Auf der Suche nach Spuren einer vormals matriarchalen Gesellschaftsordnung


Seminararbeit, 1991

23 Seiten, Note: sehr gut (1)


Leseprobe

Inhalt

1. Vorbemerkungen

2. Zu den matriarchalen Grundstrukturen
2.1 Frauen, die für den Gang der Geschichte von Bedeutung sind
2.2 Frauen, die zudem vom Verfasser näher charakterisiert werden

3. Zum Weltbild und zur Intention des Autors

4. Beispiele für Spuren matriarchaler Gesellschaftsorganisation
4.1 Der religiös - rituelle Bereich
4.2 Der soziale Bereich (mit ökonomischen Aspekten)

5. Schlußbetrachtung

6. Quellen- und Literaturnachweis

1. Vorbemerkungen

Außer Zweifel steht, daß die Njala in der vorliegenden Form nicht das Ergebnis jahrhunder­telanger mündlicher Erzähltradition ist, sondern das Werk eines Autors oder Kompilators, was gerade im Falle der Njala wegen des enormen Umfangs, der Vielzahl der Perso­nen und deren komplizierter Verknüpfung untereinender überzeugt. Rolf Heller verwendet in seinen Unter­suchungen über "Die literari­sche Darstellung der Frau in den Isländersagas" (1) große Mühe darauf zu zeigen, daß im Grunde kein einziges erzähltes konkretes Ereignis als "kulturge­schichtlich wahr" (2) angesehen werden kann. Dies erscheint für einzelne, detaillierte Bege­benheiten auch ein­leuchtend. Zu dem Schluß, daß es sich bei der Njala dennoch nicht um bloße Fiktion handelt, kommt Lars Lönnroth: "Suffice it to say that the plot was built up tra­ditional material which existed in some form before the writing of the saga, but that the mate­rial was then thoroughly transformed by the author to suit his particu­lar idiom, style, ideology, and artistic vision. We may thus conclude that even though the plot was traditional, the saga was not; it was an individual literary creation" (3).

Inwieweit die Saga letztendlich die Vorstellung des Autors von der isländischen Welt von über 200 Jahren vorher wiedergibt, inwieweit er repräsentativ für seine Zeitgenossen steht, inwieweit die Saga auch, nach Hellers Vorschlag, eine Reflexion des Zeitraums dar­stellt, in dem die Saga geschrieben wurde (4), spielt für die an­gestrebte Suche nach matriarchalen Spu­ren eine nur untergeordnete Rolle.

Wann immer Frauen in der Saga auftreten, stets ist es nach Heller so, "daß die Frau für die Verfasser nicht Ziel der Darstellung ist, sondern überwiegend in dienender Funktion steht bei der Dar­stellung männlichen Heldentums" (5). Die Handlungen der Frauen werden also als li­terarische Motive gedeutet. Dennoch: "Fast alle Motive haben ihre Wurzeln in der Wirklich­keit isländischen Lebens" (6), und genau diese Wurzeln sind der Gegenstand der vorliegenden Arbeit. Es stellt sich nicht die Frage nach der Authentizität ein­zelner erzählter Ereignisse oder Ereignisketten, sondern nach der Authentizität der Motive, d.h. danach, inwieweit sich in der Njala Spuren einer zurückliegenden matriarchalen Gesellschaftsstruktur wiedererkennen las­sen.

In folgenden Schritten möchte ich deshalb in dieser Arbeit vorge­hen:

- Erläuterung der für die Saga relevanten matriarchalen Grundstrukturen.
- Überblick über die vorkommenden Frauengestalten und deren Hand­lungen.
- Betrachtung der didaktisch-christlichen Intention des Autors.
- Daß die Handlungen der Frauen in der Njala mehr sind als bloße literarische Motive, wird dann ebenso zu diskutieren sein wie der Umstand, daß diese Handlungen von dem christlich geprägten Autor teilweise uminterpretiert worden sind.

2. Zu den matriarchalen Grundstrukturen (7)

Der zentrale Gedanke matriarchaler Struktur basiert auf weiblicher Fruchtbarkeit als lebens­gebendem und -erhaltendem Prinzip. Sowohl die Religion mit Erdgöttinnenmythos als auch der rituelle Bereich mit Priesterinnen und den Festen natürlicher Kreisläufe, bei­spielsweise Jahreszeitenfeste als Symbole weiblicher Fruchtbar­keit, Hochzeit, Tod und Wiederkehr, sind von Frauen dominiert. Zu diesen Aspekten liefert die Njala nur wenige, dafür aber sehr ein­drucksvolle Zeug­nisse.

Soziale Gefüge zeichnen sich durch Sippenstruktur mit Mutterrecht aus, wobei vor allem Matrilinearität (Namensgebung und Erbfolge in weiblicher Linie) und Matrilokalität (Wohn­sitz bei der Mutter) von Bedeutung sind. Die "Hausfrau" ist die wichtigste Person der Fami­lie bzw. Sippe, weshalb sie auch, in Beratung mit den anderen Frauen, die politischen Beschlüsse (im weitesten Sinne) faßt, de­ren Aus­führung dann Aufgabe der Männer ist. Vor diesem Hin­tergrund er­scheinen beispielsweise die Initiativen von Hellers "Hetzerinnen" (8) in völlig an­derem Licht. Selbstverständlich ran­giert "in der emotionalen Rollenverteilung ... die Bezie­hung zwi­schen Schwester und Bruder weit vor jeder Gattenbeziehung. Der Gatte, der aus ei­ner anderen Sippe kam, war stets nur ein gedulde­ter 'Fremder', der meist auch nicht lange blieb. Daher dominierte Polygamie beider Geschlechter vor der Monogamie, diese war so gut wie unbekannt. Verbunden mit den lockeren 'Ehe'-Beziehungen war große sexuelle Toleranz" (9).

Die Ökonomie ist ebenfalls vom Primat des weiblichen Prinzips ge­prägt, da ja der überwie­gende Teil der Nahrung aus dem den natür­lichen Kreisläufen folgenden Ackerbau, der auch im Praktischen vorrangig von Frauen betrieben wird, sowie der von Muttertieren getragenen Tierhaltung stammt.

Zur zeitlichen Perspektive matriarchaler Kulturen muß angemerkt werden, daß um die Zeit, in der die Njala spielt, die matriarcha­len Kulturen im europäischen Raum längst vom Patriarchat verdrängt worden sind. Heide Göttner-Abendroth nennt hier für den östlichen Mittelmeerraum das zweite Jahrtausend v. u. Z. (10). Zieht man nun die zeitliche Verzögerung in Betracht, mit der Entwicklungen im Norden Europas überhaupt erst einzusetzen bzw. sich dann zu voll­zie­hen pflegten, so wird es nicht nur nicht überraschen, sondern man wird sogar erwarten, matri­archale Züge in der Gesellschaft, wie sie durch den Autor dargestellt wird, zu finden.

2.1 Frauen, die für den Gang der Geschichte von Bedeutung sind

(diese wie alle folgenden Kapitelangaben beziehen sich auf die Übersetzung von Andreas Heusler (11))

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Außerdem treten mehrere Male namentlich nicht näher bestimmte herumziehende Bettel­frauen oder Mägde auf, deren vorrangige Auf­gabe darin besteht, mehr oder minder "zufällig" Gerüchte oder an­dere Informationen zwischen konkurrierenden Parteien zu vermitteln (also erzähltechnisch motivierte Auftritte), so in Kap. 44 bei der Übermittlung der spöttischen Re­den Sigmunds nach Bergthorsbühl; in Kap. 54, als eine Magd vergeblich Mörd dazu bewegen will, im er­sten Krummachkampf zu schlichten; in Kap. 92, vor dem Waldstrom­kampf, geben Bettelfrauen den Njalsöhnen wichtige Informationen über den Aufenthalt ihrer Gegner; in Kap. 127 geben wieder Bettel­frauen Hinweise bzgl. des bevorstehenden Angriffs; in Kap. 146 (erster Rachekampf) wieder Information an Kari und Thorgeir über den Verbleib der Gegner.

Mägden fällt gelegentlich die Aufgabe zu, einen Totschlag oder wie in Kap. 78 eine andere wichtige Begebenheit zu melden, als sie Gunnar in seinem Grabhügel sprechen hört.

Die Anwesenheit von Frauen bei Festen, v.a. Hochzeiten, findet im Zusammenhang mit der Aufzählung der Sitzordnung Erwähnung.

Auf die "Schicksalsfrauen" aus Kap. 96 und die webenden Walküren aus Kap. 157 schließlich wird noch näher eingegangen werden.

2.2 Frauen, die zudem vom Verfasser näher charakterisiert werden

Unn: "Sie war ein schönes Mädchen, brav und von höfischer Sitte. Diese Heirat galt als die beste im Krummachlande" (Kap. 1), si­cherlich nicht wegen des zu erwartenden Erbes. Ihr Vater Mörd: "...sie ist meine einzige Erbin." (Kap. 2). Ohne daß sie Einfluß darauf nehmen könnte, wird sie dem Hrut verlobt. Wegen Hruts Aus­landsreise muß der Heiratstermin um drei Jahre verschoben werden. Bei der Hochzeit dann wirkt "die Braut selbst ... eher beküm­mert" (Kap. 6), was, wie auch die folgenden Ereignisse, vielleicht auf eine starke Bindung an ihre Familie schließen läßt. Sie führt den Haushalt auf dem Hof Hruts, der mit ihr jedoch auf­grund des Zau­bers Gunnhilds (s. u.) keinen Geschlechtsverkehr haben kann. Des­halb sucht sie auf dem nächsten Ding ihren Vater auf, getraut sich ihr Problem - oder genauer: das Problem ihres Mannes - nicht vor­zubringen. Ein zweiter Anlauf im folgenden Jahr gelingt: Unn ver­traut sich ihrem Vater an, der ihr auch prompt rät, wie sie am ge­schicktesten die Scheidung herbeiführen könne.

In Kap. 18 ist dann zu erfahren, daß Unn nach dem Tod ihres Vaters ihr ganzes Erbe bis auf Land und Schmucksachen verbraucht hat, ein Umstand, der die eine Verbindung zwischen den beiden Vorgeschich­ten zum ersten Hauptstück der Saga, zur Gunnargeschichte her­stellt. Damit verläßt Unn als tragende Kraft den Gang der Hand­lung.

Gegen den Willen ihrer Verwandten heiratet sie später Walgard (Kap. 25). Ihr Tod wird in Kap. 46 erwähnt.

Hallgerd: gleich im ersten Kapitel stellt der Autor die bei weitem schillerndste Frauenfigur der Njala vor, und dies geschieht in der­selben Art und Weise, wie er auch im weiteren Verlauf der Ge­schichte nicht müde werden wird, sie darzustellen. Doch anfangs ist Hallgerd noch ein Kind, sie kann also noch nichts schlechtes getan haben, und so behilft sich der Autor damit, Hallgerds Onkel Hrut eine finstere Ahnung bezüglich der "Diebesaugen" seiner Nichte aus­sprechen zu lassen, wobei die erzähltechnische Motiva­tion dieser Passage nicht außer Acht gelassen werden darf. Danach verschwindet sie zunächst aus dem Geschehen, sie wird er­wachsen, und als sie zur Verheiratung ansteht, ist über sie zu erfahren, daß sie eine sehr schöne, jedoch verschwenderische und trotzige Frau geworden ist, Eigenschaften, die viel­leicht gleichermaßen die Männer, welche um sie werben, reizen.

Der erste in dieser Reihe ist Thorwald. Hallgerd wird beim Aushan­deln der Heirat von ihrem Vater nicht hinzugezogen, was sie sehr verletzt, wobei sie der Hinweis ihres Vaters auf Auto­rität und Ge­schäftsinteressen nicht versöhnt. Und so findet die erste Ehe ein schnelles Ende: nachdem Thorwald seine Frau in einem Streit über die richtige Art des Haushaltens ins Ge­sicht schlägt, rächt Hall­gerds Ziehvater Thioftolf, eine finstere Gestalt, ohne daß sie ihn lange dazu ermuntern müßte, den Schlag und tötet Thorwald.

Die zweite Heirat läßt sich zunächst besser an. Sie darf selbst über den Antrag Glums ent­scheiden. Als dann aber Thioftolf auf den Hof kommt und Hallgerd sich in einem Streit auf seine Seite und gegen ihren Mann stellt, wird sie wieder geschlagen, und wieder tötet ihr Ziehvater deswegen ihren Ehemann.

Bei der dritten Heirat kann der Autor nochmals eine Steigerung er­zielen. Diesmal führt Hall­gerd quasi gleich selbst die Vorverhand­lungen mit Gunnar, nur zur Klärung der Formalitäten verweist sie diesen an ihren Vater. Doch auch die Ehe mit Gunnar nimmt im Grunde den glei­chen Lauf wie die beiden vorherigen: nach einem Schlag Gunnars verspricht sie, ihm dies heimzuzahlen, und etwas später findet sich auch die Gelegenheit dazu, als sie Gunnar in sei­nem dramatischen letzten Kampf ihre wichtige Unterstützung ver­weigert.

Doch bis es schließlich soweit kommt, ereignen sich noch eine ganze Reihe von Begebenhei­ten, in denen Hallgerd eine wichtige, wenn auch keineswegs positive Rolle zugedacht ist. Da ist der Streit zwischen Hallgerd und Bergthora, der von beiden Frauen mit der selben uner­bittlichen Unnachgiebigkeit geführt wird (und der selbstverständlich eine schwere Probe für die Freundschaft der Ehemänner der beiden darstellt, die diese jedoch bestehen).

[...]

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Auf der Suche nach Spuren einer vormals matriarchalen Gesellschaftsordnung
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Deutsche Sprache und Literatur, Nordische Philologie)
Veranstaltung
Proseminar: Njáls Saga
Note
sehr gut (1)
Autor
Jahr
1991
Seiten
23
Katalognummer
V6480
ISBN (eBook)
9783638140416
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
War die Gesellschaft im mittelalterlichen Island tatsächlich so männerdominiert, wie die Sagas glauben machen, oder lassen sich in der bekannten Njáls Saga Hinweise auf eine stärkere Stellung der Frauen finden? Um diese Frage beantworten zu können, werden in einer detaillierten Untersuchung alle Frauengestalten des Textes, ihre Darstellung und ihre Rolle kritisch durchleuchtet.
Schlagworte
Saga, Njals Saga, Njáls Saga, Frauenrolle, Frauenbild
Arbeit zitieren
Dr. Klaus Geyer (Autor), 1991, Auf der Suche nach Spuren einer vormals matriarchalen Gesellschaftsordnung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6480

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Auf der Suche nach Spuren einer vormals matriarchalen Gesellschaftsordnung



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden