Vergleichen Sie zwei klassische soziologische Ansätze hinsichtlich ihrer gesellschaftstheoretischen Programmatik


Essay, 2005
8 Seiten, Note: 1,3
Anonym

Leseprobe

Die beiden Zeitgenossen Georg Simmel (1885-1918) und Emile Durkheim (1885-1917) lebten um 1900 in den Nachbarländern Deutschland und Frankreich, zu einer Zeit, als sich die Soziologie manifestierte und die Erkenntnislandschaft blühte. So ähnelten sich die Interessengebiete Simmels und Durkheims zu einem gewissen Maße. Die Zwiespältigkeit der Moderne, welche die Soziologie im Allgemeinen stark beeinflusste, wurde auch von Georg Simmel und Emile Durkheim fokussiert. Zu einem der Schwerpunkte ihrer Studien wurde die soziale Differenzierung der modernen Gesellschaft, welche im Hinblick auf die Entstehung und Auswirkung der Individualisierung in diesem Essay verglichen werden soll. Angefangen in der Renaissance, über die französische Revolution bis hin zur Industrialisierung rückte der Mensch als Individuum immer mehr in den Mittelpunkt der gesellschaftlichen Strukturen und Denkweisen. Die Bedeutung eines ausgeprägten individuellen Erscheinungsbildes findet mit unserer heutigen Zeit und ihrem gesellschaftlichen Individualitätszwang ihre Höhepunkte - zwar nicht im intellektuellen Sinne wie bei Simmel, wo der Mensch durch Talent und Genialität aus der breiten Masse heraus sticht, sondern – wie auch Müller treffend formulierte – eher im Sinne von Modebewusstsein und Einzigartigkeit um jeden Preis mit allen bereitstehenden Möglichkeiten (Müller 1993). Sowohl Georg Simmel als auch Emile Durkheim waren der Auffassung, dass die Individualisierung mit fortschreitender Arbeitsteilung stets ausgeprägter wurde. Dennoch unterschieden sich beide Soziologen in der Intensität, mit welcher sie dieses Thema untersuchten. So sah Durkheim das Individuum nur als Grundlage für das Funktionieren der modernen Gesellschaft, wohingegen Simmel weitaus intensiver auf die Problematik des Individuums in der Gesellschaft einging. Simmel untersuchte die Ursprünge und Eigenschaften, durch die sich das Individuum definierte, während Durkheim eher die Konsequenzen, die sich durch die Individualisierung für das solidarische Zusammenleben bildeten, beleuchtete.

Der Individualitätsbegriff an sich wurde bereits von dem englischen Philosophen Thomas Hobbes und dem Franzosen Jean-Jacques Rousseaus aufgegriffen. Beide waren der Auffassung, dass sich die Gesellschaft aus Individuen formatiert, sie quasi in einem Zustand ohne Regeln und Gesetze ihre eigenen Richtlinien sind und sich selbst Begrenzungen auflegen (Vgl Ken 1995: 126). Durkheims Individualitätsbegriff ist jedoch differenzierter zu sehen. Er vertritt, ebenso wie Simmel, die Meinung, dass das Individuum durch die Gesellschaft begrenzt wird und die Gesellschaft unabhängig vom Individuum existiert (Vgl ebd.). „Collective life is not born from individual life, but it is on contrary, the second which is born from the first“ (Rueschemeyer 1986: 51). So gehen auch die individuellen Interessen aus den gesellschaftlichen Interessen hervor, womit das Individuum ein klares Produkt der gesellschaftlichen Prozesse ist. Durkheim will also den Individualismus soziologisch erklären und so ist die grundlegende Formel für Individualität die Unterscheidung von der Masse (Ken 1995: 146).

Während Durkheims Individualismusdefinition eher unklar bleibt, setzt sich Simmel detaillierter mit ihr auseinander. Aus Simmels Werk Untersuchung über die Formen der Vergesellschaftung (1908) gehen seine Theorien über die Definition von Individualität und die mit dem Individuum verbundenen sozialen Kreise hervor. Simmel unterscheidet in seinen Werken zwischen quantitativem und qualitativem Individualismus. Ersterer war besonders im 18. Jahrhundert durch die Einzelheit des Menschen definiert, während der qualitative Individualismus im 19. Jahrhundert entstand und die Einzigartigkeit, also die Selbstbestimmtheit des Menschen hervorhob (Schimank 1996: 46). Das Individuum wird im 19. Jahrhundert demzufolge mündig gesprochen und hat somit ein Recht auch als solches behandelt zu werden (ebd). Es kann die Kreise in denen es verkehrt selbst und frei wählen, wodurch die Individualität laut Simmel verstärkt entfaltet wird. Bei der Unterscheidung zwischen diesen zwei Arten von Individualität bezieht sich Georg Simmel vor allem auch auf Emanuel Kant und Johann Wolfgang von Goethe, anhand derer er auch historisch versucht, das Phänomen Individuum zu beweisen (Kim 2002: 170). Grundlegend definieren Durkheim und Simmel also die Individualität als ein Herausstechen aus der Masse, die sich bei Simmel durch die Angehörigkeit in verschiedenen sozialen Kreisen entwickelt.

Für Simmel ist die Individualität nicht empirisch nachweisbar, wohl aber ihrer Entstehung (Kim 2002: 170). Auch Durkheim beschäftige sich eine Zeit lang mit der Entwicklung der Individualität, wobei bei beiden der Konsens herrscht, dass durch verstärkte Arbeitsteilung auch die Individualisierung des Einzelnen beeinflusst wird. Während Durkheim verstärkt auf diesen Aspekt eingeht, bezieht sich Simmel auch auf den Einfluss der sozialen Kreise, des Geldes und der damit auftretenden Rationalisierung. Georg Simmel sieht eine Spannung „zwischen gesellschaftlicher Rationalisierung und personaler Individualisierung (Pohlmann 1987: 1), was auch bedeutet, dass sich das Individuum nicht vollständig in einer Gesellschaft entfalten kann, da es trotz größer werdender Unabhängigkeit durch z.B. das Geld mehr und mehr in die gesellschaftlichen Prozesse eingebunden wird. Unter Rationalisierung versteht Simmel den „Prozess der Differenzierung der Gesellschaft in objektivierte Teilsysteme, die durch immer exaktere Berechnung strukturiert werden“ (ebd), welches er als Vorraussetzung für die Möglichkeit der persönlichen Entfaltung festlegt. Diese wird jedoch im voranschreitenden Rationalisierungs- und Differenzierungsprozess auch wieder dadurch gehemmt, dass sich nur ein kleiner Teil des Individuums in eine spezifische Richtung entwickelt – die Existenz eines omnipotenten Individuums rückt also in utopische Ferne.

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Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Vergleichen Sie zwei klassische soziologische Ansätze hinsichtlich ihrer gesellschaftstheoretischen Programmatik
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Seminar Soziologische Theorie
Note
1,3
Jahr
2005
Seiten
8
Katalognummer
V65052
ISBN (eBook)
9783638577120
Dateigröße
359 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Im Essay wird ein Vergleich der Soziologen Georg Simmel und Emile Durkheim hinsichtlich ihrer Problematik des Individuums in der Gesellschaft angestrebt.
Schlagworte
Vergleichen, Ansätze, Programmatik, Seminar, Soziologische, Theorie
Arbeit zitieren
Anonym, 2005, Vergleichen Sie zwei klassische soziologische Ansätze hinsichtlich ihrer gesellschaftstheoretischen Programmatik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65052

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