Die Frau als Naturwesen in der "Melusine" Thürings von Ringoltingen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 (Wasser-)Frauen im Mittelalter
1.1 Motivgeschichte der Wasserfrau
1.2 Frauenbild

2 Melusine als (Wasser-)Frau
2.1 Das Kennenlernen
2.2 Die Söhne
2.3 Verlauf und Ende der Ehe Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Melusine Thürings von Ringoltingen steht in einer langen Tradition von Literatur über Wasserfrauen. Mindestens seit der Antike ist das Element Wasser eng mit dem Weiblichen verbunden, sowohl in seiner positiven Be- deutung als lebensspendend und rettend, als auch in der negativen, ver- schlingenden und todbringenden. Im ersten Kapitel soll es um die Symbo- lik und Entwicklung der Wasserfrau bis zum Mittelalter gehen, aber auch um das Frauenbild der Zeit, da dieses meist eng mit dem aktuellen Bild der Wasserfrau zusammenhängt.1

Im zweiten Kapitel stellt sich die Frage, welche Eigenschaften dieser Natur- wesen Melusine hat und wie sich diese mit ihrem Leben in der Menschen- welt vereinbaren lassen. Besonders ihre Funktion als Mutter und Ehefrau, sowie ihr Wunsch nach Erlösung stehen hier im Vordergrund. Die These dabei ist, dass Melusine zwar durchaus eine Wasserfrau mit al- len ihren positiven und negativen Eigenschaften ist, durch die Möglich- keit der Erlösung aber gewissermaßen „entdämonisiert“ und verchristlicht wird. Man könnte auch von einer beginnenden „Domestizierung des Na- turwesens Wasserfrau“ sprechen, denn ihre Erlösung hängt nicht von ihrem Handeln ab, sondern von dem ihres Mannes. So hat er nur noch zu befürch- ten, dass sie ihn verlässt, aber direkt gefährlich wird sie ihm, im Gegensatz zu den männermordenden Sirenen und Nixen, nicht mehr.

1 (Wasser-)Frauen im Mittelalter

1.1 Motivgeschichte der Wasserfrau

Das Wasser und seine Eigenschaften sind in fast allen Kulturen und Zei- ten mit dem Weiblichen eng verbunden. So steht beides zunächst gleich- zeitig für Leben, Fruchtbarkeit, Heilung, aber auch für Tod, Zerstörung, Entgrenzung, Unstetigkeit und Unbeherrschbarkeit. Besonders durch die Verknüpfung des Wassers mit der weiblichen Sexualität, die von den Was- serfrauen meist aktiv bis aggressiv ausgelebt wird, stehen diese Wesen für die Wunsch- und Angstphantasien ihrer männlichen Autoren.2

In der Antike finden sich verschieden Typen von Wasserfrauen, so z.B. die Sirenen und Nymphen. Die wenigsten von ihnen sind allerdings aus- schließlich „Wasserfrauen, häufiger handelt es sich um Wasser- und Luft- oder Erdgeister zugleich.“3 Erst seit dem Mittelalter werden die Elementar- geister systematisiert und einem bestimmten Element zugewiesen.4 Die Sirenen wurden zwar zunächst mit Vogelkörper dargestellt, besaßen aber immer einen Bezug zum Wasser. Mit ihren todbringenden Verfüh- rungskünsten stehen sie für die negativen Aspekte der Wasserfrauen. Äus- serlich sind sie zwar anfangs abstoßende Mischwesen, bekommen aber be- reits in hellenistischer Zeit zumindest in einigen Darstellungen den Fisch- schwanz und den wunderschönen weiblichen Oberkörper.5 Dieser Gestalt- wandel brachte vor allem eine „Intensivierung ihrer sexuellen Komponente mit sich.“6

Die Nymphen oder Nixen sind gewissermaßen das positive Gegenbild da- zu. Sie sind Quell- oder Flußpersonifikationen, die meist in rein menschli- cher Gestalt auftreten und in der Antike fast ausschließlich als Spenderin- nen der Fruchtbarkeit gesehen wurden.7 Gemeinsam mit den Sirenen hatten sie die Fähigkeit, in die Zukunft sehen zu können.8 Im Laufe der Jahrhun- derte wurden sie im deutschen Sprachraum zur Nixe, außerdem verloren sie die meisten ihrer positiven Eigenschaften und wurden ebenfalls zu tod- bringenden Verführerinnen.9 Diese Nymphen und Sirenen waren in der Regel namenlos und nicht individualisiert. Sie traten, vielleicht in Anleh- nung an die Nornen und Parzen, oft zu dritt auf. Wenn sie Beziehungen zu Männern eingingen, waren diese meist mit einer Bedingung oder einem Tabu behaftet und endeten fast ausschließlich mit dem Tod oder zumindest der Bestrafung des Mannes, der sich nicht daran halten kann. Diese Bestra- fung geschah meist in Form einer realen oder symbolischen Kastration.10 Im Mittelalter „diente die Wasserfrau, besonders die fischschwänzige Si- rene, der Kirche als abschreckendes Beispiel, um die Gläubigen vor der fleischlichen Versuchung, vor Häresie und vor anderen Sünden zu war- nen.“11 Spricht man nicht von einem Fisch- sondern einem Schlangen- schwanz, ist die Kombination der Schlange mit Frau als Symbol für die Ur- sünde und für die Angst vor der weiblichen Sexualität naheliegend.12 Oft wird die mittelalterliche Sirene in Verbindung mit Fischen dargestellt, „wo- bei der Fisch als Symbol für die christliche, menschliche Seele steht, welche die Sirene, als symbolische Verkörperung der Weltlust, zerstören will.“13 Mit Beginn der Neuzeit entstand dann auch ein etwas harmloseres Bild der Wasserfrau. Paracelsus’ Werk Liber de Nymphis, Sylphis, Pygmais et Salaman- dris et de ceteris Spiritibus war hierfür besonders wichtig. Er nennt diese Elementarwesen „Geistmenschen“ und nicht mehr Dämonen.14 Sie werden als sterbliche, vernünftige, allerdings seelenlose Zwischenwesen beschrie- ben, die vor allem Hüter der Bodenschätze sind. Dem Wasser werden vor allem weibliche Wesen zugeordnet, die er Nymphen und Undinen nennt. Durch diese Entdämonisierung ist die Ehe mit soch einem Wesen geradezu eine Aufwertung für den Mann und seine Nachkommen. Allerdings gibt es auch weiterhin vom Teufel besessene Wasserfrauen, zu denen Paracelsus auch Melusine zählt, die nur durch das Vertrauen ihres Ehemannes erlöst werden kann.

1.2 Frauenbild

Im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit war das Bild der Frau sehr stark negativ geprägt. Frauen galten, in der „Tradition christlicher Frauen- feindlichkeit“15 als von Natur aus schwach und leicht zum Bösen zu ver- führen. Evas Ungehorsam stand für das weibliche Verhalten generell. Die geistige und moralische Minderwertigkeit der Frau wurde aber nicht nur theologisch, sondern auch „wissenschaftlich“ begründet: Nach Thomas von Aquin war die Frau, auf Grund ihrer feuchteren und wärmeren Beschaffen- heit nur ein unvollkommener Mann.16 Daher müsse sie von ihrem Mann regiert werden und sich ihm unterordnen. Durch ein besonders sittsames und moralisch einwandfreies Leben konnte sie aber „ihre Natur überwin- den und moralisch »zum Mann« werden.“17

[...]


1 Gutiérrez Koester, Isabel: „Ich geh nun unter in dem Reich der Kühle, daraus ich geboren war ...“. Zum Motiv der Wasserfrau im 19. Jahrhundert. Berlin 2001. S. 10.

2 Vgl. Gutiérrez Koester, S. 51.

3 Malzew, Helena: Menschenmann und Wasserfrau. Ihre Beziehung in der Literatur der deutschen Romantik. Berlin 2004, S. 35.

4 Malzew, S. 36.

5 Vgl. Otto, Beate: Unterwasser-Literatur. Von Wasserfrauen und Wassermännern. Würzburg 2001, S. 29.

6 Gutiérrez Koester, S. 39.

7 Vgl. Gutiérrez Koester, S. 45.

8 Ebd.

9 Gutiérrez Koester, S. 45ff.

10 Vgl. Gutiérrez Koester, S. 46f.

11 Gutiérrez Koester, S. 7f.

12 Vgl. Gutiérrez Koester, S. 27f.

13 Otto, S. 33.

14 Vgl. hier und im Folgenden: Vogel, Matthias: „Melusine . . . das lässt aber tief blicken.“ Studien zur Gestalt der Wasserfrau in dichterischen und künstlerischen Zeugnissen des 19. Jahrhunderts. Bern 1989, S. 38f.

15 Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. München 1999, S. 454

16 Bumke, S. 456.

17 Bumke, S. 462.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Frau als Naturwesen in der "Melusine" Thürings von Ringoltingen
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (InstitutfürdeutscheLiteratur)
Veranstaltung
HS Der Liebes- und Abenteuerroman des Mittelalters
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V63946
ISBN (eBook)
9783638568753
ISBN (Buch)
9783640137312
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frau, Naturwesen, Melusine, Thürings, Ringoltingen, Liebes-, Abenteuerroman, Mittelalters
Arbeit zitieren
Daniela Rabe (Autor:in), 2006, Die Frau als Naturwesen in der "Melusine" Thürings von Ringoltingen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63946

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