Courasche am Scheideweg - Das Titelkupfer der 'Ertzbetrügerin und Landstörtzerin Courage' von Johann Jakob Christoffel von Grimmelshausen


Hausarbeit, 2003
17 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Szenerie des Titelblatts

3. Der surrealistische Luftraum um die Banderole

4. Der Falter auf der Rückseite des Einbandes

5. Courasche: Motte oder Schmetterling?

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der emblematische Kupferstich der Courasche, bestehend aus der pictura, dem inscriptio in Form einer Banderole und dem subscriptio auf der Rückseite des Titelblatts, ist allegorisch angelegt. Auch wenn nicht genau zu klären ist, inwieweit Grimmelshausen bei dem Entwurf des Titelkupfers mitgewirkt hat,[1] so scheint die in der Allegorie intendierte Anregung zur Reflexion ganz im Sinne des Autors zu liegen. Bei der Deutung des Titelbildes aus dem Roman heraus muss allerdings berücksichtigt werden, dass das Kupfer, obwohl der „Trutz-Simplex“ von Courasche als Gegenschrift zur Männerwelt des Simplicissimus-Romans erdacht wurde, im Wesentlichen durch die Frauen-vorstellung des fiktiven männlichen Autors und Mittlers Philarchus Grossus von Trottenheim bestimmt ist. Somit ist der Leser wie so oft bei Grimmelshausen vor die Aufgabe gestellt, die Geister unterscheiden zu lernen.

2. Die Szenerie des Titelblatts

Die dargestellte Szene ist dem Kapitel XXVII entnommen. Hier trifft Courasche auf ihrem „MaulEsel“ eine „Ziegeuner-Schaar“ an, zu der sie sich gesellt.[2] Die im Zentrum der Illustration auf dem Maultier sitzende Courasche öffnet den Tornister, aus dem ihre Kosmetikutensilien herausfallen. Die „Erklärung des Kupffers deutet all dies als „der Thorheit Kram“, die nicht zu ihrem jetzigen Stand taugen (vgl. Courasche, S. 12). Die unbequeme Haltung der ausführen-den linken Hand mit dem gespreizten Daumen, Zeige- und Mittelfinger erscheint als ein Schwur,[3] der aber im Sinne von einer gelobter Besserung ihres Lebenswandels mit der rechten Hand ausgeführt werden müsste. Durch die Umdrehung der Geste wird deutlich, dass Courasche die Zeichen der vanitas nicht als Bekenntnis zur sittlichen Umkehr von sich wirft, sondern um einen Weg einzuschlagen, der sie weiter in die Verdammnis führt. Zudem offenbart Courasche gleich am Anfang des Romans in Kapitel I selbst:

Eine solche / wie ihr wisset daß ich bin und mein Lebtag gewesen / gedencke an die Bekehrung! […] Ich bekenne unverholen / daß mich auf solche Hinreis / wie mich die Pfaffen ueberreden wollen / nicht ruesten / nachdeme / was mich ihrem Vorgeben nach verhindert / völlig zu resignirn entschliessen koennen; als worzu ich ein Stueck zu wenig / hingegen aber etlicher / vornemblich aber zweyer zu viel habe; das / so mir mangelt / ist die Reu / und was mir manglen sollte / ist der Geitz und der Neid;

(Courasche, I, S. 21)

Courasche bekundet hier nicht nur ihre Bußunfähigkeit, gleichzeitig bekennt sie sich offen zu zwei der Sieben Todsünden[4]: Geiz und Neid. Das Lasttier der Courasche verkörpert eines der beiden Untugenden. Der distelfressende Esel, in der übersetzten Fassung des entlehnten Alciatus-Emblems, repräsentiert den Geiz:

Wider die Geitzigen.

[…] Wem sol aber ich vergleichn jn

Den arm macht sein reichthumb vnd gwin

Ist er nit einem Esel gleich?

Ja fürwar erhelt sich so leich

Dann der Esel auff seinem ruck

Tregt vil köstlicher speiß vnd stuck

Vnd ißt doch darfür distel rauch

Grob Heuw vnd Stro in seinem Bauch.[5]

Das Maultier der Courasche, das aufgrund seiner Abstammung die Rolle des Esels hier gleichwertig ausfüllt, ist zwar nicht mit Speisen beladen, gleichwohl begnügt es sich trotz der Blätter des jungen Zweiges am linken Bildrand mit der stechenden weniger schmackhaften Distel. Dabei reckt es dem Betrachter das durch den geschickten Einsatz von Licht und Schatten fast überdimensioniert wirkende Hinterteil entgegen. Diese hervorgehobene Haltung impliziert bezogen auf die Reiterin eine Gleichgültigkeit gegenüber der Einstellung des Leserpublikums hinsichtlich ihres lasterhaften Lebenswandels. Ihr Desinteresse an der gesellschaftlichen Meinung wird durch das argumentum am Ende des Romans belegt:

… ihr selbsten aber zu eigner Schand / (worum sie sich aber wenig bekuemmert / weil sie allererst unter den Zigeunern aller Ehr und Tugend selbst abgesagt / ) ihren ganzen liederlich-gefuehrten Lebens-Lauff an den Tag gibt / … (Courasche, S. 151)

Diese Indolenz impliziert eine weitere Todsünde, geistige Trägheit gegenüber der christlichen Lehre.

Ebenfalls auf Courasche übertragen lässt sich die Unfruchtbarkeit des Maultiers als Produkt eines Esels und eines Pferdes. In ihrer Lebens-beschreibung betont sie freudig, „daß ich den Simpeln guten Glauben gemacht / die Unfruchtbare haette gebohren!“ (Courasche, XXIV, S. 134). Ihre Zeugungs-unfähigkeit gewährt Courasche ein zügelloses Leben, in dem ihre Sexualität allein ihrer Lust und ihrem Nutzen dient, ohne der eigentlichen christlichen Bestimmung, der Entstehung neuen Lebens, Rechnung zu tragen. So warnt denn auch der Schreiber in seiner „Zugab“ die Männer vor der „Huren-Lieb“ der Courasche, die nicht nur dem körperlichen, sondern vor allem dem geistigen Wohlergehen schadet (vgl. Courasche, S. 150). Auf diese Weise wird eine dritte Todsünde aufgedeckt, die Wollust.

Den sündhaften Abgrund, der sich vor Courasche auftut, deutet der, aus der Sicht des Betrachters, nach links abfallende Weg an. Auf ihm streben Zigeuner und Soldaten hinab, derweil sie sich von der Anhöhe am rechten Bildrand abkehren. In der religiösen Empfindung sind Erhebungen, wie Berge und Hügel, dem Göttlichen näher als die Ebene, da sie sich gen Himmel erheben.[6] Die Breite des Weges, die sich eindeutig dadurch erweist, dass sie das Fahren mit Pferdegespannen ermöglicht, stellt sich in der biblischen Heilslehre zudem als unheilvoll dar:

Geht durch das enge Tor! Denn das Tor ist weit, das ins Verderben führt, und der Weg dahin ist breit, und viele gehen auf ihm. Aber das Tor, das zum Leben führt, ist eng, und der Weg dahin ist schmal, und nur wenige finden ihn.[7]

Fernerhin taucht das Bildnis vom breiten und vom schmalen Lebenspfad in dem durch den linken Bildrand beschnittenen Baum auf. Der breite Stamm neigt sich deutlich in Richtung Abhang, wohingegen sein dünner belaubter Zweig nach oben aufstrebt. Baumstamm und Zweig bilden folglich ein Y. Das Y-Signum mit den zwei auseinanderstrebenden Seitenzweigen verkörpert die Wahl zwischen zwei entgegengesetzten Wegen. Die Entscheidung zwischen Laster und Tugend wird somit von dem Motiv des Baumes auf den Weg übertragen.[8] Ungeachtet ihres Stillstandes hat Courasche ihre Wegwahl bereits getroffen. Sie weist mit ihrer ganzen Körperhaltung und der Position des Maulesels in die Richtung des Abhangs, wobei ihre Augen auf das unbekümmerte Gesicht des munter vorbeiziehenden Zigeuners fixiert sind. Wie eine unheilbringende Vorhersage scheint dessen Schatten mit dem schiefen Baumstamm zu verschmelzen. Es handelt sich hierbei um den Zigeunerleutnant, der sie zur Frau nimmt (vgl. Courasche, XXVII, S. 143). Seine Geste der ausgestreckten Hand ist über einen freundlichen Gruß hinaus vielmehr eine Einladung an Courasche, mit ihm zu kommen. Dabei merkt er nicht, dass sie ihn schon als nächstes ‚Opfer’ auserkoren hat. Das imaginär über seinem Haupt schwebende Hirschgeweih prognostiziert ihm eine Zukunft als „gehörnter“ Ehemann. Im Speziellen verweist das Geweih auf den Musketier „Springinsfeld; dem ein Fenderich / auf der Courage Anstalt / gar listig ein paar grosser Hoerner aufsetzet“ (Courasche, S. 16). Im Allgemeinen zeigt es die männervernichtende Sexualität der Protagonistin. Inwieweit sich die Prophezeiung bezüglich des Zigeunerleutnants erfüllt, lässt sich aufgrund des zeitlichen Abrisses allerdings nicht mehr aus dem Roman erschließen. Ferner soll nicht unterschlagen werden, dass Courasche bereits eine glückliche Ehe mit einem Hauptmann geführt hat.[9] Sie ist also sehr wohl zu aufrechter Liebe fähig. Gleichwohl liefert der Leutnant auch einen Hinweis auf ihren schändlichen Lebenswandel. Der unver-hältnismäßig lange Lauf seiner geschulterten Flinte weist überdeutlich auf das über der ganzen Szene schwebende Banner mit der Aufschrift „Die Ertzbetrügerin und Landstörtzerin Courage“

[...]


[1] Sibylle Penkert befasst sich in ihrem Vortrag bei dem ersten Jahrestreffen des Intenationalen Arbeitskreises für deutsche Barockliteratur am 27. August 1973 in Wolfenbüttel näher mit dieser Thematik und kommt in Bezug auf das Titelkupfer des Simplicissimus zu dem Schluss, dass „der Roman […] ohne sein originales Kupfer und dessen ständige Herausforderung an den betrachtenden Leser überhaupt keinen Bestand haben [kann]“, was sich im weitesten Sinn auch auf das Courasche -Kupfer übertragen lässt (sich an den Wortlaut haltender Beitrag: Grimmelshausens Titelkupfer-Fiktionen. Zur Rolle der Emblematik-Rezeption in der Geschichte poetischer Subjektivität. In: Emblem und Emblematikrezeption. Vergleichende Studien zur Wirkungsgeschichte vom 16. bis 20. Jahrhundert. Hrsg. von ders. Darmstadt 1978. S. 274).

[2] Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Courasche. In: Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen. Werke I.2. Hrsg. von Dieter Breuer. Frankfurt am Main 1992 (Bibliothek der deutschen Klassiker 73). S. 143. Die folgenden Nachweise im Text der Arbeit (Courasche, Kapitel, Seite) beziehen sich auf diese Ausgabe.

[3] Vgl. Hans Biedermann: Knaurs Lexikon der Symbole. München 1994. S. 179.

[4] Die Sieben Todsünden nach der Katholischen Glaubens- und Sittenlehre sind superbia, avaritia, luxuria, invidia, gula, ira und acedia, also Stolz, Geiz, Wollust, Neid, Völlerei, Zorn und religiöse Trägheit. Vgl. Katholischer Katechismus für das Erzbistum Köln. Düsseldorf 1931. S. 16.

[5] Arthur Henkel und Albrecht Schöne: Emblemata. Handbuch zur Sinnbildkunst des XVI. und XVI. Jahrhunderts. Stuttgart 1967. Sp. 511 f.

[6] Vgl. Manfred Lurker: Wörterbuch biblischer Bilder und Symbole. München 1978. S. 44-47.

[7] Die Bibel. Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. Altes und Neues Testament. Aschaffenburg 1980. Mt 7, 13 f.

[8] Vgl. Klaus Haberkamm: Verkehrte allegorische Welt. Das Y-Signum auf dem Titelkupfer von Grimmelshausens „Courasche“. In: „Die in dem alten Haus der Sprache wohnen“. Beiträge zum Sprachdenken in der Literaturgeschichte. Helmut Arntzen zum 60. Geburtstag. Zusammen mit Thomas Althaus und Burkhard Spinnen hrsg. von Eckehard Czucka. Münster 1991. S. 84.

[9] Vgl. Courasche, XI, S. 65: „Jch und mein Mann bekamen einander je laenger je lieber / und schetzte sich als das eine glueckseelig / weil es das andere zum Ehe gemacht hatte / und wann wir uns nit beyde geschämt haetten / so glaub ich / ich waere Tag und Nacht in den Lauffgraeben auf der Wacht und in allen occasio nen niemahl von seiner Seiten kommen […]“.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Courasche am Scheideweg - Das Titelkupfer der 'Ertzbetrügerin und Landstörtzerin Courage' von Johann Jakob Christoffel von Grimmelshausen
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für deutsche Philologie II)
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2003
Seiten
17
Katalognummer
V64007
ISBN (eBook)
9783638569217
ISBN (Buch)
9783638793162
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Courasche, Scheideweg, Titelkupfer, Ertzbetrügerin, Landstörtzerin, Courage, Johann, Jakob, Christoffel, Grimmelshausen
Arbeit zitieren
Stephanie Baumann (Autor), 2003, Courasche am Scheideweg - Das Titelkupfer der 'Ertzbetrügerin und Landstörtzerin Courage' von Johann Jakob Christoffel von Grimmelshausen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64007

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