit: zum Augenblick des ästhetischen Scheins“. Insbesondere aus Bohrers ästhetischer Interpretation des Jüngerschen Frühwerks ergeben sich einige interessante und brauchbare Einsichten in sein anti-aristotelisches Kunstverständnis.
Im Anschluss soll dargestellt werden, wie und mit welcher Begründung Bohrer die Kategorien seiner Theorie des modernen Schreckens in seinem Buch „Das absolute Präsens: die Semantik ästhetischer Zeit“ auf die griechische Tragödie überträgt. Ein zentrales Moment wird hier Nietzsches Konzept des Dionysischen zukommen, auf das sich Bohrer immer wieder bezieht und das in seiner Ästhetik ein verbindendes Element zwischen Antike und Moderne darstellt. Der Hauptteil wird sich mit Bohrers Interpretation von Aischylos’ Tragödie „Agamemnon“ befassen, deren schreckliche Motive er exemplarisch für die griechische Tragödie im Sinne seiner Theorie deutet. Es soll versucht werden, Bohrers Vorgehensweise nachzuvollziehen und zu kommentieren, um, im Anschluss daran, festzustellen, wie schlüssig und fruchtbar Bohrers Lesart der antiken Tragödie ist.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 2. Karl Heinz Bohrers Ästhetik des Schreckens
2.1 Das Schöne und das Gute
2.2 Der moderne Schrecken
2.3 Plötzlichkeit
2.4 Das Dionysische
3 Die Ästhetik des Schreckens in der griechischen Tragödie
3.1 Der Schrecken als Urmotiv der Tragödie
3.2 Erwartungsangst
3.3 Erscheinungsschrecken
4 Erscheinungsschrecken und Erwartungsangst in Aischylos’ „Agamemnon“
4.1 Die Wächterszene
4.2 Die Erzählung des Chors vom Opferritual der Iphigeneia
4.3 Die Szene des roten Teppichs
4.4 Kassandras Prophetien
5 Zusammenfassung
6 Evaluation
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Anwendbarkeit von Karl Heinz Bohrers „Ästhetik des Schreckens“ auf die griechische Tragödie, insbesondere am Beispiel von Aischylos’ „Agamemnon“, um zu prüfen, ob der Schrecken als autonomes ästhetisches Prinzip die tragische Katharsis als zentrales Element ablösen kann.
- Kritische Auseinandersetzung mit Bohrers literaturtheoretischen Grundbegriffen
- Analyse der Transformation des Schreckens von der Moderne zur Antike
- Untersuchung der Kategorien „Erwartungsangst“ und „Erscheinungsschrecken“
- Interpretation sprachlich-metaphorischer Ausdrucksformen im „Agamemnon“
- Diskussion des Verhältnisses zwischen Ästhetik, Ethik und tragischer Handlung
Auszug aus dem Buch
4.1 Die Wächterszene
Bereits in dieser Szene, die am Anfang der „Orestie“ steht, bereiten erste widersprüchliche Gesten den Horizont der unheimlichen Erwartung vor.
Dem hoffnungsvollen Element der Erwartung des Zeichens, das den Sieg über Troja verkündet, steht die Angst des Wächters vor dem Schlaf gegenüber. Zwar ist die objektive Motivation dieser Beunruhigung harmlos. Dennoch eröffnet diese erste Erwähnung des phobos die Klage über den beunruhigenden Zustand der Herrschaft. „So wein und seufz ich um des Hauses Ungemach / Des trefflich nicht, wie ehedem, verwalteten. / Nun werde glücklich mir Erlösung von der Pein / Durch Feuer in der Finsternis, das Heil verheißt“ (Z 18 – 21). Der Palast der Atriden wird hier bereits mit „Ungemach“ in Verbindung gebracht. Diese negative Konnotation potenziert sich im Verlauf des Stücks, wie wir noch sehen werden.
Auch die euphorische Aufnahme des Lichtzeichens scheint vor allem den intensiven Wunsch nach dem Ende der unheilvollen Herrschaft auszudrücken. Das deutet auch die darauf folgende Gegenbewegung an: „Vom andern schweige ich. Ein schweres Siegel liegt / Auf meiner Zunge. Wäre Stimme diesem Haus vergönnt, / Klar spräch es selber. Ich mit Willen, rede nur / Vor Wissenden. Vor Ahnungslosen weiß ich nichts.“ (Z. 36 – 39). Dieses Schweigen, sprachlicher Gestus der Rätselhaftigkeit, verstärkt die Atmosphäre der Bedrohung und lässt das eigentlich positive Zeichen des Lichtes umkippen ins Ambivalente. Im Verlauf der Phase der Erwartungsangst, begegnet uns die Lichtmetapher in immer neuer, doch stets mehrdeutiger Form.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Arbeit erläutert Karl Heinz Bohrers Ästhetik des Schreckens und überprüft deren Fruchtbarkeit für die Analyse der antiken Tragödie.
2 2. Karl Heinz Bohrers Ästhetik des Schreckens: Dieses Kapitel führt in Bohrers theoretisches Konzept ein, das Kunst als autonome Sphäre begreift und das Grauen als ästhetisches Prinzip definiert.
3 Die Ästhetik des Schreckens in der griechischen Tragödie: Hier wird Bohrers Methode auf die griechische Tragödie ausgeweitet, wobei die Begriffe „Erwartungsangst“ und „Erscheinungsschrecken“ als zentrale Konzepte etabliert werden.
4 Erscheinungsschrecken und Erwartungsangst in Aischylos’ „Agamemnon“: In diesem Kapitel wird Bohrers Theorie exemplarisch anhand ausgewählter Szenen aus der Tragödie „Agamemnon“ angewandt und kritisch kommentiert.
5 Zusammenfassung: Die Arbeit resümiert, dass Bohrer eine schlüssige ästhetische Lesart bietet, deren Stärke in der sprachlich-metaphorischen Analyse liegt, die jedoch durch inkonsequente moralische Rückgriffe geschwächt wird.
6 Evaluation: Abschließend wird Bohrers Ästhetik als fruchtbares, wenn auch theoretisch teilweise unterfundiertes Gegenmodell zu klassischen, moralisch-anthropologischen Interpretationen bewertet.
Schlüsselwörter
Karl Heinz Bohrer, Ästhetik des Schreckens, Aischylos, Agamemnon, Erwartungsangst, Erscheinungsschrecken, Metapher, Dionysisches, Tragödie, Literaturtheorie, Moderne, Antike, Rätselhaftigkeit, Ambivalenz, Epiphanie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Übertragbarkeit der literaturtheoretischen Konzepte Karl Heinz Bohrers – spezifisch seine „Ästhetik des Schreckens“ – auf die antike Tragödie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Ästhetik als autonome Sphäre, die Analyse von Metaphern als Ausdrucksform von Grauen sowie das Spannungsverhältnis zwischen ästhetischer Form und moralischem Diskurs.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist zu prüfen, ob Bohrers auf die Moderne zugeschnittene Ästhetik als Instrument zur Deutung antiker Dramen taugt und ob der „Schrecken“ als Urmotiv der Tragödie überzeugender ist als der klassische Katharsis-Begriff.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, die Bohrers theoretische Thesen nachvollzieht, auf das Drama „Agamemnon“ anwendet und die Konsistenz dieser Interpretation kritisch hinterfragt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in Bohrers Begriffe und eine detaillierte Interpretation von Schlüsselszenen im „Agamemnon“, wie der Wächterszene, dem roten Teppich und Kassandras Prophetien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Schlagworte umfassen neben Bohrers Ästhetik vor allem die Begriffe Erwartungsangst, Erscheinungsschrecken, Metaphorik und das Dionysische.
Wie unterscheidet Bohrer laut der Arbeit die Phasen des Schreckens?
Er differenziert zwischen der „Erwartungsangst“, die durch ambivalente sprachliche Zeichen eine Atmosphäre der Bedrohung schafft, und dem „Erscheinungsschrecken“, der den plötzlichen Umschlag in ein schreckliches Ereignis darstellt.
Warum übt der Verfasser Kritik an Bohrers Vorgehensweise?
Der Verfasser kritisiert, dass Bohrer an bestimmten Stellen seine eigene Forderung nach der Autonomie der Kunst vernachlässigt und in anthropologisch-moralische Deutungen zurückfällt, was er als wissenschaftlichen Makel wertet.
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- Martina Hrubes (Author), 2005, Karl Heinz Bohrers Ästhetik des Schreckens in der Tragödie am Beispiel von Aischylos' Agamemnon, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63818