Die "unerhörte Begebenheit" in Goethes Novelle


Hausarbeit, 2006

8 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

1. Die Entstehungsgeschichte der Novelle

2. Die „unerhörte Begebenheit“
2.1 Goethes Definition
2.2 Die „unerhörte Begebenheit“ im Text
2.3 Interpretationen der „unerhörten Begebenheit“

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit werde ich mich mit der „unerhörten Begebenheit“ in Goethes Erzählung Novelle auseinandersetzen. Im ersten Kapitel wird zum Einstieg in das Thema ein kurzer Einblick in die Entstehungsgeschichte gegeben, bevor ich im Hauptteil der Arbeit, anhand von verschiedenen wissenschaftlichen Aufsätzen, auf das eigentliche Thema eingehen werde. Das zweiten Kapitel beginne ich mit Eckermanns bekannter Aufzeichnunge zu Goethes Definition der Gattung Novelle, um schließlich in den Text einzusteigen, und über die Interpretation der „unerhörten Begebenheit“ zu einem Fazit zu gelangen.

1. Die Entstehungsgeschichte der Novelle

Im Jahre 1828 erschien Goethes Novelle erstmals im 15. Band der Ausgabe letzter Hand zusammen mit weiteren Werken, wie Märchen, Die Aufgeregten und Die guten Weiber. Die Grundidee für die Erzählung hatte Goethe jedoch etwa 30 Jahre zuvor. Zunächst als Versepos im Stil von Hermann und Dorothea gedacht, stellte er es unter dem Titel Die Jagd im Jahre 1797 in seinem Freundeskreis, unter anderem Friedrich Schiller und Wilhelm von Humboldt vor. Dem Briefwechsel ist zu entnehmen, dass der Stoff bei seinen Freunden großen Zuspruch erhielt, über die Form war man sich jedoch uneinig: Goethe stellte sich ein episches Gedicht in Hexametern vor, Schiller äusserte darauf seine Bedenken, ob sich der Stoff überhaupt für dieses klassisch-antike Muster eigne. Die Einwände seiner Freunde und die fehlenden retardierenden Momente, die nach seiner damaligen Ansicht das Epische ausmachten, veranlassten Goethe schließlich dazu, sein Anliegen vorerst aufzugeben.1 Knapp 30 Jahre später, im Oktober 1826, griff er den Stoff wieder neu auf. Die Diskussion mit Schiller und Humboldt schien ihm jedoch eine Lehre gewesen zu sein, da er sich, in dem anschließenden, zwei Jahre andauernden, Schaffensprozess nicht wieder auf einen solchen, „hinderlichen Diskurs“2 einließ.

Dieser kurze Einblick in die Entstehungsgeschichte lässt deutlich werden, dass die Grundidee der Novelle nicht aus der Zeit ihres Druckes stammt, sondern bis in das Jahr 1797 zurückreicht. Das Verwerfen und Wiederaufnehmen des Stoffs trug sicherlich auch zu den inhaltlichen und formalen Besonderheiten und Gegensätzen der Erzählung bei, auf die im folgenden Kapitel, unter dem Gesichtspunkt der „unerhörten Begenbenheit“ näher eingegangen wird.

2. Die „unerhörte Begebenheit“

2.1 Goethes Definition

„Wissen Sie was“, sagte Goethe, „wir wollen es die Novelle nennen; denn was ist eine Novelle anders, als eine sich ereignete, unerhörte Begebenheit.“3

Dieses, bald als Definition für die Gattung der Novelle dienende Zitat, wurde von Johann Peter Eckermann am 29.01.1827 festgehalten. Goethe und Eckermann standen in einem regen Austausch über die Fortschritte des Schreibprozesses und waren gerade damit beschäftigt einen Titel für die Erzählung zu suchen. Dies gestaltete sich als recht schweirig, bis Goethe schließlich die „unerhörte Begebenheit“ mit dem Begriff der Novelle gleichsetzte und so auch einen Titel für sein Werk gefunden hatte.4 Der abstrakte Titel lässt vermuten, dass Goethe hier ein Beispiel für die Gattung der Novelle aufstellen wollte.

2.2 Die „unerhörte Begebenheit“ im Text

Nun ergibt sich die Frage, wann und wodurch das „[...]unerwartete Außerordentliche, seltsame Unerhörte, seltene Menschliche - Fall oder Ereignis[...]“5 in der Novelle eintritt. Wie zum Ende des ersten Kapitels angedeutet, sind vor allem die Gegensätze auffallend, die formal, als auch inhaltlich die gesamte Erzählung duchziehen. In Goethes Novelle werden zwei Welten von ganz unterschiedlichem Charakter dargestellt, auf der einen Seite die kultivierte Gesellschaft und auf der anderen Seite die, von Tiger und Löwe verkörperte, unberechenbare Natur.

„Ferner schlägt das Geschehen vom Bewegten ins Ruhige, Abgeklärte um, vom Schrecken entfesselter Gewalten ins Friedliche, [...] von der Prosa in die Poesie, vom Modernen ins Biblisch-Legendäre.“6

Die „unerhörte Begebenheit“ wird von Goethe an drei Textstellen in der Novelle erwähnt. Zunächst beschreibt Honorio den Brand auf dem Marktplatz als einen „unerwarteten, außerordentlichen Fall“7, bald darauf wird der Fürst, beim Anblick des getöteten Tigers und den trauernden Gauklern, mit einem „seltsamen unerhörten Ereignis“8 konfrontiert. Zum Ende der Novelle beschäftigt den alten Jäger der „seltene menschliche Fall“9, womit die Entscheidung des Jungen, den entlaufenen Löwen zu besänftigen, gemeint ist.

Demzufolge könnte man den Ausbruch des Brandes auf dem Markt, woraufhin die wilden Tiere der Schausteller aus ihrem Käfig entlaufen, als ein erstes ungewöhnliches Ereignis bezeichen. Diese Stelle markiert auch einen ersten Wendepunkt in der Erzählung: die ruhige, idyllische Atmosphäre wird durchbrochen und Chaos kommt auf. Im folgenden Höhepunkt der bisherigen Handlung, erschießt Honorio den entlaufenen Tiger und der Leser erkennt seine Zuneigung zu der Fürstin. Die Besitzer des Tigers, eine Schaustellerfamilie, kommt hinzu und beklagt den Tod, des zahmen Tieres. Nun steht auch der dazugestoßene Fürst vor einem „seltsamen, unerhörten Ereignis“10. Bald darauf erfährt er, dass auch der Löwe ausgebrochen ist und die Gaukler bitten um eine gewaltfreie Lösung des Problems. Ein kleiner Junge soll den Löwen allein duch sein Flötenspiel und ein betörendes Lied anlocken und besänftigen. Dies gelingt und stellt letztendlich die eigentliche „unerhörte Begebenheit“ dar.11

[...]


1 Vgl. Goethe, Johann Wolfgang: Goethes Werke. Bd. VI. Romane und Novellen. Bd.1. Hamburger Ausgabe. 14 Bde. Hrsg. v. Erich Trunz. Achte, überarbeitete Aufl. München: Beck 1973. S. 718.

2 Otto, Regine: Novelle. In: Goethe Handbuch. Bd. 3: Prosaschriften. Hrsg. v. Bernd Witte u. Peter Schmidt. Stuttgart/Weimar: Metzler 1997. S. 253.

3 Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. 1823-1832. Hrsg. v. Christoph Michel unter Mitwirkung v. Hans Grüters. Frankfurt a. M. : DKV 1999. S. 221.

4 Vgl. Klüsener, Erika: Novelle. In: Goethes Erzählwerk. Interpretationen. Hrsg. v. Paul Michael Lützeler u. James E. McLeod. Stuttgart: Reclam 1985. S. 433.

5 Otto, Regine: Novelle. In: Goethe Handbuch. Bd. 3: Prosaschriften. Hrsg. v. Bernd Witte u. Peter Schmidt. Stuttgart/Weimar: Metzler 1997. S. 254.

6 Klüsener, Erika: Novelle. In: Goethes Erzählwerk. Interpretationen. Hrsg. v. Paul Michael Lützeler u. James E. McLeod. Stuttgart: Reclam 1985. S. 433.

7 Goethe, Johann Wolfgang: Goethes Werke. Bd. VI. Romane und Novellen. Bd.1. Hamburger Ausgabe.

8 Ebd. S. 505.

9 Ebd. S. 511.

10 Ebd. S. 505.

11 Klüsener, Erika: Novelle. In: Goethes Erzählwerk. Interpretationen. Hrsg. v. Paul Michael Lützeler u. James E. McLeod. Stuttgart: Reclam 1985. S. 437.

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Die "unerhörte Begebenheit" in Goethes Novelle
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
8
Katalognummer
V64302
ISBN (eBook)
9783638571579
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Novelle, Goethe
Arbeit zitieren
Katharina Bär (Autor), 2006, Die "unerhörte Begebenheit" in Goethes Novelle, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64302

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