Familien, Schulklassen, Organisationen, einzelne Individuen werden als Systeme betrachtet, die man mit Hilfe systemtheoretischer Begrifflichkeiten analysieren kann. Aus den Ansätzen früher systemtheoretischer Erkenntnisse und Forschungen entstand in den 1959er Jahren die systemische Familientherapie. Ein Konzept, in dem die Familie als komplexes soziales System gesehen wird, welches im Hinblick auf Strukturen und Prozesse, ihre Beziehungen zur Umwelt und ihren Umgang mit Komplexität, analysiert werden kann.
Die systemtheoretische Perspektive lenkt den Blick auf Vernetzungen und komplexe Wechselwirkungen, die innerhalb eines Systems, ebenso wie in ihrem Verhältnis zur Umwelt existieren. Systemisches Denken ist daher Denken in Zusammenhängen und die systemische Analyse versteht sich als ganzheitliche Betrachtungsweise (dazu: von Ameln, 2004, S.27).
Dieser Ansatz fand zunächst hauptsächlich in der systemischen Familientherapie Anwendung und wurde Anfang der 1990er Jahre konzeptionell umformuliert zur systemischen Organisationsberatung bzw. zum systemischen Coaching (vgl. König, Vollmer, 2003, S.17).
Eine Organisation stellt ein größeres, komplexes System dar, welches aber, wie die Familie, anhand von Regeln in Wechselwirkungen kommuniziert und interagiert.
Das Konzept der systemischen Organisationsberatung bzw. des systemischen Coachings basiert auf lösungsorientierten Ansätzen, im Gegensatz zu geläufigen problemorientierten Strategien. Im Folgenden werden zunächst die Grundlagen des systemischen Denkens anhand eines kurzen Überblicks über die Systemtheorie erläutert. Danach wird auf die Anwendung am Beispiel der Familientherapie eingegangen aus welcher die Systemische Organisationsberatung entwickelt wurde. Hierbei wird zunächst auf theoretischen Aspekte eingegangen. Im Anschluss wird die systemische Beratung bzw. das systemische Coaching anhand von Praxisbeispielen erläutert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Systemtheoretische Grundlagen
2.1 Frühe Ansätze
2.2 Der Systembegriff
2.2.1 Komplexe Systeme
2.2.2 Eigenschaften von komplexen Systemen
3. Systemische Therapie
3.1 Definition und grundlegende Merkmale
3.2 Systemische Familientherapie
3.2.1 Entwicklung
3.2.2 Familie als besonderes System
3.2.2 Kernfragen
3.2.4 Probleme in systemischer Sicht
3.3 Systemische Interventionen
3.3.1 Zirkuläres Fragen
3..3.2 Weitere Interventionen
3.3.2.1 Umdeutung – Reframing
3.3.2.2 Systemische Aufstellungen
4. Systemische Organisationsberatung
4.1. Organisation; Prozess und Beratung
4.3 Dimensionen der Intervention
4.3.1 Sachliche Dimension
4.3.2 Zeitliche Dimension
4.3.3 Soziale Dimension
4.3.4 Räumliche Dimension
4.4 Der Beratungsprozess
4.4.1 Das Erstgespräch
4.4.1.1 Bedeutung und Funktion der Beratung erörtern
4.4.1.2 Themenwahl
4.4.1.3 Rahmenbedingungen festlegen
4.4.1.4 Vertraulichkeit und „Etappenziele“
4.4.1.5 Manifestieren
4.4.2 Das erste Beratungsgespräch
4.4.3 Evaluation
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Übergang von systemischen Ansätzen in der Familientherapie hin zu ihrer Anwendung als systemisches Coaching und Organisationsberatung. Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, wie lösungsorientierte Interventionen in komplexen sozialen Systemen – wie Unternehmen oder Organisationen – genutzt werden können, um durch gezielte Fragestellung Veränderungsprozesse anzuregen, bei denen die Lösung aus dem System selbst heraus erarbeitet wird.
- Systemtheoretische Grundlagen komplexer sozialer Systeme
- Entwicklung und Methoden der systemischen Familientherapie
- Transfer systemischer Interventionstechniken in den organisationalen Kontext
- Dimensionen und Gestaltungsprozess einer systemischen Organisationsberatung
- Evaluation und Qualitätssicherung von Beratungsprozessen
Auszug aus dem Buch
3.3.1 Zirkuläres Fragen
Das zirkuläre Fragen hat eine besondere Stellung in der systemischen Therapie bzw. Beratung. Von Schlippe und Schweitzer gehen davon aus, dass alles Verhalten, was in sozialen Systemen gezeigt wird, auch ein kommunikatives Angebot darstellt. In diesem Sinne haben Verhaltenweisen, bestimmte Symptome oder unterschiedliche Arten von Gefühlsausdrücken nicht nur die Funktion dass sie im Menschen ablaufende Ereignisse zeigen, sie zeigen auch die wechselseitigen Beziehungen in diesem System. Deshalb ist es für den systemischen Berater interessanter diese Strukturen sichtbar zu machen, als den Einzelnen nach seinem Befinden zu fragen.
Daher stehen des Weiteren, auch Fragen nach den Symptomen im Mittelpunkt. Fragen in dem Sinne, wie jedes Familienmitglied diese Symptome versteht und welche Erartungen und Beobachtungen damit verbunden sind und wie darauf reagiert wird. Dies wird in einem Beispiel von Schlippe et al. deutlich: „Helmut weint“. In anderen therapeutischen Kontexten fragen Therapeuten meist, warum derjenige weint, was also in ihm passiert. Natürlich ist eine solche Perspektive wichtig, jedoch gibt es im System noch weitere Elemente dies wird dann wie folgt beschrieben: „Helmut weint. Hannelore nimmt dies wahr und Helmut weiß, dass Hannelore dies wahrnimmt.“ Dieses wird in der ersten Fragestellung und auch in den gängigen Therapien nicht berücksichtigt. Deshalb muss eine andere Frage gestellt werden, nämlich die was Helmut denkt, was sein Weinen für Hannelore bedeutet und wenn Dritte auf die Beziehung von zwei anderen schauen gibt es den weiteren Aspekt der durch die Frage, was Stefan (das Kind) denkt, was es bei der Mutter auslösen könne, den Vater weinen zu sehen. Diese Fragestellung gibt neue Informationen in das System: „Helmut erhält eine Information über die mögliche Bedeutung seines Weinens für Hannelore, Hannelore erhält Information über die möglichen Intentionen von Helmut und beide erhalten eine Rückmeldung über ihre Beziehung aus der Sicht von Stefan.“ Es werden also bei allen Beteiligten neue Sichtweisen und Denkprozesse angeregt (Vgl. von Schlippe/Schweitzer, 1999, 141 ff.). Mit zirkulären Fragen sind also mehr Informationen zu erhalten als mit direkten Fragen. Der Berater verliert durch diese Art der Fragestellung auch nicht seine Neutralität und kann trotzdem seine Hypothesen überprüfen, beziehungsweise neue Informationen sammeln.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Betrachtung von Individuen, Familien und Organisationen als soziale Systeme ein und skizziert den Übergang des systemischen Ansatzes von der Therapie hin zur Organisationsberatung.
2. Systemtheoretische Grundlagen: Das Kapitel erläutert die Ursprünge der Systemtheorie und definiert zentrale Begriffe wie das System, Komplexität und Eigenschaften komplexer Systeme wie Nichtlinearität und Emergenz.
3. Systemische Therapie: Hier werden die Merkmale systemischer Therapie, die Entwicklung der systemischen Familientherapie, das Verständnis von Problemen sowie spezifische Interventionstechniken wie zirkuläres Fragen und Reframing dargelegt.
4. Systemische Organisationsberatung: Dieses Kapitel transferiert die systemischen Konzepte auf die Organisationsberatung, behandelt Dimensionen der Intervention sowie den strukturellen Ablauf des Beratungsprozesses vom Erstgespräch bis zur Evaluation.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass systemische Beratung durch ihren ganzheitlichen Ansatz und die Aktivierung systemimmanenter Ressourcen qualitativ hochwertigere Ergebnisse gegenüber klassischen Methoden erzielen kann.
Schlüsselwörter
Systemtheorie, Systemische Therapie, Systemische Organisationsberatung, Coaching, Komplexität, Zirkuläres Fragen, Reframing, Konstruktivismus, Soziale Systeme, Beratungsprozess, Intervention, Autopoiesis, Systemgrenzen, Lösungsorientierung, Evaluation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Hausarbeit grundlegend?
Die Arbeit behandelt die Übertragung systemtheoretischer Konzepte und Methoden, die ursprünglich in der systemischen Familientherapie entwickelt wurden, auf den Bereich der Organisationsberatung und des Coachings.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Arbeit adressiert?
Im Fokus stehen die Systemtheorie, die methodische Anwendung systemischer Interventionen (wie zirkuläres Fragen) sowie die spezifische Prozessgestaltung bei der Beratung von Organisationen als komplexe soziale Systeme.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie durch lösungsorientierte systemische Beratung statt vorgefertigter Expertenlösungen eine nachhaltige Problemlösung erreicht werden kann, bei der das System seine eigenen Potenziale nutzt.
Welche wissenschaftliche Methodik liegt der Arbeit zugrunde?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Analyse der systemtheoretischen Literatur (u.a. von Luhmann, von Schlippe, von Ameln) und reflektiert deren praktische Anwendung in Beratungssituationen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der systemtheoretischen Grundlagen, die Erläuterung der systemischen Therapie und ihrer Interventionen sowie die detaillierte Beschreibung des Beratungsprozesses in Organisationen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren den Inhalt der Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Systemtheorie, systemische Intervention, Organisationsberatung, Coaching, Komplexität und Zirkuläres Fragen.
Warum betont die Autorin die Bedeutung des Erstgesprächs?
Das Erstgespräch ist der Grundstein des Beratungsprozesses, in dem die Beziehung aufgebaut, Rahmenbedingungen geklärt und Ziele sowie Erfolgskriterien gemeinsam definiert werden.
Wie unterscheidet sich systemische Beratung von der klassischen Expertenberatung?
Während Expertenberatung oft eine "Maschinenmetaphorik" nutzt und Lösungen von außen vorgibt, betrachtet die systemische Beratung die Organisation als lebendiges System, das Lösungen aus sich selbst heraus entwickeln muss.
- Quote paper
- Anja Ragati (Author), 2006, Von der systemischen Familientherapie zur systemischen Organisationsberatung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64667