Obwohl Weiblichkeitsbilder in der Literatur der Weimarer Republik eine besondere Rolle spielen, ist eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Frauenfiguren in Vicki Baums wohl bekanntestem Roman „Menschen im Hotel“ (1929) bisher weitgehend unterblieben.
Diese Arbeit analysiert die Darstellung der beiden wichtigsten Protagonistinnen, der Ballerina Grusinskaja und der Gelegenheitssekretärin Flämmchen, und fragt nach deren Funktionen. Sie zeigt, inwiefern die Autorin mit dem zeitgenössischen Frauenbild operiert und was sie diesem entgegen setzt. Ein kontrollierter Bruch mit Stereotypen ist feststellbar.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Figurenensemble
3. Frauenbilder in „Menschen im Hotel“ – Flämmchen und Grusinskaja
3. 1. Flämmchen als Entwurf der Neuen Frau
3.2. Bruch mit dem Stereotyp
3.3. Grusinskaja – Eine außer Mode gekommene Diva
4. Die Funktion der Frauenfiguren
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung und Funktion der weiblichen Hauptfiguren Flämmchen und Grusinskaja in Vicki Baums Roman „Menschen im Hotel“. Ziel ist es, den Umgang der Autorin mit zeitgenössischen Stereotypen der „Neuen Frau“ in der Weimarer Republik zu analysieren und aufzuzeigen, wie diese Figuren durch individuelle Züge vermenschlicht werden und als Katalysatoren für das Schicksal der männlichen Protagonisten fungieren.
- Analyse der stereotypen Darstellung weiblicher Charaktere in der Literatur der Weimarer Republik.
- Untersuchung von Flämmchen als Verkörperung und gleichzeitiger Bruch mit dem Bild der „Neuen Frau“.
- Charakterisierung von Grusinskaja als alternde Diva im Kontext des gesellschaftlichen Wandels.
- Erarbeitung der narrativen Funktion der Frauenfiguren als Schicksalsgöttinnen und Projektionsflächen.
- Herausarbeitung der bewussten Ironisierung von Klischees durch die Autorin.
Auszug aus dem Buch
3.2. Bruch mit dem Stereotyp
Bisher ist nur ein Aspekt der Frauendarstellung bei Vicki Baum beleuchtet worden: die Stereotypisierung. Ebenso wie die Autorin ihre Frauenfiguren an Typen ausrichtet, bricht sie aber auch mit diesen. Sie habe die „abgedroschensten Figuren“ in ein Lichtlein gesteckt, das diese „von innen erhellt, durchsichtig macht, zu einem Menschen macht“34, lautet der bereits eingangs zitierte Satz von Baum. Er verdeutlicht den Bruch: Die Autorin verleiht den Charakteren über ihre stereotypen Eigenschaften hinaus individuelle Züge. Sie legt die Figuren in sich widersprüchlich an.
So sucht Flämmchen, der Typ der unabhängigen und emanzipierten Neuen Frau, gleichzeitig nach emotionaler Sicherheit. Sie weist Kringelein nicht von sich, weil er ihr ein Gefühl von Geborgenheit gibt. Es überkommt sie „etwas von Nähe und Geborgensein, etwas, das haltbarer zu sein scheint, als die sonstigen Improvisationen ihrer flirrenden Existenz“35, heißt es im Text. Hat Flämmchen sich zuvor für Geld einem Mann hingegeben, tut sie es nun für das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit.36 Auch wenn Nicole Nottelmann eine Liebe zwischen Flämmchen und Kringelein für möglich hält37, widerlegt dies der Text: „Es ist ja nicht so, daß Flämmchen sich nun in Kringelein verlieben würde, nein, das Leben ist weit entfernt davon, solche Süßigkeiten zu produzieren“38.
Für Kringelein hingegen ist Flämmchen die Erfüllung seiner Träume, ein „Wunder, das ihm zugestoßen ist“, „das vollkommen Schöne“39. Das wiederum lässt sie sich selbst in einem anderen Licht sehen: „sie entdeckte sich selbst wie einen vergrabenen Schatz“40. Kringelein ermöglicht Flämmchen, ihr Selbstverständnis als Neue Frau zu vergessen, um sich vorübergehend ganz in den Schutz eines Mannes zu begeben.41
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die These vor, dass Vicki Baum stereotype Frauenfiguren nutzt, diese jedoch durch individuelle Züge bricht und ihre Funktion im Gefüge der „group novel“ hinterfragt.
2. Figurenensemble: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über das umfangreiche Personal des Romans und erläutert die Konstellation der sechs Hauptfiguren im Berliner „Grand Hôtel“.
3. Frauenbilder in „Menschen im Hotel“ – Flämmchen und Grusinskaja: Das Kapitel analysiert die beiden weiblichen Protagonistinnen als zeitgenössische Typen sowie deren bewusste Distanzierung von diesen vorgegebenen gesellschaftlichen Bildern.
3. 1. Flämmchen als Entwurf der Neuen Frau: Es wird dargelegt, wie Flämmchen einerseits dem Image der konsumorientierten und unabhängigen Angestellten entspricht, sich jedoch durch ihre persönlichen Sehnsüchte diesem Klischee entzieht.
3.2. Bruch mit dem Stereotyp: Hier wird der Widerspruch zwischen der stereotypen Anlage der Figuren und ihrer menschlichen Individualität sowie der Suche nach emotionaler Sicherheit untersucht.
3.3. Grusinskaja – Eine außer Mode gekommene Diva: Dieses Kapitel behandelt die Tänzerin Grusinskaja als eine Figur, die an veralteten Rollenmodellen festhält und an der Moderne sowie ihrer eigenen Einsamkeit scheitert.
4. Die Funktion der Frauenfiguren: Das Kapitel arbeitet heraus, dass die Frauen als Katalysatoren fungieren, die das Schicksal der männlichen Figuren maßgeblich beeinflussen und steuern.
5. Schlussbetrachtung: Die Arbeit resümiert, dass Baum Tradition und Moderne kombiniert und durch die Ironisierung von Stereotypen ein komplexes, wenn auch widersprüchliches Frauenbild zeichnet.
Schlüsselwörter
Vicki Baum, Menschen im Hotel, Weimarer Republik, Frauenbild, Neue Frau, Stereotyp, Flämmchen, Grusinskaja, Literarische Funktion, Identität, Geschlechterrollen, Moderne, Kolportage, Zeitgenössische Literatur, Weiblichkeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Darstellung und erzählerische Funktion der beiden weiblichen Hauptfiguren Flämmchen und Grusinskaja in Vicki Baums Roman „Menschen im Hotel“ vor dem Hintergrund der Weimarer Republik.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Konzepte der „Neuen Frau“, die Verwendung von Stereotypen in der Literatur dieser Zeit, die Dynamik zwischen den Geschlechtern sowie die Bedeutung des gesellschaftlichen Umbruchs Ende der 1920er Jahre.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Vicki Baum ihre Figuren einerseits als zeitgenössische Stereotypen anlegt, diese aber gleichzeitig durch individuelle psychologische Tiefe ironisiert und untergräbt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text des Romans in den Kontext zeitgenössischer gesellschaftlicher Diskurse stellt und auf narratologische sowie literaturgeschichtliche Sekundärquellen stützt.
Was ist der inhaltliche Schwerpunkt des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in die Charakteranalyse der beiden Frauenfiguren hinsichtlich ihrer Typisierung sowie in die Untersuchung ihrer funktionalen Rolle als Katalysatoren für das Schicksal der männlichen Hauptfiguren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind „Neue Frau“, „Stereotypisierung“, „Weimarer Republik“, „Weiblichkeitskonzeption“, „Vicki Baum“ und „Funktionalität“.
Warum begegnen sich Flämmchen und Grusinskaja im Roman nicht?
Die Arbeit argumentiert, dass eine Begegnung nicht nötig ist, da beide Frauen eine beigeordnete Funktion für die männlichen Protagonisten (Gaigern, Preysing, Kringelein) erfüllen und als separate Projektionsflächen für deren Schicksale dienen.
Inwiefern bricht die Autorin mit dem Bild der „Neuen Frau“ bei Flämmchen?
Obwohl Flämmchen äußerlich dem Ideal der modernen, berufstätigen Frau entspricht, offenbart sie eine Sehnsucht nach emotionaler Geborgenheit und traditioneller Absicherung durch den Mann, was ihren Status als emanzipierte „Neue Frau“ in Frage stellt.
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- Janine Wergin (Author), 2003, Darstellung und Funktion der Frauenfiguren in Vicki Baums Roman "Menschen im Hotel", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64344