Zu: Kafkas "Die Verwandlung" - Versuch einer psychoanalytischen Deutung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

24 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Franz Kafka - Die Verwandlung
2.1 Was passiert in „Die Verwandlung“?

3. Die Personen der Erzählung
3.1 Gregor
3.2 Grete
3.3 Die Mutter
3.4 Der Vater

4. Themen und Motive
4.1 Verwandlungs- und Käfermotiv
4.2 Die Dame im Pelz
4.3 Kindliche Abhängigkeit versus Adoleszenzkrisen
4.4 Vater-Sohn-Konflikt

5. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Verwandlung des Gregor Samsa in einen Käfer gehört zu den bekanntesten Handlungen der Literatur. In der Mythologie und auch in Märchen werden Menschen in Tiergestalten verwandelt. Gregor Samsa wacht eines Tages auf und ist in einen Käfer verwandelt. Welche Auswirkungen hat die Verwandlung? Wie geht Gregor damit um? Wie reagiert seine Familie darauf? Verändert sich das Familienleben bzw. das Verhältnis der einzelnen Familienmitglieder zu Gregor?

Um in die Thematik von Kafkas Werk „Die Verwandlung“ einzuführen, möchte ich im ersten Schritt der Hausarbeit die wichtigsten Aspekte des Inhaltes wiedergeben. Dabei werden schon einige Themen angesprochen, auf die im weiteren Verlauf der Hausarbeit näher eingegangen werden soll.

Im nächsten Kapitel möchte ich auf die vier Hauptpersonen in Kafkas Werk eingehen: Gregor, seine Schwester Grete, Gregors Mutter und sein Vater. Hierbei soll neben einem Gesamtbild der Familie auf das jeweilige Verhältnis zwischen Gregor und seinen Familienangehörigen eingegangen werden.

Im dritten Schritt möchte ich mich mit einigen Motiven und Hauptthemen auseinandersetzten, die für Kafkas Werk „Die Verwandlung“ von großer Bedeutung sind. Zunächst soll das Motiv der Verwandlung in einen Käfer näher betrachtet und dann im nächsten Schritt auf das Bild der Dame im Pelz eingegangen werden. Weiterhin wird Kafkas Werk unter dem entwicklungspsychologischen Aspekt der Adoleszenzphase betrachtet, um dann im letzten Schritt näher auf das Verhältnis zwischen Gregor und seinem Vater einzugehen. In diesem letzten Schritt sollen die Phasenlehre Siegmund Freuds und der von ihm geprägte Begriff des Ödipuskonfliktes mit einfließen, und ich werde versuchen aufzuzeigen, inwieweit diese Elemente bei der Deutung des Werkes „Die Verwandlung“ von Bedeutung sein können. Hierbei handelt es sich also um den Versuch einer psychoanalytischen Deutung.

2. Franz Kafka - Die Verwandlung

Im Folgenden möchte ich kurz zur Einführung die wichtigsten Aspekte des Inhaltes wiedergeben.

2.1 Was passiert in „Die Verwandlung“?

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“1 Kafka beginnt sein Werk sofort mit dem zentralen Motiv der Verwandlung, so dass dem Leser direkt die Spannung genommen wird. Der Leser wird ohne jegliche Vorbereitung oder Einführung ins Außergewöhnliche und Unvertraute gestoßen. Wie auch Gregor selber über diese Verwandlung überrascht ist, so ergeht es auch dem Leser.

Gregor Samsa, der zusammen mit seinen Eltern und seiner jüngeren Schwester Grete wohnt, ist als Handlungsreisender scheinbar das Familienoberhaupt und der Ernährer. Gregor arbeitet um die Schulden seines Vaters zu bezahlen, wobei der Vater nach wie vor die größere Macht innerhalb der Familie hat, da er das Geld verwaltet. Eines Tages wacht Gregor als Käfer auf, womit sich das Familienleben und auch die Rollenverteilung innerhalb der Familie grundlegend verändern. Um der Mutter den Anblick ihres nun verwandelten Sohnes zu ersparen, lebt Gregor fortan nur noch in seinem Zimmer. Nur seine Schwester traut sich hinein und versorgt Gregor mit Nahrung. Der Vater muss aufgrund der Verwandlung wieder eine Stelle annehmen, die er als Diener bei einem Bankinstitut findet 2. Somit übernimmt er wieder die Rolle des Ernährers der Familie. Auch die Mutter und Grete nehmen Tätigkeiten auf, um zum wirtschaftlichen Erhalt der Familie beizutragen: „die Mutter nähte […] für ein Modegeschäft“ 3 und Grete nimmt eine „Stellung als Verkäuferin“ 4 an.

Obwohl Kafka das Geschehen aus der subjektiven Sicht Gregors erzählt und der Leser deshalb noch von seinen menschlichen Zügen wie beispielsweise seinen Gedanken, seinen Gefühlen und Ängsten erfährt, so sieht seine Familie in ihm jedoch nur noch mehr ein Tier, vor dem es sich zu schützen gilt. Aus diesem Grund kommt es auch zu mehreren Gewaltszenen, in deren erster Szene der Vater seinen Sohn mit einem Stock zunächst jagt und dann mit einem Stoß Gregor „heftig blutend, weit in sein Zimmer hinein“5 stößt.

In der zweiten Szene deutet Grete das Verhalten ihres Bruders falsch. Sie räumt zusammen mit ihrer Mutter Gregors Zimmer aus, damit dieser mehr Platz zum Herumkriechen hat. Gregor wird jedoch bewusst, dass ihm so jegliche Menschlichkeit genommen wird. Um dies zu verhindern, heftet er sich an ein Bild, welches noch in seinem Zimmer hängt, um wenigstens einen vertrauten Gegenstand zu retten. Dabei wird er von seiner Mutter gesehen, die bei dem Anblick ihres verwandelten Sohnes in Ohnmacht fällt6. Gregor verlässt daraufhin sein Zimmer und kriecht, um nach seiner Mutter zu schauen, in das Wohnzimmer, wo sich Grete um die ohnmächtige Mutter kümmert. Der von der Arbeit nach Hause kommende Vater deutet die ihm nun dargebotene Szene falsch: er sieht seine Frau ohnmächtig im Zimmer liegen und seinen verwandelten Sohn Gregor, der sein Zimmer verlassen hat und auf die Mutter zu kriecht. Er weiß nicht, dass Gregor sich um seine Mutter sorgt und aus diesem Grund zu ihr möchte. Der Vater sieht in ihm eine Bedrohung und bombardiert Gregor mit Äpfeln, bis dieser, mit einem Apfel im Rücken, wieder zurück in seinem Zimmer ist.

In einer dritten Szene verlässt Gregor, angezogen von dem Violinenspiel seiner Schwester, erneut sein Zimmer, wobei er auch von drei Zimmerherren gesehen wird. Diese wohnen bei Familie Samsa zur Untermiete, um das Einkommen der Familie aufzubessern, ziehen jedoch sofort aus, als sie den verwandelten Gregor erblicken. In dieser Szene versucht dennoch keiner Gregor gewaltsam in sein Zimmer zurückzudrängen. Allerdings verriegelt seine Schwester sofort die Zimmertür hinter Gregor, sobald dieser wieder in sein Zimmer gekrochen ist7.

Gregor wird nun komplett aus dem Familienleben ausgeschlossen, die Tür zu seinem Zimmer bleibt verschlossen. Seine Schwester spricht zum ersten Mal auch nicht mehr von Gregor als ihrem Bruder, sondern von ihm als einem Ding: „Weg muss es“8. Doch bevor die Familie planen kann, wie es in Zukunft weitergehen soll, stirbt Gregor allein in seinem Zimmer.

Nach Gregors Tod kann die Familie zum ersten Mal wieder einen Ausflug ins Grüne machen und über eine neue Zukunft - ohne Gregor - nachdenken.

3. Die Personen der Erzählung

In diesem Kapitel möchte ich auf die vier Hauptpersonen in Kafkas Werk eingehen: Gregor, seine Schwester Grete, Gregors Mutter und sein Vater. Hierbei soll das jeweilige Verhältnis zwischen den einzelnen Personen und Gregor dargestellt werden, wobei ich auch ein Gesamtbild der Familie aufzeigen möchte.

3.1 Gregor

Gregor Samsa wird als verantwortungsbewusster Sohn beschrieben, der die Rolle des Ernährers und Familienoberhauptes einnimmt, nachdem sein Vater einen wirtschaftlichen Verlust erlitten hat. Gregor arbeitet als „Reisender“9, so dass er „den Aufwand der ganzen Familie zu tragen imstande war und auch trug“10. Sein verdientes Geld spart er nicht für sich selbst, sondern nimmt es zur Existenzsicherung seiner Familie und für den Traum, seine Schwester Grete auf ein Konservatorium schicken zu können11.

Dieses Bild von Gregor bekommt der Leser aus der subjektiven Sicht Gregors erzählt. Aus der Sicht der Mutter wird das Bild etwas abgewandelt. In der Beschreibung der Mutter erscheint Gregor als „infantil, auf dem Entwicklungsstadium eines Kindes stehen geblieben, zugleich introvertiert und fügsam“12. Anstatt abends mit jemandem auszugehen, bleibt Gregor zu Hause am Tisch seiner Eltern und liest still in der Zeitung13. Durch den Blick der Mutter bekommt der Leser von Gregor das Bild eines gehorsamen Sohnes, der zugunsten der Eltern auf sein Privatleben verzichtet, um „in kindlicher Abhängigkeit zu verharren“14.

Betrachtet man Gregor in Hinblick auf seinen Beruf als Handlungsreisender bzw. in Bezug zu seinem Chef, dem Prokuristen, so lässt sich eine ambivalente Einstellung Gregors herausarbeiten: Auf der einen Seite arbeitet Gregor gerne als Reisender; er „könnte ohne das Reisen nicht leben“15. Als der Prokurist bei Familie Samsa auftaucht, weil Gregor nicht zur Arbeit erschienen ist, denkt Gregor nicht weiter über seine Verwandlung nach, sondern macht sich Gedanken darüber, wie er möglichst schnell seinen noch ungewohnten und nicht leicht zu bewegenden Körper aus dem Bett bekommen kann. Er versucht aufzustehen, um die Verspätung seinen Eltern und dem Prokuristen zu erklären und dann zum Bahnhof zu fahren, damit er seine Termine einhalten kann. In seinem Beruf ist er sehr pflichtbewusst, und er sei in den fünf Jahren seiner Berufstätigkeit noch nie krank gewesen16. Gregor ist durch die Schulden seiner Eltern und als alleiniger Ernährer der Familie seinem Arbeitgeber verpflichtet. Durch seinen Verdienst kann seine Familie ein ruhiges und gesichertes Leben führen. Doch diese Abhängigkeit und Unterwürfigkeit belasten Gregor. Er hegt sogar Rachefantasien und Tötungswünsche gegenüber dem Prokuristen:

Wenn ich mich nicht wegen meiner Eltern zurückhielte, ich hätte längst gekündigt, ich wäre vor den Chef hingetreten und hätte ihm meine Meinung von Grund des Herzens aus gesagt. Vom Pult hätte er fallen müssen!17

Gregors Handeln bleibt immer hinter seinen Wünschen und Vorstellungen zurück. Er unterdrückt seine Wünsche, seine Begehren und auch seine Aggressionen aufgrund des Druckes, dem ihm die Normen der Kultur auferlegen. Auch seine „inzestuösen Neigungen“18 gegenüber seiner Schwester muss Gregor unterdrücken. Als Grete zur Unterhaltung der Zimmerherren auf ihrer Violine spielt, fühlt sich Gregor von der Musik und von seiner Schwester angezogen. Er verlässt sein Zimmer „zu der ersehnten unbekannten Nahrung“19 und kriecht in das Wohnzimmer.

[...]


1 Franz Kafka: Die Verwandlung. Hamburger Lesehefte Verlag 1916. S. 5. [Im Weiteren werde ich Zitate aus diesem Aufsatz mit der Sigle >F. Kafka< und Angabe der Seitenzahl verwenden.]

2 Vgl. F. Kafka, S.34.

3 Ebd., S.36.

4 Ebd.

5 F. Kafka, S.19.

6 Vgl. ebd., S.33.

7 Vgl. ebd., S.46.

8 F. Kafka, S.45.

9 F. Kafka, S.5.

10 Ebd., S.25.

11 Vgl. ebd.

12 Joachim Pfeiffer: Franz Kafka. Die Verwandlung/ Briefe an den Vater. Oldenbourg Interpretationen. München: Oldenbourg 1998. S.65. [Im Weiteren werde ich Zitate aus diesem Aufsatz mit der Sigle >J. Pfeiffer< und Angabe der Seitenzahl verwenden.]

13 F. Kafka, S.11.

14 J. Pfeiffer, S.65.

15 F. Kafka, S.16.

16 Vgl. ebd., S.6.

17 F. Kafka, S.6.

18 J. Pfeiffer, S.67.

19 F. Kafka, S.43.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Zu: Kafkas "Die Verwandlung" - Versuch einer psychoanalytischen Deutung
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Veranstaltung
Ansätze einer psychoanalytischen Theorie der Literatur
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
24
Katalognummer
V65112
ISBN (eBook)
9783638577564
ISBN (Buch)
9783638710671
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kafkas, Verwandlung, Versuch, Deutung, Ansätze, Theorie, Literatur
Arbeit zitieren
Jessica Hurtak (Autor), 2006, Zu: Kafkas "Die Verwandlung" - Versuch einer psychoanalytischen Deutung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65112

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