Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft: Imperialismus


Seminararbeit, 2002

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Bibliographie

Einleitung

Der Imperialismusbegriff bei Hannah Arendt PS: Moderne Imperialismustheorien

Die Entstehungsbedingungen des Imperialismus
Die politische Emanzipation der Bourgeoise
Das Bündnis zwischen Kapital und Mob

Die Charakteristika des Imperialismus
Die vorimperialistische Entwicklung des Rassebegriffs
Die Bürokratie
Der völkische Nationalismus

Der Imperialismusbegriff im Vorwort

Bibliographie

Arendt, Hannah (1951): Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft. München: Piper Verlag GmbH, 8. Auflage 2001, 275-625

Einleitung

Hannah Arendt wurde 1906 bei Hannover geboren. Sie wuchs in einem sozialdemokratischen jüdisch-assimilierten Elternhaus in Königsberg auf und studierte Philosophie, Theologie und Griechisch u. a. bei Martin Heidegger und Karl Jaspers, deren Ansichten zur Existenzphilosophie sie maßgeblich prägten. Auf der Flucht vor den Nationalsozialisten erlebte sie den politischen Zustand der Staatenlosigkeit, den sie später ausführlich beschrieb. Sie heiratete Heinrich Blücher, dem sie ihr Hauptwerk widmete. 1941 emigrierte Arendt nach einer mehrwöchigen Internierung im Auffanglager Gurs in die USA, wo sie 1951 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt. Im gleichen Jahr erschien nach über zehnjähriger Arbeit ihr erstes großes politisches Werk „The Origins of Totalitarianism“ (in der deutschen Ausgabe „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, die britische Ausgabe „The Burden of our Time“) als eine umfangreiche historisch-politische Untersuchung. Nach mehreren Gastvorlesungen in Princeton und Harvard u. a. erhielt sie 1953 eine Professur am Brooklyn College in New York, wo sie 1975 starb.

Hannah Arendt hat als politische Philosophin einen ganz eigenen Denkweg beschritten. In ihren Werken verbindet sie politische Geschichte, Geistesgeschichte und systematisch-philosophische Betrachtungen. Dabei ist einer ihrer wichtigsten Leitgedanken alles zu vermeiden, was eine Entartung des Politischen begünstigen könnte. Sie plädiert daher für eine Sphäre des öffentlichen Diskurses und erstrebt politische Entscheidungen unabhängig vom jeweiligen privaten Interesse der Person.

Das Hauptwerk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ etabliert Hannah Arendt als bedeutende gesellschafts- und politikwissenschaftliche Theoretikerin. Ihrer Meinung nach stellt die totale Herrschaft eine der wichtigsten Tatsachen der modernen Geschichte und eine wesentlich neue Staatsform dar. In diesem Werk versucht sie zu verstehen und gedanklich zu durchdringen, worauf die meisten mit Verdrängung reagieren: die unglaublichen Greuel des Nationalsozialismus und des Stalinismus. Dabei werden beide Systeme als verwandte Herrschaftstypen und Folgeerscheinungen von Antisemitismus, völkischem Nationalismus und Imperialismus betrachtet. Entsprechend folgt der Untersuchung des Antisemitismus als erstem Buch, die des Imperialismus und anschließend analysiert sie im dritten Buch die Charakteristika der Totalen Herrschaft. Im Zustand des Misstrauens gegenüber der Vergangenheit, der Ablehnung der Gegenwart, in der die alte Gesellschaftsordnung zerfällt, worauf Desorientierung, zerstörte Sozialstrukturen und die Atomisierung der Gesellschaft folgen, ist die Ideologie die Reaktion auf die Angst vor einer unberechenbaren, anarchischen Zukunft. Sie beschreibt das Bedürfnis des modernen atomisierten Menschen nach Zugehörigkeit, das mittels „wissenschaftlicher Beweise“ und einer Ideologie bedient wird. Mit diesem Buch hat Hannah Arendt unter dem Eindruck des Holocaust die Bestandsaufnahme einer ruhe- und heimatlosen Frau und zugleich eine Geschichte und Theorie des Totalitarismus geschrieben, dessen unverminderte Aktualität nicht allein die zahlreichen Auflagen und Übersetzungen (Dezember 1999: 11) beweisen.

Dem Aufbau des Buches „Imperialismus“ wird bei der vorliegenden Rezension nicht gefolgt. Ziel des Aufsatzes ist vielmehr den Imperialismusbegriff bei Hannah Arendt, dessen Entstehungsbedingungen und besondere Merkmale herauszuarbeiten. Entsprechend wird nach einer kurzen Einordnung ihres Verständnisses von „Imperialismus“ in den ersten zwei Kapiteln die politische Emanzipation der Bourgeoisie und das Bündnis zwischen Kapital und Mob besprochen. Anschließend werden als Charakteristika die vorimperialistische Entwicklung des Rassebegriffs, der völkische Nationalismus und die Bürokratie näher betrachtet. Der letzte Abschnitt ist dem Vorwort von 1967 gewidmet, in dem Arendt ein über den kolonialen Imperialismus hinausgehendes Verständnis anspricht.

Der Imperialismusbegriff bei Hannah Arendt

Hannah Arendt bezieht sich auf das spezifische Verständnis der Politik der europäischen Kolonialmächte und der latecomers Deutschland, Italien und Belgien in den drei Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg zwischen 1884 und 1914[1], wenn sie im Vorwort schreibt: Selten ließ sich der Beginn einer geschichtlichen Epoche mit gleicher Genauigkeit datieren, und kaum je zuvor bot sich zeitgenössischen Beobachtern eine ebenso gute Chance, ihr eindeutiges Ende mitzuerleben, wie im Falle des imperialistischen Zeitalters. [a.a.O., S. 275]

Ziel der europäischen Kolonialmächte und der latecomers war die Aufteilung der noch nicht unter Kolonialherrschaft gefallenen Territorien. Nach Meinung Arendts charakterisierte nichts deren Machtpolitik im imperialistischen Zeitalter besser als der Umschwung, daß man jetzt nicht mehr lokalisierte, begrenzte und daher vorhersagbare Ziele, die im nationalen Interesse lagen, verfolgte, sondern im grenzenlosen Streben nach Macht und mehr Macht den ganzem Erdball durchstreifen und verwüsten konnte, ohne eine bestimmte , national oder territorial vorgezeichnete Zielsetzung und daher ohne vorhersagbare Richtung.[a.a.O., S. 277]

Zur Bedeutung des Begriffs stellt sie fest: Als Schimpfwort wird der Imperialismus noch gebraucht, sonst scheint er halb vergessen zu sein und das ist vor allem deshalb zu bedauern, weil wir für Dinge, die heute geschehen, aus ihm lernen könnten. Um anschließend den philosophischen Zeigefinger zu heben und einzuschränken: Wieviel wir auch aus der Vergangenheit lernen mögen, sie wird uns nicht lehren, die Zukunft zu lesen. [a.a.O., S. 283]

Die Entstehungsbedingungen des Imperialismus

Die politische Emanzipation der Bourgeoise

Bei der Untersuchung der Entstehungsbedingungen des kontinentalen Imperialismus unterscheidet man zwischen machttheoretischen und politökonomischen Theorien. Bei den machttheoretischen Theorien entsteht Imperialismus als Folge des Nationalstaats und der Herrschaftsstabilisierung in seinem Inneren. Während bei den politökonomischen Theorien von den Problemen der Kapitalverwertung imperialer Staaten ausgegangen wird. Arendt betrachtet vorrangig die politökonomischen Theorien, deren frühzeitige Entdeckung sie Hobson zuschreibt, dem Hilferding und Lenin später folgten. Der englische Historiker Hobson war der erste, der das Wort Imperialismus gebrauchte. [a.a.O., S. 302]

Die ökonomischen Entstehungsbedingungen des kontinentalen Imperialismus liegen bereits vor dem Jahre 1884, das allgemein als der Beginn europäischer Imperialpolitik angesehen wird. Die Sache begann völlig unpolitisch mit einer tiefgehenden Wirtschaftskrise Ende der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts, die ausgehend von England die gesamte Ökonomie Europas erfasste. Der Imperialismus entstand, als die Industrialisierung der kapitalistisch bewirtschafteten Länder Europas sich bis an die eigenen Landesgrenzen ausgebreitet hatte und es sich herausstellte, dass diese Landesgrenzen nicht nur einer weiteren Expansion im Wege stehen würden, sondern damit den gesamten Industrialisierungsprozess aufs schwerste bedrohen könnten. [a.a.O., S. 290f.] Der Wirtschaftskrise folgte der Export des Kapitals, das im Inland keine Anlagemöglichkeiten mehr fand. Dieser Entwicklung liegen wirtschaftlichen Interessen und nicht politischen Erwägungen zu Grunde. Der Aufstieg der Bourgeoisie traf mit der industriellen Revolution zusammen und konnte nur so zu einem entscheidenden Motor für die Entwicklung werden. Die Wirtschaft selbst zwang die Bourgeoise, politisch zu werden.[a.a.O., S. 290f.] Nach Meinung Arendts bildeten diese rein ökonomischen Triebfedern, die zum Politischen in krassem Gegensatz standen, eine virulente Gefahr für das Politische. Denn die nächstliegende Ursache dieser Entwicklung war die Existenz einer kleinen Klasse von Kapitalisten, deren Reichtum die soziale Verfassung ihrer Länder und deren Produktionskapazität die ökonomischen Systeme ihrer Völker sprengte und die daher mit gierigen Augen den Erdball absuchten nach profitablen Investitionen für überflüssiges Kapital. [a.a.O., S. 303] So folgten der Wirtschaftskrise in den siebziger Jahren mehr Finanzskandale und Börsenschwindel als je zuvor, weil die realen Hintergründe von Kursdifferenz, vom Steigen und Fallen von Papieren die Werte in den entferntesten Ländern der Erde repräsentierten, überhaupt nicht zu kontrollieren waren. [a.a.O., S. 309]

[...]


[1] Nohlen, Dieter (2001): Imperialismus. in: Nohlen, Dieter (Hg.): Kleines Lexikon der Politik. München: Verlag C. H. Beck oHG, 198f.

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Details

Titel
Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft: Imperialismus
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Osteuropa-Institut / FB Politik)
Veranstaltung
PS Moderne Imperialismustheorien
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
19
Katalognummer
V6471
ISBN (eBook)
9783638140331
ISBN (Buch)
9783638786973
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rezension, Hannah Arendt, Imperialismus
Arbeit zitieren
Andrea Friemann (Autor), 2002, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft: Imperialismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6471

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