Die Darstellung der Lebensweise der Aborigines im zeitgenössischen indigenen Theater Australiens


Examensarbeit, 2006
82 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Leben der Aborigines in Australien
2.1 Indigene Kulturen
2.1.1 Aboriginal Dreaming
2.1.2 Präkontaktphase
2.1.3 Kontaktphase
2.2 Zeitgenössische gesellschaftliche Konfliktlinien
2.2.1 Konflikt zwischen Tradition und Moderne
2.2.2 Neuschreibung der australischen Geschichte
2.2.3 Aborigines und das australische Rechtssystem
2.2.4 Stolen Generations
2.2.5 Häusliche Gewalt und Drogenmissbrauch
2.2.6 Die Suche nach kultureller Identität

3 Indigenes Theater in Australien
3.1 Die Entdeckung einer neuen Gattung
3.1.1 Historischer Abriss
3.1.2 Produktionsfirmen
3.2.1.1 Ilbijerri (Melbourne)
3.2.1.2 Kooemba Jdarra (Brisbane)
3.2.1.3 Yirra Yaakin (Perth)
3.2 Christopher Balmes Theatrical Syncretism 32

4 Performative Darstellung indigener Lebensumstände
4.1 Jack Davis Dreamers und der Konflikt zwischen Tradition und Moderne
4.1.1 Jack Davis
4.1.2 The Dreamers – Inhaltliche Einführung
4.1.3 „We Have Survived“
4.2 Jack Davis No Sugar und die Neuschreibung der Geschichte Australiens
4.2.1 No Sugar – Inhaltliche Einführung
4.2.2 The Other Side of the Story
4.3 Julie Jansons Gunjies und das australische Rechtssystem
4.3.1 Julie Janson
4.3.2 Gunjies – Inhaltliche Einführung
4.3.3 “Haunted by the Past”
4.4 Jane Harrisons Stolen und die Stolen Generations
4.4.1 Jane Harrison
4.4.2 Stolen – Inhaltliche Einführung
4.4.3 „White Australia Has a Black History“
4.5 Tammy Andersons I Don’t Wanna Play House und häusliche Gewalt / Alkohol
4.5.1 Tammy Anderson
4.5.2 I Don’t Wanna Play House – Inhaltliche Einführung
4.5.3 “Sit Down and I’ll Give You a Whizzie”
4.6 Tracey Rigneys Belonging und die Suche nach kultureller Identität
4.6.1 Tracey Rigney 62
4.6.2 Belonging – Inhaltliche Einführung
4.6.3 „I Wish I Was a Gubbah“

5 Conclusion

Anhang

Bibliografie

Bildernachweis

Landkarte Aboriginal Australia

1 Einleitung

Die Ureinwohner Australiens stellen den benachteiligsten Teil der australischen Gesellschaft dar und leben in einem Land der Ersten Welt teilweise unter Konditionen der Dritten Welt. Die Ursachen für diese massive Ungleichheit innerhalb der australischen Gesellschaft sind ebenso kontrovers wie vielfältig. Sie bilden die Grundlage für anhaltende gesellschaftliche und politische Diskurse[1] bezüglich des Umgangs Australiens mit seiner indigenen Bevölkerung und seiner Vergangenheit.

Während indigener Widerstand gegen kolonialen Einfluss bis in die frühe Kontaktphase nachvollzogen werden kann, erstarkte ihr politischer Aktivismus vor allem ab der Mitte des 20. Jahrhunderts und Aborigines traten in erheblichem Maße öffentlich für ihre Rechte ein. Bezeichnend für diese Phase war vor allem, dass indigene Schriftsteller stetig neue Medien in Anspruch nahmen, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. In diesem Kontext nutzte der indigene Schriftsteller Kevin Gilbert 1968 mit seinem Drama The Cherry Pickers erstmals das Genre, welches der traditionellen indigenen Kultur am Ehesten entspricht: „Aboriginal culture contains all the dramatic elements that Western theatre demands […].“[2] Nationale und internationale Aufmerksamkeit erfuhr das indigene Theater Australiens jedoch erst 1982 mit Jack Davis The Dreamers – zu dieser Zeit entstanden zunehmend viele erfolgreiche Produktionen ebenso wie die ersten Produktionsfirmen unter der Leitung von Aborigines.

Anhand von prägnanten Themenfeldern, die in ihrer Gesamtheit einen umfassenden Einblick in das Leben der indigenen Bevölkerung Australiens geben, ist es das Ziel dieser Arbeit nachzuzeichnen, inwiefern sich öffentliche Diskurse im indigenen Theater widerspiegeln und dieses geprägt haben. Zudem wird im Rahmen dieser Arbeit analysiert, wie und mit welchen Zielen die Bühne des zeitgenössischen indigenen Theaters die Lebensumstände der indigenen Gemeinschaften repräsentiert und welche gesellschaftliche und politische Rolle den Stücken insofern zugesprochen werden kann.

Insbesondere von indigenen Autoren wird kontinuierlich auf die Untrennbarkeit von Vergangenheit und Gegenwart hingewiesen.[3] Entsprechend bedingt ein Verständnis gegenwärtiger sozialer Belange der Aborigines die Auseinandersetzung mit dem historischen Zusammenhang, aus dem heraus sie entstanden sind. Diese Arbeit beginnt daher im Kapitel 2 mit einer allgemeinen Darstellung der Lebensweise der Aborigines: Neben einem historischen Abriss der wesentlichen Eckdaten bis heute umreißt dieses anhand von 6 wesentlichen gesellschaftliche Konfliktlinien[4], die das zeitgenössische Leben der Aborigines maßgeblich prägen.

Die erst 38jährige Entwicklung des jungen indigenen Theaters Australiens wird im Kapitel 3 nachgezeichnet, welches mit der Vorstellung der Theorie Balmes vom t heatrical syncretism schließt: Wesentlich aus der Sicht Balmes ist, dass sich die Besprechung indigenen Theaters nicht an westlichen Parametern orientieren kann, sondern sich eine eigene, indigene Performanzästhetik im post-kolonialen Raum herausgebildet hat.

Der Verlauf des australischen indigenen Theaters wird anschließend anhand von 6 Dramen nachgezeichnet. Ihre Auswahl legitimiert sich in erster Linie aufgrund ihrer thematischen Ausrichtung, da jedes Drama für sich genommen einem der im Kapitel 2.2 dargestellten Konfliktlinien zugeordnet werden kann. Zudem verteilen sich die Werke gleichmäßig über den Zeitraum der letzten 23 Jahre, wodurch sich ein grundsätzlicher Verlauf indigenen Theaters abzeichnen lässt.

Die Werke The Dreamers (1983) und No Sugar (1986) von Jack Davis markieren bewusst den Beginn meines Untersuchungsgegenstandes, weil erst sie in den 1980ern für den Durchbruch des indigenen Theaters sorgten[5]: Erst durch sie wurde das indigene Theater Australiens als künstlerisch hochwertig (an)erkannt und als solches nachhaltig unterstützt. Die Stücke Gunjies (1996) von Julie Janson und Stolen (1998) von Jane Harrison behandeln mit den Beziehungen der Aborigines zum australischen Rechtssystem sowie der Stolen Generations zwei Themen, die bis zum heutigen Tag kontrovers in Politik und Gesellschaft diskutiert werden. Tammy Andersons I Don’t Wanna Play House (2002) handelt von dem Umgang mit Alkoholismus und häuslicher Gewalt, die in indigenen Gemeinschaften von besonderer Aktualität sind[6]. Die andauernde Debatte um Aboriginality, kultureller Identität und Zugehörigkeit bildet den Rahmen des Dramas Belonging (2002).

Die Ergebnisse werden anschließend im Kapitel 5 zusammengefasst und liefern die Grundlage für eine Einschätzung hinsichtlich der Entwicklung des zeitgenössischen indigenen Theaters Australiens.

Nachdem frühe Arbeiten über indigenes Theater in Australien überwiegend auf einzelne Dramaturgen fokussiert waren[7] und eine Analyse der Stücke auf thematische Aspekte beschränkt blieb, erschienen erst Ende der 90er Jahre mit Helen Gilbert und Joanne Tompkins Post-Colonial Drama Theory, Practice, Politics (1996), dem Werk An Introduction to Post-Colonial Theatre von Brian Crow und Chris Banfield (1996) sowie Christopher Balmes Decolonizing the Stage. Theatrical Syncretism and Post-Colonial Drama (1999) drei Studien, die die bisherige wissenschaftliche Fokussierung auf Prosatexte erkannten und sich bewusst dem post-kolonialen Theater zuwendeten.[8]

Maryrose Casey schließlich lieferte 2004 mit ihrem Werk Creating Frames. Contemporary Indigenous Theatre die erste bedeutende soziale und kulturelle Geschichte indigenen Theaters in Australien und bezieht sich hierbei insbesondere auch auf einzelne Theaterstücke. Diese Arbeit übernimmt den Ansatz Caseys und erweitert ihn insbesondere um Balmes Forschungsergebnisse bezüglich spezifisch indigener Performanzkriterien.

Wie in vielen weiteren Werken, so darf auch in dieser Arbeit der Hinweis nicht unterbleiben, dass sie sich westlichen Denkmustern und –traditionen nicht gänzlich entziehen kann. Dies bezieht sich sowohl auf die Art der Geschichtsbetrachtung, als auch hinsichtlich der Besprechung der Dramen an sich:

„Discussing a group of artists on the basis of their shared cultural identification from the position of a different cultural identification risks repeating the imposition of the type of racialised generalisations that many of these artists confront and contest in their work.“[9]

Diese Arbeit beginnt daher mit einem Exkurs über das Aboriginal Dreaming und in die Denktraditionen der Aborigines, aus denen heraus ein umfassendes Verständnis der Implikationen der hier besprochenen Themen und Dramen erst möglich ist.

2 Das Leben der Aborigines in Australien

2.1 Indigene Kulturen

2.1.1 Aboriginal Dreaming

Das Aboriginal Dreaming ist der Kern der Mythologie der Aborigines und kann insgesamt als die indigene Realitätsauffassung bezeichnet werden. Ein grundsätzliches Verständnis über das Dreaming der Aborigines ist wesentlich für eine Auseinandersetzung mit ihrer Lebensweise und insbesondere, um die enge Verbindung von Aborigines zu ihrem Land nachvollziehen zu können, welche auf den Überlieferungen des Dreaming beruht.

Über das Dreaming wird unter anderem die Schöpfungsgeschichte des Landes wie auch aller Lebewesen erklärt. Dieser kreative Aspekt des Dreaming besagt, dass die Urahnen heutiger Aborigines über das noch formlose Land wanderten und ihre Spuren die Landschaft formten:

„All of the features of the landscape were created by the activities of the ancestral spirits during the Dreaming. Places where particularly significant events took place […] are special sacred sites.”[10]

Diese Aktivitäten der Urahnen sind in Geschichten und Liedern überliefert, die die sich als sogenannte songlines quer über das australische Festland verteilen. Jegliche Form und selbst formlose Regionen Australiens stecken entsprechend voller Bedeutung, die von Aborigines als solche gelesen werden können:

„It is, then, the land which is really speaking – offering to those who can understand its language, an explanative discourse about how it came to be as it is now, which beings were responsible for its becoming like that and who is or should be responsible for it now.“[11]

Die Verantwortung für die songlines – und damit für das Land – tragen die indigenen Gemeinschaften, durch deren Gebiet sie verlaufen. Über das gesamte australische Territorium erstrecken sich auf diese Weise komplexe Strukturen des kollektiven Landbesitzes, wobei diese nicht dem materiellen Besitz nach westlichem Verständnis entsprechen. Vielmehr ist das Wohlergehen der eigenen Kultur eng an das Wohlergehen des Landes geknüpft, in dem die eigenen Urahnen aktiv waren.

Eine grundsätzliche Annahme ist zudem, dass die identitätsgebende Seele jedes Menschen direkt dem Dreaming entstammt und während der Schwangerschaft über den Fötus ins Leben gerufen wird. Das Kind wird in der Folge als Hüter des Ortes, an dem sich die Mutter befand, angesehen und über die sich hier befindenden songlines aufgeklärt. Die Identität eines Aborigine ist in der Folge untrennbar mit diesem speziellen Ort verwachsen. Über verwandtschaftliche Verhältnisse ergeben sich zudem weitere komplexe individuelle Verpflichtungen und Rechte gegenüber Teilen der Region, die aus indigener Sicht als individueller Landbesitz gelten.[12]

Zusammenfassend ergibt sich über die Zugehörigkeit zu einer bestimmten indigenen Gruppe sowie über individuelle Relationen zu einer Region das Bild einer direkten Verbindung zwischen Land und Identität, die insbesondere aus Sicht der indigenen Bevölkerung kontinuierlich betont wird. Sie findet über den kollektiven sowie individuellen Landbesitz ihren Ausdruck und ist unveräußerlicher Bestandteil einer indigenen Persönlichkeit.[13]

2.1.2 Präkontaktphase

Die Kulturen der Aborigines gelten als die ältesten heute noch praktizierten Kulturen der Welt. Wann genau die ersten Aborigines den australischen Kontinent erreichten, wird bis heute nur geschätzt: Laut Elisabeth Strohscheidt lassen neuere archäologische Funde auf einen Zeitraum von vor 60.000 Jahren schließen, eine noch frühere Besiedelung von vor 120.000 Jahren wird jedoch nicht ausgeschlossen.[14]

Über Jahrtausende erwuchs nach und nach ein komplexes soziales und wirtschaftliches System, welches bis 1788 praktisch ohne äußeren Einfluss blieb. Schätzungen gehen davon aus, dass zur Zeit der Landung der First Fleet etwa 750.000 Aborigines in Australien lebten[15], aufgeteilt in 250 unterschiedliche Sprachgruppen, die sich in weitere über 500 Dialekte gliedern lassen.[16] Multikulturalismus war ausgesprochene Normalität; aufgrund der intensiven Beziehungen zu benachbarten Gruppen waren 4 oder 5 gesprochene Sprachen die Regel. Zusammen lebten Aborigines in Gruppen zwischen ca. 100 und 1.500 Personen in jeweils einer bestimmten Region. Die Aborigines entwickelten einen Lebensstil, der eine optimale Symbiose mit der sie umgebenden Natur darstellt. Durch ihre nomadische Lebensweise, ihrer Achtung von Flora und Fauna als gleichberechtigte Lebensformen, der sehr bewussten Nutzung natürlicher Ressourcen sowie einer effektiven Geburtenkontrolle über komplexe Verwandtschaftsbeziehungen[17] waren sie in der Lage, in sämtlichen Regionen Australiens zu überleben. Die Vielfalt der sich herausbildenden indigenen Kulturen ist somit die logische Konsequenz ihrer ausgesprochenen Anpassungsfähigkeit.

Nicht zutreffend sind unterdessen Aussagen, dass Gruppen von Aborigines lediglich Jäger und Sammler waren, die ausschließlich von dem lebten, was die Natur ihnen bot:

„Further, extended research showed that Aborigines had not just adapted to different climates and geography, they had also actively intervened in their environment […]. The open plains which first attracted pastoralists were not ‘virgin lands’ but a landscape shaped by human intervention.”[18]

„Wenn man das Jagen als Landpflege sieht,“ argumentiert Gerhard Leitner folglich, „begreift man, dass es eine der europäischen Landwirtschaft verwandte Bodennutzungskultur gab.“[19]

Die Gedundheitssituation der Aborigines vor der Invasion 1788 stellte sich unterdessen gut dar: “[The] Aborigines appeared to be in good health and free from disease.”[20] Schreiben hierzu Margaret-Ann Franklin und Isobel White. Die durchschnittliche Lebenserwartung betrug 40 Jahre, 13% der Kinder starben im ersten Lebensjahr und 25% der Kinder in den ersten 5 Lebensjahren zumeist an natürlichen Ursachen. „We therefore gain a picture of the pre-colonial Aborigines as a healthy vigorous people, with each family raising few, but robust, children.”[21]

2.1.3 Kontaktphase

“[…] Ships are sent with the first opportunity; the Natives driven out or destroyed, their Princes tortured to discover their Gold; a free Licence given to all Acts of Inhumanity and Lust; the Earth reeking with the Blood of its Inhabitants: And this execrable Crew of Butchers employed in so pious an Exhibition, is a modern Colony sent to convert and civilize an idolatrous and barbarous People.”[22]

So erklärt Lemuel Gulliver in seinen Travels, warum er von seinen Entdeckungen keinen Besitz nahm: „To say the Truth, I had conceived a few Scruples with relation to the distributive Justice of Princes upon those Occasions.“[23] Jonathan Swift schrieb dies im Jahre 1726 und gab, so Macintyre, “a strangely prescient prediction of the foundation of New South Wales.”[24]

Im Jahre 1770 segelte James Cook für die britische Krone unter anderem entlang der australischen Ostküste und hatte neben der Erkundung der Region die offizielle Anweisung, von Teilen des Landes Besitz nehmen:

„You are also with the Consent of the Natives to take possession of Convenient Situations in the [Southern Continent] in the Name of the King of Great Britain; or, if you find the Country uninhabited take Possession for His Majesty by setting up Proper Marks & Inscriptions, as first discoverers and possessors.”[25]

Die Diskussionen darüber, ob James Cook in gerechtfertigter Weise Besitz von Ostaustralien ergriff, dauern bis in die jüngste Gegenwart an.[26] Unabhängig von der Legalität der Besitzergreifung nahm die Invasion durch die Engländer seit 1788 massiven Einfluss auf das Leben der Aborigines.

„Als die Ersten Australier erkannten, dass die Weißen sich auf ihrem Land niederließen […] und soziales Leben zunehmend störten, wich ihre Freundlichkeit einem entschiedenen Widerstand gegen die ungebetenen Eindringlinge.“[27]

Innerhalb der nächsten Jahre weitete sich dieser Widerstand zu einem Guerillakrieg gegen die Kolonialmacht aus, der bei weiteren Ausdehnungen der Siedlungen ins Landesinnere zu offenen und von Gouverneuren unterstützten bewaffneten Auseinandersetzungen mit der indigenen Bevölkerung führte.[28] Die Bevölkerungszahl der Aborigines wurde zudem durch neue Krankheiten, gegen die sie nicht resistent waren, dezimiert – allein während der beiden Pockenepidemien von 1789 und 1830 starb die Hälfte der Aborigines. Nachdem zunächst Gefangene nach Australien verschifft wurden (insgesamt ca. 170.000), kamen im 19. Jahrhundert zunehmend Siedler nach Australien, die in weiten Teilen Australiens sesshaft wurden. Durch Massaker und willkürliche Tötungen gegen Aborigines sank deren Zahl deutlich, Leitner spricht von 150.000 gegen Ende des 19. Jahrhunderts, Strohscheidt von 30.000 bis 60.000 um 1920/1930.[29] Im Sinne des Social Darwinism war das „weiße“ Australien der Überzeugung, dass es sich bei den Aborigines um eine aussterbende Rasse handele:

„The Aborigines are disappearing. In the course of a generation or two, at the most, the last Australian blackfellow will have turned his face to warm mother earth […] Missionary work then may be only smoothing the pillow of a dying race […].”[30]

Die sich anschließende Protektionspolitik der australischen Regierung sah vor, das Ableben der Aborigines in Missionen und Reservaten „sozialverträglich“ zu gestalten und sie insbesondere von „weißen“ Australiern fernzuhalten. „Halbblut- Aborigines” wurden unterdessen als geeignet angesehen, sich der westlichen Lebensweise anzupassen, wie der 3-Punkte-Plan des Chief Protector in Westaustralien, O.A. Neville, belegt: “First, the full-blooded natives would die out; secondly the half-caste children were to be removed from their families[31] ; and finally, intermarriage was to be encouraged.”[32]

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts keimte der politische Aktivismus der Aborigines erstmals auf. Als erste öffentlichkeitswirksame Aktion organisierte die Aboriginal Progressive Association anlässlich der 150-Jahrfeier 1938 einen Day of Mourning, zu dem in Sydney ausschließlich Aborigines geladen waren. Aus der Aboriginal Progression Association wurde 1943 der Aboriginal Welfare Board. Zum ersten Mal besaß die indigene Bevölkerung Australiens mit ihr ein sie vertretendes Organ. Die Rechtlosigkeit der Aborigines im eigenen Land hatte, aus legislativer Sicht, bis 1967 Bestand. Ein Referendum entschied in jenem Jahr darüber, dem Staat Gesetzgebungskompetenz über ihre indigene Bevölkerung zu geben (Art. 51 Abs. 26) sowie Aborigines bei Volkszählungen einzuschließen (Art. 127). Das Referendum wurde mit einer 90.77%-Zustimmung[33] angenommen. Die Inaktivität der Commonwealth Regierung bezüglich der Änderung bestehender diskriminierender Gesetze in den einzelnen Ländern führte dann allerdings 1972 zur Errichtung der Tent Embassy vor dem Parlamentsgebäude in Canberra.

In den 1970ern und 1980ern Jahren nahmen indigene Aktivisten und Schriftsteller zunehmend neue Formen der Selbstdarstellung für sich ein: Der erste Roman Wild Cat Falling enstand 1965, 3 Jahre später präsentierte Kevin Gilbert mit The Cherry Pickers das erste indigene Drama. Insbesondere die australische Öffentlichkeit wurde so für die Lebenssituation der Aborigines sensibilisiert und politisiert. Nachdem allgemein bekannt war, dass vor allem junge Aborigines stark überproportional in polizeiliches Gewahrsam genommen wurden und es dort immer wieder zu zweifelhaften Todesfällen kam, führte öffentlicher Druck nach dem Tod des Aborigine Eddie Murray (21) 1987 dazu, dass eine Royal Commission Into Aboriginal Deaths in Custody gegründet wurde.[34] Die bereits erwähnte Assimilationspraxis, nach der seit 1910 Kinder aus indigenen Familien gerissen und in Pflegefamilien und Erziehungsheime gesteckt wurden, war unter anderem Bestandteil des Berichtes und führte zu einer National Inquiry Into the Separation of Aboriginal and Torres Strait Islander Children From Their Families.[35]

Einen entscheidenden legislativen Erfolg errang Eddie Mabo hingegen 1992, nachdem er 10 Jahre zuvor sein Recht auf Naturrecht in den Torres Strait Islands eingeklagt hatte. Das Bundesgericht gab ihm und seiner Klage Recht und die Auffassung des Gerichts, auch für das Festland Australiens könne davon ausgegangen werden, dass Aborigines nach wie vor Landrechte besäßen, beendete den bis dahin andauernden Mythos terra nullius[36].

Heute ist die indigene Bevölkerung Australiens zwar wieder auf ca. 458.500 angewachsen[37] und vertritt ihre Angelegenheiten in zunehmendem Maße betont selbstbewusst, doch bleiben sie weiterhin die benachteiligste Bevölkerungsgruppe Australiens. Die Lebenserwartung für indigene Männer und Frauen liegt bei 59 bzw. 65 Jahren, das entspricht jeweils 17 Jahren weniger als die der nicht-indigenen Bevölkerung.[38] In sämtlichen Gesundheitsfeldern stehen Aborigines signifikant schlechter dar – und der Unterschied zwischen der Gesundheit der indigenen von nicht-indigenen Australiern weitet sich weiter aus.[39] Weitere sozial-politisch relevante Themenfelder, die die zeitgenössische Situation der Aborigines darlegen, bilden den Fokus des sich anschließenden Kapitels.

2.2 Zeitgenössische gesellschaftliche Konfliktlinien

2.2.1 Konflikt zwischen Tradition und Moderne

In seiner Beschreibung über die Anfänge der Beziehungen der Europäer mit den Aborigines hält Leitner fest, dass aufgrund der großen Differenzen in den Lebensweisen, die zwischen ihnen herrschten, Kompromisse „undenkbar“ und Konflikte „unvermeidbar“ waren.[40] Wesentliche Differenzen haben sich bis heute gehalten und sorgen weiterhin für Konflikte: So ist die Frage der Vereinbarkeit traditionellen und modernen Lebens wesentlich für viele Aborigines in Australien.

Die rassistische Assimilationspolitik des 20. Jahrhunderts sah sich in der hohen Zahl der in urbanen Verhältnissen lebenden Aborigines zeitweise sogar bestätigt und auch neuzeitliche Autoren sehen dies als Indiz für den Erfolg der Assimilation:

„To think of Aborigines as the group most separate from the rest of Australian society is very misleading. Only a small minority live in rural or remote areas. Most live in urban settings, including regional centres.“[41]

Die Daten, auf die sich Birrel und Hirst berufen, lassen sich anhand des National Aboriginal and Torres Strait Islander Social Survey 2002 nicht belegen. In der vom Australian Bureau of Satistics (ABS) durchgeführten Studie heißt es:

„A significant share of the Indigenous population (69%) lives outside the major urban centres. […] In 2001, around one in four Indigenous Australians lived in remote areas compared with only one in fifty non-Indigenous Australians.”[42]

Weiter wird in der Studie erwähnt, dass sich über die Hälfte der Aborigines mit einer indigenen Gemeinschaft identifiziert und etwa 12% eine traditionelle Sprache sprechen. Die Daten legen nahe, dass indigene Kulturen nach wie vor aktiv von vielen Aborigines gelebt werden.

Der Widerspruch, der sich aus eigenen kulturellen Werten und dem Leben in städtischen, westlich geprägten Gebieten ergibt, wird von Jackie Huggins beschrieben:

„Although the colonisation and urbanisation process has attempted to impose its alien value system on Indigenous peoples in order to immobilise traditional lifestyles and values, the concept of identity or Aboriginality has enabled Aboriginals to cope with the traumatic experiences of city living.“[43]

Explizit formuliert Huggins den Gegensatz der aufeinander treffenden und gegensätzlichen Wertesysteme, die sich durch die Lebenssituation der Aborigines vor allem in urbanen Regionen ergeben. Innerhalb von nur etwas mehr als zwei Jahrhunderten erlebten die Aborigines gesellschaftliche Transformationen erheblichen Ausmaßes, die notwendigerweise sämtliche Lebensbereiche berührten und weiter berühren.

Ian Anderson warnt in seinem Aufsatz Black Bit, White Bit allerdings davor, indigene Gemeinschaften als ‚gefangen zwischen zwei Welten’ zu betrachten: „The experience of ‚non-traditional’ Aboriginal communities is represented as fragmented, as standing only between wolds. What is lost is any sense of the humanity of these Aboriginal people.“[44] Die Darstellung eines Konfliktes zwischen Tradition und Moderne mag zu der Interpretation verleiten, dass zwei starre und unveränderliche Kulturkonzepte gegenüber gestellt werden. Die vielen Beispiele für gelebte indigene Kultur gerade in urbanen Regionen, wie sie z.B. auf der Theaterbühne zutage treten, beweisen vielmehr die Fähigkeit der indigenen Gemeinschaften, sich veränderten Bedingungen anzupassen, ohne die eigene Kultur aufzugeben. So hat sich seit 1788 ein neues kulturelles Selbstverständnis herausgebildet, welches nicht allein über das Gegensatzpaar ‘Tradition vs. Moderne’ erklärt werden kann: „How I speak, act, and how I look are outcomes of a colonial history, and not a particular combination of traits from either side of the frontier.“[45]

2.2.2 Neuschreibung der australischen Geschichte

Die Geschichtsschreibung Australiens ist in erster Linie dadurch gezeichnet, dass die Sichtweise der indigenen Bevölkerung seit ihrer Ankunft 1788 durch westliche Historiker ignoriert und verdrängt wurde. Der australische Anthropologe W. E. H. Stanner prägte 1968 den Begriff Great Australian Silence bezogen auf diese anhaltende Praxis, die indigene Bevölkerung Australiens aus der historischen Betrachtung Australiens auszuschließen.[46] Sie lässt sich in der Konsequenz als master narrative[47] beschreiben, in der die dominante westliche Kultur z.B. das Monopol über die offizielle Version des ersten Kontaktes für sich beanspruchte. So bemerkt Stuart Macintyre noch 1999:

„How and when did Australia begin? One version of the country’s origins – a version taught to generations of schoolchildren and set down in literature and art, memorials and anniversaries – would have it that Australian history commenced at the end of the eighteenth century.”[48]

In diesem Verständnis haben so genannte Entdecker das ihnen unbekannte Land kontinuierlich umbenannt und ihm ihre Kultur aufgetragen – ungeachtet der Tatsache, dass Aborigines den ursprünglichen Namen aller Regionen kannten und dieser jeweils viel über die Bedeutung für sie verriet. Bestrebungen, indigene Bezeichnungen zu restaurieren, sind inzwischen ein Weg um die Geschichte Australiens, die über 1788 hinausreicht, wieder in Erinnerung zu rufen und auch linguistisch zu verdeutlichen, dass Australien kein unbeschriebenes Blatt zu Beginn der Invasion war.[49]

Die westliche Ignoranz der australischen Geschichtsschreibung wird besonders augenscheinlich bei einem Vergleich von Landkarten. Die vom Australian Institute for Aboriginal and Torres Strait Islander Studies herausgegebene Landkarte „Aboriginal Australia“[50] gleicht einem Flickenteppich unterschiedlichster Gruppierungen, wohingegen die Grenzen der heutigen australischen Staaten scheinbar willkürlich und ungeachtet der Aborigines gerade durch das Land gezogen wurden.

Australien bleibt auch im 21. Jahrhundert durchzogen von westlicher Geschichtsschreibung, die die indigene Seite ausblendet und sie aus ihrer Sicht darstellt: Beispielsweise wird jedes Jahr am 26. Januar, am Australia Day, das Eintreffen der First Fleet im Sydney Harbour offiziell gefeiert – doch spätestens seit 1938, als die Aborigine Progressive Association den Day of Mourning deklarierte, widersprechen viele Aborigines dieser offiziellen Version von Geschichte und begehen inzwischen jährlich parallel den Invasion Day.

Aborigines sind im zeitgenössischen Diskurs zunehmend darum bemüht, ihre Seite der seit 200 Jahren andauernden Invasion darzustellen und damit die australische Geschichte insgesamt neu zu fassen. Allerdings weist Ian Anderson zu Recht darauf hin, entsprechende Bestrebungen der Aborigines bereits eine lange politische Tradition besitzen: „‚The empire writes back’, would more accurately read: ‚The empire has already written back.’“[51] Der Umstand, dass indigene Autoren hierbei westliche Konventionen nicht unreflektiert übernehmen, sondern zu ihrem Nutzen modifizieren[52], zeugt davon, dass sie aus dem konzeptionellen Käfig westlicher Denktraditionen ausbrechen. Hinsichtlich indigenen Theaters spricht Norbert Schaffeld in diesem Zusammenhang von „the radical theatrical challenge of a partial historiography.“[53]

2.2.3 Aborigines und das australische Rechtssystem

„Those laws are not our Koori[54] laws – our laws were the first laws of this land. Since we Kooris are invaded people, we have always had to conform to other people’s laws, rules and standards – we were never allowed to be ourselves as Aboriginal people.”[55]

Eine 1987 eingerichtete Royal Commission Into Aboriginal Deaths in Custody (RCIADIC), die zweifelhafte Todesfälle von Aborigines in Gewahrsam untersuchte, betrachtete in den kommenden 4 Jahren 99 Todesfälle, die sich zwischen 1980 und 1989 in australischen Strafanstalten ereignet hatten und legte ihren Bericht 1991 vor.

Zusammenfassend hielt die Kommission fest: „Aboriginal people in custody do not die at a greater rate than non-Aboriginal people in custody.”[56] Der wesentliche Unterschied läge vielmehr in der überproportionalen Inhaftierung von Aborigines: „The degree of over-representation in police custody, as measured by the Commission's study of police cell custody in August 1988, is twenty-nine times.”[57] Insbesondere ‚Zero-Tolerance-Policing’ und ‚Mandatory Sentencing Laws’ in Western Australia sowie im Northern Territory wurden bereits von der UN und weiteren Völkerrechtsorganisationen verurteilt und bezichtigt, gerade das Verhalten von Aborigines zu kriminalisieren und diese somit zu diskriminieren.[58] Amnesty International kritisierte in diesem Zusammenhang: „The recent death of a 15-year-old Aboriginal boy serving a mandatory detention term highlights the punitive and racist effects of juvenile justice laws.”[59]

Entsprechende Verordnungen führen vor allem zur Kriminalisierung von Kleinstdelikten, die auch Ruby Langford Ginibi in ihrem Buch Haunted by the Past aufgreift:

„[P]olice officers […] make arrests on trumped-up charges. These charges – offensive language, resisting arrest, and obstructing police – are so common that they are known within the police force as ‚ham, cheese and tomato’.“[60]

Aufgrund der Diskussionen um die Verwicklung von Polizeikräften in Gewalttaten, Einschüchterungen und Bedrohungen fasst die RCIADIC das Kapitel 13: The Criminal Justice System wie folgt zusammen:

„Overall, as this chapter demonstrates, the legacy of history and the continuation of some police practices, especially by young police officers, which are seen by Aboriginal people to be harsh and discriminatory, results in the situation that relations between Aboriginal people and police are very poor indeed.”[61]

Rassistische Einstellungen und Praktiken sind, bewusst oder unbewusst, im ganzen Land verbreitet und wirken sich über das australische Rechtssystem direkt auf Aborigines aus: „Discrimination is a significant factor contributing to the level of socio-economic disadvantage facing Aboriginal people, and their over-representation in the criminal justice system.”[62]

Micheal Dodson beschreibt die Rechtssprechung und die ‚Verfolgung’ durch die Polizei in der Folge als Fortführung der Stolen Generations mit anderen Mitteln:

„[A] survey of the disproportionate representation of Aboriginal youth in today’s detention centres may well lead to the conclusion that today’s detention centres have been substituted for yesterday’s children’s homes.“[63]

Die Zahlendaten sprechen für diese Einschätzung: Ungeachtet der 339 Empfehlungen der RCIADIC bleiben diese Zahlen weiterhin hoch – laut dem Australian Bureau of Statistics war die Wahrscheinlichkeit eines Aborigine, 2005 im Gefängnis zu sein, 11 Mal höher als die eines Nicht-Aborigine.[64]

Zusammenfassend bleibt daher festzuhalten, dass die Benachteiligung, die Aborigines durch das australische Rechtssystem erfahren, sich im Zuge des Berichtes der RCIADIC nicht verringert hat. Die Frage nach der Qualität der Beziehungen zwischen Polizei und Aborigines bleibt daher aktuell und gewinnt, gemessen an den Daten, weiter an Zündstoff.

2.2.4 Stolen Generations

Zu den Stolen Generations werden all jene Aborigines gerechnet, die seit etwa 1910 bis Mitte der 1970er Jahre von staatlichen Einrichtungen aus ihren Familien gerissen und in Pflegefamilien, Kirchenmissionen und Erziehungsheime gebracht wurden mit dem Ziel, sie von ihrer traditionellen Kultur zu entfremden.

In den häufigsten Fällen wurden Kinder zwischen 2 und 4 Jahren, in manchen Fällen umgehend nach der Geburt, aufgegriffen und in spezielle Institutionen von Kirchen und Wohlfahrtsverbänden gebracht. Dort sollten sie verstärkt westliche Bildung erhalten, christlich geprägt werden und ab dem 14. Lebensjahr dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Auswahlkriterium für diese Prozedur war insbesondere die Hautfarbe der Kinder. Ein signifikanter Teil wurde von so genannten Pflegefamilien adoptiert, in denen sie häusliche Arbeit zu verrichten hatten.

Es dauerte noch bis in die 1970er Jahre, bis zum einen der ansteigende politische Aktivismus der Aborigines und zum anderen die Einsicht der Beschäftigten der Wohlfahrtsverbände dazu führte, dass die betriebene Assimilationspolitik als diskriminierend und rassistisch erkannt wurde und die Praxis der Institutionalisierung von indigenen Kindern beendet wurde. 1980 wurde in New South Wales mit der Link-Up Aboriginal Corporation eine Institution geschaffen, die bis heute zum Ziel hat, getrennte Familien wieder zusammen zu führen.[65]

Die Auseinandersetzung mit den Stolen Generations entfachte 1995 erneut, als von der Human Rights and Equal Opportunity Commission eine National Inquiry Into the Separation of Aboriginal and Torres Strait Islander Children From Their Families berufen wurde. Die Arbeit dieser Kommission sorgte schließlich dafür, das Thema einer breiten australischen wie internationalen Öffentlichkeit bekannt zu machen und sowohl das Ausmaß als auch die weit reichenden Folgen der Praxis festzuhalten. Der 1997 veröffentlichte 700 Seiten starke Bringing Them Home Report basiert auf 777 Aussagen betroffener Personen und Organisationen und beschreibt die Politik zusammenfassend als grobe Verletzung der Menschenrechte der Aborigines und brandmarkt sie als eine Form des Genozids.[66] In den von Australien ratifizierten Konventionen zum humanitären Völkerrecht von 1948 heißt es in diesem Zusammenhang: „[…] genocide means any of the following acts […]: (e) Forcibly transferring children of the group to another group.“[67]

Neben der Aufarbeitung der Vergangenheit weist der Report darauf hin, dass indigene Kinder nach wie vor überproportional von Institutionalisierungen betroffen sind: So wurden sie auch nach Beendigung der offiziellen Politik noch immer etwa 7 Mal häufiger als nicht-indigene Kinder ihren Familien auf Anweisung von Jugendämtern entzogen.[68]

Der Bringing Them Home Report schließt mit 54 Vorschlägen zur Wiedergutmachung der begangenen Taten. Dass sowohl diese Vorschläge als auch die generelle Einschätzung der Kommission auf zum Teil große Vorbehalte in der australischen Bevölkerung trifft, wird exemplarisch am offiziellen Verhalten der australischen Regierung hinsichtlich ihrer Verweigerung einer Entschuldigung für die umstrittene Praxis deutlich: „Australians of this generation should not be required to accept guilt and blame for past actions and policies over which they had no control.“[69]

[...]


[1] Der Diskursbegriff im Rahmen dieser Arbeit orientiert sich an die machtorientierte Verwendung bei Michel Foucault: „Diskurse sind Praktiken, die systematisch die Gegenstände bilden, von denen sie sprechen.“ Foucault in Keller 2004: 45.

[2] Saunders 1989: vii.

[3] Vgl. z.B. Forrest 1998: 103. Forrest beschreibt in seinem Artikel „That’s My Mob: Aboriginal Identity“ unter anderem die Bedeutung gemeinsamer Erfahrungen für das besondere Gemeinschaftsgefühl, das er für Aborigines insgesamt festhält.

[4] Der Begriff „Konfliktlinie“ ist angelehnt an die in der Politikwissenschaft im Bereich der Wahlforschung gebräuchliche Cleavage-Theorie, nach der Wähler ihre Wahlentscheidung anhand von langfristig in der Gesellschaft bestehenden Konflikten treffen und sich Parteien inhaltlich in der Folge strukturell an diesen ausrichten. Vgl. Schultze 2002: [online].

[5] Siehe hierzu Kapitel 3.1.1.

[6] Vgl. Kapitel 2.2.5.

[7] Vgl. z.B. O’Brien 1983, Scott 1986, Narogin 1990.

[8] Gilbert/ Tompkin 1996; Crow/ Banfield 1996; Balme 1999.

[9] Casey 2000: 87. Ein entsprechender Hinweis bezüglich der Geschichtsschreibung findet sich in Schaffeld 2003: 93f.

[10] CLC 2003: [online].

[11] Berndt/ Berndt 1989: 6.

[12] Eine ausführlichere Besprechung zur sogenannten conception site sowie weiteren Aspekten findet sich im Kapitel „Totemism“ in Berndt/ Berndt 1985: 231ff.

[13] Die Besprechung des Aboriginal Dreaming ist notwendigerweise stark verkürzt und vereinfacht. Ausführlichere Darstellungen speziell zur Schöpfungsgeschichte finden sich u.a. in Bourke/ Bourke/ Edwards 1994 und Leitner 2006, zum Dreaming in Myers 1986.

[14] Vgl. Strohscheidt 2002: 66.

[15] White, Mulvaney (1987) in: Franklin, White 1991: 2.

[16] Vgl. hierzu AIATSIS 2005a: [online].

[17] Eine ausführliche Einführung in die soziale Organisation und Strukturen innerhalb von Aborigine Gemeinschaften liefern Berndt/ Berndt in ihrem Kapitel III: Social Organization and Structure. (Berndt/ Berndt 1964: 46ff.)

[18] Carter 2006: 75f.

[19] Leitner 2006: 54. Für einen umfassenden Einblick in die extensive Nutzung von Feuer für Landmanagement siehe Dyer 2001 .

[20] Franklin, White 1991: 3.

[21] Ibid.

[22] Swift 1726: 264.

[23] Ibid.

[24] Macintyre 1999: 26.

[25] Anweisungen an James Cook (1768) in: Frost 1990: 70f.

[26] Vgl. u.a. Frost 1990 und Reynolds 1992.

[27] Strohscheidt 2002: 70.

[28] Vgl. z.B. Butler 1995: 142 und Reynolds 1990. Mit der Veröffentlichung des Artikels Exposing Academic Deception of Past Wrongs im Sydney Morning Herald vom 19. September 2000 von Keith Windshuttle begann eine intensive Debatte über australische Geschichtsschreibung; eine umfangreiche Aufarbeitung dieser Debatte findet sich in Atwood 2005.

[29] Zahlenangaben nach Leitner 2006: 28 und Strohscheidt 2002: 70.

[30] Frodsham (1906) zitiert in: Strohscheidt 2002: 71.

[31] Dieser Teil der Politik wird im Kapitel 2.2.4 gesondert dargestellt, da die massiven Auswirkungen auf die betroffenen Aborigines bis in die Gegenwart andauern.

[32] Neville (1937) in Schimmel 2005: [online].

[33] Tripcony 1997: [online].

[34] Vgl. hierzu Kapitel 2.2.3.

[35] Siehe hierzu Kapitel 2.2.4.

[36] Lat.: Niemandsland, Land ohne anerkannten Besitzer. Vgl. Reynolds 1992: 12.

[37] Stand: 2001. Für 2006 gibt das australische Bundesamt für Statistik ca. 470.000 an. Zahlendaten nach Australian Bureau of Statistics (2001) in Australian Government – Department of International Affairs and Trade 2006: [online].

[38] Zahlendaten nach HealthInfoNet 2005: [online].

[39] Ibid.

[40] Leitner 2006: 23.

[41] Birrel, Hirst 2002: [online].

[42] ABS 2002: [online], 9.

[43] Huggins 2001: 44.

[44] Anderson 2003: 51.

[45] Ibid.

[46] Vgl. Stanner (1968) in Attwood 1996: [online].

[47] Als master narrative (oder grand narrative) werden sich selber legitimierende Ideologien oder Diskurse angesehen, in denen die von ihnen systematisch geformten Objekte keine Beteiligung erfahren. Einseitige Geschichtsschreibung aus englischer Sicht über Aborigines ist ein Beispiel für die Praxis, die in der Vergangenheit bevorzugt Minoritäten in kolonialisierten Ländern nicht zu Wort kommen ließ.

[48] Macintyre 1999: 1.

[49] Für eine kritische Betrachtung der Intentionen dieser Umbenennungen siehe Birch 2003.

[50] Vgl. AIATSIS 2005a: [online] sowie Anhang: i.

[51] Anderson 2003: 18. Vgl. hierzu auch Van Toorn 1996.

[52] Bezogen auf Theaterkonventionen siehe Kapitel 3.2.

[53] Schaffeld 1998: 237.

[54] Als „Koori“ bezeichnen sich Aborigines aus New South Wales sowie Victoria (dort: „Koorie“).

[55] Langford Ginibi 1999: v.

[56] RCIADIC 1991: [online], (1.3.1).

[57] RCIADIC 1991: [online], (1.3.2).

[58] UN (2000) zitiert in: Strohscheidt 2002: 87.

[59] ai 2000: [online].

[60] Langford Ginibi 1999: xi.

[61] RCIADIC 1991: [online], (13.6.1).

[62] ADB 2005: [online].

[63] Dodson 1994: 16.

[64] Zahlendaten nach ABS 2005: [online].

[65] Siehe hierzu AIATSIS 2005b: [online].

[66] HREOC 1997b: [online], 226.

[67] UNHCHR 1948: [online].

[68] Vgl. HREOC 1997b: [online], 368.

[69] Howard 1999: [online].

Ende der Leseprobe aus 82 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung der Lebensweise der Aborigines im zeitgenössischen indigenen Theater Australiens
Hochschule
Universität Bremen
Veranstaltung
Aboriginal Drama in Australia and Canada
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
82
Katalognummer
V64927
ISBN (eBook)
9783656484493
Dateigröße
1946 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Darstellung, Lebensweise, Aborigines, Theater, Australiens, Aboriginal, Drama, Australia, Canada
Arbeit zitieren
Björn Siemers (Autor), 2006, Die Darstellung der Lebensweise der Aborigines im zeitgenössischen indigenen Theater Australiens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64927

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