In der vorliegenden Arbeit soll das Thema „Stockende Nachrichten. Zur Sage in „Beim Bau der chinesischen Mauer“ von Franz Kafka erläutert werden. Die Geschichte „Beim Bau der chinesischen Mauer“ ist im März 1917 entstanden. Der Titel dieser Geschichte fehlt allerdings im Manuskript. Er erscheint im postumen Druck innerhalb des Sammelbandes „Beim Bau der Chinesischen Mauer 1931“. Ähnlich wie die chinesische Mauer in dieser Erzählung nach einem „System des Teilbaues“ errichtet wurde, scheint auch der Text aus mehreren Teilen zusammengefügt, deren Einheit kaum wahrnehmbar ist. Nur im ersten Teil handelt er vom Bau der chinesischen Mauer, indem er stufenweise vom Konkreten ins Abstrakte und Prinzipielle vordringt. Zuerst steht das „System des Teilbaues“ und die ihm dienende spezielle Arbeitsorganisation im Mittelpunkt. Dann dominiert die Vorstellung von einem ganzheitlichen Konzept, das nach der Meinung des Erzählers die oberste „Führerschaft“ dem Mauerbau einst zugrunde legte und das daher zum Anlass einer historischen Untersuchung wird. Der folgende zweite Teil gilt ausschließlich dem Kaisertum und dem Kaiser, dessen Existenz aber ins Ungewisse gerät. So erscheint das Leben des Volkes wie das jedes einzelnen nur als „ein gewissermaßen freies, unbeherrschtes Leben“1, „das unter keinem gegenwärtigen Gesetze steht und nur der Weisung und Warnung gehorcht, die aus alten Zeiten zu uns herüberreicht“2.
Diese zwei Hauptteile der Erzählung sind nicht in einem Zusammenhang, sondern wie die chinesische Mauer nach dem „System des Teilbaus“ komponiert. In dem Text wird von Kafka auch eine „Sage“ eingeschoben unter dem Titel „Eine kaiserliche Botschaft“, die in der jüdischen Wochenschrift „Selbstwehr“ 1919 veröffentlicht wurde. Eine kaiserliche Botschaft bezeichnete die verloren gegangene Beziehung zwischen Untertanen und Kaiser, zwischen dem Einzelnen und dem Ganzen und damit die verloren gegangene Möglichkeit, sich gesellschaftlich einzuordnen.
Die Welt des alten China bietet sich Kafka wie von selbst als Stoff an. Ein einfacher Bürger des Landes erzählt seine Beobachtungen und Gedanken beim Bau der Großen Mauer. Die unendlich erscheinende Größe seiner Heimat führt dazu, dass alle Impulse, die von der Hauptstadt ausgehen, undeutlich werden und draußen in der Provinz nicht mehr als verbindliche Aufträge und Weisungen, sondern wie sagenhafte Historien ankommen. Die Erzählung hat den Charakter eines wissenschaftlichen Berichtes.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1. Der Erzähler
2.2. Die Fragen zum Mauerbau
2.3. Die kaiserliche Botschaft
2.3.1. Die Erzählstruktur und Erzählsituation
2.3.2. Die Beschreibung der Charaktere
Der Bote
Der Kaiser
Das Volk
2.4. Das Fragment zum „Beim Bau der chinesischen Mauer“
2.5. Kafkas Themen und Motive
Ein theologischer Ansatz
2.6. Vergleich mit anderen Texten Kafkas
2.7. Realer historischer Hintergrund des Mauerbaus
3. Der Schluss
4. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Franz Kafkas Erzählung „Beim Bau der chinesischen Mauer“ und analysiert insbesondere die darin eingebettete Parabel „Eine kaiserliche Botschaft“, um die Problematik der zwischenmenschlichen Kommunikation und die Unmöglichkeit einer Verbindung zwischen dem Einzelnen und einer höchsten Instanz zu beleuchten.
- Analyse der Erzählstruktur und der verschiedenen Perspektiven im Text
- Untersuchung der Bedeutung des Kaisermotivs und der kaiserlichen Botschaft
- Herausarbeitung der Rolle des Volkes als Kollektiv ohne geschichtliche Gegenwart
- Diskussion der theologischen und jüdisch-kulturzionistischen Dimensionen der Erzählung
- Vergleich mit anderen Werken Kafkas und Einordnung in den historischen Kontext
Auszug aus dem Buch
2.3.1. Die Erzählstruktur und Erzählsituation
„Es gibt eine Sage, die dieses Verhältnis gut ausdrückt.20“
Der parabolische Text wird hier als „Sage“ bezeichnet, die das Verhältnis zwischen den chinesischen Volk und dessen Kaiser ausdruckt.
Die Parabel wird hauptsächlich durch eine sprachliche Zweischichtigkeit bestimmt, wie sie für Kafkas Prosa charakteristisch ist. Sie umfasst eine reale und eine irreale Welt. Gleich der erste Satz umfasst beide. Danach sind jedoch die Teile mehr oder weniger deutlich voneinander getrennt. Wenn der Wendepunkt etwa bei „Aber die Menge ist so groß…“21 als Hauptmerkmal der Strukturierung gesehen wird, dann umfasst der erste Teil die Sätze eins bis fünf. In ihnen wird ein sinnfälliger Vorgang berichtet.
Der zweite Teil umfasst die Sätze sechs bis neun. Während das Absenden der Botschaft im ersten Teil plausibel gemacht werden soll, wird im Folgenden die Unmöglichkeit der Ankunft beschrieben. Statt der festen, positiven Aussagen häufen sich hier Negationen in der Wortwahl: „kein Ende, „nutzlos“, „niemals“, nichts“, „niemand“. Der Indikativ wird abgelöst vom Konjunktiv, die Umklammerung von der Offenheit z.B. „und wieder Treppen und Höfe;
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema der Erzählung „Beim Bau der chinesischen Mauer“ sowie Darstellung der methodischen Herangehensweise.
2. Hauptteil: Detaillierte Untersuchung des Erzählers, der Mauerbau-Fragen, der kaiserlichen Botschaft, der Charaktere, sowie Kafkas Themen und historischer Hintergründe.
2.1. Der Erzähler: Charakterisierung der Erzählerfigur als isoliertes Individuum, das die Prinzipien der Gesellschaft hinterfragt.
2.2. Die Fragen zum Mauerbau: Analyse der Sinnsuche des Erzählers bezüglich des „Systems des Teilbaues“ und der Funktion der Mauer.
2.3. Die kaiserliche Botschaft: Interpretation des parabolischen Textes als Ausdruck der verlorenen Verbindung zwischen Kaiser und Volk.
2.3.1. Die Erzählstruktur und Erzählsituation: Analyse der sprachlichen Zweischichtigkeit und des Aufbaus der Sage.
2.3.2. Die Beschreibung der Charaktere: Untersuchung der Figuren Bote, Kaiser und Volk in ihrer jeweiligen Funktion.
2.4. Das Fragment zum „Beim Bau der chinesischen Mauer“: Betrachtung der Kindheitserinnerung des Erzählers und deren Parallelen zum kaiserlichen Boten.
2.5. Kafkas Themen und Motive: Aufarbeitung der jüdischen Bezüge und der Bedeutung der Verwaltungsstrukturen.
2.6. Vergleich mit anderen Texten Kafkas: Einordnung der Erzählung in das Gesamtwerk im Hinblick auf das Scheitern von Kommunikation.
2.7. Realer historischer Hintergrund des Mauerbaus: Darstellung des geschichtlichen Bezugsrahmens und der zeitgenössischen Chinarezeption.
3. Der Schluss: Zusammenfassende Betrachtung der Unfähigkeit des Volkes, in der Gegenwart zu leben, und die Bedeutung der religiösen Dimension.
4. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Quellen.
Schlüsselwörter
Franz Kafka, Beim Bau der chinesischen Mauer, Eine kaiserliche Botschaft, Parabel, Kommunikation, Kaiser, Volk, Mauerbau, Judentum, Erzählstruktur, Geschichte, Gegenwart, System, Macht, Entfremdung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Kafkas Erzählung „Beim Bau der chinesischen Mauer“ und analysiert insbesondere das darin enthaltene Fragment „Eine kaiserliche Botschaft“ im Hinblick auf seine Bedeutung für das Verhältnis von Individuum, Macht und Geschichte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Unmöglichkeit der Kommunikation, das Verhältnis zwischen Herrschenden und Beherrschten, die Isolation des Einzelnen sowie religiöse und historisch-kulturzionistische Anspielungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die tieferliegende Thematik der Erzählung – die Unfähigkeit des Volkes, in der Gegenwart zu leben und eine Verbindung zu einer höchsten Instanz herzustellen – zu ergründen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt literaturwissenschaftliche Analysemethoden, insbesondere die Interpretation von Parabeln und Textfragmenten, ergänzt durch historische und theologische Kontexte.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert den Erzähler, die Rolle des Kaisers und des Volkes, die Struktur der Botschaft sowie die historischen Hintergründe und Vergleiche zu anderen Werken Kafkas.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie Kafkas Erzählstruktur, das Motiv des Kaisers, die Problematik der Kommunikation sowie die gesellschaftliche Entfremdung beschreiben.
Wie deutet die Autorin den „Kaiser“ in der Erzählung?
Der Kaiser wird nicht als reale historische Person, sondern als ein durch das menschliche Bedürfnis nach Autorität und Legitimation geschaffenes Bild gedeutet, dessen Distanz zum Volk die Unmöglichkeit der Kommunikation symbolisiert.
Warum spielt die „Sage“ eine so zentrale Rolle für die Interpretation?
Die „Sage“ dient als Parabel für die Unterbrechung des Traditionszusammenhangs und verdeutlicht exemplarisch das Scheitern der Übermittlung einer lebensnotwendigen Erkenntnis in einer komplexen, verwalteten Welt.
- Quote paper
- Eva Galova (Author), 2004, Stockende Nachrichten - Zur Sage in "Beim Bau der chinesischen Mauer", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64639