Von der systemischen Familientherapie zur systemischen Organisationsberatung

Systemisches Coaching als umfassendes Beratungskonzept für Unternehmen und Organisationen


Hausarbeit, 2006

53 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Systemtheoretische Grundlagen
2.1 Frühe Ansätze
2.2 Der Systembegriff
2.2.1 Komplexe Systeme
2.2.2 Eigenschaften von komplexen Systemen

3. Systemische Therapie
3.1 Definition und grundlegende Merkmale
3.2 Systemische Familientherapie
3.2.1 Entwicklung
3.2.2 Familie als besonderes System
3.2.2 Kernfragen
3.2.4 Probleme in systemischer Sicht
3.3 Systemische Interventionen
3.3.1 Zirkuläres Fragen
3..3.2 Weitere Interventionen
3.3.2.1 Umdeutung – Reframing
3.3.2.2 Systemische Aufstellungen

4. Systemische Organisationsberatung
4.1. Organisation; Prozess und Beratung
4.3 Dimensionen der Intervention
4.3.1 Sachliche Dimension
4.3.2 Zeitliche Dimension
4.3.3 Soziale Dimension
4.3.4 Räumliche Dimension
4.4 Der Beratungsprozess
4.4.1 Das Erstgespräch
4.4.1.1 Bedeutung und Funktion der Beratung erörtern
4.4.1.2 Themenwahl
4.4.1.3 Rahmenbedingungen festlegen
4.4.1.4 Vertraulichkeit und „Etappenziele“
4.4.1.5 Manifestieren
4.4.2 Das erste Beratungsgespräch
4.4.3 Evaluation

5. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Familien, Schulklassen, Organisationen, einzelne Individuen werden als Systeme betrachtet, die man mit Hilfe systemtheoretischer Begrifflichkeiten analysieren kann. Aus den Ansätzen früher systemtheoretischer Erkenntnisse und Forschungen entstand in den 1959er Jahren die systemische Familientherapie. Ein Konzept, in dem die Familie als komplexes soziales System gesehen wird, welches im Hinblick auf Strukturen und Prozesse, ihre Beziehungen zur Umwelt und ihren Umgang mit Komplexität, analysiert werden kann.

Die systemtheoretische Perspektive lenkt den Blick auf Vernetzungen und komplexe Wechselwirkungen, die innerhalb eines Systems, ebenso wie in ihrem Verhältnis zur Umwelt existieren. Systemisches Denken ist daher Denken in Zusammenhängen und die systemische Analyse versteht sich als ganzheitliche Betrachtungsweise (dazu: von Ameln, 2004, S.27).

Dieser Ansatz fand zunächst hauptsächlich in der systemischen Familientherapie Anwendung und wurde Anfang der 1990er Jahre konzeptionell umformuliert zur systemischen Organisationsberatung bzw. zum systemischen Coaching (vgl. König, Vollmer, 2003, S.17).

Eine Organisation stellt ein größeres, komplexes System dar, welches aber, wie die Familie, anhand von Regeln in Wechselwirkungen kommuniziert und interagiert.

Das Konzept der systemischen Organisationsberatung bzw. des systemischen Coachings basiert auf lösungsorientierten Ansätzen, im Gegensatz zu geläufigen problemorientierten Strategien. Das bedeutet, dass ein Problem (was nicht immer unbedingt negativ besetzt sein muss), im Laufe des Beratungsprozesses an Bedeutung verliert und eine Lösung und deren Erreichung, losgelöst vom Problem erarbeitet wird. Die systemische Organisationsberatung geht davon aus, dass sich komplexe Probleme nicht lösen lassen, wenn man den Focus lediglich auf einen Aspekt oder Auslöser richtet. Soziotechnische Systeme benötigen nach der Theorie der systemischen Organisationsberatung nur Unterstützung bei der Lösung eines Problems. Die Lösung muss „von Innen“ also aus dem System heraus erfolgen und erarbeitet werden. Die „Experten“ des Problems sind die Mitarbeiter oder der zu Beratende, Coachee etc. Der Berater bietet lediglich durch spezielle Fragestellung die Anregung zur Erarbeitung einer Lösung. Der systemische Berater beschränkt sich demnach auf Coaching, Anregung und hinführende Fragestellung.

Man kann ein soziales System, wie ein Unternehmen, eine Abteilung oder eine Gruppe nur verstehen, wenn man die Regeln kennt, die das Verhalten der Personen in diesem System leitet.

Im Folgenden möchte ich zunächst die Grundlagen des systemischen Denkens anhand eines kurzen Überblicks über die Systemtheorie erläutern. Danach werde ich auf die Anwendung am Beispiel der Familientherapie eingehen aus welcher die Systemische Organisationsberatung entwickelt wurde. Hierbei möchte ich zunächst auf theoretische Aspekte eingehen und im Anschluss systemische Beratung bzw. Coaching in der Praxis erläutern.

2. Systemtheoretische Grundlagen

2.1 Frühe Ansätze

Die Systemtheorie ist ein Denkansatz, in dem es um Ganzheiten geht. Die Gefahr sich in Einzelheiten zu verlieren besteht hier also nicht. Ihre Grundidee ist, dass alles und jedes als System betrachtet wird. Jedes System wird unter dem Aspekt seiner inneren Struktur und Organisation, wie seiner Beziehung zur Umwelt analysiert.

Die allgemeine Systemtheorie geht auf den Biologen Ludwig von Bertalanffy zurück. Er arbeitete gemeinsame Gesetzmäßigkeiten der verschiedenen Wissensgebiete heraus, indem er die allgemeinen Prinzipien der verschiedenen Disziplinen beobachtete. In diesem Sinne handelt es sich bei der Systemtheorie um eine Metatheorie, die in den verschiedensten Bereichen anwendbar ist weil sie die Integration von unterschiedlichem Wissen ermöglicht. Zusammen mit der Kybernetik (Norbert Wiener, William Ross Ashby) und der Informationstheorie (Claude Shannon, Warren Weaver) bildet sie grundlegenden Überlegungen dieses Wissenschafts­ansatzes. Weitere wichtige Theorien stammen von Humberto Maturana und Francisco Varela (Autopoiesis), Talcott Parsons (Strukturfunktio­nalismus, System­funktionalismus) und Niklas Luhmann (soziologische Systemtheorie).

Luhmanns soziologische Systemtheorie geht davon aus, dass sie „universell“ sei. Sie decke den gesamten Bereich der Wirklichkeit ab (vgl. Berghaus, 2003, 25). Gemeint ist hier, dass der gesamte Bereich des Sozialen, der Gesellschaft und damit alle gesellschaftlichen Tatbestände und Phänomene mit einbezogen sind. Ebenso die „gesamte Welt“. Und zwar deswegen und insoweit, als soziale Systeme in Abgrenzung zu ihrer Umwelt operieren und sich von ihrer Umwelt unterscheiden. Die „gesamte Welt“ ist also zwangsläufig als „Umwelt“ sozialer Systeme ebenfalls enthalten“ (Berghaus, 2003, 25). Dies ist für den systemischen Ansatz der Beratung besonders Wichtig, da das zu beratende System sich in einer Umwelt befindet, die auch mit in betracht gezogen werden muss. Hier deutet sich der ganzheitliche Ansatz dieser Methode bereits an.

Weiterhin wichtig für die weiteren Ausführungen ist zudem der Begriff des Konstruktivismus. Systemtheorie und Kybernetik haben den Konstruktivismus maßgeblich beeinflusst. Das heißt aber nicht, dass diese Theorien konstruktivistischer Natur sind (Vgl.: von Ameln, 2004, 21). Jedoch besteht eine enge Verbindung zwischen diesen Theorien, die gerade im Bereich der systemischen Beratung deutlich werden. Beim Konstruktivismus handelt es sich grob gesagt darum, dass die Welt wie wir sie „erleben“ eine von uns konstruierte ist. Hierbei handelt es sich um eine Kognitionstheorie, die behauptet, dass es keine abgebildete Realität gibt, die wir aufnehmen, sondern es handelt sich um eine ausschließlich von uns konstruierte Realität. Der systemische Berater muss sich unter anderem dieser Position gewahr sein, hinsichtlich seiner auf Lösungen zielenden Fragestellung in der Beratung bzw. Therapie.

2.2 Der Systembegriff

Beim System handelt es sich um eine Menge von untereinander abhängigen Elementen und Beziehungen. Man spricht von verschiedenen Systemen, die der Gesellschaft immanent sind. Sie stehen in Wechselwirkung zur Umwelt und sind dadurch gekennzeichnet, dass sie autopoietisch sind. Man spricht zum Beispiel vom psychischen System, vom sozialen System und so weiter. Es handelt sich hierbei um theoretische Konstrukte. Etwas als System zu bezeichnen bedeutet nicht mehr, als sich dem bestimmten Gegenstand mit bestimmten Begriffen und unter einem bestimmten Gesichtspunkt zu nähern, was so viel heißt wie, die Systemelemente und deren Beziehungen und Interaktionen zur Umwelt zu verknüpfen (Vgl. Lexikon zur Soziologie, 1995, S 661). Willke definiert System als „einen ganzheitlichen Zusammenhang von Teilen, deren Beziehung untereinander quantitativ intensiver und qualitativ produktiver sind als ihre Beziehungen zu anderen Elementen. Die Unterschiedlichkeit der Beziehungen konstituiert eine Systemgrenze, die System und Umwelt des Systems trennt“ (Vgl.: Schlippe/Schweizer, 1999, 55).

Der Systembegriff an sich stammt von dem griechischen Begriff „systema“. Er bezeichnet ein Zusammengesetztes und auf gewisse Weise geordnetes Gebilde. Eine gängige Definition von Hall und Fragen von 1968 beschreibt System wie folgt:

- ein Ganzes (z.B. eine Familie)
- das aus einer Menge von Elementen (den Familienmitgliedern)
- und den Relationen zwischen diesen Elementen (den Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern) besteht, die die je spezifische Systemstruktur ausmachen“ (von Ameln, 2004, 21).

Anhand dieser Definition können die verschiedensten Phänomene systemtheoretisch betrachtet werden. Systemelemente können im Falle eines Körpers, die Zellen sein, im Falle einer Organisation, die Abteilungen, oder einzelne Mitarbeiter oder Arbeitsgruppen. Hierbei handelt es sich um Subsysteme. Jedes System ist in ein übergeordnetes System eingegliedert, wie zum Beispiel eine Organisation in einen Konzern und ein Konzern in das gesellschaftliche Funktionssystem Wirtschaft (ebenda, 22). Systeme und Umwelt stehen in einer wechselseitigen Austauschbeziehung zueinander. In dieser Hinsicht sind sie offen gegenüber ihrer Umwelt. Laut Luhmann ist ein System eine „organisierte Komplexität“, die durch „Selektion einer Ordnung“ operiert. „Systeme bestehen nicht aus Dingen, sondern aus „Operationen“. „Operation“ ist der allgemeine Begriff für die entscheidenden Aktivitäten von Systemen. Sie stehen in Differenz zur Umwelt, sie produzieren und reproduzieren sich durch ihre Operationen. Hier wird der konstruktivistische Ansatz nochmals untermauert, indem die Systeme keine Realität von Außen empfangen, sondern ihre Realität produzieren bzw. reproduzieren. Sie sind in diesem Sinne autopoietisch. Das heißt aber nicht, dass sie ohne die Umwelt existieren können. Jedoch operieren die einzelnen Systeme auf ihre ganz eigene spezifische Weise. Das grenzt sie voneinander und von ihrer Umwelt ab: „Biologische Systeme leben, psychische führen Bewusstseinsprozesse durch und die charakteristische Operationsweise sozialer Systeme ist die „Kommunikation“. Die Operationen aller drei Systemtypen - so verschieden die Typen auch sein mögen - folgen denselben Leitprinzipien. Diese sind: die System/Umwelt-Differenz und die „Autopoiesis“. (Berghaus 2004, 37).

Die Betrachtung der Außenbeziehungen des Systems (z.B. die soziale Einbettung der Familie) ist ein mögliches Thema systemtheoretischer Analyse. Nach von Ameln unterscheiden sich die internen Relationen des Systems qualitativ von den Relationen des Systems mit der Umwelt: innerhalb der Systemgrenzen geschieht etwas anderes als außerhalb. Aus diesem Blickwinkel können Systeme auch gegenüber ihrer Umwelt als geschlossen betrachtet werden. Das ist kein Widerspruch zu der vorher erwähnten Offenheit der Systeme. Denn nach Luhmann sind soziale Systeme sowohl offen als auch geschlossen. Er erläutert dies anhand des Konzeptes der Autopoiese: Systeme erzeugen alle Elemente aus denen sie bestehen selbst. Wie oben schon erwähnt erzeugen psychische Systeme Gedanken anhand von Ereignissen die operativ gehandhabt werden, jedoch können psychische Systeme nicht kommunizieren, das können nur soziale Systeme. Sie erzeugen Kommunikation als Ereignisse, die operativ gehandhabt werden, dafür können soziale Systeme aber nicht denken. Laut Luhmann gehören deshalb psychische Systeme (also Menschen) zur Umwelt sozialer Systeme. Soziale Systeme (Interaktionen, Organisationen und Funktionssysteme wie Wirtschaft, Recht, Wissenschaft, Politik, Kunst, Erziehung usw.) sind mit psychischen Systemen durch Sprache, welche selbst kein System ist, strukturell gekoppelt. Durch strukturelle Kopplung wird das Problem gelöst, dass autopoietische Systeme[1] nicht in ihrer Umwelt, also auch nicht innerhalb anderer Systeme operieren können, wobei trotzdem aufeinander abgestimmte Entwicklungen zu beobachten sind. Strukturelle Kopplung zwischen Systemen und ihrer Umwelt besteht dann, wenn das jeweilige System Erwartungsstrukturen aufbaut, die es für bestimmte Irritationen sensibler macht. Zum Beispiel hat jede Organisation ihren eigenen Verhaltenscodex, der als ungeschriebenes „Gesetz“ meist weitergegeben und verinnerlicht wird. Innerhalb des Systems Organisation finden Operationen anhand von diesen Regeln statt.

Ein Außenstehender oder eine andere Organisation kann diese Regeln und Operationalisierungen nicht unbedingt erfassen und sie werden auch nicht nach außen transportiert. Sie dienen ausschließlich zum Erhalt des Systems der Organisation und in diesem Sinne ist das System operativ geschlossen. Trotzdem muss die Organisation mit der Umwelt oder anderen Systemen interagieren. Dieses geschieht durch strukturelle Kopplung.

2.2.1 Komplexe Systeme

Bei Familien und Organisationen handelt es sich um komplexe Systeme. Diese zeichnen sich durch einige Besonderheiten aus, die für die Analyse wichtig sind.

Komplexe Systeme sind Systeme, die sich nicht vereinfachen lassen und durch Vielschichtigkeit gekennzeichnet sind. Das bedeutet, dass diese Systeme zwar zum Bestehen ihre eigene Komplexität auf ein handhabbares Maß reduzieren müssen „durch zum Beispiel (quantitativ wirkendes) Ausblenden einer Teilmenge von Komplexität (z.B. erreicht ein Großteil der über das Auge aufgenommenen visuellen Informationen das Bewusstsein nicht) und andererseits durch (auf der qualitativen Ebene wirkende) Strukturierung ungeordneter Komplexität (Im Beispiel: es werden keine einzelnen Bäume, sondern ein Wald wahrgenommen).“ (dazu: von Ameln 2004, 24), jedoch kann diese Komplexität nicht beliebig reduziert werden. Ein System muss damit es auf Ereignisse und Veränderungen reagieren kann über eine angemessene Eigenkomplexität verfügen. Um Komplexität verarbeiten zu können, treffen Systeme Ausdifferenzierungen in ihren Teilsystemen. Im Zuge dieses Differenzierungsprozesses können weitgehend identische, aber kleinere Subsysteme entstehen, die leichter zu handhaben sind, oder es entstehen auf einzelne bestimmte Systemfunktionen spezialisierte Subsysteme: funktionale Differenzierung zum Beispiel bei verschiedenen Abteilungen in einem Unternehmen. Je weiter ein System jedoch ausdifferenziert wird, desto schwieriger wird die Verknüpfung mit den einzelnen Teilen des Systems, beziehungsweise den Zusammenhalt der einzelnen Teile zu erhalten. „Mit zunehmender Differenzierung steigt daher die Notwendigkeit der Integration- ein Problem mit dem große Unternehmen, aber auch Familien zu kämpfen haben.“ (von Ameln, 2004, 24).

2.2.2 Eigenschaften von komplexen Systemen

Nichtlinearität zwischen Ursache und Wirkung

Kleine Störungen des Systems oder minimale Unterschiede in den Anfangsbedingungen führen schnell zu unterschiedlichen Ergebnissen: nicht jeder Input ist mit einem definierten Output verbunden. Es gibt zwischen Ursache und Wirkung keine „Punkt – zu – Punkt – Zuordnung“. Kausalitäten werden sprunghaft, Prozesse zirkulär und dadurch entstehen zwischen Variablen oder Teilprozessen Wechselwirkungen, negative oder positive Rückkopplungen und insgesamt eine Eigendynamik des Systems, welche sich nicht mehr auf bestimmte Ziel-Mittel-Relationen reduzieren lässt. Das „Innenleben“ dieser Systeme wird gegenüber der Umwelt relativ autonom (Willke, 1994, 71, von Ameln, 2004, 25). Das bedeutet, dass eine Problematik beschrieben werden kann, im Beratungsprozess, unter der Absicht eine bestimmte Lösung zu erzielen, jedoch kann die Lösung völlig losgelöst vom Problem entstehen. Es ergibt sich ein neues Innenleben des Systems.

Emergenz

Im Gegensatz zu lediglich komplizierten Systemen, zeigen komplexe Systeme Emergenz.[2] Laut Luhmann operieren lebende, psychische und soziale Systeme auf emergenten und autopoietisch abgeschlossenen Phänomenebenen. Das heißt: „dass Systeme höherer (emergenter) Ordnung von geringer Komplexität sein können als Systeme niederer Ordnung, da sie Einheit und Zahl der Elemente, aus denen sie bestehen, selbst bestimmen, also in ihrer Eigenkomplexität unabhängig sind von Realitätsunterbau. Das heißt auch: dass die notwendige bzw. ausreichende Komplexität eines Systems nicht ‚materialmäßig’ vordeterminiert ist, sondern für jede Ebene der Systembildung mit Bezug auf die dafür relevante Umwelt neu bestimmt werden kann.

Emergenz ist demnach nicht einfach Akkumulation von Komplexität, sondern Unterbrechung und Neubeginn des Aufbaus von Komplexität.“ (Luhmann, 1984, 43 ff. in von Ameln, 2004, 175). Vereinfacht gesagt bedeutet das Phänomen der Emergenz: ‚das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.’ Dies ist gerade in der Familie oder Organisation von Bedeutung. Hier kann man auf die Biologie zurückgreifen, um eine vereinfachte Erklärung zu finden. Jede Zelle eines „Körpers“ ist in gewisser Weise funktional- jedoch macht das Zusammenspiel der Zellen den Körper und dessen Funktionalität aus. Durkheim hat in den Anfängen seiner soziologischen Betrachtungen schon bemerkt, dass die Gesellschaft mehr ist als die Zusammensetzung einzelner Teile. Eben durch die Zusammensetzung einzelner Teile entsteht etwas Neues - Gesamtes. Ebenso ist die Gesellschaft zu verstehen in ihren eigenen Funktionssystemen. Sie ist zwar eine Zusammensetzung von autopoietischen Systemen, sie sind im Zuge der funktionalen Differenzierung abhängig von den Teilsystemen - gemeint nach Durkheim -, die Gesellschaft ist nicht eine Addition seiner Teile, sondern ein komplett Neues, zusammen Gesetztes, durch die Teilsysteme, als funktional differenzierte Gesellschaft. Mit notwendiger Komplexitätsreduktion, damit die Teilsysteme mit der Umwelt kommunizieren können.

Offenes System

In der Regel handelt es sich bei komplexen Systemen um offene Systeme. Sie stehen in Kontakt mit ihrer Umwelt.

Reversible und irreversible Prozessverläufe

Prozesse in komplexen Systemen lassen sich oft nicht rückgängig machen. Ein Beispiel hierfür gibt die Kommunikation. Einmal Gesagtes lässt sich nicht rückgängig machen, man kann es versuchen zu relativieren, einzuschränken, widerrufen, erläutern etc. aber es lässt sich nicht ungeschehen machen.

Selbstregulation

Durch Selbstregulation können Systeme die Fähigkeit zur inneren Harmonisierung entwickeln. Sie können also anhand von Informationen und deren Verarbeitung inneres Gleichgewicht und Balance verstärken. In der Beratungspraxis kann die Information angeregt durch die Fragen des systemischen Beraters erarbeitet werden.

Pfade

Komplexe Systeme sind Pfadabhängig. Ihr Verhalten ist nicht nur vom aktuellen Zustand, sondern auch von der Vorgeschichte des Systems abhängig.

Wechselwirkungen

Die Wechselwirkungen zwischen den Teilen des Systems (Systemkomponenten) sind lokal, ihre Auswirkungen in der Regel global.

Dieses sind nur einige Merkmale komplexer Systeme, die für die systemische Intervention von Bedeutung sind. Wie schon im Vorfeld erwähnt, handelt es sich bei Familien und Organisationen um komplexe Systeme, die in Interaktion mit anderen Systemen stehen. Daher ist zur Intervention in diese Systeme der ganzheitliche Ansatz der Systemischen Therapie und Beratung von eklatanter Bedeutung.

3. Systemische Therapie

3.1 Definition und grundlegende Merkmale

Bei der systemischen Therapie geht es um die Veränderung von grundlegenden festgefahrenen Mustern eines komplexen Systems, wie der Familie oder einer Organisation. Nachdem ich einige Grundsätze der systemischen Therapie erläutert habe, werde ich die Familie als komplexes System vorstellen. Schließlich werde ich, dann, darauf aufbauend, auf die Organisation als größeres komplexes System eingehen.

Die systemische Therapie bezieht sich auf Erkenntnisse wissenschaftlicher Forschung. Die eine bestimmte systemische Therapie gibt es nicht, vielmehr verschiedene Modelle und Durchführungsarten, die im Folgenden noch vorgestellt werden. Wichtig ist, dass es sich um interdisziplinäre wissenschaftliche Forschung handelt, was bedeutet, dass Bereiche der Psychologie, Soziologie, Biologie, der Medizin und andere Disziplinen eine ganzheitlichen Ansatz schaffen. Wie im Vorfeld schon erläutert handelt es sich bei Familien zum Beispiel nicht ausschließlich um psychische Systeme oder einzelne Individuen, die einer Problematik gegenüberstehen, sondern sie sind eingebunden in ein soziales System welches sich in einer Umwelt befindet, und im Verständnis der funktionalen Differenzierung wiederum in verschiedene Teilsysteme eingebunden ist. Ein Familienvater ist nicht ausschließlich Vater. Er hat andere Rollen inne welche auch sein Verhalten innerhalb der Familie beeinflussen können.

Systemische Therapie kann verstanden werden als Intervention in komplexe Systeme (sowohl psychische als auch interpersonale Systeme). Das Wort systemisch bezieht sich also nicht nur auf interpersonelle Kommunikation, sondern steht für eine systemwissenschaftliche, prozessorientierte Perspektive, die auf unterschiedliche Phänomenbereiche zielt. Dazu gehören eben auch biologische Prozesse, sowie intrapsychische oder gesellschaftliche Prozesse.

Aufgrund der zahlreichen Rückkopplungen und Vernetzungen komplexer Systeme entwickeln diese eine gewisse Eigendynamik, die sich mitunter schwer verstehen oder vorhersehen lässt. In den Therapieansätzen wird nun besonders beachtet, dass Individuen grundsätzlich in sozialen Bezügen leben. Individuelle Entwicklung (z.B. von Selbstkonzepten, Kompetenzen, persönlichem Indentitäts- und Kohärenz­erleben) ist nur im Rahmen sozialer Interaktion mit relevanten Bezugspersonen denkbar- also den Elementen des komplexen Systems und der Umwelt.

Systeme stehen in einem bestimmten Verhältnis zu ihrer Umwelt. Die Struktur eines Systems kann in seiner Funktion der Umwelt betrachtet werden (die Umwelt als Existenzvoraussetzung und als materielles, energetisches, und informatives Anregungspotential, wie auch als Funktion des Systems, im Sinne einer Selektions- und Konstruktionsleistung systemspezifischer Umwelten). (Vgl. Schipek 1999, 29 ff)

Die systemische Therapie stellt eine psychotherapeutische Gesamtkonzeption dar. Hier kommen verschiedene theorie- oder indikationsgeleitete Methoden zur Anwendung. Zu den verschiedenen Anwendungsformen gehören:

- Systemische Einzeltherapie
- Systemische Paartherapie
- Systemische Familientherapie
- Systemische Gruppentherapie

Das besondere Interesse der systemischen Therapie ist auf die natürlichen sozialen Bezüge des Individuums gerichtet, welche unabhängig von der Therapie bestehen: also die Familie, das Paar, der Partner oder das Team. (Vgl. Schipek 1999, 32ff)

[...]


[1] Autopoietische Systeme (aus dem griechischen „Selbst Erzeugung“): sind strukturell determiniert- die aktuelle Struktur bestimmt in welchen Grenzen sich ein Lebewesen verändern kann, ohne seine autopoietische Organisation zu verlieren bzw. zu sterben; sie haben keinen anderen Zweck, als sich selbst zu reproduzieren. Alle anderen Behauptungen über ihren Sinn werden durch Beobachter an sie herangetragen; sie sind operationell geschlossen, das heißt sie können nur mit ihren Eigenzuständen operieren und nicht mit systemfremden Komponenten. Operationelle Geschlossenheit meint etwas anderes als informelle Geschlossenheit. Lebende Systeme können sehr wohl Umweltinformationen aufnehmen (hören, verarbeiten). Aber sie sind nicht unbegrenzt beeinflussbar, formbar, instruierbar durch diese. Die Außenwelt wird nur soweit zur relevanten Umwelt (und von dort kommende Informationen werden nur soweit zu relevanten Informationen), wie sie im System Eigenzustände anzustoßen, zu „verstören“ mag (Vgl. Schlippe/ Schweitzer, 1999, 68).

[2] Emergenz ist eine wichtige Eigenschaft von komplexen und/oder nichtlinearen Systemen im Sinne der Systemtheorie. Solche Systeme können Eigenschaften entwickeln, die sich aus der Summe ihrer Einzelkomponenten nicht erklären lassen. Der menschliche Körper ist ein biologisches System, der menschliche Geist ist ein psychisch-mentales System, die Kommunikation erzeugt soziale Systeme, usw. All diese Systeme weisen Emergenz auf: Ihre Eigenschaften (Atmung, Jagdverhalten, Selbstbewusstsein, usw.) lassen sich aus den Einzelteilen (Zelle, Organismus, einzelner Gedanke) nicht ohne weiteres erklären. Diese Emergenzhypothese wird in der heutigen Forschung oft als Gegenstück der Welttheorie -TOE=Theory of everything oder Supertheorie- angesehen,welche eine *allem übergeordnete* Meta-These (Weltformel) zu finden versucht (Wikipedia)

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Details

Titel
Von der systemischen Familientherapie zur systemischen Organisationsberatung
Untertitel
Systemisches Coaching als umfassendes Beratungskonzept für Unternehmen und Organisationen
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Soziologie)
Veranstaltung
Seminar: Systemische Interventionen am Beispiel der Familientherapie
Autor
Jahr
2006
Seiten
53
Katalognummer
V64667
ISBN (eBook)
9783638574211
ISBN (Buch)
9783638699631
Dateigröße
664 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Familientherapie, Organisationsberatung, Seminar, Systemische, Interventionen, Beispiel
Arbeit zitieren
Anja Ragati (Autor), 2006, Von der systemischen Familientherapie zur systemischen Organisationsberatung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64667

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