Der Begriff der "Entfremdung" in Vaclav Havels essayistischem Werk


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

33 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zum Begriff der Entfremdung

3. Havels Entfremdungsbegriff

4. Folgen der Entfremdung

5. Das posttotalitäre System.

6. Entfremdung innerhalb des posttotalitären Systems

7. Exkurs: Entfremdung und Theater
7.1 Entfremdung als Theater
7.2 Entfremdung in Havels dramatischem Werk

8. Entfremdung in der Welt der globalisierten Marktwirtschaft

9. Die „existenzielle Revolution“

10. Resümee

Bibliographie

Primärliteratur

Sekundärliteratur

„Co je vlastně společného světu středověkého člověka a světu malého chlapce? Myslím, že jedna podstatná věc: oba jsou silněji než většina moderních lidí zakotveni v tom, čemu filozofové říkají 'přirozený svět' nebo 'svět života'. Neodcizili se ještě světu své skutečné a osobní zkušenosti; světu, který má své ráno a svůj večer, své 'dole' (země) a své 'nahoře' (nebe), v němž slunce každodenně vychází na východě, putuje po obloze a zapadá na západě a v němž ještě cosi velmi živého a určitého znamenají pojmy domova a cizoty, dobra a zla, krásy a ošklivosti, blízkosti a dálavy, povinnosti a práva; světu, který zná hranici mezi tím, co je nám důvěrně známé a o co nám přísluší se starat, a tím, co je za jeho horizontem a před čím se máme jen pokorně sklánět, protože to má povahu tajemství. (...) Takové kategorie, jako je například spravedlnost, čest, zrada, přátelství, nevěra, statečnost či soucit, mají v tomto světě zcela konkrétní, s konkrétními lidmi spojovaný a pro konkrétní život velmi důsažný obsah; něco zkrátka ještě váží. Půdorysem tohoto světa jsou hodnoty, které tu jsou jakoby odvždycky a pořád, dřív, než o nich mluvíme, než je zkoumáme a činíme předmětem svého tázání.“

Václav Havel: Politika a svědomí

1. Einleitung

In seinem Essay „Politik und Gewissen“ aus dem Jahre 1984 beschreibt Václav Havel die heutige Weltgesellschaft als eine, die sich in der Entfremdung befindet. Er bezieht dies vor allem auf die Beziehung des heutigen Menschen zu Werten und ganz besonders zum Wert der Verantwortung gegenüber der Welt und den Mitmenschen. Diese Entfremdung ist nach Havels Ansicht die Ursache für die Probleme der heutigen Menschheit, so etwa den verrohten Umgang des Menschen mit der Natur und seinesgleichen aber auch die Ursache für das Entstehen des damals noch existierenden realsozialistischen Systems im Ostteil Europas.

Thema dieser Hausarbeit ist Václav Havels Bild eines in der Entfremdung lebenden Menschen, das die Weltsicht des Dramatikers und ehemaligen Staatspräsidenten in allen ihren einzelnen Aspekten bestimmt. Hierzu sollen zunächst kurz bereits bestehende Entfremdungsbegriffe der Philosophie betrachtet werden, bevor Havels diesbezügliche Vorstellung näher beschrieben wird. Es folgt eine Darstellung der Analyse des realsozialistischen Systems durch Havel auf der Grundlage seines Entfremdungsbegriffs. Danach soll in einem kurzen Exkurs darauf eingegangen werden wie einerseits das Theater als Metapher der Entfremdung dienen kann und inwieweit Havel seine Vorstellung von der Entfremdung in seinem dramatischen Werk erkennen lässt. Im letzten Teil der Arbeit wird untersucht, wo die Havelsche Theorie der Entfremdung auch heute, nach Ende des sozialistischen Systems, noch von Bedeutung ist und welche gesellschaftlichen Bereiche in besonderer Weise Tendenzen der Entfremdung menschlichen Handelns zeigen.

2. Zum Begriff der Entfremdung

„Entfremdung“ oder „odcizení“ in seiner eigentlichen, aus der Form abzulesenden Bedeutung, bezeichnet das Ge- oder Zerstörtsein einer zuvor intakteren resp. existierenden Beziehung bzw. den zu diesem Zustand führenden Prozess (das „Fremdwerden“). „Eine entfremdete ist eine defizitäre Beziehung“[1] so Rahel Jaeggis kurze Definition in ihrer Arbeit zum Thema. In der Terminologie der Philosophie bezieht sich dieser Prozess oder Zustand auf das Verhältnis des Menschen zu sich selbst, seinen Mitmenschen, seiner Umwelt, seiner Arbeit und dem Produkt seiner Arbeit.[2] Letztere Definition – Marx' Entfremdungsbegriff – ist wohl diejenige, die heutigen Lesern, geprägt durch die noch junge Erfahrung der Konfrontation mit einem sich marxistisch nennenden System, als erstes in den Sinn kommt. Die Geschichte des Begriffs der „Entfremdung“ reicht jedoch viel weiter zurück als die des Marxismus. In seiner Bibelübersetzung übertrug Martin Luther gr. allëlotriômenoi aus dem Neuen Testament als „sie sind entfremdet“, womit die Heiden gemeint waren: „Ihr Verstand ist verfinstert, und sie sind entfremdet dem Leben, das aus Gott ist, durch die Unwissenheit, die in ihnen ist, und durch die Verstockung ihres Herzens.“ (Epheser 4, 18)[3]

Diese Definition der Entfremdung als Gottesferne, Unglaube und Unwissenheit entspricht auch dem mittelalterlichen Begriff, der Entfremdung vor allem als Abfall von Gott verstand, aber auch positiv als Abwendung vom Irdischen und Hinwendung zu Gott.[4]

Der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau bezeichnet als Entfremdung den Verlust der Freiheit, den der Mensch beim Übergang vom Leben in der Natur zu dem in der Kultur bzw. Gesellschaft erleidet und sieht im Leben des Menschen in der Gesellschaft den Grund für das Hervortreten seiner negativen, das Zusammenleben zerstörenden Eigenschaften, während der Mensch an sich gut sei.

In der Frühromantik und dem Deutschen Idealismus wurde als Entfremdung der Bruch zwischen Mensch und Natur gesehen, der mit Ende der Kindheit und dem Erwachen des Bewusstseins eintrete.[5]

3. Havels Entfremdungsbegriff

Der Essay „Politika a svědomí“ („Politik und Gewissen“) entstand im Jahre 1984. Havel verfasste ihn anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Toulouse. Bei der Verleihungszeremonie am 14. Mai 1984, an der Havel nicht selbst teilnehmen konnte, wurde der Text von dem britischen Dramatiker tschechischer Herkunft Tom Stoppard verlesen. Havel beschreibt in dem Text die heutige Gesellschaft als eine, in der sich die Menschen von der „Lebenswelt“ entfremdet haben. Diese ist gewissermaßen die mit den Sinnen erfahrene Welt, in der, wie Havel schreibt, „slunce každodenně vychází na východě, putuje po obloze a zapadá na západě“[6]. Das Sichtbare ist eben, dass die Sonne am Himmel entlangwandert. Der heutige Mensch hingegen weiß, obgleich er dies wohl nie mit eigenen Augen gesehen hat, dass nicht die Sonne sich am Himmel entlang bewegt, sondern die sich um die Sonne bewegende Erde diesen Eindruck verursacht. Dementsprechend triumphiere heute die Wissenschaft über die persönliche Erfahrung. Havel meint nun, dass der heutige Mensch durch diesen Prozess auch die direkte Beziehung zu bestimmten Werten verloren habe, die auch eine Limitierung der Sphäre seines Handelns bedeuteten. Während die Welt des mittelalterlichen Menschen wie die des Kindes begrenzt scheine, habe sich der heutige Mensch dieser Grenzen entledigt. In der Lebenswelt seien die Werte noch sehr konkret gewesen und mit konkreten Ereignissen und Menschen verknüpft gewesen, während sie in der heutigen Welt mehr und mehr abstrakt anmuteten. In diesem Sinne ist die unmittelbare sinn liche Wahrnehmung des Menschen und seine Fähigkeit, das Wahrgenommene entsprechend eines ihm immanenten Wertegerüsts zu beurteilen, heute eingeschränkt. Dies zeigt Havel anhand des Bildes eines qualmenden Schornsteins, das für ihn – so erinnert er sich – in seiner Kindheit ein Gefühl der Ablehnung, ein Gefühl, dass dies nicht recht sein könne, hervorrief. Auch der Mensch des Mittelalters hätte wohl einen „den Himmel beschmutzenden“ Schornstein als etwas Ungehöriges empfunden, meint Havel. So schlägt er eine Brücke vom Kind zum Menschen des voraufklärerischen Zeitalters, in dem sich die Wissenschaft noch nicht von der Religion emanzipiert hatte. Beiden schreibt er noch eine Verwurzelung in der persönlichen Lebenswelt zu.

Der heutige Mensch hingegen empfinde den qualmenden Schornstein höchstens als einen bedauernswerten aber notwendigen Tribut an die Zivilisation oder einen Fehler der Technik, der durch ebendiese behoben werden kann. Er wird aber kaum den Schornstein als etwas empfinden, das aus sich heraus, als Respektlosigkeit gegenüber der Natur, etwas Ungehöriges sein könnte, wenn er ihn überhaupt bewusst wahrnimmt und ihn nicht – geübt durch das Leben in der industrialisierten Zivilisation – gänzlich übersieht. Die Beziehung zu früher sehr konkreten Werten ist ihm abhanden gekommen. Zentral ist hierbei das natürliche Gefühl der Verantwortung des Einzelnen für das Ganze, das der heutige Mensch nicht mehr spürt.[7]

Havels Entfremdungsbegriff ist in seinem Ansatz nahe bei dem der Frühromantiker, die in ihm ebenso den Verlust der kindlichen Einheit von Natur und Mensch sehen und den Bruch mit dieser durch das Erwachen des Geistes. Der biblische Entfremdungsbegriff entspricht insofern dem Havels, dass auch dieser das Fehlen der Vorstellung einer höheren Instanz als schädlich ansieht. Hierzu schreibt er:

„[Die] gegenwärtige globale Zivilisation (...) [ist] eine eigentlich zutiefst atheistische Zivilisation (...). Es ist überhaupt die erste atheistische Zivilisation in der Geschichte der menschlichen Rasse – und gleichzeitig die erste so voneinander abhängige Zivilisation. (...) Das Atheistische unserer Zivilisation hängt unmittelbar mit den Einzelinteressen und dem mangelnden Verantwortungsbewusstsein zusammen.“[8]

So sieht Havel den gesamten Prozess der Entfremdung, der Erosion der Werte, als ein Zeichen für nicht weniger als den „Verlust von Gott“ an.[9] Auch in der Bibel führt die Entfremdung, das Nichtwissen von Gott und das Fehlen eines Bewusstseins für die Sinnhaftigkeit des menschlichen Lebens einerseits zu verantwortungslosem Verhalten und andererseits, wie in einem Havelschen Drama, zu Ausschweifungen:

„So sage ich nun und bezeuge in dem Herrn, dass ihr nicht mehr leben dürft, wie die Heiden leben in der Nichtigkeit ihres Sinnes. Ihr Verstand ist verfinstert, und sie sind entfremdet dem Leben, das aus Gott ist, durch die Unwissenheit, die in ihnen ist und durch die Verstockung ihres Herzens. Sie sind abgestumpft und haben sich der Ausschweifung ergeben, um allerlei unreine Dinge zu treiben in Habgier.“[10]

Während jedoch im biblischen Verständnis bei der Entfremdung von Gott und ihren Folgen die Kategorie der Sünde eine Rolle spielt, so sieht Havel es als pragmatische Notwendigkeit an, einen Sinn für das Höhere zu haben. Havel bekennt sich denn auch zu nicht mehr, als einer „Nähe zu christlichem Fühlen“.[11]

An mehreren Stellen nennt Havel den Philosophen Václav Bělohradský, der auf sein Denken und insbesondere seine Vorstellung von der Entfremdung des Menschen von der Lebenswelt einen besonderen Einfluss gehabt habe.[12] Bělohradský selbst gibt in einem Gespräch mit Karel Hvížďala an, das Hauptthema seiner philosophischen Arbeit sei die Bedrohung der europäischen Tradition der Unübertragbarkeit des Gewissens auf die Institution, die darin bestehe, dass die Frage der Legitimität des Handelns, die vom Denken einzelner und dem Gewissen des Handelnden abhängt (also subjektiv ist), nicht auf die Frage der Legalität, die in geschriebenen Gesetzen festgelegt (und so objektiv beurteilbar) ist, reduziert werden kann: „...každý člověk zůstává zodpovědný za své činy, které jsou jeho osobním problémem, a nikdy nemůže říci jedoduše 'zákon je zákon'“.[13]

In seinem Aufsatz „Bürokratie und Kultur in der modernen Gesellschaft“ beschreibt er diese Gefahr mit seiner Definition von Bürokratisierung:

[...]


[1] Jaeggi, Rahel: Entfremdung. Zur Aktualität eines sozialphilosophischen Problems. Frankfurt/ New York: Campus 2005. S. 23.

[2] Rehfus, Wulff D. (Hg.): Handwörterbuch Philosophie. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2003. S. 325.

[3] Epheser 4, 18. nach: Deutsche Bibelgesellschaft: Die Bibel. Nach der Übersetzung Martin Luthers. Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft 1985.

[4] Rehfus, W. D. (Hg.): Handwörterbuch Philosophie. S. 325.

[5] Ebd.

[6] Havel, Václav: Politika a svědomí. In: Havel, Václav: Do různých stran. Praha: Lidové noviny 1989. S. 42.

[7] Vgl. ebd. S. 41ff.

[8] Havel, V.: Auf dem Weg zu einer Kultur globaler Weltverantwortung. Von der Rolle der Religionen bei der Rückgewinnung des verlorenen Verantwortungsbewusstseins. In: Brantzen, Hubertus/Schäfer, Tobias (Hrsg.): Zeugen der Hoffnung. Aufbruch in eine gemeinsame Zukunft für Europa. Leipzig: Benno Verlag 1998, S. 58-71. S. 66.

[9] Vgl. ebd.

[10] Epheser 4, 17-19. nach: Deutsche Bibelgesellschaft: Die Bibel.

[11] Vgl. Falk, Walter: Václav Havels geistiger Weg. In: Stimmen der Zeit. Band 218/Heft 5/Mai 2000. S. 315-326. S. 320.

[12] so u.a. in Havel, V.: Fernverhör. Ein Gespräch mit Karel Hvížďala. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1991. S. 200f.

[13] Bělohradský, Václav: Přirozený svět jako politický problém. Eseje o člověku pozdní doby. Praha: Edice Orientace 1991. S. 11.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Der Begriff der "Entfremdung" in Vaclav Havels essayistischem Werk
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Slavistik Lehrstuhl für westslavische Literaturen und Kulturen)
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
33
Katalognummer
V64517
ISBN (eBook)
9783638573115
ISBN (Buch)
9783656059691
Dateigröße
633 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Begriff, Entfremdung, Vaclav, Havels, Werk
Arbeit zitieren
Stefan Daute (Autor), 2006, Der Begriff der "Entfremdung" in Vaclav Havels essayistischem Werk , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64517

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