Das Inselmotiv in der Kinder- und Jugendliteratur


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

22 Seiten, Note: "keine"


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Die Insel als Zuhause
2.1 Michael Endes „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“
2.1.1 Lummerland

3. Die Insel als Gefängnis und Ort der Bewährung
3.1 Daniel Defoes „Robinson Crusoe“
3.1.1 Robinsoninsel

4. Die Insel als fremde Welt
4.1 Jonathan Swifts „Gullivers Reisen”
4.1.1 Die Inseln Liliput und Brobdingnag
4.1.2 Liliput
4.1.3 Brobdingnag

5. Schlussteil

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Inselmotiv ist in der Literatur schon seit der Antike etabliert. Wenn sich die Menschen der heutigen Zeit nach einer Insel sehnen, dann weil sie sich auf ihr Erholung von der stressigen Außenwelt erhoffen. Mit einer Insel wird Übersichtlichkeit, Abgeschlossenheit und Unzugänglichkeit verbunden. Sie steht oft in Verbindung mit menschlichen Erfahrungen und Bedürfnissen, wie z.B. „Heimat und Fremde, Schutz und Ausgeliefertsein, Geborgenheit und Verlassensein, Freiheit und Gefangenschaft, Neugier und Selbstgenügsamkeit“.[1]

Die Insel als Paradies findet in der Literatur, ebenso wie die Insel als Gefängnis, seine Beachtung. Das bekannteste Inselgefängnis ist Alcatraz. Es inspiriert viele Autoren. Die Eigenschaften, die die Insel als Paradies erscheinen lassen, können aus ihr ebenfalls ein Gefängnis machen. Durch die Abgeschlossenheit und Unzugänglichkeit ist es für den Menschen schwer die Insel wieder zu verlassen.

Die Inseln, die in der Literatur aufgegriffen werden, können real-existierende Inseln sein. Andere Möglichkeiten sind fiktive Inseln, die keine geografischen Angaben haben oder Inseln, die nur im Traum existieren. Bei den realen Inseln wird Tahiti als „Schauplatz“ oft gewählt. Die Darstellungen reichen vom verloren geglaubten Paradies bis zur kolonisierten Insel. Zu den berühmtesten, geografisch nicht fixierten Inseln zählen Platons „Atlantis“, Lukians „Insel der Seligen“, Morus „Utopia“ und Defoes „Robinson Crusoe“.[2]

Die Trauminseln sind in der Literatur mit der Zeit häufiger geworden. Autoren weichen auf Phantasieinseln aus, weil die Insel wirklich von der Außenwelt abgeschlossen sein muss. Mit dem Beginn des 20. Jahrhundert waren nämlich die meisten realen Inseln erforscht und viel leichter zu erreichen, weil die Seefahrt fortschrittlicher geworden war.

Für mich stellt sich die Frage, welche Inselmotive es in der Kinder- und Jugendliteratur gibt und welche Bedeutung die Insel für die Handlung hat. Ist sie nur ein Schauplatz oder ist sie mit der Handlung eng verknüpft? Wieso hat sich der Autor für eine Insel entschieden?

Ich habe mich auf sechs Inselmotive der Kinder- und Jugendliteratur festgelegt.

Die Motive lauten:

1. Die Insel als Zuhause
2. Die Insel als Gefängnis und Ort der Bewährung
3. Die Insel als fremde Welt
4. Die Insel als Zufluchts- und Rückzugsraum
5. Die Insel als utopisches Gesellschaftsmodell
6. Die Insel als Schauplatz eines Abenteuers

Die ersten drei Motive werde ich in dieser Arbeit mit jeweils einem Beispiel genauer beschreiben.

In Michael Endes Buch „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ ist die Insel Lummerland ein Zuhause.

Als ein Gefängnis und Ort der Bewährung nimmt Robinson Crusoe seine Insel wahr.

Ich betrachte das Buch „Robinson Crusoe“ von Daniel Defoe in einer Übersetzung von Käthe Recheis. Diese Übersetzung beinhaltet nur den ersten Teil von Robinsons Abenteuern. Ich beschränke mich auf diesen Teil, weil er als Inhalt das Stranden auf einer einsamen Insel hat und weil der zweite Teil in Deutschland kaum bekannt ist.

Die Inseln, die Jonathen Swift in „Gullivers Reisen zu den Zwergen und Riesen“ entwirft, sind für Gulliver und für den Leser fremde Welten. Die Geschichte von Lemuel Gulliver ist in vier Teile gegliedert. Er erzählt von seinen vier Reisen Anfang des 18. Jahrhunderts, die ihn nach Liliput, Brobdingnag, Laputa und in das Land der Huyuhums führen.

Ich betrachte in dieser Hausarbeit nur die ersten beiden Reisen, also eine Kurzfassung des Buches Gullivers Reisen, weil nur die gekürzte Fassung in Deutschland zum Kinderbuch-Klassiker wurde.[3]

Die anderen drei Motive stelle ich nun im Folgenden dar:

Die Insel als Zufluchts- und Rückzugsraum

Inseln sind oft Rückzugs- und Zufluchtsorte, weil sie von der Außenwelt abgetrennt und nicht leicht zu erreichen sind. Der kindliche Protagonist (die Protagonisten) möchte aus der gewohnten Welt entfliehen und sich irgendwo zurückziehen. Die Kinder sind meistens Außenseiter oder Einzelgänger. Zu den Inseln gelangen sie häufig sehr ungewöhnlich, wie z.B. auf dem Rücken eines Delphins ( „Delphinensommer“ von Katherine Allfrey).[4]

Die Inseln sind nach den Wünschen und Bedürfnissen des jeweiligen Kindes gestaltet. Es handelt sich häufig um Phantasieinseln.

Die Inseln werden meistens häufiger besucht. Die Aufenthalte sind ein Ausgleich zur normalen Welt. Wobei die normale Welt nichts von den Rückzügen bemerkt, weil diese immer nur sehr kurz sind.

Das Kind hat auf der Insel die Möglichkeit, das zu erleben, was ihm in der normalen Welt verwehrt bleibt. Was sie dort erleben ist auf ihre individuellen Bedürfnisse zugeschnitten.[5]

Das Kind macht auf jeden Fall eine positive Entwicklung durch. Es ist dann nach einiger Zeit wieder fähig in die normale Welt zurückzukehren. Die Insel stellt also keine alternative Welt da, sondern ist ein Ort der Entwicklung und „Genesung“.

Die Insel wirkt kompensatorisch, weil sie vorhandene Defizite ausgleicht.[6]

Die Insel als utopisches Gesellschaftsmodell

Die Autoren versuchen eine Welt zu entwerfen, die ideal ist. Die erschaffene Welt ist dabei immer modellhaft und die Welt des Autors spielt immer mit in das Modell hinein.

Utopien sind Modelle, die es nirgendwo gibt. Schon in der Antike gab es Utopien auf Inseln (Atlantis, Insel der Seligen). Eine Insel ist durch ihre räumliche Distanz zur Außenwelt für eine Utopie sehr gut geeignet.[7] Die Inseln sind häufig schwer zu erreichen. Sie sind von der Außenwelt völlig abgeschlossen und in keiner Landkarte verzeichnet.

Bei den Utopieinseln steht der Zustand der Gesellschaft im Vordergrund.[8] Bei den Robinsonade-Inseln wird hingegen der Prozess zu einer vorbildlichen Gesellschaft beschrieben.

Neben den Utopien gibt es auch Anti-Utopien. Hier wird eine negative Gesellschaft entworfen.

Beschrieben wird die Insel meistens durch die Besucher.

Das Ziel der Utopie und Anti-Utopie ist, dass der Leser über seine eigene Welt reflektiert.[9]

Die Insel als Schauplatz eines Abenteuers

Abenteuerliteratur spielt oft an exotischen und außergewöhnlichen Orten.

Eine Insel ist für ein Abenteuer prädestiniert. Die Insel trägt zur Spannung bei, weil sie fremd und geheimnisvoll ist. Damit eine Spannung entsteht, muss die Insel jedoch eine isolierte Lage haben.[10]

Die Insel hält die Besucher gefangen und durch die Einsamkeit und Abgeschlossenheit intensivieren sich die Erlebnisse und Gefühle.

In der Abenteuerliteratur ist die Insel weitestgehend eine Kulisse für die Handlung. Sie ist zwar sehr geeignet als Schauplatz, aber auch austauschbar.

Die Insel ist immer von der subjektiven Wahrnehmung und von den Erwartungen der Besucher abhängig.[11]

Die bekannteste Abenteuerinsel ist die „Schatzinsel“ von R.L. Stevensen. Eine Insel ist durch ihre Abgeschiedenheit der perfekte Schauplatz für eine Schatzsuche. Eine Schatzinsel ist schwer zugänglich, so dass die Schatzsucher sich sehr bemühen müssen. Sie versprechen sich persönlichen Reichtum. Den Schatz können sie aber erst finden, wenn sie sich ihm verdient gemacht haben. Spannung entsteht durch mehrere Schatzsucher und durch die Wildheit der Flora und Fauna.

Der Schatzsucher hat keine tiefere Beziehung zu der Insel. Sie ist ein Raum, der durchsucht werden muss.[12]

2. Die Insel als Zuhause

Bei diesem Inselmotiv wird die Insel ein Sinnbild für einen Ort, der Geborgenheit gibt und für die Menschen eine Heimat ist.

Die Inseln sind meistens sehr klein und bieten so kaum Platz für viele Menschen und Häuser. Doch die Begrenztheit des Raumes macht ihn überschaubar. Die Dinge sind meistens nur einmal vorhanden, wie z.B. nur ein Dorf[13], und es gibt keine schwierigen Lebenszusammenhänge. Das Leben verläuft immer in den gleichen Bahnen. Menschen und Tiere sind mit ihrem Leben zufrieden. Das Vertraute und die Traditionen geben den Menschen ein Gefühl von Geborgenheit. Manchmal schlägt dieses Gefühl auch um, dann fühlen sich die Menschen durch das Leben auf der Insel eingeengt.

Die Insel wird immer im Gegensatz zur Außenwelt gesehen. Sie bietet den Menschen Schutz vor ihr. Die Außenwelt könnte das friedliche Leben auf der Insel zerstören.

Wenn die Bewohner gezwungen sind die Insel zu verlassen, haben sie Angst das Vertraute zu verlieren. Sie denken während der Abwesenheit oft an die Insel und sehnen sich nach ihr.[14]

[...]


[1] Von Robinson bis Lummerland. Die Insel als Motiv in der Kinder- und Jugendliteratur. Hrsg. von der Internationalen Jugendbibliothek. München: Internationale Jugendbibliothek 1995. S. 3.

[2] Vgl. Ebd.: S. 2.

[3] Vgl. http://www.stoersignale.de/christians_buecherkiste/2004/02/gullivers_reise.html

[4] Vgl. Von Robinson bis Lummerland 1995: S. 16.

[5] Vgl. Ebd.: S. 16.

[6] Vgl. Ebd.: S. 16.

[7] Vgl. Ebd.: S. 35

[8] Vgl. Ebd.: S. 35

[9] Vgl. Von Robinson bis Lummerland 1995: S. 35.

[10] Vgl. Ebd.: S. 54.

[11] Vgl. Ebd.: S. 54.

[12] Vgl. Stünzi, Ursula: Die Insel. Literarische Inseltypen. Unter besonderer Berücksichtigung der französischen Literatur. Züricher Diss. Zürich 1973. S. 128-131.

[13] Vgl. Brunner, Horst: Die poetische Insel. Insel und Inselvorstellungen in der deutschen Literatur. Stuttgart: J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung 1967. S. 101.

[14] Vgl. Von Robinson bis Lummerland 1995: S. 5.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Das Inselmotiv in der Kinder- und Jugendliteratur
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)  (Germanistik)
Veranstaltung
Inselwelten
Note
"keine"
Autor
Jahr
2005
Seiten
22
Katalognummer
V64307
ISBN (eBook)
9783638571609
ISBN (Buch)
9783638688710
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Inselmotiv, Kinder-, Jugendliteratur, Inselwelten
Arbeit zitieren
Ann-Kathrin Christiansen (Autor), 2005, Das Inselmotiv in der Kinder- und Jugendliteratur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64307

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