Engelbert Kaempfer (1651-1716) beschreibt die Yamabushi


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

28 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

0. Einleitung

1. Engelbert Kaempfer und seine Zeit
1.1 Epoche
1.2 Kurzbiografie
1.3 Das Japan der Genroku-Zeit

2. Das Japanwerk des Engelbert Kaempfer
2.1 Vorbemerkungen
2.2 Editionsgeschichte
2.3 Standpunkte zu Kaempfer in der Japanforschung

3. Kaempfers Beschreibung von Shugendô
3.1 Allgemeines über Kaempfers Schilderungen zu den japanischen Religionen
3.2 Zusammenfassung von Kaempfers Beschreibung des Shugendô
3.3. Kaempfers Beschreibung der Kleidung der Yamabushi

4. Schluss

5. Literatur

0. Einleitung

Engelbert Kaempfer (* 1651 in Lemgo; †1716 in Lieme), der große deutsche Reisende der frühen Neuzeit war insgesamt zwölf Jahre unterwegs in Asien. Zwei davon verbrachte er als Arzt im Dienste der Vereinigten Ostindischen Compagnie (VOC) auf der Nagasaki vorgelagerten Insel Dejima. Unter all seinen Aufzeichnungen ist es vor allem sein Japan-Werk, dass durchgängig im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses lag. Seine Berichte, Skizzen und Sammlungen aus dem damals so unzugänglichen Reich haben zu einem Großteil zur europäischen Bewusstseinsbildung über Japan (und Asien) beigetragen (Bonn, 2003 / Kreiner, 1991).

Bis ins Jahr 2001 existierte jedoch noch keine kritische Gesamtausgabe des Kaempfer-Werkes, und die bis dato erschienenen Ausgaben wiesen allesamt erhebliche Mängel auf.

Mit dem Erscheinen der Kritischen Ausgabe 2001 (Kaempfer, 2001) steht der Kaempfer-Forschung nun erstmalig wissenschaftlich hochwertiges Quellenmaterial zur Verfügung. Auch bis in die 90er- Jahre des 20. Jahrhunderts geäußerte Meinungen über Kaempfer sind mit dem Erscheinen der kritischen Ausgabe zumindest teilweise hinfällig und müssen in Zukunft auf ihre Gültigkeit hin geprüft werden.

Thema und Ziel dieser Arbeit ist es, Kaempfers Beschreibung des Shugendô anhand der kritischen Ausgabe genauer zu untersuchen. Dabei soll vor allem ein Aspekt seiner ShugendôBeschreibung untersucht werden: Kaempfers Aufzeichnungen zur Yamabushi-Bekleidung. Sie soll mit der heutigen Kleidung der Bergasketen verglichen werden. Auf eventuelle Unterschiede soll genauer eingegangen werden. Die Wahl fiel zum Einen auf die Beschreibung von Kleidung und Ausrüstung, weil Kaempfer sich hierzu ausführlich und detailgenau äußert. Zum Andern ist in diesem Bereich die Verifizierbarkeit bzw. Falsifizierbarkeit seiner Aufzeichnungen relativ einfach. Darüber hinaus könnte es für eine weitergehende Beschäftigung sowohl mit Kaempfers Beschreibung der japanischen Religion als auch mit dem edo-zeitlichen Shugendô von Interesse sein, diese nun wissenschaftlich hochwertig aufgearbeitete Quelle zunächst hinsichtlich eines so konkreten Punktes wie der Beschreibung von Kleidung und Ausrüstung zu untersuchen.

Zu Beginn soll jedoch auf Zeit, Leben und Werk Kaempfers eingegangen sowie ein komprimierter Überblick über die Editionsgeschichte seines Werkes gegeben werden. Vergangene und aktuelle Positionen hinsichtlich des Stellenwertes des Kaempfer-Werkes und der Bedeutung Kaempfers innerhalb der Wissenschaft und Japanologie werden zur Sprache gebracht. Dem folgte ein Überblick und genereller Kommentar zu Kaempfers Beschreibung der japanischen Religionen und ein Gesamtüberblick über seine Beschreibung des Shugendô. Hierbei soll auch auf frühere Beschreibungen der japanischen Religion eingegangen und die Besonderheit der kaempferschen Beschreibung dargestellt werden.

Danach soll auf den oben genannten Aspekt (Kleidung und Ausrüstung der Yamabushi) eingegangen werden. Hierbei wird auf die Kritische Ausgabe von 2001 zurück gegriffen (Kaempfer, 2001). Anhand moderner Literatur zum Thema Shugendô (Miyake/Earhart/Renondeau) soll schließlich überprüft werden, inwieweit Kaempfers Darstellungen glaubhaft bzw. korrekt sind.

1. Engelbert Kaempfer und seine Zeit

1.1 Epoche

Engelbert Kaempfers Geburt (1651) fällt in eine Zeit, in der das damalige Heilige Römische Reich Deutscher Nation am Boden lag. Der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) war gerade vorüber und der Westfälische Friede noch frisch. Deutschland war verwüstet, verarmt und über ganze Landstriche entvölkert. Frankreich war eher als Sieger aus dem Konflikt hervorgegangen. Zwar kam es zu keinem Frieden zwischen Frankreich und Spanien, jedoch erreichte Paris die definitive Abtretung von Metz, Toul und Verdun sowie faktisch den gesamten Elsass und Lothringen. Darüber hinaus auf rechtsrheinischer Seite als „Brückenköpfe“ die Stadt Breisach und die Festung Philippsburg (Gotthard, 2003: 87). In Frankreich befand sich der Absolutismus auf seinem Höchststand: 1661, Kaempfer war gerade 10 Jahre alt, erklärte Louis XIV. seine Selbstregierung (Burkhardt, 1985: 189). Der Territorialgewinn im heutigen Osten Frankreichs gehörte von Anfang an zur Strategie Kardinal Richelieus, der damit vor allem die Stärkung seines Landes angesichts des Gegners Spanien verfolgte (Burkhardt, 1985: 152-153).

Doch nicht nur an Frankreich verlor das Heilige Römische Reich Deutscher Nation Territorien, auch an Schweden erfolgten empfindliche Abtretungen: Vorpommern und die einstigen Hochstifte Bremen und Verden gingen an die Skandinaven, die damit mit den Mündungen von Oder, Elbe und Weser lukrative Einnahmen aus Seezöllen machen konnten. Schweden erhielt diese Gebiete als Reichslehen und war damit im Gegensatz zu Frankreich sogar Reichsstand mit Sitz und Stimme im Reichstag (Gotthard, 2003: 87). Vor dem Dreißigjährigen Krieg war das Reich ein Verband aus selbständigen Fürsten- und Herzogtümern, die den Kaiser als Oberhaupt anerkannten. Das Gebiet umfasste das der heutigen Bundesrepublik, Österreich, Slowenien, die Schweiz und Liechtenstein, Belgien, die Niederlande, Luxemburg und die Tschechische Republik, östliche Teile des heutigen Frankreichs und des nördlichen Italiens sowie des heutigen westlichen Polens und Istrien (Gotthard, 2003: 3-4). Nach dem Westfälischen Frieden bestand das Reich nur noch aus einem lockeren Verband deutscher Territorien mit der gleichen Rechtssprechung. Vor allem der Verlust der Niederlande und der Verbandscharakter hatten zur Folge, dass sich auf den deutschen Territorien kein Nationalstaat entwickelte und das Reich von Zugängen zur See so gut wie abgeschnitten war. Somit wurde Deutschland nie eine wirkliche Kolonialmacht, es fehlte dem Reich an Handels- und Erwerbsquellen, die in den folgenden Zeiten Nationen wie den Niederlanden, England und Frankreich wirtschaftliches Wachstum bescherten. Als weitere Folge konnte in Deutschland zunächst kein liberales Bürgertum entstehen, weshalb es auch in der Zeit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts eher zu den Schlusslichtern gehörte. Vielfach wird darauf hingewiesen, dass die Erfahrung als zentraleuropäischer Kriegsschauplatz sich tief in der kollektiven Wahrnehmung festgesetzt hatte, und auch viel spätere Kriege wie 1756 und vor allem 1914 unter anderem aus dem Gefühl der geographischen Unsicherheit entstanden. Jedoch ist der Westfälische Friede als Epochenschwelle zu würdigen, mit der „das Zeitalter der Glaubenskämpfe und damit eine Epoche unter konfessionellem Vorzeichen zu Ende geht (Burkhardt, 1985: 164).“

Die allgemein als „Frühe Neuzeit“ bezeichnete Epoche, in welche Kaempfers Leben fällt, ist nicht an bestimmten Jahreszahlen festzumachen, sondern stellt den Zeitraum zwischen Mittelalter und Moderne dar. Aufgrund der sehr heterogenen Entwicklungen in den verschiedenen Teilen Europas sind Beginn und Ende der Frühen Neuzeit nicht einheitlich. Für die deutschen Fürstentümer wurde im allgemeinen die Reformation, also entweder das Jahr 1517 (Veröffentlichung der Thesen Luthers) oder 1521 (Verteidigung der Thesen auf dem Wormser Reichstag) als Beginn der Frühen Neuzeit gesehen. Das Ende der Epoche, dass international eher mit der Französischen Revolution 1789 in Verbindung gebracht wird, sieht man in Deutschland eher im Jahr 1806, dem Jahr der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Allerdings neigt man in letzter Zeit eher dazu, die Epochen nicht an bestimmten Jahreszahlen festzumachen (z.B. „ Ende des ostr ö mischen Reiches durch die Eroberung Konstantinopels 1453 “ oder „ Thesenanschlag Luthers1 1517 “ ), sondern man bezieht sich vielmehr auf Leitbegriffe: Renaissance, geographische Entdeckungen, Reformation und moderner Staat etwa. Ein anderer Ansatz betrachtet die Ebene der materiellen Kulturentwicklung. Auf einer gesamteuropäischen Ebene wird der Beginn der Frühen Neuzeit auch schon viel früher angesetzt, nämlich mit dem Beginn der Renaissance in Italien (ca. 1350-1450). Der Begriff „Neuzeit“ wurde allerdings erst viel später, um 1870, verwendet (Burkhardt, 1985: 12).

1.2 Kurzbiografie

Engelbert Kaempfer wurde am 16. September 1651 in Lemgo als zweiter Sohn des evangelischen Pfarrers Johannes Kemper2 geboren. Die erstgeborene Schwester war schon früh verstorben. Engelbert Kaempfer wurde also drei Jahre nach Abschluss des Westfälischen Friedens geboren. Zwar gab es zu dieser Zeit in der Grafschaft Lippe keine Kampfhandlungen mehr, jedoch dürfte ein Kaempfers Kindheit prägendes Element auch die Anwesenheit der „nur langsam zum Abzug zu bewegenden Truppen“ (Haberland, 1990:14) gewesen sein. Ein weiteres Element, mit dem der junge Kaempfer sicherlich konfrontiert worden war, dürften die in seiner Jugendzeit in Lemgo immer noch stattfindenden Hexenverbrennungen gewesen sein. Besonders, da sein Vater „den Opfern von Amts wegen geistlichen Beistand zu leisten hatte“ (Haberland, 1990:15).

Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges war Lemgo eine schwer beschädigte Stadt: „Die Stadt Lemgo, in der man 1618 an 1057 Häuser gezählt hatte, besaß 1648 nur noch 590; von ihren 4665 Einwohnern des Jahres 1629 waren 1327 übriggeblieben. Den Verlust an Kontributionen, Brandschatzungen und Plünderungen schätzte man allein für Lemgo auf 1382 Millionen Thlr.“ (Kittel, 1957:109; zitiert aus Haberland, 1990:14). Es ist anzunehmen, dass auch noch während der Kindheit Kaempfers Armut und Zwang zur Sparsamkeit an der Tagesordnung gewesen sein dürften. Johannes Kemper sah wohl in einer guten Schulbildung für seine Söhne den Grundstein für „sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg“ (Haberland, 1990:15). Deshalb besuchte Engelbert Kaempfer ab 1665 die Lemgoer Lateinschule, wo er neben Lesen, Schreiben und Rechnen auch die Grundlagen der klassischen Sprachen und naturwissenschaftliche Grundkenntnisse vermittelt bekam.

1667 wechselte er auf die Schule nach Hameln und lebte dort bei einer befreundeten Familie. 1668 ging er nach Lüneburg. Dort lernte er bei Professor Kettenbeil Philologie, Geschichte und Geographie. Danach ging es über Mecklenburg, Holstein und Hamburg nach Lübeck, „dessen Gymnasium weithin berühmt war“ (Haberland, 1990:17). In Lübeck studierte er alte Sprachen und Philosophie bei Professor Nottelmann. 1672 ging er nach Danzig, wo er am Athenäum seine Studien fortsetzte und am 8. Juni 1673 mit einer Disputation bei Professor Neufeld abschloss (Haberland, 1990:17-18).

Über Thorn (Polen) ging es nach Krakau, der damaligen polnischen Hauptstadt. Er studierte dort v.a. Medizin und Philosophie, interessierte sich aber nach wie vor auch für Sprachen und Geographie (Haberland, 1990:22).

Über Warschau, Thorn, Danzig und Elbing ging es dann nach Königsberg, wo er ab 1677 als Jurastudent eingeschrieben war, „aber der Medizin, wie die Zahl der Eintragungen seiner Lehrer in sein Stammbuch belegt, den Vorrang gab (Haberland, 1990:23)“.

Nach einem kurzen Heimaturlaub, wo er ein letztes Mal seinen Vater sah, ging es 1681 über Danzig nach Schweden, wo er an der renommierten Universität Uppsala studierte. Haberland mutmaßt, dass Kaempfer spätestens hier mit den Grundlagen der naturwissenschaftlichen Beobachtung in Berührung kam: „Descartes' Methode des exakten Beobachtens und rationalen Schlußfolgerns läßt sich, vereinfachend gesagt, in der Art von Kaempfers Beobachtungen erkennen. Anstatt sich vagen Vermutungen hinzugeben, beschreibt und klassifiziert Kaempfer zunächst die sichtbaren Phänomene, ehe er Schlüsse zieht (Haberland, 1990:27)“.

In Schweden knüpfte Kaempfer - wie zuvor schon im Reich - wichtige Beziehungen zu Gelehrten und Adligen, was schließlich zu seiner Einstellung in die Dienste des schwedischen Hofes führte. 1683 begab er sich als Mitglied der schwedischen Gesandtschaft über Helsinki und Moskau an den persischen Hof nach Isfahan.

In Isfahan verbrachte Kaempfer eineinhalb Jahre und kam während dieser Zeit auch in Kontakt mit Abgesandten der VOC (Holländisch-Ostindische Kompanie). Nach erfolgloser Beendigung der schwedischen Mission boten sich ihm zwei Möglichkeiten: zurück nach Schweden mit unsicheren Aussichten auf weitere Anstellung oder im Dienste der VOC weiter in Asien bleiben. Er entschied sich schließlich für eine Anstellung bei der VOC, die ihn 1684 als Oberchirurg anstellte.

1685 reiste er über Persepolis und Shiraz nach Bandar Abbas, wo er zweieinhalb Jahre lang als Medikus der VOC-Faktorei arbeitete. Während dieser Zeit entstand u.a. die für die Botanik sehr wichtige Abhandlung über die Dattelpalme.

1688 fuhr er mit einem Schiff der VOC über Maskat (heute Hauptstadt von Oman) und Tuticorin (Südindien). Weiter ging es über Sri Lanka zur indischen Koromandelküste; dann abermals über Sri Lanka wieder zurück Richtung Tuticorin.

1689 entschloss er sich wiederum gegen eine Rückkehr nach Europa und fuhr über Sumatra nach Batavia (heute: Jakarta) auf Java, wo sich das asiatische Verwaltungszentrum der VOC befand. In Batavia erging es Kaempfer nicht gut, sowohl eine Anstellung als Medikus als auch als Apotheker wurden ihm - wohl durch Intrigen - verweigert. Eigentlich war er zu diesem Zeitpunkt bereit, die Rückreise nach Europa anzutreten, als die Stelle eines Medikus auf Dejima frei wurde und Kaempfer diese ohne zu zögern annahm. Über Siam kam er am 26.9.1690 in Dejima an.

Der zweijährige Aufenthalt in Japan, der u.a. auch zwei Hofreisen nach Edo beinhaltete, gab Kaempfer die Gelegenheit zu seinem umfangreichen Japanwerk.

Am 30.10.1692 ging die Fahrt zurück nach Batavia und am 9.2.1693 mit der VOC-Flotte über Südafrika nach Holland.

Am 21.11.1693 immatrikulierte sich Kaempfer an der Reichsuniversität Leiden im Fach Medizin und erlangte nach seinem Rigorosum am 22.4.1694 die Doktorwürde. Im August 1694 kehrte er nach Lieme zurück und erwarb als Gut den Steinhof. Am 7.12.1698 wurde er als 'Hoff= und Leib=Medicus' des Grafen Friedrich Adolph zu Lippe vereidigt, am 18.11.1700 heiratete er Maria Sophia Wilstach aus Stolzenau.

1712 erschien die 'Amoenitatum exoticarum politico-physico-medicarum fasciculi V,[...]'.

Engelbert Kaempfer stirbt vor der Überarbeitung und Herausgabe seines Werkes am 2.11.1716 in Lieme und wird am 15.11.1716 in der St.-Nicolai-Kirche in Lemgo beigesetzt.

1.3 Das Japan der Genroku-Zeit

Engelbert Kaempfers Aufenthalt auf Dejima (1690-1692) fiel in die Genroku-Periode (1688-1704) der Edo-Zeit (1603-1868). Tokugawa-Japan befand sich zu dieser Zeit in einer Periode des grundlegenden Wandels. Der fünfte Shôgun Tokugawa Tsunayoshi versuchte, die sozialen Konditionen für Tiere per Gesetz zu verbessern - Gesetze, die zu einer großen Last für die Stadtbewohner wurden. Unter Tsunayoshis Einfluss vertiefte die Elite in Edo die Lehren des Konfuzianismus. Aber vor allem war die Genroku-Zeit die Zeit des prosperierenden Handels, und die Kaufleute in den Städten wurden sehr wohlhabend. So wurde die Genroku-Zeit während der nächsten Jahrhunderte zum Inbegriff des wirtschaftlichen Wachstums und des Entstehens einer gebildeten Mittelschicht in den Städten. Kaufleute standen in der offiziellen Rangordnung zwar ganz unten, die wirtschaftlichen Realitäten waren jedoch bald dergestalt, dass kaum ein Daimyô oder Samurai nicht Schulden bei einem Angehörigen der Kaufmannsschicht hatte (Jansen, 2002:175).

Auf dem Gebiet der Künste sind vor allem Poesie, Prosa, Farbholzschnitte und Theater zu nennen. In der Poesie entstand das Haiku unter dem schon zu Lebzeiten im ganzen Land berühmten Dichter Bashô (1644-1694). In der Prosa entwickelte sich graduell ein neuer Realismus, der sich Stück für Stück von den eher starren Regeln der klassischen Literatur befreite. Die kana z ô shi waren in Kana-Schrift abgefasst. Der produktivste Autor dieser Gattung, Asai Ryôi (1612?-1691), war der erste “professionelle Schriftsteller” Japans - er lebte von seinen Schriften. Er veröffentlichte mehr als 20 Bücher, von Abhandlungen über moralische Führung bis hin zu Fiktion und Reiseliteratur. Sein berühmtestes Werk, das Ukiyo monogatari ('Geschichten aus der fließenden Welt') wurde nach 1661 geschrieben. Der Titel ist wichtig wegen des Bedeutungswechsels des Wortes ukiyo ('fließende Welt'). Das Wort war als ein buddhistisches Synonym für die Unbeständigkeit und Vergänglichkeit der zeitlichen Welt benutzt worden. Asai benutzte es nun, um die 'fließende Welt' als voller 'entzückender Unsicherheiten des Lebens in einem freudevollen Zeitalter, wenn die Menschen für den Moment leben, fröhlich auf den Wellen der Unsicherheit auf- und absinkend', zu beschreiben. Vergänglichkeit, die bis dato mit Leid und Schmerz verbunden worden war, wurde nun zur Voraussetzung für die sich stets wandelnden Freuden des Jetzt. Dies ist die Bedeutung, die der Literatur und populären Kunst der Genroku-Zeit und danach anhaftete. Ein weiteres interessantes Werk Ryôis ist das „ t ô kaid ô meishoki “ ('Aufzeichnungen von berühmten Orten der Ostmeerstraße'), welches in erzählendem Stil den Weg eines fiktiven Reisenden auf dieser zu jener Zeit wohl wichtigsten Straße Japans nacherzählt. Man erfährt viel über die einzelnen Stationen, und auch über die Gesellschaft der damaligen Zeit bekommt man einen Eindruck vermittelt. Am Rande sei hier erwähnt, dass im t ô kaid ô meishoki auch ein Yamabushi einen kurzen, aber imposanten Auftritt hat: in einer Herberge nicht weit von Suruga betritt er unter lärmendem Rezitieren von Sûtren den Raum und erbittet dafür Almosen. Der Autor verlacht den Yamabushi als ein Beispiel für verwahrloste Mitglieder des Ordens der, selbst so er denn überhaupt schon einmal zum Ômine gepilgert sei, dann aber sicherlich nicht einmal einen Baumblatt- tengu zu Gesicht bekommen habe. Als der fiktive Charakter des Buches so sprach, wurde der Yamabushi sehr zornig und verschwand unter großem Geschrei3 (May, 1973: 156).

1682 veröffentlichte Ihara Saikaku (1642-1693) “Das Leben eines verliebten Mannes”. Saikakus Buch wurde zu einem landesweiten Bestseller. Für die Edo-Ausgabe gewann er einen bedeutenden Ukiyo-e-Künstler, der die Illustrationen schuf. Saikaku schrieb unglaublich schnell und viel, vor allem Fiktion. Es wurde bald üblich, dass Bild und Text zusammen gehörten, oft war der Text innerhalb des Bildes. Seine Charaktere waren genauso zweidimensional wie die Holzdrucke. Vor allem geht es in seinen Geschichten um die 'Halbwelt' -Freudenmädchen und die vergänglichen Vergnügungen. Weitere Entwicklungen der Genroku-Zeit waren der Farbholzdruck (ukiyo-e), der zuerst als Buchillustration Verbreitung erfuhr. Nach und nach emanzipierten sich die Künstler von den Buchillustrationen und verkauften ihre Kunstwerke als kakemono - dekorative Bilder für zu Hause (Jansen, 2002: 175-181).

Im Bereich des Theaters sei das Kabuki erwähnt, wobei die Auftritte von Frauen wegen zunehmender Gewalt unter den Zuschauern verboten wurde. Alle Rollen - auch die Weiblichen - mussten fortan von Männern gespielt werden. Die Blüte des Theaters führte zu einem wahren Kult um die Akteure, deren Lebenswandel alsbald zum Stadtgespräch wurde. Da die Interpretation der Stücke durch die Schauspieler den Autoren oft missfiel, schrieben diese immer öfter für Puppentheater. Diese Stücke wurden von einem shamisen spielenden Sänger begleitet, unter denen es auch bald Berühmtheiten gab. Der wohl bekannteste Theaterautor der Genroku-Zeit, Chikamatsu Monzaemon (1653-1724) brachte in seinen Stücken vor allem den Konflikt zwischen gesellschaftlicher Verpflichtungen (giri) und den persönlichen Gefühlen (ninj ô) zum Ausdruck. Klassischer Ausweg aus dem Dilemma wahr oftmals der Doppelselbstmord zweier Geliebter. Gegen Ende der Genroku-Zeit machte der Vorfall der 47 r ô nin umso deutlicher, wie weit die Gesellschaft sich schon von den einstigen Krieger-Idealen entfernt hatte. Zwar wurde der Vorfall schon sehr schnell in Bühnen- und Puppentheaterform gebracht, und die Geschichte wurde zu einem 'Leitfaden der Kriegertugenden' (Jansen, 2002: 186), jedoch markiert die Genroku-Zeit den Punkt, an welchem eine neue und größere nationale kulturelle Bewusstheit sich zu formieren begann. Auch durch die Lese- und Schreibfähigkeit vieler Bevölkerungsschichten bildete sich ein Markt für Unmengen von Holzdrucken und gedruckten Büchern. Buch und Bühne machten es den einfachen Bürgern möglich, die Welt der Samurai zu erfassen und den Samurai, etwas von der Welt der einfachen Menschen zu verstehen. Außerdem ermöglichte die zunehmende Kommerzialisierung der Gesellschaft einigen Samurai und vielen Kaufleuten, fast ebenbürtig in Sachen Konsum zu konkurrieren (Jansen, 2002: 181-186).

Engelbert Kaempfer betrat also ein Japan, dass sich, bei aller Verschlossenheit gegenüber dem Westen, in einer sowohl wirtschaftlich als auch kulturell besonders kreativen Phase befand. Politisch stabil und wirtschaftlich erblühend ist anzunehmen, dass Japan auch in den Augen seiner europäischen „Gäste“ als absolutes Ausnahmeland in Asien wahrgenommen wurde. Konnten die Europäer z.B. in Siam noch selbstsicher und fordernd auftreten, so mussten sie sich in Japan an die dort geltenden Gesetze halten und bekamen sicherlich den vollen Druck einer hoch entwickelten Staatsbürokratie zu spüren, die sich in Nichts hinter den europäischen Staaten verstecken musste, ja die dem durch den Dreißigjährigen Krieg zerrissenen und nicht nur religiös gespaltenen Europa in Wirtschafts- und Verwaltungsangelegenheiten vielleicht sogar voraus war.

[...]


1 Der im übrigen so nicht stattgefunden zu haben scheint. Die Thesen wurden vielmehr veröffentlicht bzw. öffentlich bekannt gemacht als angeschlagen (Mieck, 1998: 104).

2 Zu den Veränderungen und Varianten des Familiennamens siehe Haberland, 1990: 13. 5

3 „Ômine“ bezeichnete in der Edo-Zeit nicht wie heute die gesamte Ômine-Bergkette, sondern den heute „Kimbusen“ genannten Berg. Mit „Baumblatt- tengu “ (konoha tengu ᧁߩ⪲ᄤ⁑) ist ein kleiner, schwacher tengu gemeint May, 1973: 156).

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Engelbert Kaempfer (1651-1716) beschreibt die Yamabushi
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Seminar für Japanologie)
Veranstaltung
Hauptseminar "Kaempfers Japan"
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
28
Katalognummer
V64745
ISBN (eBook)
9783638574839
ISBN (Buch)
9783640857234
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Im Hauptseminar befassten wir uns mit verschiedensten Fragestellungen rund um Engelbert Kaempfer, den großen Japanreisenden der Edo-Zeit. In dieser Arbeit untersuche ich seine Beschreibung der Yamabushi (Shugendô-Bergasketen). Dabei untersuche ich insbesondere seine Beschreibung der Kleidung und Ausrüstung jener Bergasketen.
Schlagworte
Engelbert, Kaempfer, Yamabushi, Hauptseminar, Kaempfers, Japan
Arbeit zitieren
Hakim Aceval (Autor), 2004, Engelbert Kaempfer (1651-1716) beschreibt die Yamabushi, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64745

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