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Die Debatte um "die Vernichtung lebensunwerten Lebens" in der frühen Weimarer Republik

Title: Die Debatte um "die Vernichtung lebensunwerten Lebens" in der frühen Weimarer Republik

Term Paper (Advanced seminar) , 2006 , 33 Pages , Grade: 2,0

Autor:in: Christopher Bünte (Author)

History of Germany - World War I, Weimar Republic
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Das Ende des Ersten Weltkriegs markiert in der deutschen Geschichte eine wichtige Zäsur. Das Wilhelminische Kaiserreich war vergangen, eine Zeit des Umbruchs und der Neuordnung brach an. Jenseits der konkreten realpolitischen Ereignisse, wie z. B. der Novemberrevolution, der Ausrufung der Weimarer Republik oder des Friedensvertrags von Versaille, brachen überlieferte Gesellschaftsstrukturen auf. Die Vergangenheit hatte Risse bekommen, man diskutierte über grundlegende Neuregelungen für die Zukunft.
Die so genannte »Euthanasie-Debatte« der frühen Weimarer Jahre ist als ein spezielles Fragment dieser gesellschafts- und sozialpolitischen Umwälzungen zu sehen und spielt sich hauptsächlich im Bereich der Psychiatrie und des psychiatrischen Anstaltswesens ab. Die Diskussion begann 1920, als der Jurist Karl Binding und der Psychiater Alfred Hoche eine Schrift mit dem Titel »Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens« veröffentlichten. Dieser Text und eine Anzahl von Vorträgen, Rezensionen und Diskussionsbeiträgen, die in den darauf folgenden Jahren entstanden, sind Gegenstand der vorliegenden Arbeit. Als Schlusspunkt der Debatte wird das Jahr 1925 gewählt, als das Buch »Das Problem der Abkürzung „lebensunwerten“ Lebens« von Elwald Meltzer erscheint. Meltzers Schrift ist zu verstehen als eine direkte Gegenschrift zu Binding und Hoche.
Die heutige historische Auseinandersetzung mit der Debatte ist oftmals ein Streit um Worte. So muss der Zweck der Bezeichnung »Euthanasie-Debatte« in Frage gestellt werden, da sie dem eigentlichen Kern der ausschlaggebenden Schrift von Binding und Hoche nicht gerecht wird. Es geht den Autoren nicht um einen „schönen Tod“, nicht um Mitgefühl und nicht um das Recht des Individuums auf den eigenen Freitod, auch wenn es Textstellen gibt, die diesen Eindruck erwecken können. Der Begriff »Euthanasie« ist also fragwürdig. Binding und Hoche sprechen sich für eine Vernichtung von Menschenleben aus, staatlich organisiert und ökonomisch orientiert. Ins Blickfeld geraten dabei psychisch kranke und geistig behinderte Menschen. Aus diesem Grund wurde für die Diskussion die Bezeichnung „Binding-Hoche-Debatte“ gewählt, auf diese Art gebunden an jene Personen, die die Diskussion auslösten. Man wird dem Inhalt der Debatte gerechter, wenn man in ihrem Zusammenhang das verschleiernde Wort »Euthanasie« fallen lässt.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. »Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens«

2.1. Karl Binding: »Rechtliche Ausführung«.

2.2. Alfred Hoche: »Ärztliche Bemerkungen«.

2.3. Zusammenfassung

3. Reaktionen.

3.1. Vorträge und Diskussionen: Klee, Straßmann und Haenel

3.2. Rezensionen und kritische Bemerkungen.

3.2.1. Argumente der Befürworter: Gaupp und Borchardt

3.2.2. Argumente der Gegner: Bresler, Brennecke und Wauschkuhn

3.3. Ewald Meltzer

4. Lesarten

4.1. Der Hungerwinter 1916/1917.

4.2. Die Finanzkrise und die öffentlichen Anstalten

4.3. Der Wille zur Reform

4.4. Soziale Hygiene

5. Schlussbetrachtung

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht die sogenannte „Binding-Hoche-Debatte“ in den frühen Jahren der Weimarer Republik und analysiert die Ursachen sowie die Argumentationslinien dieser Diskussion. Die Forschungsfrage fokussiert dabei darauf, welche Umstände zu der spezifischen Form dieser Debatte führten und wie die verschiedenen Standpunkte von Befürwortern und Gegnern der staatlich legitimierten Tötung „lebensunwerten Lebens“ zu erklären sind.

  • Die Analyse der Schrift „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ von Karl Binding und Alfred Hoche.
  • Die Untersuchung der zeitgenössischen Reaktionen in Form von Fachvorträgen, Rezensionen und Gegenschriften.
  • Die Einordnung der Debatte in den historischen Kontext der Nachkriegszeit, insbesondere unter dem Einfluss des Hungerwinters 1916/1917 und der Finanzkrise.
  • Die Erörterung ideologischer Strömungen wie Sozialdarwinismus und obrigkeitsstaatlicher Denkmuster im psychiatrischen Kontext.

Auszug aus dem Buch

2.1. Karl Binding: »Rechtliche Ausführung«

»Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens« besteht aus zwei Aufsätzen. Unter dem Titel »Rechtliche Ausführung« äußert sich zunächst Karl Binding. Nach einer längeren Einführung, die sich mit Selbstmord, dem Töten im Krieg und der Notwehr beschäftigt, kommt er schließlich zum eigentlichen Thema. Im Gewand eines erfahrenen Juristen trachtet er danach, verschiedene Personengruppen zu definieren, deren Tötung straffrei sein soll. Anschließend stellt er ein konkretes Verfahren vor, in dem ein staatlicher „Freigebungsausschuß“ über die straffreie Tötung entscheidet.

Die erste Gruppe, die Binding benennt, betrifft „die zufolge Krankheit oder Verwundung unrettbar Verlorenen, die im vollen Verständnis ihrer Lage den dringenden Wunsch nach Erlösung besitzen und ihn in irgendeiner Weise zu erkennen gegeben haben.“ Die zweite Gruppe betrifft die „unheilbar Blödsinnigen - einerlei ob sie so geboren oder [...] im letzten Stadium ihres Leidens so geworden sind.“ Die dritte Gruppe (von Binding als „Mittelgruppe“ bezeichnet) betrifft „geistig gesunde Persönlichkeiten, die durch irgendein Ereignis [...] bewußtlos geworden sind und die, wenn sie aus ihrer Bewußtlosigkeit noch einmal erwachen sollten, zu einem namenlosen Elend erwachen würden.“

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Einleitung verortet das Thema der Euthanasie-Debatte in der frühen Weimarer Republik als Teil gesellschaftlicher Umwälzungen und stellt die Intention der Arbeit dar, die „Binding-Hoche-Debatte“ als singuläres historisches Ereignis zu analysieren.

2. »Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens«: Dieses Kapitel untersucht die Kernthesen von Karl Binding und Alfred Hoche und arbeitet den Widerspruch zwischen deren behaupteter Sachlichkeit und ihrer tatsächlich emotionalen, ökonomisch orientierten Argumentation heraus.

3. Reaktionen: Hier werden zeitgenössische Stellungnahmen, von zustimmenden Vorträgen wie denen von Karl Klee bis zu kritischen Entgegnungen wie denen von Ewald Meltzer, detailliert dokumentiert und analysiert.

4. Lesarten: Dieses Kapitel verknüpft die Debatte mit konkreten historischen Rahmenbedingungen wie dem Hungerwinter 1916/1917, der wirtschaftlichen Instabilität und dem fachspezifischen Streben der Psychiatrie nach Reformen und Etablierung.

5. Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung resümiert, dass die Forderungen von Binding und Hoche als Ausdruck einer allgemeinen Verunsicherung und einer fundamentalistischen Weltsicht zu verstehen sind, die jedoch zum damaligen Zeitpunkt noch nicht politikfähig war.

Schlüsselwörter

Euthanasie-Debatte, Binding-Hoche, Weimarer Republik, Psychiatrie, lebensunwertes Leben, Sozialdarwinismus, Rechtsgeschichte, Hungerwinter, Finanzkrise, Ewald Meltzer, Sterbehilfe, Anstaltswesen, staatliche Tötung, Eugenik, Volkskörper.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?

Die Arbeit untersucht die Debatte, die durch die 1920 erschienene Schrift von Karl Binding und Alfred Hoche über die sogenannte „Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ ausgelöst wurde.

Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?

Die Untersuchung umfasst die juristischen und psychiatrischen Argumente für eine staatlich legitimierte Tötung behinderter Menschen sowie die zeitgenössische Kritik daran vor dem Hintergrund der frühen Weimarer Jahre.

Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?

Das Ziel ist es, die Binding-Hoche-Debatte als ein historisches Ereignis aus dem Kontext seiner Entstehungszeit heraus zu verstehen und die Ursachen für das Aufkommen dieser radikalen Positionen zu klären.

Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?

Der Autor stützt sich auf eine tiefgehende Quellenanalyse, wobei er zeitgenössische Texte, Vorträge, Rezensionen und wissenschaftliche Fachzeitschriften zwischen 1920 und 1925 untersucht.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Im Hauptteil werden zunächst die Thesen von Binding und Hoche analysiert, gefolgt von einer detaillierten Auseinandersetzung mit den Reaktionen von Fachkollegen und dem historischen Kontext der ökonomischen und sozialen Krisen jener Jahre.

Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit wird wesentlich durch Begriffe wie Binding-Hoche-Debatte, Sozialdarwinismus, Psychiatriegeschichte, ökonomische Nützlichkeit und obrigkeitsstaatliches Denken charakterisiert.

Wie bewerten Gegner der Binding-Hoche-Debatte den Vorschlag des „Freigabeausschusses“?

Gegner, wie beispielsweise Dr. Wauschkuhn, sehen darin eine lebensgefährliche Entwertung menschlichen Lebens und eine gefährliche Kompetenzübertragung an staatliche Stellen, die in eine „schiefe Ebene“ führen könne.

Welche Rolle spielt der Hungerwinter 1916/1917 für die Argumentation der Autoren?

Der Hungerwinter wird als Hintergrund für die ökonomische Argumentation genutzt, indem die Not der Bevölkerung gegen die Versorgungskosten von Anstaltspatienten ausgespielt wurde, um „Einsparungen“ zu rechtfertigen.

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Details

Title
Die Debatte um "die Vernichtung lebensunwerten Lebens" in der frühen Weimarer Republik
College
University of Freiburg  (Institut für Neuere und Neueste Geschichte)
Course
Hauptseminar: NS-Euthanasie
Grade
2,0
Author
Christopher Bünte (Author)
Publication Year
2006
Pages
33
Catalog Number
V65098
ISBN (eBook)
9783638577465
ISBN (Book)
9783656812746
Language
German
Tags
Debatte Vernichtung Lebens Weimarer Republik Hauptseminar NS-Euthanasie
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Christopher Bünte (Author), 2006, Die Debatte um "die Vernichtung lebensunwerten Lebens" in der frühen Weimarer Republik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65098
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