Nicht-christliche nordgermanische Kulte und Opfer in der Fornaldarsaga


Hausarbeit (Hauptseminar), 1995
20 Seiten, Note: sehr gut (1)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Vorbemerkungen
1.1 Thema der Arbeit
1.2 Das Sammeln der Textstellen
1.3 Kultur- bzw. religionsgeschichtliche Zeugnisse oder Dichtung - Schwierigkei­ten bei der Interpretation der Textstellen

2 Fragestellungen
2.1 Darstellungen von Kult- und Opferhandlungen
2.2 Schwerpunkte und Tendenzen
2.2.1 Kulte und Opfer im Zusammenhang mit Fruchtbarkeit
2.2.2 Menschenopfer
2.3 Wer führt die nicht-christlichen Kulthandlungen aus?

3 Versuch einer Erklärung

4 Literatur

Anhang

Verzeichnis der Abkürzungen

Verzeichnis der Textstellen

1. Vorbemerkungen

1.1 Thema der Arbeit

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es zu untersuchen, was wir über nicht-christliche nordgerma­nische Kulte und Opfer aus den Fornald­arsagas erfahren können. Im Zentrum des Interesses stehen dabei die konkreten Kult- und Opferhandlungen, außerdem die Personen, die diese Handlungen ausführen, und schließlich die Gottheiten, an die sich die Handlungen richten. Ein enger Zusammenhang zu den Kult- und Opferhandlungen ergibt sich für die materiellen Manife­stationen des Kultes wie z.B. Kultstätten oder Götterbilder; diese werden ebenfalls be­handelt. Nicht behandelt wird hingegen der Be­reich von Tod und Begräbnis mit Begräbnisri­tualen und Grabstätten.

1.2 Das Sammeln der Textstellen

Das Sammeln der Textstellen für die Untersuchung erfolgte nicht durch komplette Lektüre der Sagas, sondern anhand von Bobergs Motivindex.[1] Zum Vergleich wurden die Quellenanga­ben bei de Vries[2] herangezogen, um einiger­maßen sichergehen zu können, daß we­nigstens die meisten der "großen", erzählenden Stellen in der Fornaldarsaga, die von nicht-christlichem Kult und Opfer handeln, einbezogen werden. Gleichzei­tig muß man aber davon ausgehen, daß eine Vielzahl von kleineren bis kleinsten Textstellen wie z.B. Anspielungen, Randbemerkungen, Erwähnungen oder auch Topoi, unberücksichtigt bleiben.

1.3 Kultur- bzw. religionsgeschichtliche Zeugnisse oder Dichtung - Schwierigkeiten bei der Interpretation der Textstellen

Christliche Schreiber

Die Interpretation der Textstellen gestaltet sich schwierig: sie können nicht als authentische kultur- bzw. religionsgeschichtliche Zeugnisse gelesen werden, denn sie sind, mehrere Jahr­hunderte nach der Christianisierung des Nordens, im christlichen Kulturkreis und von christ­lichen Schreibenden verfaßt worden. Es muß also mit Feh­lern in der Darstellung der nicht-christlichen Kulte und Opfer ge­rechnet werden, sei es, daß sie durch bloße Unachtsamkeit oder Nichtwissen des Schreibenden zustande kommen, durch mangelndes Verständnis oder auch durch bewußte Verzerrung, motiviert z.B. durch religiösen Eifer.

Gleichzeitig wäre es aber voreilig, die Textstellen von vor­nherein als kultur- bzw. religions­geschichtlich wertlos anzuse­hen, als reine Produkte der Phantasie des Schreibenden. Es hat wohl seine Richtigkeit, daß wir aus der Darstellung nicht-christ­licher nordgermanischer Kulte und Opfer in den Fornaldarsagas mehr über die Vorstellungen erfahren, die die einzelnen Verfasser oder Kompilatoren der Sagas von der alten Religion und ihren Kulten hatten, als darüber, "wie es wirklich war".

Leser- bzw. Zuhörerschaft

Andererseits ist zu berücksichtigen, daß die Sagas schließlich für eine Leser- bzw. Zuhörer­schaft bestimmt waren, wie z.B. der Be­richt von der Hochzeit in Reykjahólar[3] belegt. Die Forn­aldarsagas entstehen also nicht in einem "luftleeren Raum", der Sagaschreiber - die Frage nach genuiner Autorenschaft oder Kompilation spielt dabei keine Rolle - wird demnach seine Darstellung auch am (zu er­wartenden) Kenntnisstand seines Publikums ausgerichtet haben, m.a.W. er wird sich überlegt haben, ob z.B. eine Anspielung auf nicht-christliche religiöse Phänomene oder die ausführliche Be­schreibung eines heidnischen Opfers verstanden wird. Daraus kann allerdings nicht unmittelbar geschlossen werden, daß die Darstel­lung nicht-christlicher Kulte und Opfer auf eine Kenntnis der al­ten Religion bezugnimmt, die in der Le­ser- bzw. Zuhörerschaft über Jahrhunderte hin weitergegeben und auf diese Weise erhalten wurde oder in (nach christlicher Diktion) abergläubischen Erscheinungen weiterlebt. Viel­mehr ist damit zu rechnen, daß die literarische Darstellung wesentlichen Einfluß nimmt auf die ebenfalls vorhande­nen Kenntnisse und Reste der alten Religion - das große Problem be­steht allein darin, den Anteil der Kenntnisse aus nicht-christ­licher Tradition herauszufiltern und die christlich-literarischen Interferenzen auszuschließen.

Notwendigkeit interdisziplinärer Forschung

Um die Zuverlässigkeit der Aussagen über Kulte und Opfer überprü­fen zu können, ist es also unumgänglich, die Textstellen mit ande­ren Darstellungen der nicht-christlichen nordgermani­schen Kulte und Opfer in der nordischen Literatur zu vergleichen, wobei eben auch diese Darstellungen zumeist ganz aus christlicher Sichtweise geschrieben sind. Weitere Möglichkeiten zu erfahren, inwieweit un­sere Textstellen aus der Fornaldarsaga die kultur- bzw. religions­geschichtliche Wirklichkeit wiedergeben, und besonders, inwieweit durch die Fornaldarsagas das Wissen um nicht-christliche Kulte und Opfer im Norden vermehrt oder gesichert wird, eröffnen sich, wenn Ergebnisse anderer Wissenschaften wie der Archäologie, der Ortsna­menforschung, der Volkskunde und v.a. der vergleichenden Religi­onswissenschaft hinzugezogen werden.

Inhomogenität der Religion

Eine weitere Schwierigkeit besteht in der unterstellten Einheit­lichkeit sowohl der alten Reli­gion als auch der Fornaldarsagas. Hinsichtlich der Religion und ihrer Kulte und Opfer wird man davon ausgehen müssen, daß sie, wie jede andere Religion, räumlich und zeitlich diffe­renzierte Veränderungen und Ausprägungen erfahren hat, die sich z.B. durch Kulturkontakte, auch und gerade mit der christlichen Kultur, durch veränderte Lebensbedingungen oder durch die unterschiedliche Lebensweise und die damit verbundenen unter­schiedlichen Bedürfnisse verschiedener Stämme oder anderer Gemein­schaften ergeben. So ist es wahrscheinlich, daß eine Gemeinschaft, deren Leben v.a. auf einer agrarischen Kultur basiert, im Ver­gleich zu ei­ner mehr kriegerisch ausgerichteten Gemeinschaft an­dere Gottheiten oder aber andere As­pekte von gemeinsamen Gotthei­ten verehrt - besonders letzteres führt zu einem uneinheitli­chen, evtl. sogar widersprüchlichem Bild einer Gottheit. Mit einer ein­heitlichen nordgermani­schen Religion, die ein geschlossenes System an Mythen, Kulten und Glaubensvorstellungen beinhaltet, kann man also nicht rechnen.

Inhomogenität der Textgattung

Ohne die "klassische" Zusammenfassung der Texte, die auch für diese Arbeit das Corpus bil­den, in der Gruppe der Fornaldarsagas infrage zu stellen, möchte ich auch für diesen Bereich auf das Spektrum möglicher Variationen hinweisen. Besonders interessant für unsere Frage­stellung sind hier nicht die Variationsmöglichkei­ten, die auf thematischer oder stilistischer Ebene oder hinsicht­lich der Entstehungszeit bestehen, sondern diejenigen, die sich durch die Verwendung literarischer Quellen als Vorlagen beim Ver­fassen der Sagas ergeben. An Quel­len, auf die die verschiedenen Autoren oder Kompilatoren der Sagas zurückgreifen und die Motive liefern können, steht eine ganze Reihe möglicher Texte zur Verfü­gung: mindestens nordische, kontinentaleuropäische aus vielen Jahrhunderten und antike. Das Identifizieren li­terarischer Vorbil­der oder auch zeittypischer Motive setzt eine profunde Kenntnis der ganzen Breite der gängigen Literatur des 13. und 14. Jahrhun­derts, der Entstehungszeit der meisten Fornaldarsagas, voraus. Auf diese Weise könnten bestimmte Stellen als sicher unzu­verlässig hinsichtlich nicht-christlicher Kulte und Opfer ausgeschlossen werden.

Konsequenz

Ein derart breiter Ansatz, der alle diese Schwierigkeiten angemes­sen berücksichtigt, kann vom Verfasser der vorliegenden Arbeit nicht geleistet werden, vieles wäre bloße Spekulation; die folgenden Fragestellungen sind deshalb ziemlich eingeschränkt.

2 Fragestellungen

Aus den Vorbemerkungen ergibt sich folgende Vorgehensweise bei der Betrachtung der Text­stellen:

- In einem ersten Schritt (2.1) wird aufgenommen, was konkret an Kult- und Opferhandlun­gen in den Fornaldarsagas erwähnt wird, un­abhängig von deren kultur- und religionsge­schichtlicher Zuverläs­sigkeit; dazu gehören auch die verehrten Gottheiten oder kultisch ver­ehrte Tiere sowie Heiligtümer; wegen der o.g. Schwierigkeiten kann die Richtigkeit der Dar­stellung, der "Wahrheitsgehalt" der Stellen, allerdings nicht weiter diskutiert werden. Der Ab­schnitt dient also eher einer Materialsammlung für die folgenden Überle­gungen.
- Im folgenden Abschnitt (2.2) ist zu fragen, ob sich bei der Wahl der Kulte, die durch die Schreiber dargestellt werden, Schwer­punkte oder Tendenzen feststellen lassen.
- Schließlich müssen die dargestellten Kulte mit den handelnden Personen der Sagas in Ver­bindung gebracht werden, wobei wegen der allgemein geringen Ausdifferenzierung der Cha­raktere in der For­naldarsaga lediglich zwischen positiven und negativen Figuren un­terschie­den wird (2.3).

2.1 Darstellungen von Kult- und Opferhandlungen

Über konkrete Kult- und Opferhandlungen ist, wie in der gesamten nordischen Literatur, auch in der Fornaldarsaga nur weniges zu er­fahren was über die einfache Tatsache hinausgeht, daß kultisch verehrt und geopfert wurde. Neben wenigen ausgearbeiteten Episoden sind es v.a. mehr oder weniger motivierte Erwähnungen oder stereo­type Bemerkungen, in denen Kult und Opfer vorkommen.

Ausgearbeitete Episoden

An ausgearbeiteten Episoden sind v.a. zu nennen:

- ein dísablót in der Friðþj (Friðþj2), von dem erzählt wird, daß es in einem besonderen Raum, í dísarsalnum, stattfindet, daß die Könige und deren Frauen daran teilnehmen, daß ge­trunken wird, und v.a. daß die Frauen am Feuer auf dem Boden des Raumes Götterbilder her­stellen, u.a. ein Bild von Baldr, der besonders verehrt wird von der Gruppe - die dísarsalir liegen immerhin í Baldrshagi.
- ein dísablót in der Herv (Herv1), von dem wir lediglich erfah­ren, daß es von der Königsfrau Álfhildr verrichtet wird; die ein­zige kultische Handlung, die erwähnt wird, ist das Röten des Al­tars (er hún rauð hörgin) in der Nacht nach dem Opfer.
- ein Pferdeopfer in der Herv (Herv4), bei dem das Opfertier in Stücke gehauen und verzehrt wird; anschließend wird der Opfer­baum/heilige Baum (blóttré) mit dem Blut des Tieres ge­rötet.
- ein Menschenopfer als Opfer an den Wind in der Gautr (Gautr1), bei dem als zu Opfernder ein König (Vikarr) erlost wird; die ur­sprünglich inszenierte Scheinopferung Vikars durch Er­hängen und Durchbohren wird jedoch durch übernatürliche Umstände im Verlauf der Zere­monie zu einem wirklichen Opfer.

[...]


[1] Boberg (1966), S. 253ff.

[2] de Vries (1957).

[3] Þorgils saga ok Hafliða, Kap. 10.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Nicht-christliche nordgermanische Kulte und Opfer in der Fornaldarsaga
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Nordisches Institut)
Veranstaltung
Oberseminar: Heidnische Religion und Fornaldarsaga
Note
sehr gut (1)
Autor
Jahr
1995
Seiten
20
Katalognummer
V6478
ISBN (eBook)
9783638140393
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Welche nordgermanischen nicht-christilichen Kulte und Opfer, Kultstätten, Riten und Gottheiten werden in der relativ jungen, von christlichen Schreiberm verfassten Gattung der Fornaldasaga erwähnt und wie werden sie dargestellt? Wie zuverlässig sind die Rückschlüsse, die sich daraus auf das religiöse Leben der alten Zeiten ziehen lassen? 147 KB
Schlagworte
Fornaldasaga, Religionswissenschaft, Heidnische Religion, Saga
Arbeit zitieren
Dr. Klaus Geyer (Autor), 1995, Nicht-christliche nordgermanische Kulte und Opfer in der Fornaldarsaga, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6478

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