Die Erzählforschung hat seit den 60er Jahren zahlreiche neue Termini und Systeme für die Analyse von Erzähltexten entwickelt. Der französische Strukturalist Gérard Genette hat 1972 ein Modell zur Analyse vorgelegt, das in der Literaturwissenschaft allgemein Anerkennung findet. Jonathan Culler wertet Genettes Discours du récit als "bislang gründlichste[n] Versuch, die Grundlagen und Techniken des literarischen Erzählens zu analysieren, zu benennen und zu veranschaulichen" Genette lenke die Aufmerksamkeit auf Strukturen und Techniken der Fiktion, die zuvor nicht wahrgenommen wurden oder deren Bedeutung nicht erkannt worden sei. Die Frage nach dem Gebrauchswert von Genettes Ansatz beantwortet Jochen Vogt im Nachwort zur deutschen Ausgabe: Es handle sich um eine "hochgradig praktikable Theorie der literarischen Erzählung".
Im Folgenden soll Franz Kafkas Erzählung "In der Strafkolonie" von 1914 erzähltheoretisch analysiert werden. Genettes "Die Erzählung" dient als Grundlage dieser Untersuchung. Das von ihm entwickelte Modell wird auf seine Anwendbarkeit überprüft.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zeit
2.1. Erzählzeit und erzählte Zeit
2.2. Zeitliche Ordnung
2.3. Dauer
2.4. Frequenz
3. Modus
3.1. Distanz
3.2. Fokalisierung
4. Stimme
4.1. Zeit der Narration
4.2. Narrative Ebenen
4.3. Person
5. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, Franz Kafkas Erzählung "In der Strafkolonie" (1914) mithilfe des erzähltheoretischen Modells von Gérard Genette zu analysieren, wobei der Fokus primär auf den Strukturen und Techniken der Darstellung ("Wie") anstatt auf dem Inhalt ("Was") liegt.
- Anwendung von Genettes Kategorien Zeit, Modus und Stimme auf Kafkas Text.
- Untersuchung der zeitlichen Struktur mittels Analepsen und Prolepsen.
- Analyse des narrativen Tempos und des Wechsels zwischen Erzähl- und Zeitdauer.
- Untersuchung der Fokalisierung und Perspektivierung.
- Erforschung der Erzählebenen und der Rolle des Erzählers.
Auszug aus dem Buch
2.2. Zeitliche Ordnung
Die chronologische Ordnung eines Geschehens kann in einer Erzählung umgestellt werden. Genette bezeichnet die Dissonanz zwischen der zeitlichen Abfolge des Geschehens und der Anordnung seiner Darstellung im Rahmen der Erzählung als narrative Anachronie. Die temporale Analyse von Kafkas In der Strafkolonie zeigt, dass auch in dieser Erzählung eine Anachronie vorliegt. Die chronologische Abfolge der Geschichte wird durch Analepsen (Rückwendungen) und Prolepsen (Vorausdeutungen, Vorgriffe) umgestellt.
Um die Abfolgeverhältnisse deutlich zu machen, ist zunächst eine Gliederung des narrativen Diskurses in Segmente, also kleine zeitliche Einheiten, notwendig. Die Einteilung von Kafkas Text erweist sich als schwierig. Immer wieder werden kurze Analepsen – oft nur für die Länge eines halben Satzes – verwendet. Diese Auffälligkeit ist prägend für den Text, muss aber bei der Segmentierung auf der Makroebene unberücksichtigt bleiben. Nur auf diese Weise kann eine noch überschaubare Einteilung vorgenommen werden.
So ergibt sich Folgendes: Die Erzählung hat 13 Bestandteile, die der Reihenfolge ihres Erscheinen im Text nach A, B, C, D, E, F, G, H, I, K, L, M benannt werden. Segment A umfasst die vorbereiteten Arbeiten für die Exekution und ist zugleich die Exposition (Seite 100 bis Seite 101). Im zweiten Abschnitt wird die Entstehung des Apparates, der eine Erfindung des alten Kommandanten ist, geschildert (S.101). Das Ende des Segments B und damit den Übergang zum Segment C markiert die Stelle „aber ich schwätze“. Anschließend erklärt der Offizier die Funktionsweise des Apparates (S.101 bis S.103). Mit der Frage des Reisenden nach dem Urteil beginnt Segment D. Der Offizier erläutert die Vollstreckung durch das Auf-den-Leib-Schreiben, die Unkenntnis des Hinzurichtenden über seine Verurteilung, seine eigene Funktion als Richter und die immer zweifelsfreie Schuld (S.103 bis S.105).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel stellt das theoretische Fundament durch Gérard Genettes Erzähltheorie vor und definiert das Untersuchungsziel der Analyse von Kafkas Werk.
2. Zeit: Hier wird das Zeitverhältnis von erzählter Zeit und Erzählzeit untersucht, inklusive einer detaillierten chronologischen Segmentierung sowie einer Analyse von Dauer und Frequenz.
3. Modus: Dieses Kapitel widmet sich dem Grad der Mittelbarkeit (Distanz) und der Perspektivierung (Fokalisierung) im erzählten Geschehen.
4. Stimme: Hier wird der Erzählakt analysiert, insbesondere die Zeit der Narration, die narrativen Ebenen sowie die Rolle der Erzählinstanz.
5. Schlusswort: Das Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Anwendbarkeit des strukturalistischen Modells auf Kafkas Erzählung.
Schlüsselwörter
Erzähltheorie, Gérard Genette, Franz Kafka, In der Strafkolonie, Zeit, Modus, Stimme, Anachronie, Analepse, Prolepse, Anisochronie, Fokalisierung, Erzählinstanz, narrative Ebene, Strukturalismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit bietet eine formale erzähltheoretische Analyse von Franz Kafkas Erzählung "In der Strafkolonie" auf Basis von Gérard Genettes Modell.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Im Zentrum stehen die narrativen Kategorien Zeit, Modus und Stimme, mit denen die Struktur und die Erzählweise des Textes untersucht werden.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die spezifischen Erzählmechanismen in Kafkas Werk durch die Anwendung von Genettes Strukturalismus aufzuzeigen und die Praxistauglichkeit dieses theoretischen Modells zu überprüfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit nutzt den strukturalistischen Ansatz von Gérard Genette, um den Text systematisch in Bezug auf Zeitverhältnisse, Mittelbarkeit und Erzählstimme zu zerlegen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analysen der drei Genette'schen Kategorien: Zeit (Ordnung, Dauer, Frequenz), Modus (Distanz, Fokalisierung) und Stimme (Zeit der Narration, Ebenen, Person).
Welche Schlüsselbegriffe definieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind unter anderem Anachronie, Analepse, Prolepse, Anisochronie, nullfokalisierte sowie intern fokalisierte Erzählung und metadiegetische Erzählung.
Wie geht die Autorin mit dem "Was" und dem "Wie" der Erzählung um?
Die Autorin grenzt sich klar ab, indem sie sich explizit auf das "Wie" (die Art und Weise der Darstellung) konzentriert und das "Was" (den inhaltlichen Kern oder die Bedeutung) bewusst ausklammert.
Welche Bedeutung kommt dem Offizier als Erzähler zweiter Ebene zu?
Der Offizier fungiert als intradiegetisch-homodiegetischer Erzähler, der durch seine metadiegetischen Einschübe die Geschichte der Strafkolonie explikativ beleuchtet.
Warum wird die Fokalisierung in Kafkas Text als so komplex beschrieben?
Die Analyse zeigt, dass der Text keinen einheitlichen Fokalisierungstyp aufweist, sondern häufig zwischen Perspektiven wechselt, was den Leser zur Interpretation der Zuverlässigkeit des Erzählers herausfordert.
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- Janine Wergin (Author), 2004, Franz Kafkas "In der Strafkolonie": Eine Analyse nach dem erzähltheoretischen Ansatz von Gérard Genette, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64345