Im Jahre 1828 erschien Goethes Novelle erstmals im 15. Band der Ausgabe letzter Hand zusammen mit weiteren Werken, wie Märchen, Die Aufgeregten und Die guten Weiber. Die Grundidee für die Erzählung hatte Goethe jedoch etwa 30 Jahre zuvor. Zunächst als Versepos im Stil von Hermann und Dorothea gedacht, stellte er es unter dem Titel Die Jagd im Jahre 1797 in seinem Freundeskreis, unter anderem Friedrich Schiller und Wilhelm von Humboldt vor. Dem Briefwechsel ist zu entnehmen, dass der Stoff bei seinen Freunden großen Zuspruch erhielt, über die Form war man sich jedoch uneinig: Goethe stellte sich ein episches Gedicht in Hexametern vor, Schiller äusserte darauf seine Bedenken, ob sich der Stoff überhaupt für dieses klassisch-antike Muster eigne. Die Einwände seiner Freunde und die fehlenden retardierenden Momente, die nach seiner damaligen Ansicht das Epische ausmachten, veranlassten Goethe schließlich dazu, sein Anliegen vorerst aufzugeben.1 Knapp 30 Jahre später, im Oktober 1826, griff er den Stoff wieder neu auf. Die Diskussion mit Schiller und Humboldt schien ihm jedoch eine Lehre gewesen zu sein, da er sich, in dem anschließenden, zwei Jahre andauernden, Schaffensprozess nicht wieder auf einen solchen, „hinderlichen Diskurs“2 einließ.
Dieser kurze Einblick in die Entstehungsgeschichte lässt deutlich werden, dass die Grundidee der Novelle nicht aus der Zeit ihres Druckes stammt, sondern bis in das Jahr 1797 zurückreicht. Das Verwerfen und Wiederaufnehmen des Stoffs trug sicherlich auch zu den inhaltlichen und formalen Besonderheiten und Gegensätzen der Erzählung bei, auf die im folgenden Kapitel, unter dem Gesichtspunkt der „unerhörten Begenbenheit“ näher eingegangen wird.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die Entstehungsgeschichte der Novelle
2. Die „unerhörte Begebenheit“
2.1 Goethes Definition
2.2 Die „unerhörte Begebenheit“ im Text
2.3 Interpretationen der „unerhörten Begebenheit“
Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den Begriff der „unerhörten Begebenheit“ in Johann Wolfgang von Goethes Erzählung Novelle, analysiert dessen Ursprung in Goethes Gattungsdefinition und beleuchtet die literarischen Interpretationsansätze im Kontext des Textes.
- Entstehungsgeschichte und Genese der Erzählung
- Eckermanns Aufzeichnungen und Goethes Gattungsdefinition
- Die narrative Funktion der „unerhörten Begebenheit“ im Text
- Interpretationsansätze zur Überwindung von Gewalt und Leidenschaft
- Die Metaphorik von Natur und Zivilisation
Auszug aus dem Buch
2.2 Die „unerhörte Begebenheit“ im Text
Nun ergibt sich die Frage, wann und wodurch das „[...]unerwartete Außerordentliche, seltsame Unerhörte, seltene Menschliche – Fall oder Ereignis[...]“ in der Novelle eintritt. Wie zum Ende des ersten Kapitels angedeutet, sind vor allem die Gegensätze auffallend, die formal, als auch inhaltlich die gesamte Erzählung duchziehen.
In Goethes Novelle werden zwei Welten von ganz unterschiedlichem Charakter dargestellt, auf der einen Seite die kultivierte Gesellschaft und auf der anderen Seite die, von Tiger und Löwe verkörperte, unberechenbare Natur.
„Ferner schlägt das Geschehen vom Bewegten ins Ruhige, Abgeklärte um, vom Schrecken entfesselter Gewalten ins Friedliche, [...] von der Prosa in die Poesie, vom Modernen ins Biblisch-Legendäre.“
Die „unerhörte Begebenheit“ wird von Goethe an drei Textstellen in der Novelle erwähnt. Zunächst beschreibt Honorio den Brand auf dem Marktplatz als einen „unerwarteten, außerordentlichen Fall“, bald darauf wird der Fürst, beim Anblick des getöteten Tigers und den trauernden Gauklern, mit einem „seltsamen unerhörten Ereignis“ konfrontiert. Zum Ende der Novelle beschäftigt den alten Jäger der „seltene menschliche Fall“, womit die Entscheidung des Jungen, den entlaufenen Löwen zu besänftigen, gemeint ist.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, die „unerhörte Begebenheit“ als zentrales Motiv in Goethes Novelle zu untersuchen und methodisch durch wissenschaftliche Aufsätze zu belegen.
1. Die Entstehungsgeschichte der Novelle: Dieses Kapitel erläutert den langjährigen Schaffensprozess von der ersten Idee 1797 bis zur Veröffentlichung 1828 und diskutiert den Einfluss zeitgenössischer Kritik.
2. Die „unerhörte Begebenheit“: Dieser Hauptteil gliedert sich in die theoretische Definition durch Goethe, die Identifikation der Ereignisse innerhalb der Erzählung sowie die interpretatorische Einordnung des Motivs.
Fazit: Das Fazit fasst die vielschichtigen Deutungsmöglichkeiten zusammen und reflektiert die anhaltende Faszination sowie die kontroverse Rezeptionsgeschichte des Werkes.
Schlüsselwörter
Johann Wolfgang von Goethe, Novelle, unerhörte Begebenheit, Gattungslehre, Johann Peter Eckermann, Honorio, Natur, Zivilisation, Frömmigkeit, Leidenschaft, Interpretation, Literaturwissenschaft, Erzählstruktur, Metapher, deutsche Klassik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Analyse des zentralen Begriffs der „unerhörten Begebenheit“ innerhalb von Goethes gleichnamiger Erzählung.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Im Fokus stehen die Entstehungsgeschichte des Werkes, die literaturtheoretische Definition der Novellengattung durch Goethe und die textanalytische Interpretation des Motivs.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die spezifische Funktion und Bedeutung der „unerhörten Begebenheit“ in Goethes Novelle anhand von Fachliteratur wissenschaftlich aufzuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Die Autorin nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse unter Einbeziehung von Primärtexten und einschlägiger Sekundärliteratur zur Interpretation zentraler Textstellen.
Welche Aspekte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit Goethes Definition des Gattungsbegriffs, der Lokalisierung des Motivs innerhalb der Erzählhandlung und der inhaltlichen Deutung des Geschehens.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren das Werk?
Die Arbeit zeichnet sich durch Begriffe wie Gattungslehre, Entsagung, Natur-Kultur-Gegensatz und interpretatorische Vielschichtigkeit aus.
Wie steht das Motiv der „unerhörten Begebenheit“ mit dem Charakter Honorio in Verbindung?
Die Zähmung des Löwen durch das Kind wird als Metapher für Honorios eigene psychologische Entwicklung und die Überwindung seiner verbotenen Leidenschaft interpretiert.
Warum spielt die Schaustellerfamilie eine zentrale Rolle für die Deutung?
Die Familie verkörpert die Frömmigkeit und eine lebensbejahende Haltung, die als Voraussetzung dient, um Gewalt durch Liebe zu überwinden und eine friedliche Harmonie herzustellen.
- Quote paper
- Katharina Bär (Author), 2006, Die "unerhörte Begebenheit" in Goethes Novelle, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64302