In dieser Arbeit befasse ich mich mit der Mentalitätsgeschichte, einer historischen Disziplin, die sich unter anderem auch mit dem Riechen und Hören in früheren Jahrhunderten auseinandersetzt und mithilfe dieser Sinne versucht, auf das damalige Weltbild der Menschen zu schließen. Meine Arbeit wird nach einer kurzen Einführung in das Thema Mentalitätsgeschichte und deren Problematik Texte der zwei Historiker Alain Corbin und Peter Payer darstellen, die sich zum einen mit dem Geruch im 18. und 19. Jahrhundert im Allgemeinen bzw. in Wien im Speziellen beschäftigen. Zum anderen hat der Franzose Corbin eine Arbeit über die Bedeutung von Glocken im 18. Jahrhundert in Frankreich geschrieben, während Payer Forschungen über die Entstehung von Lärm seit der Industrialisierung anstellte und einen Aufsatz zu diesem Thema verfasste. Nachdem ich diese Arbeiten dargestellt habe möchte ich schließlich zu der Frage kommen, inwiefern die Mentalitätsgeschichte trotz ihrer Mängel einen Nutzen für die Ethnologie der Sinne haben kann, auch wenn die vorhandene Literatur dieser historischen Disziplin von der Ethnologie bisher kaum beachtet wurde bzw. keine Berücksichtigung in ethnologischen Texten fand.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Mentalitätsgeschichtsforschung und ihre Mängel
3. Der Geruch in der europäischen Geschichte seit dem 18. Jahrhundert
3.1 Pesthauch und Blütenduft
3.1.1 Erdausdünstungen und Fäulnistheorien
3.1.2 Geruch und Geschlecht
3.1.3 Geruch und Gesellschaftssystem
3.2 Ein olfaktorischer Streifzug durch Wiens Geschichte und Gegenwart
4. Die Bedeutung von Gehör und Klanglandschaften seit dem 18. Jahrhundert
4.1 Die Sprache der Glocken
4.1.1 Zerstörung einer Klanglandschaft
4.1.2 Widerstand gegen die Reduzierung der Glocken
4.1.3 Glockenaffären
4.1.4 Bedeutungsverlust im 19. Jahrhundert
4.2 Eine kurze Geschichte des Lärms
5. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht den Nutzen der Mentalitätsgeschichte für die Ethnologie der Sinne, indem sie analysiert, wie historische Sinneswahrnehmungen – insbesondere Riechen und Hören – Aufschluss über vergangene Weltbilder und gesellschaftliche Strukturen geben können.
- Grundlagen und Problematik der Mentalitätsgeschichtsforschung
- Soziale Dimensionen von Geruch im 18. und 19. Jahrhundert
- Die symbolische und soziale Bedeutung von Kirchenglocken
- Wandel der Klanglandschaften durch die Industrialisierung
- Methodische Relevanz für die ethnologische Forschung
Auszug aus dem Buch
4.1.1 Zerstörung einer Klanglandschaft
Während des Ancien Régime hatte sich in Frankreich durch das einmalige Aufstocken an Glockenbeständen eine Klanglandschaft entwickelt, die ihresgleich sucht und für heutige Verhältnisse kaum vorstellbar scheint. Es wurde mit einer solchen Intensität und Häufigkeit geläutet, dass ein regelrechtes „Klangnetz“ (Corbin 1995: 22) entstand, das darin begründet war, dass die „Vielzahl der Glocken einstmals ein Element fränzösischer Identität gewesen“ (Corbin 1995: 23) ist. Anders als später gab es während des Ancien Régime keinerlei Vorschriften, wie viele Glocken eine Kirche besitzen durfte, was dazu führte, dass es Glockentürme mit bis zu 17 Glocken gab. Es entstand ein regelrechter Konkurrenzkampf zwischen benachbarten Dörfern, in dem es einzig darum ging, welches Dorf über die meisten, schönsten, lautesten und harmonischten Glocken verfügte.
Dass die Glocken zur damaligen Zeit eine so große Bedeutung für das französische Volk besaßen, hatte vielfache Gründe. Zum einen diente die Glocke als Schutz vor Gefahren, sollte mit ihrem Geläut sowohl böse Geister als auch Gewitter abhalten, schlug aber auch, wenn Feinde herannahten und warnte so die Gemeinde. Des Weiteren diente die Glocke aber auch zur Kommunikation innerhalb der Gemeinde, indem sie zu Versammlungen, Festen, Ansprachen und vielen anderen Ereignissen rief (Corbin 1995: 225). Gleichzeitig war sie für die Menschen ein Mittel zur zeitlichen Orientierung, da sie das einzige Instrument in Stadt und Dorf war, das die Zeit sowohl optisch als auch akustisch anzeigte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert die Zielsetzung der Arbeit, die Mentalitätsgeschichte als historisches Werkzeug für die Erforschung menschlicher Weltbilder durch Sinneswahrnehmungen zu bewerten.
2. Mentalitätsgeschichtsforschung und ihre Mängel: Dieses Kapitel diskutiert die theoretischen Grundlagen der Mentalitätsgeschichte sowie die fachinterne Kritik, insbesondere bezüglich mangelnder Präzision und der Vernachlässigung unterer Gesellschaftsschichten.
3. Der Geruch in der europäischen Geschichte seit dem 18. Jahrhundert: Hier wird anhand von Corbin und Payer analysiert, wie Gerüche und Fäulnistheorien soziale Abgrenzungen und Machtstrukturen in Frankreich und Wien widerspiegelten.
4. Die Bedeutung von Gehör und Klanglandschaften seit dem 18. Jahrhundert: Das Kapitel untersucht den Wandel der akustischen Umwelt durch den Bedeutungsverlust der Glocken und die zunehmende Lärmbelastung im Zuge der Industrialisierung.
5. Fazit: Das Fazit resümiert, dass die Mentalitätsgeschichte trotz methodischer Defizite wertvolle diachrone Vergleichspunkte für die moderne Ethnologie bietet.
Schlüsselwörter
Mentalitätsgeschichte, Ethnologie der Sinne, Alain Corbin, Peter Payer, Fäulnistheorien, Klanglandschaft, Glocken, Lärm, Industrialisierung, soziale Hierarchien, Wahrnehmungsgeschichte, Weltbild, Sinneswahrnehmung, Ancien Régime, Sozialstruktur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Relevanz der historischen Mentalitätsforschung für die Ethnologie der Sinne, indem sie untersucht, wie vergangene Sinneswahrnehmungen historische Gesellschaften prägten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert sich auf die historische Erforschung von Geruch und Gehör sowie deren Wandel im 18. und 19. Jahrhundert.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu ergründen, ob die Mentalitätsgeschichte trotz ihrer Mängel einen wissenschaftlichen Nutzen für die ethnologische Erforschung der Sinne bietet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt eine Literaturanalyse durch, in der er die Forschungsergebnisse der Historiker Alain Corbin und Peter Payer vergleicht und kritisch hinterfragt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifisch die Bedeutung von Gerüchen in Frankreich und Wien sowie den Bedeutungswandel von Glockengeläut und Lärm im Kontext der Industrialisierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Mentalitätsgeschichte, Sinneswahrnehmung, Klanglandschaft und soziale Abgrenzung charakterisiert.
Wie wurde die Rolle von Glocken im Ancien Régime bewertet?
Glocken fungierten als zentrales Instrument für Schutz, Kommunikation, Zeitmessung und waren identitätsstiftende Symbole, die den Machtanspruch von Gemeinden repräsentierten.
Warum wird die Vernachlässigung der Unterschichten in der Mentalitätsgeschichte kritisiert?
Die Vernachlässigung der Unterschichten führt laut Kritikern dazu, dass kein repräsentatives Bild der Gesellschaft entstehen kann, da das Weltbild maßgeblich durch die Perspektive der Bourgeoisie verfälscht wird.
- Quote paper
- Berit Marchetti (Author), 2006, Der Nutzen von Mentalitätsgeschichte für die Ethnologie der Sinne , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64727