Sprachpolitik am Beispiel des Sprachwandels vom Niederdeutschen zum Hochdeutschen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
31 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsübersicht

0. Einleitung

1. Sprachpolitik – eine Begriffsbestimmung

2. Der Sprachwandel vom Niederdeutschen zum Hochdeutschen in der zweiten Hälfte des 16. Jh. in Norddeutschland
2.1. Das Niederdeutsche vor dem Sprachwandel
2.2. Mögliche Ursachen des Sprachwandels
2.2.1. Der Untergang der Hanse
2.2.2. Das Erstarken der Territorialfürsten
2.2.3. Die intellektuelle Modernisierung
2.2.4. Die Reformation
2.2.5. Die Schule
2.2.6. Der Buchdruck
2.3. Der dreiphasige sprachliche Ablösungsprozess
2.4. Die hochdeutsche Sprachpolitik und ihre Folgen

3. Das Niederdeutsche nach dem Sprachwandel

4. Abschließende Gedanken

5. Literaturverzeichnis

0. Einleitung

In dieser Ausarbeitung soll eines der häufig aufgeführten Beispiele für Sprachpolitik auf deutschem Boden untersucht werden, der Sprachwandel vom Niederdeutschen zum Hochdeutschen in der frühbürgerlichen Epoche. Zunächst muss aber gezeigt werden, was Sprachpolitik ist und wie es um das Niederdeutsche vor diesem Sprachwandel steht. Anschließend gilt es, die Ursachen, die Auswirkungen und den Verlauf des Wandels zu ermitteln bzw. nachzuzeichnen. Ein Anspruch auf Vollständigkeit soll hier aber nicht erhoben werden, da diese den Rahmen der Ausarbeitung um Vieles sprengen würde. Ein zweites Augenmerk soll bei dieser Betrachtung auch noch auf folgenden Fragen liegen. Wie ist in diesem Fall der Begriff Sprachwandel zu definieren? Inwiefern existiert das Niederdeutsche bis heute noch?

1. Sprachpolitik – eine Begriffsbestimmung

In der Regel handelt es sich bei Sprachpolitik vordergründig um zwischensprachliche Machtbeziehungen, wobei es um zu bewahrende oder zu verändernde Sprachverhältnisse geht. Dies setzt voraus, dass ihr auch immer mindestens eine konfliktbehaftete Zweisprachigkeitssituation zugrunde liegt. Unter Zweisprachigkeit kann in diesem Fall verstanden werden, dass es sich hierbei zum einen um zwei verschiedene Sprachen aus zwei verschiedenen Ländern[1] oder zum anderen auch um dialektale bzw. soziolektale Unterschiede oder solche zwischen der gesprochenen und der Schriftsprache handelt. Dieser sehr weite Begriff von Zweisprachigkeit ist bei einer sprachpolitischen Betrachtung, wie sie in dieser Ausarbeitung angestellt werden soll, sinnvoller, da Sprachpolitik sich sowohl innerhalb einer Sprache, als auch zwischen zwei Sprachen ereignen kann. Unter anderem Gesichtspunkt betrachtet, ist sicherlich ein engerer Begriff und die Trennung zwischen Sprache und Dialekt zielführender. Diese Begriffsbestimmung macht zusätzlich eine, nicht ganz problemfreie[2], Unterscheidung zwischen Sprachen- und Sprachpolitik, wie Von Polenz sie einführt, überflüssig (Vgl. Ebd. 2000:253). Will man Sprachpolitik nun genauer bestimmen, indem man weitere Aspekte mit einbezieht, kann man sie z.B. als prozessorientierte, planbare und zielgerichtete Folge von Eingriffen in Sprachverhältnisse durch die Staatsmacht oder organisierte gesellschaftliche Machtgruppen bezeichnen, welche immer abhängig von den herrschenden ökonomischen und politischen Prozessen ist. Oder aber auch, wie Von Polenz sie definiert, als „Verhaltensweisen zwischen den Sprachbenutzergruppen und -institutionen“ bezüglich ihrer Chancen und Rechte, die eine oder die andere Sprache in bestimmten Kulturbereichen zu gebrauchen (Ebd. 2000:252). Solches sprachpolitisches Handeln ging nicht nur von Fürsten, Päpsten und Bischöfen aus, sondern auch von untergeordneten Institutionen und Gruppen wie Grundherrn, Gerichten, Kanzleien, Schreib- und Druckwerkstätten, Zünften und Orden. Beispiele für eine solche Sprachpolitik sind z.B. die französische Sprachpolitik gegenüber der elsässischen Minderheit, die sprachrechtlichen Regelungen über die vier Sprachen in der Schweiz oder auch der in dieser Ausarbeitung betrachtete Wandel von der niederdeutschen zur hochdeutschen Sprache in der frühbürgerlichen Epoche. Als Auswirkungen von Sprachpolitik kann man eine mildere und eine radikalere Form unterscheiden (Vgl. Von Polenz 2000:253). Bei der milderen Variante führt die Sprachpolitik zur kollektiven Bilingualisierung der Minderheit, wobei bei der Mehrheit konstanter Monolingualismus herrscht, was jedoch eine Weiterexistenz beider Sprache beinhaltet. Diglossie und Sprachmischung gehören auch zu dieser milderen Art der historischen Sprachsoziologie, da man sich hier kompromissbereit zwischen den machtbedingten sprachlichen Gegensätzen einrichtet (Vgl. Von Polenz 1994:222). Dies ist bei der zweiten Variante nicht der Fall, hier kommt es zum Aussterben einer Sprache und oft zu Sprachwechsel großer gesellschaftlicher Kollektive durch eine erzwungene Monolingualisierung.

2. Der Sprachwandel vom Niederdeutschen zum Hochdeutschen in der zweiten Hälfte des 16. Jh. in Norddeutschland

Dieser Sprachwandel gilt in der deutschen Sprachgeschichte als „Epochenschwelle“ oder „Bruchstelle für die Herausbildung der modernen nationalsprachlichen Verhältnisse“ (Von Polenz 2000:258). Dieser Vorgang war hochkomplex und auch sehr widersprüchlich, was unter anderem auch daran liegt, dass die Forschungsliteratur einerseits vom Standpunkt des Niederdeutschen und andererseits von dem des Hochdeutschen aus argumentiert. Wenn vom niederdeutscher Standpunkt aus argumentiert wird, fallen oft Worte wie „Verdrängung“, „Re-dialektalisierung“ oder „Stigmatisierung“, wobei derselbe Prozess aus hochdeutscher Sicht als „Siegeszug“, „Durchsetzung“ oder „Modernisierung der Sprachkultur“ gewertet wird (Von Polenz 2000:258f.). Dieser Sprachwandel hatte im Allgemeinen die mildere, mancherorts aber auch die radikale Variante der Sprachpolitik zur Folge, er führte bezüglich der Schriftsprache zu einem Sprachwechsel von rund einem Drittel des deutschen Sprachgebiets. Die ehemals Niederdeutsch sprechenden Norddeutschen mussten die nicht autochthone, wenn auch verwandte hochdeutsche Schriftsprache in mühsamen Schreib- und Leseunterricht und öffentlicher Kulturpraxis erlernen (Vgl. Von Polenz 2000:259). Dies ist in Anbetracht der Tatsache, dass das Hochdeutsche bis ins 18. Jh. noch kein homogenes Normsystem hatte als eine zusätzlich schwierige Aufgabe zu werten, was sich auch aus dem vorwurfsvollen Ton der niederdeutsch argumentierenden Literatur ableiten lässt. Einen weiterer Grund dafür ist aber auch in der soziologischen Folge des Sprachwandels zu sehen. Niederdeutsch wurde dadurch nämlich zum sozial minderwertigen „Plattdütsch“ degradiert, was anfangs auch zur Diglossie zwischen der eigentlichen Muttersprache Niederdeutsch und dem offiziellen Hochdeutsch führte (Von Polenz 2000:259). Der Sprachwandels als solcher hat sich allmählich und unterschiedlich vollzogen. In ein und derselben Stadt liegen die Zeitpunkte der ersten hochdeutschen und der letzten niederdeutschen Texte in der Regel 80-100 Jahre auseinander[3]. Wie aber kam es zu diesem Sprachwandel und wie stand es um das Niederdeutsch davor?

2.1. Das Niederdeutsche vor dem Sprachwandel

Anfang des 16. Jh. sah es nämlich sogar zunächst positiv für das weitere Bestehen und die Entwicklung des Niederdeutschen aus. Es befand sich zu dieser Zeit gerade im Zustand einer fortgeschrittenen schriftsprachlichen Modernisierung. Im 14. und 15. Jh. durchlief es einen Prozess der „Autozentrierung“, was eine kulturelle „Orientierung an den Modernisierungspotentialen der eigenen Sprache“ bedeutet (Utz 1983:114). Dies war vor allem in der Schriftsprache der Fall. Hier wurde versucht, aus der Vielfalt der gesprochenen Sprachen einen konstanten Kern herauszufiltern und aus ihm ein „Regulativum“ für den Ausgleichsprozess der verschiedenen Schriftsprachen zu gewinnen (Utz 1983:115). Dies wurde unterstützt durch den „sozialen Emanzipationsprozeß der aufsteigenden Schichten“ in den Städten (Utz 1983:115). Da das lateinische Bildungssystem für sie nicht erreichbar und auch funktionslos in der praktischen Lebensperspektive war, entwickelten sie mit den „dudeschen scholen“ oder den privaten „Winkelschulen“ ihr eigenes Bildungssystem (Utz 1983:115). Dieser Modernisierungsprozess erreichte in einzelnen Teilen sogar einen Vorsprung in der gesellschaftlichen Durchdringung gegenüber dem Hochdeutschen, z.B. bei der Entwicklung einer modernen Prosa. Utz sieht aber auch „große Pionierleistungen“ im Rechtswesen und in der Fülle von religiösen, wissenschaftlichen, aber auch in alltagspraktischen Schriften und nicht zuletzt in der „devotio moderna“ (Utz 1983:115). Selbst niederdeutsche Bibelübersetzungen wie die Lübecker Bibel von 1494 sollen mit ihrer „modernen Übersetzungsleistung“ die zeitgenössischen hochdeutschen bei Weitem überragt haben (Utz 1983:115). Auch im 16. Jh. noch kommt es zu einer erheblichem Zunahme niederdeutscher Druckschriften, auch reformatorische, wie z.B. Flugschriften, Traktate und offizielle Verordnungen. Selbst die Bibelübersetzung Luthers ist fast gleichzeitig auch auf Niederdeutsch erschienen, daher schließt Utz auch, dass eigentlich alles „für die Kontinuität der spät mittelalterlichen Verhältnisse“ gesprochen hat (Utz 1983:115). Wie konnte es also dennoch zum Bruch mit den Modernisierungsprozessen und zum Sprachwandel zum Hochdeutschen Mitte des 16. Jh. kommen?

2.2. Mögliche Ursachen des Sprachwandels

2.2.1. Der Untergang der Hanse

Eine der Hauptursachen für den Sprachwandel war die Schwächung und der Untergang der Hanse im 16. Jh. Ihre Geschäfts- und Verkehrssprache war größtenteils Mittelniederdeutsch, welches seit dem 13. Jh. eine vollgültige und überregionale Schriftsprache war. Bedeutende Gebrauchstexte waren solche des Rechtslebens, der Religion, des Handels und der Seefahrt (Vgl. Von Polenz 2000:259). Die einzige Ausnahme zu dieser Zeit bildete die feudale Oberschicht, die ihre Standesdichtung bevorzugt auf Hochdeutsch schrieb. Gründe waren die Verlagerung des Welthandels auf das Mittelmeer und den Atlantik aber auch Uneinigkeiten und Stagnation in den führenden Hansestädten (Vgl. Von Polenz 2000:261). Hinzu kamen zusätzlich noch nationalstaatliche Tendenzen und Aktivitäten in West- und Nordeuropa sowie territorialstaatliche Bestrebungen in Norddeutschland. England, die Niederlande, Dänemark und Schweden wurden so zu den schärfsten Konkurrenten der Hanse. Mit ihnen und dem allgemeinen Erstarken der Fürstenmacht nicht nur in Deutschland wuchs der Widerstand gegen die durch die Hanse etablierte niederdeutsche Verkehrssprache in Nordeuropa. Zu diesem Erstarken der west-, nord- und osteuropäischen Nationalstaaten, in denen das selbstbewusst gewordene Bürgertum die bisherige Rolle des Hansekaufmanns übernahm, tritt die Konkurrenz durch die süddeutschen Städte. Um 1500 haben z.B. Nürnberger Fernhändler Niederlassungen in Köln, Lübeck und Danzig und wenige Jahre später schaffen es die Augsburger Fugger, den gesamten Kupfergroßhandel in Nordeuropa an sich zu reißen (Vgl. Gabrielsson 1983:121). Durch den Ausbau west-östlicher Fernhandelsstraßen gewinnen zu Beginn des 16. Jh. diese Nürnberger Niederlassungen, aber vor allem Leipzig eine immer größere Bedeutung. Letzteres tritt wenig später an Lübecks Stelle als führender mitteleuropäischer Platz im Handel mit russischem Pelzwerk (Vgl. Gabrielsson 1983:121f.). Immer öfter haben darum z.B. Hamburger Handelshäuser Vertreter in mitteldeutschen und süddeutschen Städten und süddeutsche Handelsfirmen ihre Niederlassungen in norddeutschen Hafenstädten. Dadurch wird das ehemals geschlossene Handelsgebiet der Hanse immer stärker gen Süden und Südosten geöffnet und damit auch den kulturellen und besonders den sprachlichen Einflüssen des Südens ausgesetzt (Vgl. Gabrielsson 1983:122). Den Landesherren der norddeutschen Territorien kommen all diese Entwicklungen sehr entgegen. Sie nutzen diese Schwächung der Hanse und ihre eigene, durch die Reformation gestärkte Position aus und erweitern ihre Macht oft auf Kosten der Städte. So muss z.B. die Hansestadt Rostock 1573 die Oberhoheit der mecklenburgischen Herzöge ausdrücklich anerkennen (Vgl. Gabrielsson 1983:122f.). Der mit dem Untergang der Hanse verbundene kulturelle Niedergang verminderte zusätzlich das Selbstbewusstsein der Bürger und sorgte für eine größere Aufnahmebereitschaft für die geistigen Bewegungen, die aus Süd- und Mitteldeutschland nach Norden vordrangen.

[...]


[1] Zum Beispiel Deutsch und Englisch.

[2] Er schreibt selbst, dass es in der frühbürgerlichen Epoche zu einem Übergang von Sprachen- zur Sprachpolitik kommt. Eine genaue Grenzsetzung ist allerdings auch ihm nicht möglich, da man viele Zusammenhänge nicht eindeutig der einen oder der anderen zuordnen kann. Eine solche Unterscheidung ist aber erst dann sinnvoll, wenn beide Begriffe klar voneinander abzugrenzen und alle Begebenheiten entweder der einen oder der anderen Seite zuzuordnen sind.

[3] In Berlin z.B. waren es 200 Jahre, von der Mitte des 14. Jh. bis Mitte des 16.Jh. (Vgl. Von Polenz 2000:261).

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Details

Titel
Sprachpolitik am Beispiel des Sprachwandels vom Niederdeutschen zum Hochdeutschen
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Germanistische Sprachwissenschaft)
Veranstaltung
Geschichte des Deutschen. III. Spätes Mittelalter und frühe Neuzeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
31
Katalognummer
V64636
ISBN (eBook)
9783638573955
ISBN (Buch)
9783638670159
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachpolitik, Beispiel, Sprachwandels, Niederdeutschen, Hochdeutschen, Geschichte, Deutschen, Spätes, Mittelalter, Neuzeit
Arbeit zitieren
Susanne Elstner, geb. Spindler (Autor), 2006, Sprachpolitik am Beispiel des Sprachwandels vom Niederdeutschen zum Hochdeutschen , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64636

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