Der undankbare Zwerg und Schneeweißchen und Rosenrot - Ein Vergleich des ursprünglichen Märchens mit der Grimmschen Fassung


Seminararbeit, 2005

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Gebrüder Grimm und Caroline Stahl

3. Der Märchenbegriff und die Unterscheidung zwischen Volksmärchen & Kunstmärchen

4. Vergleich der beiden Fassungen Der undankbare Zwerg und Schneeweißchen und Rosenrot
4.1 Vergleich des Aufbaus und des Inhalts
4.2 Vergleich der Charaktere
4.3 Vergleich der Sprache und des Tenors

5. Zusammenfassung

6. Schluss

7. Literatur

1. Einleitung

Mit dem Namen Grimm verbinden bestimmt die meisten sofort ein oder auch mehrere Märchen, wie beispielsweise „Der Froschkönig“, „Dornröschen“ oder „Aschenputtel“. Erfahrungsgemäß kommt es häufig vor, dass vielen dabei gar nicht bewusst ist, von wem diese Märchen tatsächlich stammen. Die Gebrüder Grimm werden so stark mit den bekannten Geschichten verbunden, dass der eine oder andere sie sogar für deren Verfasser hält. Jedenfalls wissen die wenigsten etwas Genaueres bezüglich der Quellen, welche den uns heute geläufigen Märchen zugrunde liegen.

Anhand eines ausgewählten Beispiels sollen in dieser Arbeit einige dieser Hintergründe offen gelegt und zudem ein Vergleich von einer ursprünglichen und der daraus entworfenen neuen Fassung vorgenommen werden. Schneeweißchen und Rosenrot von Grimm wird dem Märchen Der undankbare Zwerg von Caroline Stahl, welches dem ersteren damals als Vorlage diente, gegenüber gestellt und hinsichtlich einiger Aspekte verglichen. Vorab werden zum Einen die Autoren und ihre Beziehung untereinander kurz dargestellt, zum Zweiten wird der Märchenbegriff sowie die Unterscheidung zwischen Volks- und Kunstmärchen geklärt.

2. Die Gebrüder Grimm und Caroline Stahl

Jacob und Wilhelm Grimm (1785 – 1863 und 1786 – 1859) wurden vor allem durch ihre „Kinder- und Hausmärchen“ weltweit berühmt. Ursprünglich sammelten sie die Märchen für die Dichter Clemens Brentano und Achim von Arnim, mit denen sie eng befreundet waren. Das allgemeine Interesse zu jener Zeit, der Epoche der Romantik, galt verstärkt den Volkserzählungen, was Brentano und von Arnim dazu veranlasste, vor allem nach überlieferten Sagen und Märchen zu suchen. Nachdem Brentano die Sammlung wider Erwarten nicht selbst veröffentlichte, nahmen sich die Brüder mit Hilfe von Arnims der Sache an. Letzterer kümmerte sich um einen Verleger, während Jacob und Wilhelm ihr gesammeltes Material zu einem ersten Band, welcher 1812 erschien, zusammentrugen. Das Besondere an ihrer Sammlung war, dass die Texte nicht wie bisher gewohnt von den Herausgebern frei umgestaltet wurden, sondern stellten zum größten Teil eine getreue Wiedergabe der Überlieferung dar.[1]

Geht man der Frage nach, welche Quellen die Grimms hatten, wer ihnen wohl die ganzen Geschichten erzählt hat, so stößt man vor allem auf junge gebildete Frauen aus dem gehobenen Bürgertum. Daneben entnahmen die Brüder auch mehrere Erzählungen aus „literarischer Quelle“[2]. Was die getreue Wiedergabe betrifft muss man dazu sagen, dass die Grimms unterschiedliche Auffassungen davon hatten. Jacob war stetes gegen Ausschmückungen und Veränderungen jeglicher Art, während Wilhelm dazu tendierte, die Texte stilistisch zu bearbeiten. Dazu hatte er vor allem seit der zweiten Auflage die Möglichkeit, da die Verantwortung ab diesem Zeitpunkt allein ihm unterlag. Zu den typischen Merkmalen seiner Bearbeitung sagt Lüthi: „Er (W. Grimm) strebt nach reicher präziserer Motivierung, nach anschaulicher und bewegter Situationsdarstellung, ersetzt gerne das Präsens durch das erzählende Imperfekt, die indirekte durch die direkte Rede, merzt Fremdwörter aus..., liebt Sprichwörter..., ferner Verkleinerungsformen und auch Gefühlswörter. Sein Stil ist der Romantik und dem Biedermeier verpflichtet, ... Im Ganzen aber kennzeichnet eine schöne Einfachheit auch seine Erzählweise;“

Das Märchen Schneeweißchen und Rosenrot ist in der Urfassung der Sammlung noch nicht vorhanden. Erst in der kleinen Ausgabe von 1833 und der dritten großen Ausgabe von 1837 finden wir es unter der Nummer 161. In „Die Bibliothek der Brüder Grimm. Annotiertes Verzeichnis des festgestellten Bestandes“ lässt sich dessen Hauptquelle nicht nachweisen.[3] Nur in den KHM-Anmerkungen von 1856 findet man folgende Aussage Wilhelm Grimms: „Das Märchen von dem undankbaren Zwerg bei Caroline Stahl, ..., habe ich benutzt, aber nach meiner Weise erzählt.“[4]

Wenn von den Grimmschen Quelle die Rede ist, so tauchen immer wieder die Namen der Hauptgewährsleute wie zum Beispiel Mannel, Wild und Hassenpflug auf. Caroline Stahl wird nur sehr selten erwähnt und dann nur knapp als Autorin des ursprünglichen Märchens Der undankbare Zwerg vorgestellt, welches Wilhelm Grimm als Vorlage für seine stilistisch abgerundete Fassung davon, nämlich Schneeweißchen und Rosenrot, verwendete. Über Caroline Stahl wird aber nicht nur hinsichtlich des Grimmschen Märchens wenig gesagt, über sie ist im Allgemeinen nicht viel bekannt. In vielen einschlägigen Werken, wie zum Beispiel dem vielbändigen alten Lexikon „Allgemeine deutsche Biographie“[5], wo man erwarten würde, etwas über die Autorin zu finden, wird sie nicht einmal erwähnt Die wenigen kurzen Biographien zu ihr stimmen in Daten wie Stahls Geburtsdatum oftmals nicht überein. Darauf nimmt die Eintragung in „Die deutschsprachigen Schriftstellerinnen des 18. und 19. Jahrhunderts“[6] sogar Bezug, indem explizit darauf hingewiesen wird, dass Stahl am „4.(16.)11.1776 (nicht 1782 oder 1792) auf Gut Ohlenhoff (Livland)“[7] geboren wurde. Wie zu sehen ist, scheint man sich hier mit dem Geburtsjahr, jedoch nicht mit dem genauen Tag sicher zu sein. Man findet eine ebensolche vage Formulierung in „Deutsches Literatur- Lexikon“[8], während man sich im „Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur“[9] sowie in der Biographie, die der Sammlung von Stahls „Fabeln, Mährchen und Erzählungen für Kinder“[10] in „Deutsche Märchen und Sagen“[11] anhängt, auf das genaue Datum des 4. Novembers 1776 geeinigt hat. Weiterhin erfährt man über Caroline Stahl nur einige wenige Eckdaten aus ihrem Leben und eine Auflistung ihrer Werke.

Wird auf ihr Märchen Der undankbare Zwerg eingegangen, so heißt es zum Beispiel: „Dieses Märchen, das bei Stahl noch den Titel Der undankbare Zwerg trägt, zählt heute unter dem Grimm- Titel Schneeweißchen und Rosenrot zu den sogenannten Lieblingsmärchen.“[12] oder „Interessant für die Entwicklung des Märchengeschmacks erscheint insbesondere die Karriere von Caroline Stahls idyllisch-sentimentalem Märchen Der undankbare Zwerg, das W. Grimm als Schneeweißchen und Rosenrot der 3. Aufl. der KHM von 1837 einfügte, ...“[13] Hier wird also vermittelt, dass Stahls Märchen von Wilhelm Grimm in ursprünglicher Form übernommen wurde und von ihm lediglich einen neuen Titel bekommen hat. Wie sich im Folgenden noch herausstellen wird, kommt man bei einem Vergleich der beiden Fassungen zu einem ganz anderen Ergebnis. Unter den wenigen Informationen, die man zu Caroline Stahl findet, gibt es jedoch auch richtige Aussagen hinsichtlich dieses Themas. So heißt es zum Beispiel in „The Queen`s Mirror“: „Her works were highly regarded by the Grimms, who referred to her collections in their 1857 edition and incorporated her story „The Thankless Dwarf“ (in altered form) into their 1837 edition.“[14] Der Hinweis darauf, dass die Grimmsche Fassung eine abgeänderte Form des Stahlschen Märchens darstellt, wird hier in Klammern erwähnt. Das kann unter Umständen auch den Anschein von Nebensächlichkeit erwecken, da in Klammern aufgeführte Sachverhalte oft als beiläufige Bemerkungen gelten.

Im Großen und Ganzen wird also klar, dass der Autorin des Märchens, welches damals wohl als Vorlage für Schneeweißchen und Rosenrot diente, nicht besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde und somit die Informationen, die man zu ihr findet sehr spärlich, in einigen Fällen untereinander widersprüchlich und hinsichtlich des Zusammenhangs von Der undankbare Zwerg und Schneeweißchen und Rosenrot sogar falsch sind.

[...]


[1] vgl. Lüthi 1990: 51 f

[2] Lüthi 1990: 53

[3] vgl. Rölleke 1998: 571

[4] Grimm zit. nach Rölleke 1998: 570

[5] Bayerische Akademie der Wissenschaften: 1875-1912

[6] Friedrichs: 1981

[7] Friedrichs 1981: 296

[8] Lang: 1999

[9] Doderer: 1979

[10] Stahl: 1821

[11] Uther: 2003

[12] Uther 2003: 47876

[13] Brunken, Hurrelmann, Pech 1998: 827

[14] Jarvis, Blackwell 2001: 133

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Der undankbare Zwerg und Schneeweißchen und Rosenrot - Ein Vergleich des ursprünglichen Märchens mit der Grimmschen Fassung
Hochschule
Pädagogische Hochschule Freiburg im Breisgau
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
21
Katalognummer
V64271
ISBN (eBook)
9783638571395
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zwerg, Schneeweißchen, Rosenrot, Vergleich, Märchens, Grimmschen, Fassung
Arbeit zitieren
Carolin Kern (Autor), 2005, Der undankbare Zwerg und Schneeweißchen und Rosenrot - Ein Vergleich des ursprünglichen Märchens mit der Grimmschen Fassung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64271

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