Nietzsches Einfluss auf Roland Barthes' "Le plaisir du texte"


Referat (Ausarbeitung), 2006
13 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Roland Barthes’ Gesamtwerk ist nicht einfach einzuordnen und entzieht sich erst recht jeglicher Klassifizierung. Dies liegt zu einem Großteil daran, dass die Texte von Barthes jegliche Systemhaftigkeit unterlaufen.[1] Untersucht man jedoch sein Werk Le plaisir du texte auf mögliche Anspielungen, Zitate und Verweise auf andere Texte und Autoren, dann wird deutlich, dass sich eine hohe Anzahl von Verweisen und Zitaten finden lassen, die sich ganz konkret auf die Schriften Friedrich Nietzsches beziehen. Nietzsches Schreibmodell lässt sich dabei leicht mit der von Barthes angestrebten hedonistischen, also einer an der Lust und am Körper orientierten, Ästhetik verbinden.[2]

Nach Langer waren aus Nietzsches Werk vor allem drei Aspekte für Barthes besonders interessant, und zwar der Nihilismus, den Barthes als einen Kampf gegen das Signifikat verstanden habe, dann Nietzsches Kritik an der Wahrheit sowie seine Sprachkritik.[3]

Nietzsche ist dabei wohl der erste, der eine umfassende Sprachkritik überhaupt formulierte. Nach dieser seien Begriffe nicht in der Lage, die Wahrheit über den bezeichneten Gegenstand auszusagen, „da sie aus subjektiven Übertragungen von Nervenreizen entstünden, denen keine objektive Eigenschaft des Gegenstandes in der Wirklichkeit zugesprochen werden könne“. Nietzsche kritisiert also die grundsätzliche Falschheit der Sprache und schneidet sie von ihren Referenten ab.[4]

Genau wie Nietzsche verfasste auch Barthes eine Sprachkritik, die ebenso wie die von Nietzsche die Sprache nicht als ein adäquates Mittel zur Darstellung von Wahrheit und Realität anerkennt.[5] Bei beiden hat die Kritik an der Sprache zu einer „Festschreibungen vermeidenden Sprachpraxis, deren Verfahrensweisen ähnlich gelagert sind“ geführt.[6]

Nietzsche kritisierte zudem in einem besonderen Maße die begriffliche Wahrheit, stattdessen plädierte er für Ambivalenz, Offenheit und Sinnlichkeit.[7] Er wandte sich dabei also – genau wie Barthes später – gegen die „begriffliche Allgemeinheit, die die Wissenschaft anstrebt und verkörpert“.[8]

Barthes geht zudem in besonderem Maße gegen den Machtanspruch des Signifikats vor und kritisiert Bezeichnungen wie „Werk“, „Autor“ und „Subjekt“ als Ideologeme, da sie alle mit dem Signifikat als „Wahrheit“ und „wahre Bedeutung“ verbunden seien.[9]

Da seit Nietzsche die Wahrheit nur noch als eine plurale denkbar ist, ist in der Folge für Barthes die engstirnige Suche nach der Wahrheit für die Textlektüre unbedeutsam.[10] Dabei geht Barthes von der Überlegung aus, „daß der literarische Text jederzeit eine neue Antwort auf seine Fragen erheischt“.[11]

Barthes fasse Zima zufolge den literarischen Text also als ein Zusammenspiel von Signifikanten auf. Diesem Zusammenspiel jedoch könne keine noch so ausführliche Interpretation ein Ende bereiten, da der Text einen offenen Bedeutungsprozess darstelle, der noch abgeschlossen werden könne.[12] Ein Text stellt also keine geschlossene Einheit mehr dar, die begrenzte Bedeutungen hat. Vielmehr ist ein Text ein unendliches Spiel von Signifikanten, die dabei nie „auf einen einzigen Mittelpunkt, eine einzige Essenz oder Bedeutung reduziert werden können“.[13] Barthes Plädoyer für die Offenheit eines Textes und die unbegrenzte Lektüre machen ihn in den Augen Zimas zu einem „konsequenten Nietzscheaner“.[14]

Barthes brachte dabei die Philosophie Nietzsches bereits schon vor Le plaisir du texte in sein Werk ein. Ihm sei es sogar gelungen, Nietzsche in die Begriffswelt der Tel Quel-Gruppe miteinzubringen, und zwar nach Ette so verblüffend nachhaltig, dass man bei Barthes durchaus von einer „nietzscheanischen Ästhetik des Signifikanten“, wie Zima es tut, sprechen könne.[15]

Tel Quel bezeichnet dabei eine literaturkritische Bewegung um die gleichnamige Zeitschrift, welche von Phillippe Sollers und Jean-Edern Hallier gegründet wurde und von 1960 bis 1982 erschien. Seit 1983 erscheint nun ihre Nachfolgezeitschrift L’infini. Die Zeitschrift Tel Quel beinhaltete dabei Veröffentlichungen namhafter Autoren wie Michel Foucault, Jacques Derrida, Julia Kristeva, Umberto Eco und Roland Barthes. Ihnen ging es in erster Lage um eine Kritik an der „Despotie der herrschenden Sprache und ihre Rigorosität, den Sinn festzulegen“.[16]

Daneben war es auch ein Anliegen der Tel Quel-Gruppe, die Hegemonie Sartres der damaligen Zeit in Schach zu halten: „Le but est de se distancier du sartrisme, plus largement de la littérature engagée (par exemple Camus)“.[17]

Dabei hat Barthes wahrscheinlich „le plus contribué au pouvoir intellectuel de la revue grâce à sa multipositionnalité“[18], so dass sein Tod 1980 nach Meinung von Stafford in einem besonderem Maße zur Auflösung der Zeitschrift kurze Zeit nach seinem Ableben geführt habe, und dass, obwohl Barthes ja nicht zum Herausgeberteam gehört habe, sondern er sich selbst eher als einen „fellow-traveller“ als ein Mitglied der Tel Quel-Gruppe gesehen habe.[19]

[...]


[1] Vgl. Langer, Daniela: Wie man wird, was man schreibt. Sprache, Subjekt und Autobiographie bei Nietzsche und Barthes. München: Wilhelm Fink, 2005, 182.

[2] Vgl. Ette, Ottmar: Roland Barthes. Eine intellektuelle Biographie. Frankfurt: Suhrkamp, 1998, 361.

[3] Vgl. Langer, 179-180.

[4] Ebd., 25.

[5] Vgl. ebd., 9.

[6] Ebd.

[7] Vgl. Zima, Peter V: „Roland Barthes’ nietzscheanische Ästhetik des Signifikanten“. Literarische Ästhetik. Methoden und Modelle der Literaturwissenschaft. Ders. Tübingen: Francke Verlag, 1991, 267.

[8] Ebd., 268.

[9] Vgl. ebd., 271.

[10] Vgl. Röttger-Denker, Gabriele: Roland Barthes zur Einführung. Hamburg: Junius Verlag, 1989, 45.

[11] Zima, 270-271.

[12] Vgl. ebd., 275.

[13] Eagleton, Terry: Einführung in die Literaturtheorie. 3. Auflage. Stuttgart: Metzler, 1994, 123.

[14] Zima, 282.

[15] Ette, 361.

[16] Vgl. http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Tel_Quel&printable=yes

[17] Kauppi, Niilo: Tel Quel: La constitution sociale d’une avant-garde. Helsinki: The Finnish Society of Sciences and Letters, 1990, 30.

[18] Ebd., 99.

[19] Vgl. Stafford, Andy: Roland Barthes, Phenomenon and Myth. An intellectual biography. Edinburgh: University Press, 1998, 127 und 157.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Nietzsches Einfluss auf Roland Barthes' "Le plaisir du texte"
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Romanische Sprachen und Literaturen)
Veranstaltung
Barthes, Kristeva und Lacan: Die Lust am Text
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
13
Katalognummer
V63963
ISBN (eBook)
9783638568883
ISBN (Buch)
9783656452911
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Friedrich, Nietzsches, Einfluss, Roland, Barthes, Werk, Kristeva, Lacan, Lust, Text
Arbeit zitieren
Andreas Kirchmann (Autor), 2006, Nietzsches Einfluss auf Roland Barthes' "Le plaisir du texte", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63963

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