Märchenbetrachtung und -analyse am Beispiel "Die Nachtigall" von Hans Christian Andersen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
26 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Statt eines Vorwortes – Warum Leseförderung so wichtig ist

1. Schwarzweißzeichnerei oder kunterbunte Phantasiewelt – Brauchen Kinder Märchen?

2. Das Kunstmärchen als Sonderform des Märchens

3. „Die Nachtigall“ – ein Kunstmärchen von Hans Christian Andersen

4. Analyse des Märchens „Die Nachtigall“
4.1. Zusammenfassung
4.2. Einordnung des Märchens
4.3. Sprachlich-formale Betrachtung
4.4. Inhaltliche Betrachtung und Interpretationsansatz

5. „Die Nachtigall“ im Grundschulunterricht – Vorschläge zur Umsetzung im Unterricht

6. Quellenverzeichnis

0. Statt eines Vorwortes – Warum Leseförderung so wichtig ist

Leseförderung. Eines der vielen pädagogischen Schlagworte unserer Zeit. Mittlerweile ist damit nicht nur die fachgerechte Unterstützung von Kindern mit z.B. Lese-Rechtschreib-Schwäche gemeint, sondern durch den anwachsenden Einfluss der modernen Medienlandschaft betrifft Leseförderung alle Kinder und Jugendlichen. Sie sollen Anregungen erhalten, häufiger zum Buch als zur Fernbedienung zu greifen. Zwar soll an dieser Stelle keine Verdammung von Internet und Co. stattfinden, da sie ihren unantastbaren Platz in unserem gegenwärtigen Leben haben (und diesen auch verdienen). Aber Lesen macht Spaß, und bringt außerdem gegenüber seinen elektronischen Konkurrenten viele Vorteile. Michael Sahr entwirft in seinem Buch „Leseförderung durch Kinderliteratur“ einen Katalog dieser Vorteile, der hier kurz vorgestellt werden soll (vgl. SAHR, 1998, S. 1f.):

- Technische Unabhängigkeit

Lesemöglichkeiten ergeben sich fast zu jeder Zeit, an jedem Ort. Scherzhaft dient dazu der „4-B-Test“ („Versuchen Sie einmal, im B ett, im B ad, im B us und am B adestrand fernzusehen!“; SAHR, 1998, S. 1).

- Zeitaspekt

Lesen geschieht nicht wie beim Fernsehen unter Zeitdruck, da man z.B. unklare Stellen noch einmal lesen kann.

- Größere geistige Unabhängigkeit

Wer liest, ist eher in der Lage, seine eigene Meinung zu bilden, und vorgekauten Ansichten kritisch gegenüberzustehen.

- Phantasieaspekt

Das Vorstellungsvermögen, die Leinwand im Kopf, wird ständig geschult, weil das Gelesene selbstständig in individuelle Bilder umgewandelt werden muss.

- Wirkungsaspekt

Was man einmal auf dem Papier gelesen hat, merkt man sich sehr viel besser als vorbeirauschende Fernsehbilder.

- Aktivierungsaspekt

Lesen ist zwar eine Tätigkeit, die man allein ausführt. Trotzdem neigen Häufigleser durch die vielen Anregungen zu einer aktiveren Freizeitgestaltung, und damit zu körperlicher und sozialer Aktivität.

- „Matthäus“-Aspekt

Abgeleitet von der Bibelstelle „Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden …“. Häufigleser und Wenigleser müssen sich zwangsläufig immer weiter voneinander entfernen, da sich der Horizont der Einen ständig vergrößert, und der der Anderen ständig verringert.

Die Vorteile leuchten ein. Allerdings darf man sich als Elternteil oder Lehrer nicht mit in die Hüfte gestemmten Händen vor unsere Kinder stellen, und ihnen ihre Lesefaulheit vorwerfen. Vielmehr müssen sie Lesevorbilder haben, d.h. in einer lesefreundlichen Umgebung aufwachsen, und diese auch in der Schule, z.B. durch eine Leseecke im Klassenzimmer, vorfinden. Um zum Lesen zu erziehen, bedarf es vieler Hilfestellung. Darunter zählen u.a. gemeinsame Bibliotheksbesuche, gegenseitiges Vorlesen und Unterstützung und Ermutigung bei der Buchauswahl.

Auch darf man die Augen nicht vor dem Faktum verschließen, dass heutzutage Kinderbücher ein – vergleichsweise winziger – Bestandteil aus der Fülle der Angebote für Kinder ist. Kinder können jederzeit und überall Informationen bekommen, und Bücher sind dafür leider nicht mehr dringend notwendig.

Leseförderung ist eine der Aufgaben, die Schule heute zu verwirklichen hat. Kinder sollen meiner Ansicht nach mit allen Formen der Literatur in Kontakt kommen, um ihre Vorlieben zu entdecken: traurige Geschichten, lustige Erzählungen, einfache Texte, anspruchsvolle Gedichte, ausgefallene Scherzgeschichten, „normale“ Kinderbücher, etc. Wir als Lehrer können nur Angebote unterbreiten. Dabei halte ich traditionelle Literatur genauso wichtig wie moderne Kinderbücher, und habe aus diesem Grunde für meine Hausarbeit das Kunstmärchen „Die Nachtigall“ des dänischen Autors Hans Christian Andersen (1805-1875) ausgewählt. Vorangestellt habe ich grundsätzliche Betrachtungen zur Bedeutung von Märchen und zum Kunstmärchen als literarische Besonderheit. Da dieses Märchen nicht als bekannt vorausgesetzt werden kann, entschied ich mich, den Text in meine Hausarbeit einzubeziehen. Es folgen eine sprachliche und inhaltliche Analyse, sowie Vorschläge zu Umsetzungsmöglichkeiten im Unterricht. Die Auseinandersetzung mit der Problematik „Märchen“ und dem Märchen „Die Nachtigall“, war ein Zugewinn für meinen persönlichen Horizont sowie eine Wissensbereicherung meiner Erfahrungen zum Themenkomplex „Kinderliteratur“.

0. Schwarzweißzeichnerei oder kunterbunte Phantasiewelt – Brauchen Kinder Märchen?

Eine fast immer strikte Trennung zwischen „Gut“ und „Böse“, zwischen „artig“ und „ungezogen“, zwischen „Erfolg“ und „Versagen“, sind des Märchens typischstes Merkmal. Dabei steht das Muster von „Schwierigkeiten und ihrer Bewältigung“ (LENZEN, 1993, S. 13; aus: LÜTHI, Märchen, S. 28) als vertrautes Schema im Mittelpunkt. Die personale Basis bildet zumeist ein einfacher Mensch, dem auf irgendeine Weise das Leben nicht sehr hold ist: ein armer Bauernsohn, eine geknechtete Stieftochter, ein unglückseliger Dümmling. Die Bewältigung einer gestellten oder sich ergebenden Aufgabe erfolgt dann mittels Zauberkräften, glücklicher Zufälle oder der aufopferungsvollen Hilfe Dritter. Nicht zu vergessen: der Gegenspieler, der dem Held oder der Heldin das Leben schwer macht, letztendlich jedoch das Gute die Oberhand behält. Märchen erzählen vom Wunderbaren, lassen Naturgesetze unbeachtet, wollen und sollen aber nicht rundum glaubwürdig erscheinen. So oder ähnlich könnte man das allgemeine Märchen, das Volksmärchen, in seiner Motivik als literarische Besonderheit grob umreißen. Eine Sonderrolle nehmen die Kunstmärchen ein, die an dieser Stelle allerdings nicht weiter vertieft werden, da hier nur eine allgemeine Betrachtung stattfinden soll. Das 2. Kapitel wird dazu mehr Aufschluss geben.

Betrachtet man die deutliche Unterscheidung zwischen „Gut“ und „Böse“, so verwundert es nicht, dass auch die Meinungen bezüglich Bedeutung der Märchen für Kinder auf diese Art und Weise aufeinanderprallen: „Kinder brauchen keine Märchen!“ tönen Gegner. Als Argumente liefern sie zum Ersten die von Kindern und Erwachsenen hingenommene Brutalität, die zum Beispiel bei den Gebrüdern Grimm zweifellos vorhanden ist. Da verbrennt die Hexe bei lebendigem Leib, der Wolf verendet elendiglich mit Geröll im Bauch (nachdem er vom Jäger – der nachweislich ja wohl kein erfahrener Chirurg ist – aufgeschnitten und wieder zugenäht wird) und die Stiefschwester des Aschenputtels trennt sich kurzerhand die große Zehe ab, um in den begehrten Schuh zu passen. Zum Zweiten bemängeln die Widersacher eine durch die Märchen vermittelte verfälschte Moral: im Leben ist es eben nun mal nicht so einfach, moralische Fragen unverkennbar nach „richtig“ und „falsch“ zu trennen, weil man oft auch eine ambivalente Grauzone betreten muss. Zum Dritten werden Kinder auf das ausgleichende Ende nach „Alles wird gut“-Manier vertröstet, anstatt die (zwar unerreichbare) Wunschvorstellung nach einer gerechten Welt zu unterstützen, in der alle Menschen die gleichen Voraussetzungen haben, und nicht nur einige Wenige das große Los ziehen.

Die Fürsprecher des Märchens wiederum sehen gerade in der Schwarzweißmalerei den positiven Effekt und den Zauber. Die Symbolhaftigkeit der klar getrennten Grenzen entspricht dem kindlichem Denken und ihren moralischen Vorstellungen. Besonders in jungen Jahren wissen Kinder klar zwischen „Gut“ und „Böse“ zu unterscheiden, und entwickeln erst im Laufe ihrer geistigen Entwicklung die oben erwähnte Grauzone. Die Sprache und der Verlauf des Märchens werden weiterhin als bejahendes Argument aufgeführt. Einfach aber nicht trivial werden Geschichten mit einem klaren Handlungsstrang erzählt, bei denen Höhepunkt und Ende, zumindest für Erwachsene, scheinbar vorprogrammiert sind. Die kleinen Leute jedoch fiebern mit, oder erwarten bei ihnen bekannten Märchen voller Vorfreude das gute Ende. Welches Mädchen träumt nicht von Schloss, Ballnacht und Königssohn? Kindliche Wunschvorstellungen werden bedient, und dabei Phantasie und Kreativität angeregt.

Gegenwärtige Fragestellungen beschäftigen sich jedoch nicht mehr nur mit der simplen Pro- oder Contrasichtweise. Vielmehr geht es um den Sinn des Märchens in dieser unserer Zeit, in der Computer und Hightech in allen Formen und Farben das Kinderzimmer bevölkern. Und vor allem: wie lassen sich Märchen aktualitätsbezogen in den Unterricht einbauen? An dieser Stelle verweise ich zum Einen nochmals auf das Vorwort, welches sich mit Fragen der Leseförderung beschäftigt, zum Anderen auf Kapitel 5, in dem anhand des Beispiels „Die Nachtigall“ eine Unterrichtsumsetzung vorgeschlagen wird.

Ich halte Märchen für einen unersetzlichen Bestandteil der kindlichen Lebenswelt im Allgemeinen. Und nicht nur das. Ich schätze sie als unentbehrlichen Bestand unserer (literarischen) Kultur ein, d.h. auch Erwachsene sollten sich dem Märchen nicht verschließen. Dennoch wirken die Argumente der Märchenkritiker auf mich äußerst einleuchtend. Nun kann man den Kindern Schlüsselszenen – grausam oder nicht, wie z.B. die in den Ofen gestoßene Hexe – nicht vorenthalten, und so das Märchen zu einer langweiligen, fast sinnlosen Geschichte verkommen lassen. Eine zaghafte Auseinandersetzung mit der Gewalt im Märchen kann, so finde ich, auch schon mit Grundschulkindern vorgenommen werden. Dabei sollen die Märchen keinesfalls entzaubert, sondern die Kinder zum Nachdenken angeregt werden.

1. Das Kunstmärchen als Sonderform des Märchens

Wahrscheinlich in Anlehnung an den Begriff des Kunstliedes, abgegrenzt vom Volkslied, entwickelte sich der Terminus des Kunstmärchens, obgleich von ihren Verfassern stets als Märchen bezeichnet. Die erste fachwissenschaftliche Nutzung des Wortes findet sich erst im Jahre 1905 im Titel der Dissertation Hermann Todsens: ‚Über die Entwicklung des romantischen Kunstmärchens’. Kein Geringerer als Theodor Storm prägte den Begriff in einem Brief an Theodor Fontane jedoch schon am 25.5.1868 auf folgende Art und Weise:

„… weil nichts so spärlich in unserer Literatur vertreten ist als – der Ausdruck sei gestattet – das Kunst-Märchen.“ (Internet 2, siehe Quellenverzeichnis)

Beim Kunstmärchen handelt es sich um eine Erzählung in Prosaform, deren Grundmuster und –motive dem Volksmärchen gleichen. Das Wunderbare und dessen Unwahrscheinlichkeit durchziehen diese Sonderform des Märchens auf kunstvolle Weise. Sie unterscheiden sich vom Volksmärchen aufgrund von Stil sowie Aussageabsicht, und thematisieren die romantische Idee der unerfüllten Sehnsucht. Dabei gehen Kunstmärchen anders als die gängigen Märchen nicht auf die verschiedenen, zumeist unteren, sozialen Schichten ein, sondern problematisieren Metazusammenhänge wie Existenzfragen, Gesellschaft, philosophische Themenkreise. Im Gegensatz zum allgemeinen Märchen ist der Autor namentlich bekannt, und sie können sowohl zeitlich als auch literaturgeschichtlich, d.h. einer Literaturrichtung zugehörig, eingeordnet werden.

Heinz Rölleke schreibt dazu:

„Der erst in neuerer Zeit gefundene und definierte Gattungsbegriff [des Kunstmärchens] wird also nur auf Erzählungen angewandt, deren Verfasser, Entstehungszeit sowie autorisierte Textgestalt bekannt sind und die ein schon vorliegendes Gattungsmodell imitieren.“ (Internet 2, siehe Quellenverzeichnis)

Mit dem „vorliegenden Gattungsmodell“ bezieht sich Heinz Rölleke auf das Volksmärchen, und zitiert Jolles, indem er von einer

„ ‚künstlichen’ Weiterführung der ‚Einfachen Form’ “ (Internet 2, siehe Quellenverzeichnis)

spricht.

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Märchenbetrachtung und -analyse am Beispiel "Die Nachtigall" von Hans Christian Andersen
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Grundschulpädagogik)
Veranstaltung
Kinderlyrik in der Grundschule
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
26
Katalognummer
V64507
ISBN (eBook)
9783638573061
ISBN (Buch)
9783638670050
Dateigröße
686 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit enthält neben einer Betrachtung zur allgemeinen Märchenbehandlung in der Grundschule eine Analyse und Interpretation des Kunstmärchens "Die Nachtigall" auf grundschulrelevantem Niveau. Darauf aufbauend werden Hinweise zur Unterrichtsgestaltung mit diesem Märchen gegeben.
Schlagworte
Märchenbetrachtung, Beispiel, Nachtigall, Hans, Christian, Andersen, Kinderlyrik, Grundschule
Arbeit zitieren
Susann Sulzbach (Autor), 2003, Märchenbetrachtung und -analyse am Beispiel "Die Nachtigall" von Hans Christian Andersen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64507

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