Bikulturelle Inkonsistenz - Das Problem der Identitätsfindung ausländischer Kinder und Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland


Zwischenprüfungsarbeit, 2006
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Kulturbegriff
2.1 Türkische Kultur

3. Das Problem der Identität
3.1 Begriffsdefinition
3.2 Die Suche nach der eigenen Identität ausländischer Kinder und Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland

4. Das Problem des Bilingualismus bei Immigrantenkindern
4.1 Die Rolle der Muttersprache
4.2 Das Problem des Bilingualismus
4.3 Förderungsmaßnahmen in der Bundesrepublik
Deutschland
4.4 Defizite trotz Förderung
4.5 Mögliche Gründe für das Scheitern in der Schule

5. Die Betroffenheit ausländischer Kinder bei der Übertrittsauslese

6. Berufliche Integration ausländischer Schulabgänger in der Bundesrepublik Deutschland

7. Schluss

8. Literatur

1. Einleitung

Wir leben heute in einem komplizierten sozialen Gefüge, welches durch verschiedene Kulturen innerhalb unserer Gesellschaft geprägt ist.

Ende 2003 lebten 7,3 Millionen Ausländer in Deutschland, was einem Anteil von 8,9 Prozent der Gesamtbevölkerung Deutschlands entspricht. Auch im Schulalltag stellen ausländische Kinder alles andere als eine Minderheit dar. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass diese Kinder in das deutsche Schulsystem optimal eingegliedert werden. Leider hapert es genau an diesem Punkt, denn ein Großteil der ausländischen Kinder kommt im deutschen Schulalltag einfach nicht mit. Angefangen bei der Grundschule häufen sich Defizite in fast allen schulischen Bereichen. Weiter möchte ich darstellen, was mögliche Ursachen für das Scheitern in der Schule sein können. Dieser Aspekt spielt hinsichtlich des Übergangs von der Grundschule auf eine weiterführende Schule eine große Rolle, da in der Grundschule die wichtigsten Bausteine für eine weitere Schullaufbahn gelegt werden.

Im Rahmen unseres Seminars „Fürs Leben lernen. Psychologie der schulischen Übertrittsauslese“ habe ich mich mit dem Thema der Identitätsfindung ausländischer Kinder und Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland beschäftigt. Dabei stellt sich mir die Frage, inwiefern sich das Problem des Bilingualismus und der kulturellen Inkonsistenz auf den schulischen Übertritt von der Grundschule auf eine weiterführende Schule auswirkt.

Welche Rolle spielt die Zweisprachigkeit oder auch doppelte Halbsprachlichkeit bei der Übertrittsauslese? Inwiefern sind jene Kinder benachteiligt, die über den Bilingualismus verfügen?

Zu betrachten sind dabei nicht nur die schulischen Leistungen in Gegenwart und Zukunft, sondern auch die Rolle des Kindes innerhalb einer Klassengemeinschaft. Wie kann sich ein Kind erneut in eine neue Klassengemeinschaft integrieren, wo es sich doch gerade erst in seiner Grundschulklasse eingelebt hat?

Da ich mir hinsichtlich beschriebener Problematiken gefragt habe, welche Chancen die ausländische Schulabgänger – ob mit oder ohne Abschluss - auf dem deutschen Arbeitsmarkt haben, werde ich am Ende dieser Arbeit einige Fakten über die Ausbildungs- und tatsächlichen Arbeitschancen auflisten.

2. Der Kulturbegriff

Als Kultur einer Gruppe werden besondere Lebensweisen zusammengefasst, die- für die jeweilige Kultur spezifische- Werte und Normen, Traditionen, Glaubenssysteme, Sitten und Bräuche, ein politisches System sowie gesellschaftliche Beziehungen, umfasst (Atabay,1994). Obwohl Kulturen oftmals auf alten Traditionen fußen, so ist Kultur laut Clarke ein prozesshaftes System, welches nie abgeschlossen ist, sich im Laufe der Zeit immer weiterentwickelt.

Es gibt zahlreiche Definitionen von Kultur, weshalb es schwer ist, eine einheitliche, konkrete Definition zu finden. Segall et al. (1990) definieren Kultur als das, was Personen von anderen lernen. Diese Inhalte seien sowohl adaptiv als auch generationsüberdauernd (Montada, 2002).

Triandis, 1989 unterscheidet Kulturen hinsichtlich der Dimension:

Individualismus – Kollektivismus

- Individualistische Kulturen legen in der Erziehung Wert auf Selbstvertrauen, Unabhängigkeit, Selbstfindung und Selbstverwirklichung. Sie fördern Aspekte der Identität, die mit Besitz und materiellen Dingen zu tun haben
- Kollektivistische Kulturen streben in der Erziehung Konformität, Gehorsam und Wohlverhalten an. Gefördert wird eine Identitätsform, die sich zu Beziehungen zu anderen Personen definiert

Weiter unterscheidet Triandis unter:

- losen – dichten Kulturen
- kulturelle Komplexität

Weitergegeben wird kulturelles Wissen (nach Berry et al., 1992) durch drei Formen der kulturellen Transmission (Montada 2002):

1) vertikale Transmission
- generelle Entkulturation durch die Eltern
- spezielle Sozialisation durch die Eltern
2) Diagonale Transmission
- durch andere Erwachsende sowohl der eigenen Gruppe als auch durch die anderer Gruppen
3) Horizontale Transmission
- generelle Entkulturation durch Gleichaltrige
- generelle Akkulturation durch Gleichaltrige

2.1 Türkische Kultur

Die Kultur der türkischen Menschen, die in Deutschland leben, ist geprägt von kulturellen Werten und Normen, die am Heimatland orientiert und größtenteils vom Islam bestimmt sind.

Die Familie lebt nach einem patriarchischen System. Die Frau wird oft unterdrückt, der Mann bestimmt über Frau und Kinder. Das Ziel der Erziehung ist Autorität, Gehorsam und Anständigkeit. Das Kind wird zum lernen und zur Leistung erzogen (Atabay, 1994).

Darauf hinzuweisen ist hier, dass sich dies nicht auf alle türkischen Bewohner der Bundesrepublik Deutschland bezieht.

Dies sind jedoch entscheidende Faktoren, die es dem Kind sowohl in der Schule als auch bei der Interaktion mit anderen Kindern und Jugendlichen nicht einfach machen.

Über die kindliche Sozialisation schreibt Rödig folgendes (Atabay 1994, S. 45):

„In der türkischen Sozialisation erfährt das Kind überwiegend Wertorientierungen nach türkischen Normen. Für die Erziehung ist überwiegend die Mutter zuständig, sofern sie nicht erwerbstätig ist. Aber diese Erziehung steckt in einem Dilemma, denn für die bekannten, nämlich türkischen Wertorientierungen und Verhaltensmuster existieren in der gesellschaftlichen Realität der Bundesrepublik Deutschland keine Bezüge. Die Frau kann dementsprechend kaum Verhaltensweisen weitergeben, die für die Kinder in der Bundesrepublik wichtig wären.“

Die Frau kann nur jene Werte an ihre Kinder weitergeben, die ihr durch ihre eigene Sozialisation gegeben sind. Dass diese Werte in der Bundesrepublik gehaltlos sind, kann nicht berücksichtigt werden.

Ein weiteres Problem ist, dass die Frau den Kindern in dem meisten Fällen die deutsche Sprache nicht vermitteln kann, da sie selbst über nicht ausreichend vorhandene Deutschkenntnisse und Kompetenzen verfügt.

In der Schule lernen die Kinder Verhaltensweisen, die sowohl für die deutsche Gesellschaft als auch für deutsche Kinder typisch sind. Diese erleichtern ihnen zwar den Umgang mit Gleichaltrigen, bringen innerhalb der Herkunftsfamilie jedoch oft Ablehnung mit sich. Konflikte sind hier vorprogrammiert (Atabay, 1994).

Laut Herskovits (1948) ist Kultur ein vom Menschen geschaffener Anteil an der Natur, mit der er zusammen ein Ökosystem bildet.

3. Das Problem der Identität

3.1 Begriffsdefinition

Im Allgemeinen meint der Begriff Identität eine Kombination aus persönlichen und unverwechselbaren Daten eines Individuums, wie der Name, das Altern, das Aussehen, das Geschlecht und der Beruf. Diese Merkmale sind es, die ein Individuum kennzeichnen und von anderen Menschen unterscheidet.

Im engeren psychologischen Rahmen meint der Begriff Identität mehr eine Persönlichkeitsstruktur (Montada, 2002).

Fast deckungsgleich mit dem Begriff Identität ist das „Selbst“, welches sich auf das Wesen einer Person bezieht (Montada, 2002).

Laut Erikson bedeutet Identität u.a. (Montada, 2002):

- Die Antwort auf die Frage „wer bin ich?“
- Die Antwort auf diese Frage bildet eine neue Ganzheit, in der alte Elemente mit neuen Elementen und Erwartungen verknüpft sind
- Die Antwort auf die Frage wird durch eine realistische Einschätzung der eigenen Person und der eigenen Vergangenheit, der eigenen Kultur, von Ideologien sowie der Erwartung der Gesellschaft an die jeweilige Person erreicht
- Kulturelle Erwartungen werden kritisch hinterfragt

3.2 Die Suche nach der eigenen Identität ausländischer Kinder und Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland

Ausländische Kinder und Jugendliche stehen in einem Spannungsfeld zwischen zwei Kulturen, weshalb der Begriff der Identität hier eine wichtige Rolle spielt. Laut Weber geraten die Heranwachsenden oftmals in eine Identitätskrise, wenn sie zwischen zwei Kulturen stehen. Da sie von beiden Seiten beeinflusst werden, fühlen die Heranwachsenden sich eingeengt sowie hin- und hergerissen (Atabay, 1994).

[...]

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Details

Titel
Bikulturelle Inkonsistenz - Das Problem der Identitätsfindung ausländischer Kinder und Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)  (Institut für Psychologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
24
Katalognummer
V64402
ISBN (eBook)
9783638572316
ISBN (Buch)
9783638670005
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bikulturelle, Inkonsistenz, Problem, Identitätsfindung, Kinder, Jugendlicher, Bundesrepublik, Deutschland
Arbeit zitieren
Kim-Christin Janßen (Autor), 2006, Bikulturelle Inkonsistenz - Das Problem der Identitätsfindung ausländischer Kinder und Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64402

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