Typisierung afrikanischer Politiksysteme unter besonderer Berücksichtigung der Determinante Ungleichheit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
35 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Forschungskontroverse: Welchen Einfluss hat Ungleichheit auf das Politikregime?

3 Eigene Modellkonzeption
3.1 Vorgehensweise und zentrale Fragestellungen
3.2 Abhängige Variable: Politikregime
3.3 Unabhängige Variablen: (Un-)Gleichheitsmaße
3.3.1 Ökonomische (Un-)Gleichheitsmaße: Gini-Koeffizient und Family Farms
3.3.2 Gleichheitsmaß der Verteilung von Bildungsressourcen: Index of Knowledge Distribution
3.3.3 Ungleichheitsmaß des biologischen Lebensstandards: Variationskoeffizient der Körpergrößen
3.4 Unabhängige Kontrollvariablen

4 Ergebnisse der Analyse und Regressionen
4.1 Ergebnisse der deskriptiven Statistik
4.2 Ergebnisse der bivariaten Regressionen
4.3 Ergebnisse der multiplen Regressionen und Schätzmodelle

5 Schluss

6 Literatur- und Quellenverzeichnis

7 Anhang

1 Einleitung

Die Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Ungleichheit und Politikregime ist wohl eine der kontrovers diskutierten Fragen, die in der Forschung zu verschiedensten Theorien und vielfältigen Analysen geführt hat. Gerade für Afrika als Kontinent, auf dem die Ungleichheit zwischen Arm und Reich die extremsten Ausmaße annimmt und auf dem vor allem in den neunziger Jahren viele Politikregime eine Transformation hin zur Demokratie erfahren haben, gewinnt die Frage nach dem Zusammenhang zwischen gleicher Ressourcenverteilung und Demokratie eine besondere Relevanz.

Aus diesem Grund beschäftigt sich die vorliegende Forschungsarbeit mit der Typisierung afrikanischer Politiksysteme unter besonderer Berücksichtigung der Determinante Ungleichheit. Es soll für den afrikanischen Kontext untersucht werden, ob eine ungleiche Verteilung von Ressourcen die Chance auf Demokratie in einem Land erhöht, verringert oder diese gar nicht beeinflusst. Dabei werden nicht nur übliche Maße zur Erfassung von Ungleichheit wie der Gini-Koeffizient der Einkommensverteilung berücksichtigt, sondern auch weitere alternative ökonomische Ungleichheitsmaße, Ungleichheitsmaße der Verteilung von Bildungsressourcen sowie des biologischen Lebensstandards in die Analyse mit einbezogen.

Als erstes stellt der Aufsatz die Diskussion über den Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Politikregime in der Forschung dar. Hierbei werden verschiedene Theorien und Ansätze vorgestellt sowie ihre Thesen und Argumentationsstrukturen herausgearbeitet. Als zweites soll die Modellkonzeption des Aufsatzes transparent gemacht werden, die an die Forschungskontroverse anknüpft und für den afrikanischen Kontext die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Politikregime zu klären sucht. Es werden sowohl die zentralen Fragestellungen und die Vorgehensweise der Arbeit erläutert, als auch die Operationalisierung der abhängigen Variable Politikregime, der unabhängigen (Un-)Gleichheitsmaße und der unabhängigen Kontrollvariablen vorgestellt. Als drittes werden die Ergebnisse der deskriptiven Statistik, der bivariaten und der multivariaten binär-logistischen Regressionsanalyse präsentiert. Aus der Interpretation wird deutlich, dass sich der Gini-Koeffizient für den afrikanischen Kontext als nicht sehr geeignetes Ungleichheitsmaß erweist. Insbesondere die Variablen Family Farms und Index of Knowledge Distribution stellen in Afrika eine gute Alternative zur Erfassung von Ungleichheit dar, jedoch bleibt die Richtung des Zusammenhangs zwischen Ungleichheit und Politikregime uneindeutig. Abschließend wird ein Fazit des Aufsatzes formuliert sowie Fragen für die weitere Forschung aufgeworfen.

2 Forschungskontroverse:

Welchen Einfluss hat Ungleichheit auf das Politikregime?

In der gegenwärtigen Forschung existiert eine kontroverse Debatte über den Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Demokratisierung. In den nächsten Abschnitten sollen die wichtigsten Thesen und Argumente kurz skizziert und einander gegenübergestellt werden.

Rosendorff unterscheidet in seinem Aufsatz Choosing Democracy vor allem zwei verschiedene Ansätze zur Erklärung des Zusammenhangs zwischen Ungleichheit und Politikregime: die Modernisierungsthese auf der einen und den Ansatz der Spieltheorie bzw. der Rational Choice auf der anderen Seite. Die zentrale Frage lautet dabei: „[D]oes democracy emerge ‚naturally’ and impersonally as a consequence of growth and development, or does it arise instrumentally as an outcome of the interrelated decisions and actions of individuals and groups?“ (Rosendorff 2001, S. 2) Als einen der bedeutendsten Vertreter der Modernisierungsthese nennt Rosendorff Lipset (1959), der Demokratisierung als Ergebnis des ökonomischen Wachstums betrachtet. Die Entstehung einer breiten Mittelschicht im Entwicklungsprozess führe zu einer egalitären Einkommensverteilung und dazu, dass die Mittelschicht die Polarisierung zwischen den Klassen abschwäche und durch ihre Mittlerrolle im politischen Prozess Konflikte entschärfe. (Rosendorff 2001, S. 2) Die im Folgenden vorgestellten Ansätze sind dem spieltheoretischen und Rational-Choice-Ansatz zuzuordnen.

Przeworski geht in seinem Buch Democracy and Development davon aus, dass es keinen Zusammenhang zwischen Ungleichheit und der Wahrscheinlichkeit gibt, dass ein bestimmtes Politikregime vorliegt. Aus den Ergebnissen seiner quantitativen Analysen schlussfolgert er: „Dictatorships and democraties show similar patterns [Kuznets Effekt] and have the same average income inequality, as measured by the Gini index.“ (Przeworski 2000, S. 120) Vielmehr nimmt er einen positiven Zusammenhang zwischen steigender Ungleichheit und der Wahrscheinlichkeit eines Regimewechsels an. Als theoretische Begründung für diese Hypothese führt er an, dass „[u]nder dictatorships, high income inequality may stimulate movements attracted by the egalitarian promise of democracy“ (Przeworski 2000, S. 117), während in einer Demokratie „dominant social groups may seek recourse to authoritarianism when the exercise of political rights by the poor – whether in the form of suffrage or freedom of association – results in egalitarian pressures” (Przeworski 2000, S. 117). Diese Hypothese kann von Przeworski jedoch nur zum Teil belegt werden. Meist besteht in seinen Analysen bei einer Demokratie nur ein geringer positiver Zusammenhang zwischen Ungleichheit, gemessen mit dem Gini-Koeffizienten, und Regimewechsel und im Falle einer Diktatur hat die Einkommensverteilung sogar keinerlei Auswirkungen auf die Stabilität des Regimes. (Przeworski 2000, S. 120) Jedoch misst Przeworski insgesamt den Veränderungen in den absoluten Einkommensniveaus eine größere Bedeutung zu als der Veränderung der Einkommensverteilung zwischen verschiedenen Gruppen und stellt fest, dass „[b]oth regimes are less stable when absolute incomes […] decline“ (Przeworski 2000, S. 121).

Im Gegensatz dazu konstatiert Boix in seinem Buch Democracy and Redistribution und in seinem Aufsatz zusammen mit Susan C. Stokes Endogenous Democratization einen negativen Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Demokratisierung. Eine egalitäre Verteilung der Ressourcen, so Boix, erhöhe klar die Chance auf Demokratie in einem Land. (Boix 2003, S. 3) Dabei sieht er, anders als Przeworski, gerade in der zunehmenden Einkommensgleichverteilung im Entwicklungsprozess eine bedeutendere Ursache für den politischen Wandel hin zur Demokratie als den Anstieg des absoluten Einkommensniveaus. (Boix/ Stokes 2003, S. 24)[1] Boix kombiniert in seinem theoretischen Ansatz die Vorstellungen des Prozesses der Regimewahl in der Spieltheorie mit der Spezifizierung des Kosten-Nutzen-Kalküls der politischen Akteure. Ihm zufolge ist die Verteilung ökonomischer Ressourcen ein wichtiger Faktor, der die Präferenzstrukturen politischer Akteure für bestimmte Politikregime beeinflusst. So sind in Diktaturen mit einer ungleichen Einkommensverteilung die Forderungen der Armen nach Umverteilung gegenüber den Reichen sehr hoch. Deshalb haben die Wohlhabenden in der Diktatur einen hohen Anreiz, die Einführung einer Demokratie zu verhindern, da in dieser eine große Umverteilung stattfinden würde. Mit einer egalitären Verteilung in der Diktatur nimmt jedoch der redistributive Effekt der Einführung einer Demokratie ab und die Chance auf einen friedlichen Wandel steigt. (Boix 2003, S. 2/3) Außerdem nimmt mit einer egalitären Einkommensverteilung die politische Partizipation der Bürger zu, wodurch sich die Kosten der Repression für das diktatorische Regime erhöhen und so der Anreiz für die politischen Akteure steigt, Demokratie als Politikform zu tolerieren. (Boix/ Stokes 2003, S. 23/24) Auf diese Weise zeigt Boix, wie eine gleiche Einkommensverteilung den Anreiz der Akteure vermindert, Diktatur als Politikregime zu wählen.

3 Eigene Modellkonzeption

3.1 Vorgehensweise und zentrale Fragestellungen

Um an die oben erläuterten Fragen anzuknüpfen und diese für den afrikanischen Kontext zu erhellen, wurde ein Schätzmodell konzipiert, das im nächsten Schritt vorgestellt werden soll. Für die Regression wurden 38 afrikanische Länder südlich der Sahara ausgewählt.[2] Die sehr große Anzahl der ausgewählten Länder ist aufgrund der schlechten Datenlage bei den Ungleichheitsmaßen (vor allem beim Gini-Koeffizienten) erforderlich, um eine möglichst große Menge an Beobachtungen zu erhalten. Es kann somit nur eine Aussage für Afrika insgesamt und nicht für bestimmte Länder oder Regionen getroffen werden. Ein letzter Grad von Willkür bei der Länderauswahl und eine Verzerrung der Ergebnisse durch die schlechte Datenlage können jedoch nicht ganz ausgeschlossen werden. Der Beobachtungszeitraum reicht von 1960 bis 2003, wobei die Länder ab dem Tag ihrer Unabhängigkeit in die Analyse einbezogen werden, sofern sie nach 1960 unabhängig wurden. Länder, die vor 1960 die Unabhängigkeit erlangten, gehen erst ab 1960 ein. Aus den Daten wird ein Panel-Datensatz mit allen Ländern über den gesamten Zeitraum erstellt.[3] Da eine binär kodierte abhängige Variable vorliegt (siehe Punkt 3.2), findet die statistische Methode der binär-logistischen Regression Anwendung.[4] Anmerkungen zu allen verwendeten Variablen finden sich im Anhang.

Aus der theoretischen Diskussion werden zwei Hypothesen abgeleitet: Die erste Hypothese besagt, dass mit der dritten Demokratisierungswelle nach Huntington in den neunziger Jahren die Anzahl der Demokratien in Afrika stark zugenommen hat und von einem Wandel der Politikregime hin zur Demokratie gesprochen werden kann. (Oberreuter/ Weiland 1994, S. 7) Die zweite Hypothese folgt Boix in der Annahme, dass eine egalitäre Verteilung der Ressourcen die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass es sich bei einem Land um eine Demokratie handelt. Diese gilt es im Folgenden zu prüfen.

3.2 Abhängige Variable: Politikregime

Als abhängige Variable für die Regressionsanalyse dient das Politikregime, das über den Polity2-Index des PolityIV Datensatzes operationalisiert ist.[5] Das PolityIV Projekt der Universität von Maryland/USA beschäftigt sich mit der Klassifizierung von Politikregimes verschiedener Länder weltweit zum Zweck der komparativen, quantitativen Analyse. Laut des PolityIV Projektes vereinigen Demokratien drei voneinander unabhängige, grundlegende Elemente: Erstens die Existenz von Institutionen und Verfahren, durch die die Bürger ihre Präferenzen für alternative Politiken und Machthaber effektiv zum Ausdruck bringen können; zweitens die Existenz von institutionalisierten Regulierungen und Beschränkungen der Machtausübung durch die Exekutive; und drittens die Garantierung von Freiheitsrechten aller Bürger im Alltag sowie bei der Ausübung ihres politischen Engagements. Im Gegensatz dazu zeichnen sich Diktaturen durch die Beschränkung oder Unterdrückung von politischem Wettbewerb und politischer Partizipation aus. Die Regierungschefs werden innerhalb der politischen Elite gewählt und sehen sich in ihrer Machtausübung mit nur sehr geringen institutionellen Beschränkungen konfrontiert. Der Polity2-Index bildet sich aus der Differenz des Autokratieindizes (0 – 10) und des Demokratieindizes (0 – 10), die Auskunft über die generelle Offenheit bzw. Geschlossenheit politischer Institutionen geben.[6] Er umfasst eine Skala von -10 bis +10, wobei -10 als absolute Diktatur und +10 als absolute Demokratie definiert ist.

Im Folgenden wurde der Polity2-Index binär rekodiert. Die Skala -10 bis 0 wurde als Diktatur klassifiziert und ihr der Wert 0 zugewiesen. Die Skala +1 bis +10 wurde als Demokratie bezeichnet und mit dem Wert 1 kodiert. Die binäre Kodierung der abhängigen Variable bietet den Vorteil, dass sie die statistische Methode der binär-logistischen Regression ermöglicht. Eine Alternative zur binären Rekodierung der Polity2-Variable hätte die Verwendung der schon binär kodierten Variable für das Politikregime in Przeworskis Buch Democracy and Development dargestellt.[7]

3.3 Unabhängige Variablen: (Un-)Gleichheitsmaße

3.3.1 Ökonomische (Un-)Gleichheitsmaße: Gini-Koeffizient und Family Farms

Das wohl üblichste Maß für die Ungleichheit in einer Gesellschaft ist der Gini-Koeffizient, der als ökonomisches Ungleichheitsmaß die ungleiche Verteilung der Einkommen erfasst. Somit misst der Gini-Koeffizient die Ungleichheit zwischen Gruppen mit hohem und mit geringem Einkommen. Die Werte des Gini-Koeffizienten liegen zwischen 0 und 1: Je höher die Ausprägung, desto ungleicher sind die Einkommen in einer Gesellschaft verteilt. Die umfangreichste Datenbank zum Gini-Koeffizienten stellt Deiningers und Squires A New Dataset Measuring Income Inequality (1996) dar[9], die jedoch aufgrund der verschiedenen Qualitätsniveaus der Einkommensdaten und der verschiedenen Berechnungsgrundlagen des Gini-Koeffizienten (z. B. auf Einkommen oder auf Konsum basierende Berechnung; Angabe des Brutto- oder Nettoeinkommens) ein unvollständiges und wenig einheitliches Bild liefert. Der Hypothese von Boix über den Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Politikregime folgend, wird eine negative Korrelation zwischen dem Gini-Koeffizient und der Wahrscheinlichkeit, dass ein Land demokratisch ist, erwartet: Steigt der Gini-Koeffizient und damit die ungleiche Verteilung der Einkommen an, so sinkt die Chance auf Demokratie in einem Land.[8]

Jedoch weist der Gini-Koeffizient vor allem bei der Messung von Ungleichheit in Entwicklungsländern einige Schwächen auf. Die unzureichende statistische Erfassung der Einkommen in Afrika und die geringe Vollständigkeit und Verlässlichkeit der Daten führt zu einer sehr schlechten Datenlage beim Gini-Koeffizienten in afrikanischen Ländern. Einkommen in agrarischen und informellen Sektoren können mit dem Gini-Koeffizienten nicht erfasst werden, da sie meist gar nicht als Einkommen dokumentiert sind und in keinerlei Abrechnungen erscheinen. Da diese jedoch gerade in Afrika den größten Teil der Einkommen ausmachen, kommt es bei der Messung der Ungleichheit mit dem Gini-Koeffizienten zu Verzerrungen (selection bias) zwischen urbanen und ländlichen Regionen sowie zwischen traditionellen und modernen Sektoren.[10]

Eine Lösung für die unzureichende Eignung des Gini-Koeffizienten im afrikanischen Kontext könnte die Suche nach alternativen Ungleichheitsmaßen bieten, die diesem besser gerecht werden. Ein solches Maß stellt die von Vanhanen in seinem Buch Prospects of Democracy konzipierte Variable Family Farms dar. Die Variable ist definiert als „[t]he area of family farms as a percentage of the total area of holdings” (Vanhanen 1997, S. 47) und dient als Maß der Verteilung ökonomischer Ressourcen auf der Basis des Besitzes von und der Kontrolle über landwirtschaftliche Nutzfläche.[11] Die Variable Family Farms ist ein Gleichheitsmaß, mit dem die Ungleichheit zwischen der Gruppe der Landbesitzer und der Gruppe der Bevölkerung ohne Landbesitz erfasst wird: Je höher der Prozentsatz der landwirtschaftlichen Familienbetriebe, desto egalitärer ist das Land verteilt. (Vanhanen 1997, S. 47) Da der Besitz von agrarischer Nutzfläche vor allem in landwirtschaftlich geprägten Gesellschaften eine wichtige ökonomische Ressource darstellt, erscheint die Variable Family Farms für den afrikanischen Kontext als gut geeignet. Zwischen dem Anteil der Familienfarmen und der Chance, dass ein Land demokratisch ist, wird ein positiver Zusammenhang erwartet. Umso egalitärer die Verteilung des Landes ist, desto größer ist die Unabhängigkeit der landwirtschaftlichen Bevölkerung von den Großgrundbesitzern, die den Bauern die Teilnahme am politischen Geschehen und die Bildung von ökonomischen und politischen Interessenverbänden ermöglicht. Durch ihr verstärktes politisches Engagement wächst der Druck zur Demokratisierung. Jedoch merkt Vanhanen auch an: „[A] high percentage of family farms is not alone enough to support democractic politics if other types of power resources are highly concentrated.” (Vanhanen 1997, S. 48) Zu diesen weiteren Ressourcen, deren Ungleichverteilung die Chance auf Demokratie verringert, gehört die Verteilung von Bildungsressourcen.

3.3.2 Gleichheitsmaß der Verteilung von Bildungsressourcen: Index of Knowledge Distribution

Der Index of Knowledge Distribution (IKD) von Vanhanen ist ein Gleichheitsmaß, das sich als arithmetisches Mittel zweier Bildungsindikatoren errechnet. Die erste Bildungsvariable ist die Alphabetisierungsrate als Maß für die Verteilung der grundlegenden Bildung, die zweite ist die Anzahl der Studenten in Universitäten und anderen höheren Bildungseinrichtungen pro 100.000 Einwohner als Maß für die Verteilung der höheren Bildung. (Vanhanen 1997, S. 45) Dabei definiert Vanhanen 1.000 Studenten pro 100.000 Einwohner als 100 %. Mit dem Index of Knowledge Distribution wird die Ungleichheit zwischen der gebildeten und der ungebildeten Gruppe der Bevölkerung erfasst. Je höher der IKD, desto egalitärer ist die Verteilung von Bildungsressourcen bzw. Humankapital. (Vanhanen 1997, S. 55) Dem IKD kann eine hohe Relevanz für den afrikanischen Kontext zugeschrieben werden, da hier eine höhere Schul- und Universitätsausbildung sowie die Literarisierung der Bevölkerung noch nicht selbstverständlich sind und sich im Entwicklungsprozess bei dieser Variable noch große Veränderungen ergeben werden. Es ist eine positive Korrelation zwischen dem Index of Knowledge Distribution und der Chance auf Demokratie zu erwarten. Mit einer breiten Bildung der Bevölkerung und vor allem mit der Verbreitung der universitären Bildung erhöht sich die Teilnahme der Bürger am politischen Geschehen. Es kommt zur Formierung oppositioneller Gruppen und eines Widerstandes gegen die Diktatur, der den Druck auf die Machthaber erhöht und zu einer Etablierung von Demokratie führen kann.

[...]


[1] Da Boix/ Stokes in dieser Studie ihre Analyse für einen historischen Zeitraum ab 1850 durchführen, jedoch für die Zeit vor dem zweiten Weltkrieg keine Daten zur Einkommensverteilung verfügbar sind, schlagen sie zwei alternative Indikatoren von Vanhanen zur Erfassung ökonomischer Ungleichheit vor: die Variable Family Farms zur Messung der Verteilung von landwirtschaftlichem Eigentum und den Index of Knowledge Distribution zur Messung der Qualität des Humankapitals. Da der Entwicklungsstand und die Datenlage in Bezug auf Einkommensdaten in Afrika teilweise vergleichbar mit der Situation vor dem zweiten Weltkrieg in Westeuropa sind, habe ich die beiden Gleichheitsmaße für meine Analyse von Ungleichheit und Politikregime im afrikanischen Kontext übernommen.

[2] Ausgewählte afrikanische Länder: Angola, Äthiopien, Benin, Botswana, Burkina Faso, Burundi, Djibuti, Elfenbeinküste, Eritrea, Gabun, Gambia, Ghana, Guinea, Guinea Bissau, Kamerun, Kenia, Lesotho, Liberia, Madagaskar, Malawi, Mozambique, Namibia, Niger, Nigeria, Ruanda, Sambia, Senegal, Somalia, Südafrika, Sudan, Swaziland, Tansania, Togo, Tschad, Uganda, Volksrepublik Kongo, Zentralafrikanische Republik, Zimbabwe.

[3] Da bei Panelanalysen falsche Signifikanzen vorgetäuscht werden können, wurden außerdem Cross-Sectional Datensätze für die Zeitpunkte 1960, 1965, 1970, 1975, 1980, 1985, 1990, 1995 und 2000 erstellt, um die Ergebnisse mit den Ergebnissen für das Panel vergleichen und die Verfälschung durch das Panel einschätzen zu können. Siehe Anhang Tabellen 3 und 4.

[4] Da bei einer Logit-Regression eine Normalverteilung der Variablen nicht von Bedeutung ist, wird auf die Durchführung des Kolmogorov-Smirnov-Tests und auf die Transformation der Variablen verzichtet.

[5] PolityIV Projekt: http://www.cidcm.umd.edu/inscr/polity.

[6] Die Garantierung von Freiheitsrechten geht nicht in den Polity2-Index ein.

[7] Die Verwendung des Polity2-Indexes wurde jedoch erstens deshalb vorgezogen, weil dieser bis 2003 angegeben ist und somit einen größeren Zeitraum der Analyse abdecken kann als die Variable von Przeworski, die nur bis 1990 zur Verfügung steht. So kann mit dem Polity2-Index die Hypothese überprüft werden, dass sich gerade in den neunziger Jahren in Afrika viele Demokratien entwickelt haben und sich der Zusammenhang mit der Ungleichheit hier besonders gut beobachten lässt. Ein zweiter Grund stellt die sehr geringe Fallmenge an Demokratien für Afrika bei Przeworski dar. Laut seiner „alternation rule“ werden auch Länder als Diktaturen klassifiziert, in denen die Amtsinhaber freie Wahlen durchgeführt, diese aber nie verloren haben. Dies führt zu einer Einordnung vieler afrikanischer Länder als Diktaturen, die in der übrigen Literatur als Demokratien gelten, und zu einer nur sehr geringen Fallzahl für Demokratien, die eine Regressionsanalyse erschwert.

[8] Die Korrelation der (Un-)Gleichheitsmaße untereinander kann nicht mit der OLS-Methode untersucht werden, da trotz mehrerer Transformationen die Variablen Gini-Koeffizient, Family Farms und Knowledge Distribution gemäß dem Kolmogorov-Smirnov-Test keine Normalverteilung aufweisen. Bei fehlender Normalverteilung sind die Regressionen nicht aussagekräftig.

[9] Deininger/Squire: A New Dataset Measuring Income Inequality. Link: http://econ.worldbank.org/.

[10] Außerdem gibt das Einkommen häufig nur eine unzureichende Auskunft über die Verteilung der Wohlfahrt in einem Land, da in Entwicklungsländern wichtige Inputs wie medizinische Versorgung, Nahrung und Bildung nicht über den Markt gehandelt, sondern als öffentliche Güter bereitgestellt werden. Des Weiteren kann mit dem Gini-Koeffizient die Verteilung der Einkommen innerhalb von Haushalten und somit eine konsequente Diskriminierung bestimmter Familienmitglieder nicht untersucht werden. (Moradi/ Baten 2005, S. 2)

[11] Da in Afrika südlich der Sahara der größte Teil der landwirtschaftlichen Nutzfläche von Kommunen besessen wird und die traditionelle Organisation der afrikanischen Bauernschaft als sehr egalitär gilt, hat Vanhanen 60 % des Landes in Gemeinschaftsbesitz der Kategorie der Family Farms zugeordnet. Die Kategorie Family Farms umfasst Bauernhöfe, die Arbeit für nicht mehr als vier Personen anbieten, Familienmitglieder mit eingeschlossen. (Vanhanen 1997, S. 48/49)

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Details

Titel
Typisierung afrikanischer Politiksysteme unter besonderer Berücksichtigung der Determinante Ungleichheit
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Seminar für Wirtschaftswissenschaften. Abteilung Wirtschaftsgeschichte)
Veranstaltung
Wirtschaftsgeschichte Afrikas, Asiens und Europas. Historische Trends und heutige Entwicklung
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
35
Katalognummer
V64889
ISBN (eBook)
9783638575850
Dateigröße
723 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Typisierung, Politiksysteme, Berücksichtigung, Determinante, Ungleichheit, Wirtschaftsgeschichte, Historische, Trends, Entwicklung, Afrika, Statistik
Arbeit zitieren
Anne-Christin Sievers (Autor), 2006, Typisierung afrikanischer Politiksysteme unter besonderer Berücksichtigung der Determinante Ungleichheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64889

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