Allgemein bezeichnet ‚Gedächtnis’ eine subjektive Fähigkeit, bestimmte Erfahrungen, Ideen und Informationen möglichst für längere Zeit in Erinnerung zu bewahren. Diese Fähigkeit des Individuums wird in den Sozial-, Kultur- und Geschichtswissenschaften unterschiedlich thematisiert. Dabei wird das Gedächtnisvermögen zwar dem individuellen Bewusstsein zuerkannt. Gleichwohl weisen die Wissenschaftler auch auf die konstitutive Rolle hin, die kulturelle und soziale Faktoren für die Gedächtnisbildung insbesondere in der Auseinandersetzung mit der Geschichte spielen. Danach wird dem Gedächtnis die Doppelfunktion zugewiesen, persönliche Erinnerungen mit den Erfahrungen zu verbinden, die den meisten Menschen in einer Gesellschaft gemeinsam sind. Die Anwendung der Kategorie kollektives Gedächtnis mag in manchen wissenschaftlichen Zusammenhängen zulässig erscheinen, doch sie ist nicht nur philosophisch, sondern auch im Hinblick auf den Kolonialismus problematisch. Im kolonialen System standen sich Europäer als vorsätzliche Täter und Afrikaner als unschuldige Opfer gegenüber, d.h. sie standen stets in einem Konfliktverhältnis zueinander. Kolonisierte und Kolonisierer konnten deshalb kein gemeinsames Gedächtnis kultivieren, weil ihre Erfahrungen mit der Kolonisation und ihre Erinnerungen an jene Zeit konträr und unvereinbar sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Kann Gedächtnis kollektiv sein?
2. Das Unrecht des Kolonialismus und die Frage nach dem ‚kollektiven Gedächtnis‘.
3. Das koloniale Erbe in den intellektuellen Debatten in Afrika
4. Plädoyer für eine Konvergenzhistorik in der Erinnerungsarbeit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die Anwendung des Begriffs „kollektives Gedächtnis“ im Kontext der europäischen Kolonialgeschichte und deren Auswirkungen auf die afrikanisch-europäischen Beziehungen. Die zentrale Forschungsfrage hinterfragt, ob es ein universales Prinzip der kolonialen Wahrnehmung geben kann und wie durch eine neue methodische Herangehensweise, die sogenannte Konvergenzhistorik, eine ideologiefreie und versöhnliche Aufarbeitung der Vergangenheit unter Einbeziehung sowohl mündlicher als auch schriftlicher Überlieferungen erreicht werden kann.
- Kritische Analyse des Begriffs „kollektives Gedächtnis“ in philosophischer Sicht
- Untersuchung der psychologischen und historischen Auswirkungen des Kolonialismus
- Differenzierte Darstellung intellektueller Debatten in Afrika (Optimisten, Pessimisten, Neutralisten)
- Konzept der Konvergenzhistorik als Brücke zwischen Oralität und Literalität
- Entwurf ethischer Perspektiven für eine Versöhnungskultur zwischen Afrika und Europa
Auszug aus dem Buch
4. Plädoyer für eine Konvergenzhistorik in der Erinnerungsarbeit
Die Ausgangsthese der Konvergenzhistorik ist, dass eine objektive, kulturunabhängige und ideologiefreie Rekonstruktion oder Interpretation der Kolonialgeschichte nur unter literal oraler Assoziation möglich ist. Sie nimmt sich deshalb zum Ziel, einerseits das Geschichtsdenken von der habituellen Vorrangstellung der Literalität zu befreien und andererseits die Bedeutung der Mündlichkeit in der wissenschaftlichen Forschung auf den gleichen Standard wie die Schriftlichkeit zu heben. Denn man kann in Afrika nur zu einer vollständigen historischen Erkenntnis gelangen, wenn man sowohl auf mündliche Materialien (gesprochene Sprache, Erzählungen, Legenden, Mythen, Lieder etc.) als auch auf Bücher oder ein methodisches Studium der Geschichte zurückgreift. Mit den beiden Verfahrensweisen kann man einen breiten und umfassenden Blick auf die verschiedenen Bild-Erinnerungen insbesondere der Afrikaner sowohl an ihre authentischen Kulturen und Gesellschaften als auch an die Kolonisation gewinnen. Mit anderen Worten, die Konvergenzhistorik ermöglicht die Konfrontation mit zwei verschiedenen Formen von Erinnerungen.
Fragt man konvergenzhistorisch, woher das orale Gedächtnis oder die mündliche Erinnerung an ein weit in der Vergangenheit zurückliegendes Ereignis kommt, das man selbst nicht erlebt hat, so gibt es nur eine Antwort: Durch Berichte und Erzählungen von Personen, die entweder Zeugen waren oder Zeugen gekannt haben. In oralen Traditionen lebt der Mensch als Geschichtserzähler auch von Erzählungen oder erzählten Geschichten. Danach richtet er sein Leben aus oder er lebt so, als ob er sein Leben oder alles Leben erzählen würde. Das Gedächtnis erschwert sein Leben oder wird sogar zur Last, wenn alles, was in ihm gespeichert ist, nicht weitererzählt wird. Die Mündlichkeit bietet dem Lernenden die Möglichkeit, sich mit Zeugen und direkt Betroffenen auseinanderzusetzen, damit sie nicht nur über ihr persönliches Erleben, sondern über die Erinnerungen berichten können, die sie an die nachfolgenden Generationen weitergeben wollen. Es geht dabei um die Frage, ob die Zeugen das Vergessen, die Vergebung oder die Bewahrung revanchistischer Erinnerungen fordern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Kann Gedächtnis kollektiv sein?: Dieses Kapitel hinterfragt die philosophische Zulässigkeit des Begriffs „kollektives Gedächtnis“ und erörtert, warum die konträren Erfahrungen von Tätern und Opfern im Kolonialismus gegen eine einfache Kollektivierung der Erinnerung sprechen.
2. Das Unrecht des Kolonialismus und die Frage nach dem ‚kollektiven Gedächtnis‘.: Der Autor analysiert hier die Problematik einer einseitigen Verwendung dieses Begriffs und plädiert stattdessen für eine lebendige Kultur der Versöhnung, die auf ethischen Prinzipien statt auf ideologischer Instrumentalisierung basiert.
3. Das koloniale Erbe in den intellektuellen Debatten in Afrika: Dieses Kapitel differenziert drei intellektuelle Strömungen in Afrika – Optimisten, Pessimisten und Neutralisten – und deren jeweilige Haltung zur kolonialen Vergangenheit, zu westlichen Modellen und zur eigenen Identität.
4. Plädoyer für eine Konvergenzhistorik in der Erinnerungsarbeit: Die Konvergenzhistorik wird als methodischer Lösungsansatz vorgestellt, der mündliche Überlieferungen und schriftliche Quellen gleichwertig verbindet, um eine objektivere und umfassendere Aufarbeitung der Geschichte zu ermöglichen.
Schlüsselwörter
Kolonialismus, Kollektives Gedächtnis, Konvergenzhistorik, Erinnerungskultur, Philosophie, Oralität, Literalität, Versöhnung, Geschichtsschreibung, Afrika, Europa, Interkulturalität, Transzendenz, Ethik, Identitätsbewahrung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich kritisch mit der wissenschaftlichen und philosophischen Verwendung des Begriffs „kollektives Gedächtnis“ im Kontext der kolonialen Vergangenheit zwischen Afrika und Europa.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den zentralen Themen gehören die philosophische Fundierung des Erinnerns, die historische Aufarbeitung des Kolonialismus, die verschiedenen Positionen afrikanischer Intellektueller sowie die methodische Verbindung von Mündlichkeit und Schriftlichkeit in der Geschichtswissenschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, eine neue, ideologiefreie Methode – die Konvergenzhistorik – zu etablieren, um die Blockaden in der Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit durch einen produktiven Dialog zu überwinden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen philosophischen Diskursansatz und entwickelt das Konzept der „Konvergenzhistorik“, welches sowohl orale Traditionen als auch literale historische Methoden systematisch miteinander verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Unzulänglichkeiten des Konzepts „kollektives Gedächtnis“ aufgezeigt, die drei intellektuellen Strömungen (Optimisten, Pessimisten, Neutralisten) analysiert und die Konvergenzhistorik als Werkzeug für eine objektivere historische Forschung dargelegt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Kolonialismus, Konvergenzhistorik, Erinnerungskultur, Oralität, Literalität und Versöhnung.
Was ist mit dem „reaktiven Historismus“ in der Arbeit gemeint?
Damit beschreibt der Autor die Tendenz mancher afrikanischer Denker, sich ausschließlich auf die eigene orale Tradition zu berufen, um sich einer eurozentrischen Geschichtsschreibung zu widersetzen, was jedoch die Gefahr der Verzerrung birgt.
Warum lehnt der Autor die einfache Kategorie „kollektives Gedächtnis“ ab?
Der Autor lehnt sie ab, da die gegensätzlichen Erfahrungen von Kolonialherren und Kolonisierten keine gemeinsame, einheitliche Erinnerung zulassen und der Begriff oft als Euphemismus für eine unzureichende Aufarbeitung des Unrechts dient.
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- PD Dr. Dr. Jacob Emmanuel Mabe (Author), 2005, Vom kollektiven Gedächtnis zur Konvergenzhistorik - Afrikanische und europäische Erinnerungen an den Kolonialismus philosophisch hinterfragt., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64375