Psychosexuelle Entwicklung nach Freud


Seminararbeit, 2006

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die psychischen Instanzen
2.1 Störungen

3. Die Phasenlehre
3.1 Die orale Phase (Geburt bis ca. Ende des 1. Lebensjahres)
3.2 Die anale Phase (ca. 2. – ca. 3. Lebensjahr)
3.3 Die phallische Phase (ca. 4. – ca. 5. Lebensjahr) und der Ödipuskomplex
3.4 Die Latenzphase (ca. 6. – ca. 12. Lebensjahr)
3.5 Die genitale Phase (ca. 13. bis ca. 18. Lebensjahr)
3.6 Diskussion

4. Zusammenfassung

5. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Wir finden, dass das Sexualleben des Menschen sich nicht wie das der meisten ihm nahe stehenden Tiere vom Anfang bis zur Reifung stetig weiterentwickelt, sondern dass es nach einer ersten Frühblüte bis zum fünften Jahr eine energische Unterbrechung erfährt, worauf es dann mit der Pubertät von neuem anhebt und an die infantilen Ansätze anknüpft.“ (Freud VI 2000, 293)

Sigmund Freud hat sich mit Fragen der psychosexuellen Entwicklung des Menschen in mehreren wichtigen Veröffentlichungen auseinander gesetzt, von denen folgende für die vorliegende Arbeit herangezogen wurden: „Hemmung, Symptom und Angst“ aus den Jahren 1925/1926, der die eingangs zitierte Passage über den phasenhaften Entwicklungsverlauf entnommen ist; die zweite und dritte der „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“, die erstmals 1905 und während Freuds Lebzeiten noch in sieben weiteren Auflagen erschienen, die ergänzende Schrift „Die infantile Genitalorganisation“ aus dem Jahr 1923 sowie „Der Untergang des Ödipuskomplexes“ aus dem Jahr 1924.

Freuds psychoanalytisches Paradigma geht davon aus, dass menschliches Verhalten der Ausdruck eines komplizierten Wechselspiels der drei psychischen Systeme des ES, des ICH und des ÜBER-ICH sei. Diese Psychodynamik der Persönlichkeit wird hauptsächlich durch die im ES angesiedelte Libido, die Energie des Sexualtriebes, in Gang gehalten. Entsprechend kommt der Theorie der psychosexuellen Entwicklung eine zentrale Bedeutung im psychoanalytischen Paradigma zu. Im Folgenden soll versucht werden, Freuds Phasenmodell der psychosexuellen Entwicklung auf diesem Hintergrund in seinen wesentlichen Zügen darzustellen und zu diskutieren.

2. Die psychischen Instanzen

Freuds Phasentheorie der psychosexuellen Entwicklung ist im Zusammenhang mit seinen Konzepten der psychischen Instanzen und der Triebdynamik zu verstehen. Freud unterscheidet grundsätzlich zwischen drei Instanzen mit spezifischen Funktionen, dem ES, dem ICH und dem ÜBER-ICH. Das ES gehört zur natürlichen Ausstattung des Menschen und ist der Sitz der Triebenergie, die das menschliche Verhalten erzeugt und steuert.[1] Freud postuliert zwei divergierende Triebe: Den Eros, dem die lebens-„bejahende“ sexuelle Energie der Libido innewohnt – aus ihr resultieren nicht nur die sexuellen Impulse, sondern alles Streben nach Lustgewinn (vgl. Zimbardo/Gerrig 1999, 531) - und den Thanatos, den schwächer entwickelten „Todestrieb“. Diese Kräfte bleiben dem Bewusstsein verborgen. Das ES folgt irrational dem Lustprinzip und sucht unmittelbare Befriedigung, um Bedürfnis-Spannung abzubauen. Spannungsabbau kann auf zwei Arten erfolgen: Direkt, durch Reflexaktivität, oder durch den sog. Primärprozess, bei dem befriedigende Vorstellungen imaginiert werden; beim Sexualtrieb z.B. direkt durch Geschlechtsverkehr oder indirekt durch Ersatzhandlungen wie erotische Kunst, Witze etc.

Das ICH entwickelt sich, beginnend in der zweiten Hälfte des zweiten Lebensjahres, aus dem ES. Doch kann es nicht unabhängig vom ES reagieren, da es von ihm seine gesamte Energie bezieht. Das ICH hat zwischen den Ansprüchen des ES und den Zwängen der Realität zu vermitteln. Seine vornehmste Aufgabe besteht darin, die vom ES verlangte unmittelbare Bedürfnisbefriedigung aufzuschieben und zugleich den nicht real zielführenden Primärprozess durch den sog. Sekundärprozess, das heißt Planen und Entscheiden mit dem Ziel einer real möglichen Bedürfnisbefriedigung, zu beherrschen. Das ICH folgt also dem Realitätsprinzip. Trotzdem hat es unbewusst bleibende Anteile, die sog. Abwehrmechanismen.

Zugleich ist das ICH dem ÜBER-ICH verpflichtet, dem „Sitz“ der gesellschaftlichen Werte und Normen, die als „Gewissen“ während der Kindheit internalisiert werden, und der vielfach unbewusst bleibenden Zwänge moralischer Entscheidungen. Das ÜBER-ICH entwickelt sich während der phallischen Phase im Zuge der Lösung des ödipalen Konflikts. Seine Energie erhält es ebenfalls vom ES.

Freud vertritt in seiner psychodynamischen Persönlichkeitstheorie die Vorstellung eines komplizierten deterministischen Wechselspiels dieser drei Instanzen, dessen zentrale Aufgabe darin besteht, dass das ICH Kompromisse zwischen den divergierenden Forderungen des ES und des ÜBER-ICH arrangiert (vgl. Davison/Neale 1996, 35f., und Zimbardo/Gerrig 1999, 533).

2.1 Störungen

Das Gelingen oder Misslingen von Lösungen früher Grundkonflikte ist entscheidend für die weitere psychische Entwicklung und die psychische Gesundheit überhaupt. Werden Bedürfnisse einzelner psychosexueller Entwicklungsphasen nicht angemessen, sondern in zu geringem oder zu hohem Maße befriedigt, so kann es nach psychoanalytischer Vorstellung zu einer Fixierung auf die für die entsprechende Phase typische Triebbefriedigung kommen. Die Triebobjekte und die Befriedigungsformen des Triebes bleiben dann auch im Erwachsenenalter, jenseits der Phasengrenzen, infantil (vgl. Huber 1994, 448). Zudem begünstigen Fixierungen das Auftreten von Regressionen auf bestimmte Triebquellen, -objekte und -ziele, wenn in einer genetisch späteren Entwicklungsstufe eine schwere Triebfrustration stattfindet (vgl. Tölle 1996, 50). Auch Fehlentwicklungen der Persönlichkeit sind möglich: so kann die Fixierung zu Konflikten zwischen den Triebkräften des ES und den Kontrollinstanzen des ÜBER-ICH führen, was, je nach konstitutionellen Faktoren und Charakterstruktur, in neurotischen Störungen münden kann (vgl. Freud VI 2000, 294; vgl. auch Bergius 1994, 396). Hieraus wird klar, warum Freud den frühen Entwicklungsphasen große Bedeutung für die Herausbildung der Persönlichkeit und des Verhaltens - bis hin zum Erwachsenen - beimaß (vgl. Zimbardo/Gerrig 1999, 532).

3. Die Phasenlehre

Sigmund Freuds psychosexuelle Entwicklungstheorie revolutionierte die bis zu seiner Zeit gültige Vorstellung, die Entwicklung der Sexualität beginne erst mit der Pubertät. Nach Freud beginnt die Sexualität bereits im Säuglingsalter mit dem Erleben von Lust und dem gleichzeitigen Abbau von Triebspannung bei der Stimulation bestimmter erogener Zonen. Freud unterschied somit zwischen der Lustfunktion der Sexualität und ihrer Fortpflanzungsfunktion, in deren Dienst sie erst in späteren Entwicklungsstadien gestellt wird (vgl. Mönks et al. 1996, 20). Nach der jeweils primären erogenen Zone, dem vorherrschenden Organ der Lustempfindung, unterschied Freud fünf Entwicklungsphasen: die orale, die anale, die phallische, die Latenzphase und die genitale Phase.

3.1 Die orale Phase (Geburt bis ca. Ende des 1. Lebensjahres)

Die erste prägenitale erogene Körperzone ist der Theorie der psychosexuellen Entwicklung zu Folge der Mund,[3] genauer: die sensorischen Nervenendungen der Lippen und der Zunge (vgl. Zimbardo/Gerrig 1999, 532; vgl. auch Davison/Neale 1996, 37). Lustempfindung entsteht durch das Aufnehmen der Nahrung und den Hautkontakt beim Stillen. Freud stellt fest, dass bereits der bloße Akt des rhythmischen Saugens und Lutschens mit Funktionslust erfüllt sei, denn das Sexualziel bestehe in der „Einverleibung des Objektes“ (Freud: Drei Abhandlungen V 2000, 103). Aufgrund dieser generalisierten Funktionslust wird der Mund in dieser Phase zum Explorationsorgan schlechthin, wird das Belutschen von Objekten - Daumen, Zehen, Spielsachen etc.- zur typischen Handlung des Säuglings. Mit dem Zahnen wird das Lutschen zum Beißen, und es entstehen erste aggressive Impulse, die in der anschließenden analen Phase, bei der sadistische Verhaltenskomponenten mit zum Tragen kommen, noch stärker werden (vgl. Mönks et al. 1996, 20).[2]

Die orale Entwicklungsphase ist gekennzeichnet vom emotional prägenden Erlebnis der Abhängigkeit (vgl. Hoffmann/Hochapfel 1995, 34) und von jenen Konflikten, die im Zusammenhang mit der Entwöhnung auftreten können (vgl. Zimbardo/Gerrig 1999, 532). Wird die Triebbefriedigung frustriert, werden beispielsweise Nahrung oder emotionale Zuwendung vorenthalten, so wird Abhängigkeit als unbefriedigend erlebt und die Entwicklung des Vertrauens, die diese Entwicklungsphase ebenfalls kennzeichnet, gestört. Dies kann, ebenso wie das Gegenteil - eine überfürsorgliche, verwöhnende Behandlung des Kindes – zu einer oralen Fixierung führen. In der Literatur werden vor allem folgende Ausprägungen „oralen Verhaltens“ beschrieben: Suche nach Ersatzobjekten; selbstbezogene Stereotypien mit der Tendenz zu Suchtverhalten (vgl. Hoffmann/Hochapfel 1995, 36f.), pessimistische und misstrauische Grundhaltung, pathologische sog. „frühe Störungen“, neurotische Verlustängste (vgl. Hoffmann/Hochapfel 1995, 34), Rauchen, übermäßiges Essen, Passivität, Abhängigkeit und Unselbstständigkeit (Zimbardo/Gerrig 1999, 532) sowie geringe Frustrationstoleranz (vgl. http//www.stangl-taller.at/ARBEITSBLAETTER/ PSYCHOLOGIEENTWICKLUNG/EntwicklungFreud.shtml; 11.01.2006).

3.2 Die anale Phase (ca. 2. – ca. 3. Lebensjahr)

In dieser Phase steht der ambivalente Vorgang des Ausscheidens (vgl. Freud: Drei Abhandlungen V 2000, 104) im Mittelpunkt. Der After[4] als Ausscheidungsorgan bildet die prägenitale Triebquelle und die Faeces das Triebobjekt. Freud bezeichnet diesen Entwicklungsabschnitt auch als Phase der „sadistisch-analen Organisation“ (Freud: Drei Abhandlungen V 2000, 104) und sieht hier die aktiv-passive Dichotomie des Sexuallebens - gewissermaßen als Vorstufe zu einer männlich-weiblichen Organisation - bereits ausgebildet: aktiv mache sich der Bemächtigungstrieb der Körpermuskulatur geltend, und als Organ mit passivem Sexualziel die erogene Darmschleimhaut (vgl. Freud: Drei Abhandlungen V 2000, 104).

Die Teilbezeichnung „sadistisch“ für diese Phase rührt daher, dass das Kind in dieser Zeit sich in gesteigerter Weise mit seinen aggressiven Bedürfnissen auseinandersetzt, die bereits in der oralen Phase in Form von Beißen in schwächerer Form auftraten. Hoffmann und Hochapfel weisen auf einen weiteren Zusammenhang zwischen dem Analen und dem Sadistischen hin: „Seit den Anfängen der psychoanalytischen Arbeit wurde beobachtet, dass zwischen Sadismus und dem Erleben der Analität ein deutlicher Zusammenhang besteht. Ausdrücke wie ‚anscheißen’, ‚bescheißen’ weisen darauf hin, dass… eine assoziative Koppelung zwischen der Stuhlentleerung und der Vorstellung von Aggression besteht.“ (Hoffmann/Hochapfel 1995, 44)

[...]


[1] Freud geht von einer biologischen Verhaltensgrundlage aus (vgl. Zimbardo/Gerrig 1999, 531).

[2] Stangl (http//www.stangl-taller.at/ARBEITSBLAETTER/PSYCHOLOGIEENTWICKLUNG/ EntwicklungFreud.shtml; 11.01.2006) setzt die orale Phase nur während des 1. Lebens halb jahres an und geht von einer narzisstischen Phase im 2. Lebenshalbjahr aus.

[3] Lateinisch os, Gen. oris: Mund; daher: orale Phase. Freud (Drei Abhandlungen V 2000, 103) bezeichnet sie auch als „kannibalische“ Phase.

[4] Lateinisch: anus: After; daher: anale Phase

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Psychosexuelle Entwicklung nach Freud
Hochschule
Hochschule Fresenius Idstein  (Fachbereich Logopädie)
Veranstaltung
Psychologie
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
13
Katalognummer
V64826
ISBN (eBook)
9783638575423
ISBN (Buch)
9783638816311
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psychosexuelle, Entwicklung, Freud, Psychologie
Arbeit zitieren
Katja Rommel (Autor), 2006, Psychosexuelle Entwicklung nach Freud, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64826

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