Infografiken. Einsatz, Gestaltungsqualität und Informationsvermittlung


Diplomarbeit, 2006

210 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einführung des Untersuchungsgegenstandes
2.1 Der Begriff Infografik – Definition und Eingrenzung
2.2 Systematik der Vielfalt – Kategorien der Infografik
2.2.1 Statistische Infografiken
2.2.2 Kartografische Infografiken
2.2.3 Funktionsinfografiken

3. Die Infografik als journalistische Darstellungsform in der Praxis
3.1 Informationsvermittlung durch Infografiken
3.2 Ansprüche an Umsetzung und Gestaltung von Infografiken
3.2.1 Leitsätze der Wahrnehmungs- und Gestaltpsychologie
3.2.2 Journalistische Kriterien
3.2.3 Statistische Ansprüche
3.2.4 Kartografische Konventionen

4. Einordnung in den Forschungskontext

5. Untersuchung von Einsatz und Gestaltungsqualität
5.1 Vorstellung der untersuchten Medien
5.2 Forschungsfragen und Operationalisierung
5.3 Darstellung der Ergebnisse und Interpretation
5.3.1 Einsatz von Infografiken
5.3.2 Gestaltungsqualität von Infografiken

6. Rezipienten-Studie zu Informationsvermittlung, Einsatz und Gestaltung von Infografiken
6.1 Begründung der Forschungsmethode
6.2 Forschungsfragen und Operationalisierung
6.3 Darstellung der Ergebnisse und Interpretation
6.3.1 Informationsvermittlung
6.3.2 Bewertung des Einsatzes
6.3.3 Bewertung der Gestaltung

7. Schlussbetrachtungen

Literatur- und Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Anhangverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Seit über 200 Jahren sind Darstellungen, die heute als Infografiken bezeichnet wer­den, ein Stilmittel visueller Kommunikation, um komplexe Sachverhalte leicht verständlich darzustellen. Stellenwert und Bekanntheitsgrad von Infografiken sind aber besonders in den letzten Jahren in den Printmedien stark gewachsen. Mit dem verstärkten Einsatz von Computern für die Erstellung von Grafiken wuchs die Anzahl der Infografiken in den deutschen Medien. Als 1986 weder beim Challanger-Unglück noch bei der Reaktor-Katastrophe in Tschernobyl geeignetes Fotomaterial vorlag, offenbarte sich die Bedeutung von Infografiken. Seit Markteinführung des „Focus“ 1993 finden sich in immer mehr Zeitschriften und Zeitungen zahlreiche Infografiken. Besonders für technische und naturwissenschaftliche Berichte spielen Infografiken eine wichtige Rolle als Gestaltungs- und Erläuterungselemente. Auch im Wirtschafts­teil der Printmedien wird heute selten auf Infografiken verzichtet.

Dennoch gibt es über Infografiken wenig Literatur, auch von der deutschen For­schung blieben Infografiken bisher fast unbeachtet. Eine umfangreiche Literatur­recherche ergab zunächst mehrere wissenschaftlich- oder praxisorientierte Texte und Bücher in englischer Sprache. In Deutschland wurden bislang drei praxisnahe Werke zu Infografiken veröffentlicht (JANSEN/SCHARFE, LIEBIG, SPRISSLER). Sie stammen aus dem Jahr 1999. Jüngere Veröffentlichungen wurden für den deutschen Raum nicht gefunden. Die Recherche ergab eine umfassende wissenschaftliche Forschungsarbeit zu Infografiken. Diese verfasste Knieper im Jahr 1995. Inhalt ist eine Befragung von Zeitungsredaktionen und -lesern aus dem Münchner Raum zum Einsatz von Infografiken. Bei einer tiefer gehenden Recherche wurden noch zwei studentische Abschluss-Arbeiten über Infografiken aus den Jahren 2001 und 2004 gefunden.

Deshalb soll diese Diplomarbeit einen Beitrag leisten, diese Forschungslücke mit aktuellen Erkenntnissen zu schließen.

Nach der Erarbeitung einer Definition und Systematik für das Feld der Infografik und einem Überblick über die Entstehung der Infografik werden die Vorgänge der Infor­mationsvermittlung durch Infografiken beschrieben. Abgeschlossen wird der Theorie­teil der Arbeit mit einer Übersicht über die Ansprüche, die an die Gestaltungsqualität von Infografiken gestellt werden. Auf der Basis des deskriptiven Teils werden im empirischen Teil der Arbeit zwei eigene Studien durchgeführt. Eine Inhaltsanalyse untersucht den Einsatz und die Qualität von Infografiken in den General-Interest-Magazinen „Focus“, „Spiegel“ und „Stern“. Mit einer Rezipientenbefragung mittels Online-Fragebogen wird im zweiten Teil die Informationsvermittlung von Infografiken untersucht. Weiterhin ermittelt diese Studie, wie die Leser den Einsatz und die Gestaltung von Infografiken in den drei untersuchten Printmedien beurteilen.

Eine eingehende Analyse des bisherigen Forschungsstandes zeigt, dass die Studien dieser Arbeit neue Ergebnisse im Bezug auf Einsatz, Gestaltungsqualität und Infor­mationsvermittlung von Infografiken liefern werden. Diese Daten können eine sinn­volle Grundlage für weiterführende Untersuchungen bilden. Insgesamt soll dazu bei­getragen werden, dem Stellenwert der Infografik in deutschen General-Interest-Magazinen auch in der Forschung nachzukommen. Denn in einer von immer mehr technischen Entwicklungen geprägten Welt steigen die Anforderungen an geeignete Elemente für eine gut verständliche Berichterstattung.

2. Einführung des Untersuchungsgegenstandes

2.1 Der Begriff Infografik – Definition und Eingrenzung

In diesem Kapitel erfolgt eine Definition und Eingrenzung des Gegenstandes der folgenden Untersuchungen. Dies geschieht zunächst auf einer theoretischen Ebene. Durch die Darstellung mehrerer umschreibender Definitionen soll der Begriff begrenzt und möglichst konkretisiert werden. Dabei stellt sich heraus, dass die ver­schiedenen Definitionen Differenzen und unterschiedliche Definitionsgrenzen auf­weisen. Am Ende des Kapitels wird deshalb eine eigene Begriffsbestimmung erfol­gen.

Der Begriff der Infografik entstand während der 80er Jahre aus einer Verschmelzung der beiden Worte Information und Grafik . Diesen Ursprung des Wortes stellen die meisten Verfasser ihrer Definition für Infografik voran.[1] Doch schon die vielen Varian­ten und Schreibweisen des Wortes, von Info-Grafik oder Infographik über Zeitungs­grafik , Nachrichtengrafik , Mediengrafik und Informationsgrafik oder einfach nur Grafik, Graphik oder Schaubild , lassen die Schwierigkeit einer einheitlichen Begriffs­eingrenzung ahnen.

Eine allgemein gehaltene Darstellung, die den Begriff bereits grob umschreibt, liefert Birken. Sie eignet sich als sinnvoller Einstieg in die Definitionsdebatte.

„Die Grafik wird heute geradezu als der dritte Weg der Informationsver­mittlung neben Text und Foto gepriesen. Dabei steht die Grafik als Dar­stellungsform zwischen beiden, weil sie sowohl Bild- als auch Text­elemente enthält. Sie ist erklärend und illustrativ zugleich.“ (BIRKEN: Pressegrafiken als journalistisches Darstellungsmittel, 1998, S. 293)

Diese Definition ordnet die Infografik als journalistische Darstellungsform ein, eine erste wichtige Eingrenzung des Begriffs ist somit vollzogen. Im weiteren Verlauf der Definition stellt sich aber die Frage, was der Autor unter dem Begriff Bild versteht. Meint er damit in einem engeren Rahmen nur Foto und Gemälde , so zählen statis­tische Infografiken wie Balkendiagramme nach dieser Definition nicht zu den Infografiken. Wird Bild aber allgemeiner als zeichnerisches Element verstanden, könnten auch optisch gestaltete Tabellen und Listen zu den Infografiken zählen.

Folgende Definition scheint besser geeignet, da sie einige konkrete Anwendungs­beispiele für Infografiken aufzählt und dadurch weniger Interpretationsspielraum lässt:

„Die klassisch journalistische, nachrichtliche Variante der Pressegrafik ist die Infografik. Sie ist damit das grafische Äquivalent zu Nachrichtentext und Pressefoto. Sie formuliert journalistisch relevante, nachrichtliche Sachverhalte als grafisches Argument. Das polizeiliche Phantombild geht also genauso als Infografik durch wie die schlichteste Bundesliga-Tabelle, das Balkendiagramm mit der Sonntagsfrage zählt nicht weniger dazu als die Bio-Wetterkarte, das Firmen-Organigramm gehört in diese Kategorie ebenso wie die Querschnittszeichnung des Castor-Behälters, die vogel­perspektivische Aufsicht auf den Nürburgring, die Zehn-Punkte-Maßnahmenliste des kommunalen Dezernats oder die Architekturskizze des geplanten Einkaufstempels.“ (LIEBIG: Die Infografik, 1999, S. 29)

Doch nach dieser ausführlichen Definition bleibt ungeklärt, wie sich die Infografik denn nun genau von der anfangs genannten Pressegrafik unterscheidet. Da das Phantombild als Beispiel für eine Infografik aufgeführt wird, könnte auch jede andere Zeichnung, die ein Pressefoto ersetzt, als Infografik zählen. Damit widerspricht diese Definition der erstgenannten, weil Phantombilder und andere Zeichnungen nicht gezwungenermaßen textliche Elemente enthalten.

Doch auch die nächste Definition weißt auf eben diese Verschmelzung von Text und Grafik hin:

„Eine Informationsgrafik gibt eine journalistische Nachricht als Kombina­tion von Text und grafischer Darstellung wieder. Sie verbindet affektives und kognitives Aufnehmen der Informationen, sie verbindet Bild- und Textrezeption, sie verbindet Sehen und Lesen.“ (BLUM/BUCHER: Die Zeitung: Ein Multimedium, 1998, S.57)

Diese Erklärung ersetzt im Gegensatz zu Birken den Begriff Bild konkreter durch grafische Darstellung . Zusätzlich gibt sie auch erste Hinweise auf die Vorteile der Informationsvermittlung von Infografiken und den Wahrnehmungsprozess seitens der Rezipienten.

Originell, aber eher verwirrend ist die Begriffsumschreibung von Dagson. Er ver­sucht, durch das Ausschlussverfahren eine Eingrenzung des Gegenstandes zu er­reichen.

„Um zu umreißen, was Infografiken eigentlich sind, lege ich zunächst fest, was sie nicht sind. Es sind keine Illustrationen und auch keine Kunst­werke. Es sind auch nicht bloß computergesteuerte Zeichnungen und schon gar nicht Notlösungen, wenn mal kein Foto zur Hand ist. Ganz im Gegenteil: Infografiken sind eine Bildersprache des Journalismus, eine Präsentation von Fakten, die sich auf Bilder stützt. Die Kunst besteht darin, dem Zeitungsleser Fakten vorzuführen, anstatt sie ihn lesen zu las­sen.“ (DAGSON: Wie sagt man’s mit Bildern?, 1992, S. 53)

Noch weniger Aussagekraft weisen die Definitionen der meisten Fachlexika auf. So zum Beispiel die folgende:

„Die eigentlichen Infografiken erklären meist das Wie: Wie funktioniert ein Teilchenbeschleuniger, wie entsteht der Treibhauseffekt? Diese Grafiken sind geeignet, um komplexe Abläufe und Vorgänge zu erläutern.“ (ALEXANDER: Pressegrafiken, 2004, S. 349)

Denn diese Beschreibung beschränkt sich lediglich auf eine spezielle Art der Infografik. Zudem lässt das Wort „eigentlich“ ahnen, dass es noch andere Arten von Infografiken gibt, über die an dieser Stelle aber nicht informiert wird.

In anderen Lexika wie beispielsweise dem „Horizont Medien-Lexikon“ oder gängigen Standardwerken wie dem „Brockhaus“ oder dem „Bertelsmann-Lexikon“ finden sich keine Einträge zu dem entsprechenden Stichwort.

So ist es verständlich, dass auch unter Journalisten weit gehend Uneinigkeit herrscht, welche Darstellungen als Infografik zu bezeichnen sind und welche nicht.

Wie sich gezeigt hat, kommt diese beispielhafte Aufzählung von Definitionen einer genaueren Bestimmung des Gegenstandes nicht näher. Dies ist nicht auf Inkompe­tenz der zitierten Autoren zurückzuführen, sondern ergibt sich vielmehr aus dem bisher unklar umrissenen und sich noch entwickelnden Gegenstandsfeld. Im Fol­genden wird nun eine eigene Begriffsdefinition angestrebt. Diese soll die bestehen­den Definitionen nicht ersetzen und kann sie bestenfalls ergänzen. Denn es gibt keine festgesetzten Normen für den Begriff Infografik . Eine Begriffseingrenzung ist aber als Leitlinie für die weiteren Ausführungen und Untersuchungen dieser Arbeit unerlässlich. Zunächst ist es sinnvoll, näher auf die Begriffskonstellation Infografik gleich Information plus Grafik einzugehen. Diese Wortkombination schließt aus, dass es sich bei Infografiken um Grafiken handelt, die in erster Linie künstlerischen oder dekorativen Zwecken dienen. Denn die Bedeutung des Wortes Information (lat. informatio = Bildung, Belehrung) legt fest, dass Infografiken Neuigkeiten, nachrichtli­che Aussagen vermitteln.[2] Unter dem Begriff Grafik ist wörtlich „in Stein gemeißelt“ zu verstehen. Denn das Wort Grafik hat seinen Ursprung im Verb gráphein (griech. = in Stein ritzen, schreiben).[3] Zu den traditionellen Grafiken zählen Radierungen und Kupferstiche. Durch den Einsatz von Computern und modernen Druckern ist es heute möglich, Grafiken in hoher Stückzahl zu produzieren. Neben dem traditionel­len künstlerischen Zweck hat sich deshalb besonders ein Gebrauchszweck der Gra­fik etabliert. Gerade im Medienbereich dienen Grafiken häufig nicht primär dem unterhaltenden oder künstlerischen Nutzen, sondern vermitteln Informationen.[4]

Eine Infografik unterscheidet sich von anderen in den Medien eingesetzten Grafiken wie Karikaturen, Cartoons oder Gerichtszeichnungen dadurch, dass sie Beziehun­gen oder Funktionen darstellt. Dafür benötigt eine Grafik zusätzlich typografische Elemente wie Buchstaben, Ziffern oder Pfeile, um zu einer Infografik zu werden.

Die Definition, die der weiteren Arbeit zugrunde liegen wird, lautet daraus folgend:

Eine Infografik ist eine Verschmelzung aus grafischen und typografischen Elementen. Zu den grafischen Elementen zählen Fotos, Zeichnungen und Piktogramme. Die typografischen Elemente umfassen in erster Linie Buch­staben, Ziffern und mathematische Zeichen. Die Aufgabe der grafischen Be­standteile einer Infografik ist, die Aufmerksamkeit des Betrachters zu wecken und schnell erfassbar visuelle Informationen zu vermitteln. Durch typografi­sche Elemente werden Zusammenhänge, Funktionen und zeitliche Abläufe verdeutlicht. Nur durch diese Kombination vermitteln Infografiken eigenständige Informationen.

Im folgenden Teil dieses Kapitels wird anhand dieser Definition eine Systematik des Untersuchungsgegenstandes getroffen.

2.2 Systematik der Vielfalt – Kategorien der Infografik

Ähnlich schwierig, wie eine einheitliche Definition für den Untersuchungsgegenstand zu finden, gestaltet es sich, in der Fachliteratur zwei Ansätze einer Systematik des Begriffes zu entdecken, die sich auf die gleiche Basis beziehen. Diese Beliebigkeit ist damit zu erklären, dass Infografiken zumindest in Deutschland noch kaum Thema wissenschaftlicher Arbeiten waren. Denn es ist für wissenschaftliche Untersuchun­gen in der Regel notwendig, eine genaue Zuordnung vorzunehmen. Für das junge Forschungsfeld der Infografik ist es aber noch zu früh, dass sich ein maßgebender Standard etablieren konnte.

Wie auf dem Weg zu einer eigenen Definition wird nun zunächst ein Überblick über bestehende Typologien gezeigt und anschließend eine eigene Kategorisierung vor­genommen, die Grundlage der weiteren Untersuchungen sein wird.

Liebig wählt eine Systematik, die sich an der Darstellungstechnik der Infografik orientiert. So unterscheidet er zwischen Textgrafik, Ikonischer Grafik und Fotografik:

„…die entscheidende Frage dabei ist, welche der grafischen Elemente Träger der eigentlichen Kernaussage sind: zeichnerische, textliche oder fotografische.“ (LIEBIG: Die Infografik, 1999, S. 24)

Zunächst erscheint diese Einteilung nachvollziehbar, aber die Zuordnung von Texten zu grafischen Elementen in der zitierten Systematik widerspricht der klassischen Unterscheidung zwischen Typografie und Grafik. Zu Textgrafiken zählt Liebig Fluss­diagramme, Listen und Tabellen.[5] Ikonische Grafiken stellen für ihn Grafiken dar, deren Aussagen vornehmlich mithilfe hand- oder computererstellter Zeichnungen formuliert werden. So zählen nach Liebigs Auffassung statistische Diagramme, Gerichtszeichnungen, Cartoons und politische Karikaturen zu dieser Kategorie.[6] Unter einer Fotografik versteht Liebig fotografische Abbildungen, in die nachträglich zeichnerische und/oder typografische Elemente integriert sind.[7] Diese Einteilung orientiert sich am Produktionsprozess der Infografik. Um die Arbeitsabläufe von Grafikern zu erforschen oder die Entwicklung einer Infografik in der Redaktion zu untersuchen, kann diese Herangehensweise sinnvoll sein.

In den Untersuchungen, die der vorliegenden Arbeit zugrunde liegen, geht es aber um die Betrachtung und Beurteilung von Inhalten in Printmagazinen. Deshalb ist eine Einteilung nach der journalistischen Funktion der Infografik zweckmäßiger, wie sie in der Literatur auch am häufigsten anzutreffen ist. So findet sich beispielsweise bei Jansen/Scharfe die Unterscheidung zwischen Prinzipdarstellung , kartografische Infografik und Bildstatistik.[8] Blum/Bucher wählen eine fast identische Einteilung mit anderen Bezeichnungen: Erklärgrafik, Topo-Grafik und numerische Grafik.[9] Eine großzügigere Typologie findet sich in der Broschüre „Infografik“ des Auer Gra­fik­dienst, einem Infografik-Anbieter aus Österreich. Dort werden neben Diagrammen, Karten und Organigrammen auch Piktogramme, Typografiken und Schaubilder unterschieden.[10] Bei dieser Einteilung wird allerdings versäumt, eine Definition oder ein Beispiel für eine Typografik zu nennen. Dabei könnte es sich um Tabellen han­deln, diese werden aber den Organigrammen zugeordnet. Auch Knieper, der bisher als Einziger ein ausführliches wissenschaftliches Werk über Infografiken in deut­schen Medien veröffentlicht hat, wählt den Weg einer weit gefassten Systematik. In seinem Hauptwerk unterteilt er Infografiken in Piktogramme und piktographische Symbole, Graphische Adaptionen, Erklärende Visualisierungen, Karten und Q uanti­tative Schaubilder.[11] Wenige Jahre später wählt er eine andere Einteilung und unter­scheidet vereinfachter nur noch Symbole, Erklärgrafiken, Medienkarten und Zahlen­bilder und fügt die Kategorie Sonstige Infografiken und infografikverwandte Darstel­lungen hinzu.[12]

Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werden der Einsatz und die Informationsvermittlung von Infografiken in Printmedien sowie die Ansprüche an ihre Gestaltung untersucht. Deshalb gilt es in einer eigenen Systematik, die unterschiedlichen Formen der Info­grafik nach ihrer journalistischen Funktion zu beurteilen. Dazu zählen vorrangig Aus­sagekraft, selbstständige Informationsvermittlung und Aufmerksamkeitslenkung. Diese Art der Betrachtung macht deutlich, dass schnell erfassbare Balkendia­gramme kaum mit einer farbig hinterlegten Tabelle zu vergleichen sind, auch wenn der Inhalt an Informationen identisch sein kann. Ebenso wenig erreichen grafisch angereicherte Listen gleich starke Aufmerksamkeit wie eine Erklärgrafik, die ähnlichen Inhalt anschaulicher vermitteln kann. Dem Großteil der oben erwähnten Typologien folgend wird deshalb im weiteren Verlauf unterschieden zwischen statis­tischen Infografiken, kartografischen Infografiken und Funktionsinfografiken .

Die Zuordnung der Tabellen zu den Infografiken scheint weit gehend umstritten. So bezeichnen Küpper und Lester Tabellen als eigenständige Infografik-Gruppe.[13] Liebig ordnet Tabellen und auch Listen seiner Kategorie Textgrafiken zu.[14] Bei Blum/Bucher werden Tabellen nicht explizit erwähnt. Es ist aus der dort gegebenen Definition für Infografik abzuleiten, dass Tabellen ihrer Meinung nach keine Art von Infografiken sind.[15] Auch Jansen grenzt Tabellen von den Infografiken ab, „weil sich eine Sinndifferenz hier nicht als optische Differenz erschließt.“[16]. Knieper zählt in seinem Hauptwerk Tabellen zur Kategorie der graphischen Adaptionen . Hier unter­scheidet er zwischen gewöhnlichen Tabellen und grafisch gestalteten Tabellen.

„Erst durch die Einheit aus textlichen und graphischen Elementen erhält dieses Konglomerat den Charakter einer Infographik. […] Der Vorteil einer graphischen Adaption liegt darin, Kernaussagen, die in einer „nackten“ Listen- oder Tabellendarstellung langweilig wirken würden, […] platzsparend, ansprechend und informativ zu präsentieren.“ (KNIEPER: Infographiken, 1995, S. 52)

Laut Kniepers später veröffentlichten Systematik zählen jedoch alle Arten von Ta­bellen zur Kategorie der Zahlenbilder.[17] Immerhin räumt er ein, dass sich die Bestandteile, die eine Infografik definieren, auf ein Minimum reduzieren:

„Als grafische Elemente bleiben meist nur Zwischenlinien und Umran­dungen.“ (KNIEPER: Viele Formen der Visualisierung, 1999, S. 5)

Tabellen werden im weiteren Verlauf der vorliegenden Arbeit nicht zu den Infogra­fiken gezählt. Auch Infokästen und Listen werden nicht unter dem Begriff Infografik erfasst. Durch Tabellen, Infokästen und Listen werden Informationen zwar häufig einfacher vermittelt als durch Fließtext. Die Aussagen und Zusammenhänge werden jedoch fast allein durch textliche und nicht durch grafische Elemente transportiert. Aber gerade wegen der visuellen Informationsvermittlung sind Infografiken meist eine sinnvolle Alternative zu Tabellen und Listen. Anstatt langer Zahlen- oder Wort­kolonnen geben sie direkt einen optischen Eindruck, der meist auf einen Blick das Wichtigste aussagt. Bei der Informationsaufnahme aus Tabellen ist dagegen, wie beim Lesen von Fließtext, ein Decodierungsvorgang nötig. Infografiken nehmen die­sen Decodierungsvorgang durch die Visualisierung der Informationen in großen Teilen vorweg. Die Vorzüge der Informationsvermittlung durch Infografiken wie sie im Kapitel 3.1. erläutert werden, gelten deshalb nur eingeschränkt für Tabellen, Infokästen und Listen. James Tankard bezeichnet diese Darstellungselemente daher als „The Pseudo Graph“.[18]

Piktogramme sind unbestritten ein wichtiger Bestandteil des Feldes der Infografik. Im Gegensatz zu den Definitionen von Knieper[19] und den Verfassern der Beilage „Medienpraxis“[20] des Fachmagazins „Journalist“ werden in dieser Arbeit Pikto­gramme aber nicht als eigenständige Infografiken definiert. Als Piktogramme werden abstrahierte, stilisierte oder typisierte grafische Symbole bezeichnet, die meist inter­national verständlich sind. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass Firmenlogos, Signets und Icons nicht zur Gruppe der Piktogramme gezählt werden. Da Pikto­gramme nicht Gegenstand der weiteren Untersuchungen sein werden, und somit die einzelnen Unterschiede für die folgenden Ausführungen nicht relevant sind, werden in der vorliegenden Arbeit die Bezeichnungen Symbol, Piktogramm, Icon und Signet äquivalent für grafische Symbole verwendet. Piktogramme sind eher als eine erwei­terte Form von Text oder typografischen Variationen zu sehen, denn als

eigenständige Infografik.

Abschließend sei noch einmal deutlich der Unterschied zwischen Grafik und Infogra­fik erwähnt. Nicht jede Grafik ist gleichzeitig eine Infografik. Eine Grafik oder ein grafisches Element muss zusätzlich mit eigenständigen Informationen angereichert sein, um als Infografik definiert zu werden. Diesem Leitbild und der im vorherigen Kapitel festgelegten Definition des Untersuchungsgegenstandes folgend, existieren drei Gruppen von Infografiken: statistische Infografiken, kartografische Infografiken und Funktionsinfografiken. Die Kategorien werden nun im Einzelnen vorgestellt.

2.2.1 Statistische Infografiken

Statistische Infografiken zeigen Zahlen und ihre Zusammenhänge in einer optischen Form, verbale Informationen und Mengen werden visualisiert.

Eine der wichtigsten Voraussetzungen für statistische Infografiken schuf der französische Philosoph, Naturwissenschaftler und Mathematiker Descartes. 1637 entwickelte er das nach ihm benannte kartesische Koordinatensystem sowie die Grundlagen der analytischen Geometrie.[21]

Die ersten statistischen Infografiken, wie sie heute in den Printmedien eingesetzt werden, veröffentlichte 1786 der Schotte Playfair in seinem Werk „Commercial and Political Atlas“.[22] In dieser Publikation finden sich erstmals Zeitreihendarstellungen auf der Basis wirtschaftlicher Daten. Playfair stellte diese Fakten als neuartige Kom­bination von Typografie und grafischer Gestaltung in Balken-, Linien- und Kreis­diagrammen dar.[23] Wie der Statistiker Tufte schreibt, war das Ziel von Playfairs Arbeiten, durch ein grundlegendes grafisches Design die zunehmend aufkommen­den Zahlentabellen durch visuelle Darstellungen zu ersetzen.[24] Die grafische Übersetzung von Tabellen in Linien- oder Balkendiagramme war damals revolutionär, so dass Playfair sie bei seiner Veröffentlichung rechtfertigte:

“This Chart is different from the others in principle, as it does not compre­hend any portion of time, and it is much inferior in utility to those that do.” (PLAYFAIR: The Commercial and Political Atlas, 1786, S. 101, zit. nach TUFTE: The visual display of quantitative information, 1997, S.33)

„… and a man who has carefully investigated a printed table, finds, when done, that he has only a very faint and partial idea of what he has read; The amount of mercantile transactions in money, and of profit or loss, are capable of being as easily represented in drawings, as any part of space, or as the face of a country; … Upon that principle these Charts were made.” (PLAYFAIR: The Commercial and Political Atlas, 1786, S.3 f., zit. nach TUFTE: The visual display of quantitative information, 1997, S.32)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ABB 1 Statistische Infografik von Playfair (Entnommen aus: TUFTE, 1997 S. 92, dort ohne Quelle)

Einen weiteren Meilenstein stellt für viele Infografiker bis heute das System Isotype des Pädagogen Neurath dar, zunächst bezeichnet als „Wiener Methode der Bildsta­tistik“ .[25] Die 1925 entwickelte Präsentationsmethode für statistische Daten weist ver­schiedenen gegenständlichen Mengen, wie Menschen, Autos oder Rohstoffen, feste, oft stark vereinfachte, Symbole zu. Jedes Einzelsymbol stellt eine bestimmte Menge dar und wird so oft in gleicher Größe abgetragen, bis der darzustellende Gesamtwert erreicht ist.

„Gleiche Gegenstände werden immer durch die gleichen symbolischen Formen und Farben wiedergegeben.“ (NEURATH: Bildstatistik nach Wie­ner Methode, 1931, o.S., zit. nach NEURATH: Gesammelte bildpädagogische Schriften, 1991, S.188)

So gestaltet waren Neuraths Grafiken anschaulich und allgemein verständlich visua­lisierte statistische Informationen. Der Begriff Isotype steht für I nternational S ystem o f Ty pographic P icture E ducation und bezeichnet seit 1935 die Darstellungsweise nach der „Wiener Methode der Bildstatistik“.[26] Mit seiner statistischen Darstellungsmethode kann Neurath als Vorreiter der Erstellung statistischer Infogra­fiken angesehen werden, die durch piktografische Längen oder Flächen sowohl die jeweiligen Mengenverhältnisse darstellen, als auch durch den Einsatz geeigneter, einprägsamer Symbole den assoziativen Kontext zum realen Geschehen herstel­len.[27]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ABB 2 Isotype-Darstellung (NEURATH, 1991, S. 346)

Heute ist der Einsatz von statistischen Infografiken aus den meisten Printmagazinen nicht mehr wegzudenken. Die Leser werden mit einer zunehmenden Menge von Zahlen und Fakten konfrontiert. Mithilfe der statistischen Infografiken können An­zahlen und Relationen schnell, eindeutig und einprägsam vermittelt werden. Über die Jahrhunderte wurden die grafischen Ausdrucksformen weiter entwickelt, und auch heute veröffentlichen Statistiker neue Darstellungsformen.

In den Printmedien sind je nach Visualisierungszweck vorrangig folgende Darstel­lungsarten anzutreffen: Balken- und Säulendiagramme, Linien- oder Kurvendia­gramme und Torten- oder Kreisdiagramme. Diese Formen von statistischen Infogra­fiken sind am besten für den Einsatz in den Printmedien geeignet, da sie den meisten Lesern aus Schul- oder anderen Fachbüchern vertraut sind. So können sich die Betrachter direkt auf die Inhalte konzentrieren, ohne zunächst die Logik der Dar­stellungsform ergründen zu müssen. Aus statistischen Infografiken kann der Leser Vergleiche simultan herauslesen, der Text bietet sie ihm nur sequenziell. Die Freiheit in der interaktiven Nutzung einer statistischen Infografik besteht darin, dass der Betrachter die Vergleiche selbst ziehen kann, die ihm interessant erscheinen. Im Textbeitrag gibt im Gegensatz dazu der Journalist meist die Zahlenrelationen und ihre Interpretation vor.

Säulen- und Balkendiagramme

Diese Arten der statistischen Infografiken werden auch längenproportionale Darstel­lungen genannt, wobei die Säulen vertikal und die Balken horizontal angeordnet werden. Sie eignen sich immer dann, wenn quantitative Vergleiche visualisiert wer­den sollen. Die Stimmenverteilung nach einer Wahl oder der Vergleich der Umsätze verschiedener Autohersteller sind mögliche Einsatzgebiete.

Mit Säulen- oder Balkendiagrammen lassen sich nicht nur gleiche Parameter wie die Anzahl der Angestellten verschiedener Unternehmen vergleichen, sondern auch das Verhältnis von Teilmengen innerhalb eines Ganzen, wie etwa die Aufteilung der Angestellten eines Unternehmens auf die verschiedenen Firmenbereiche.

Häufig werden Mengenentwicklungen über einen bestimmten Zeitraum dargestellt, beispielsweise der Autoverkauf in Deutschland von 1980 bis 2000. Für diesen Zeit­reihenvergleich eignet sich ein Säulendiagramm, bei dem von links nach rechts die Zeit abgetragen wird, besser als ein Balkendiagramm. In den meisten anderen Fällen entscheidet sich die Anordnung in Balken oder Säulen aufgrund der notwen­digen Beschriftung und des gewünschten Formates. Es gibt bisher nämlich keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, die übereinstimmend belegen, welche Art der längenproportionalen Darstellung vorzuziehen ist.[28]

Allgemein ist zu sagen, dass bei der Beschriftung Balkendiagramme einen Vorteil bieten, da die Bezeichnungen in der gewohnten Leserichtung notiert werden können. Bei Säulen muss der Text oft gekippt werden, was die Lesbarkeit erschwert.[29]

Werden durch längenproportionale Darstellungen sowohl positive als auch negative Werte verglichen, sollten diese von der Basislinie aus in unterschiedliche Richtungen abgetragen werden. Diese Art von Diagramm wird als Abweichungsdiagramm bezeichnet. Sollen mehrere Werte im gleichen Zeitraum über eine längere Dauer verglichen werden, so werden mehrere Säulen oder Balken nebeneinander, meist leicht überlappend, dargestellt. In diesem Fall spricht man von gruppierten Säulen- oder Balkendiagrammen. Eine weitere Version von [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] längenproportionalen Darstellun­gen stellen segmentierte Säulen- oder Balkendiagramme dar. Mit ihnen werden nicht nur verschiedene Gesamt­mengen miteinander verglichen, sondern auch ihre je­weiligen Zusammensetzungen.[30] Eine weitere verbreitete Variante ist der Einsatz von Piktogrammen im Isotype-Stil. So können die Mengenvergleiche doppelt visualisiert werden. Zum einen unterscheiden sich die Balken- oder Säulenlängen durch unterschiedlich viele Piktogramme, zum anderem stehen die Piktogramme selbst für festge­legte Mengen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Häufig werden einfache Balken und Säulen durch grafi­sche Abwandlungen wie zum Beispiel Flugzeugabgase oder Hochhäuser optisch auffälliger gestaltet. Linien- oder Kurvendiagramme

Das Linien- oder Kurvendiagramm, auch Fieberkurve genannt, betont die Ausprägung von Trends über einen bestimmten Zeitverlauf. Bekanntestes Beispiel ist die Entwicklung des Aktienkurses eines Unternehmens.

Auf der waagerechten x-Achse wird der Zeitverlauf abgetragen, auf der senkrechten y-Achse die dargestellte Merkmalsausprägung. Zu beachten ist, dass Liniendia­gramme den Eindruck von Vollständigkeit und Kontinuität erzeugen, diese aber nicht ganz exakt abbilden. Denn die Verbindung der einzelnen Punkte durch eine Linie erfolgt willkürlich und spiegelt nicht unbedingt die reale Entwicklung wieder. Deshalb sollten die Abstände der genommenen Stichproben nicht zu weit gefasst sein. Ebenso wichtig ist eine regelmäßige Einteilung der Zeitachse.

Häufig werden die Flächen unterhalb der Linien eingefärbt. In diesem Fall spricht man von einem Flächendiagramm . Werden die Flächen unterhalb mehrerer gesta­pelter Linien eingefärbt, so ist zu beachten, dass der Wert des jeweils unteren, eigenständigen Liniendiagramms den Nullpunkt des darüber liegenden Wertes bil­det. Der genaue Wert muss also aus der Differenz des oberen und des unteren Wertes berechnet werden. Die verschiedenen Mengen lassen sich nur schwer mit­einander vergleichen.[31] Einfacher zu erfassen sind die als dreidimensionale Wände dargestellten Flächen, wenn die Kurven perspektivisch hintereinander gestapelt ge­zeigt werden. Bei ihnen wird jeder Wert von der Nulllinie ausgehend berechnet.

Kreis-, Kuchen- oder Tortendiagramme

Diese Gruppe der statistischen Infografiken, deren Bezeichnungen synonym ver­wendet werden, bieten die optimale Lösung, um unterschiedliche Teile eines Gan­zen darzustellen. So kann etwa die Verteilung der jährlichen Staatsausgaben auf die einzelnen Posten gezeigt werden.

Meistens werden in Kreisdiagrammen Prozentangaben visualisiert. Die Kreisfläche wird so in Segmente eingeteilt, dass sich die Winkel und somit die Kreisflächen pro­portional zu den dargestellten Merkmalsausprägungen verhalten. Kreisdiagramme können nicht nur durch ihre Teilstücke informieren, sondern auch durch ihre Gesamtfläche. So werden bei Flächenkreisdiagrammen Kreise verschiedener Durchmesser nebeneinander gesetzt. Dann repräsentieren beispiels­weise drei verschiedene Kreisdiagramme in ihrer Gesamtfläche das Verhältnis der Bevöl­kerungszahlen von drei Ländern, und jedes Diagramm zeigt in seinen einzelnen Segmenten die ethnische Zusammensetzung der jeweiligen Einwohner.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Häufig sind Kreisvarianten wie der Halbkreis oder das Rondell in den Printmedien zu finden. Bisher ist unter Wissenschaftlern nicht ein­deutig geklärt, ob der Betrachter die Informationen aus Kreisdiagrammen primär von den Größen der Teilflächen ableitet, aus den Winkelgrößen in der Mitte bezieht oder gar aus den unterschiedlichen Bogenlängen.[32] Deshalb ist gegen die Verwendung von diesen Kreisvarianten nichts einzuwenden. So ist der Halbkreis üblich für die Darstellung der Sitzver­teilung auf die einzelnen Parteien im Parlament.

Die geometrische Figur Kreis findet sich in Natur und Technik, so bieten sich visuelle Assoziationsmöglichkeiten. Häufig werden Kreis­diagramme passend zum Thema grafisch abgewandelt wie zu CDs, Geldmünzen oder anderen runden Gegenständen. Schwieriger gestaltet sich die Informations­aufnahme, wenn statt Kreisen beispielsweise Herzen oder andere stark von der Kreisform abweichende Figuren in Segmente geteilt werden, um Teilmengen darzu­stellen. Dabei entstehen unvermeidbar Verzerrungen zwischen den Vergleichsflächen, die nur mithilfe mathematischer Rechnungen zu beheben sind.

2.2.2 Kartografische Infografiken

Allgemein ausgedrückt veranschaulichen kartografische Infografiken Sachverhalte in geografischen Zusammenhängen. Eine Karte ist nach der Definition von Kohlstock ein im Maßstab verkleinertes, vereinfachtes und verebnetes Abbild der Erdober-fläche.[33] Durch den zunehmenden Einsatz thematischer Karten, die nicht mehr nur Abbildungen der Erdoberfläche sind, ist die Definition von Wilhelmy den modernen Entwicklungen in der Kartografie besser angepasst:

„[Eine] Karte ist [ein] verebnetes, maßstabsgebundenes, generalisiertes und inhaltlich begrenztes Modell räumlicher Informationen.“ (WILHELMY: Karthographie in Stichworten, 2002, S. 16)

Eine der ältesten kartografischen Abbildungen, die nach dem heutigen Verständnis zu den kartografischen Infografiken zählt, stammt von Minard. Der französische Ingenieur für Brücken- und Straßenbau stellte 1861 die Verluste der französischen Armee beim Russlandfeldzug von Napoleon auf einer Karte dar.[34] Diese kartografi­sche Infografik kombiniert statistische Zahlen mit geografischen Informationen. So sind die Dimensionen der Menschenverluste sowohl örtlich wie auch zeitlich erfass­bar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Für einige Infografiker gilt Minards Darstellung als eine der besten kartografischen Infografiken. So urteilt Tufte „It may well be the best statistical graphic ever drawn“.[35] Auch Jansen/Scharfe bezeichnen diese kartografische Infografik als interessanteste Infografik des 19. Jahrhunderts. Sie erfülle mit Bravour die Anforderungen des visu­ellen Informationstransfers. Nämlich genau, dicht und anschaulich zu sein.[36]

Kartografische Infografiken unterscheiden sich von Karten im offiziellen Sinn da-durch, dass sie eine journalistische Nachricht enthalten. Sie werden speziell für einen aktuellen Informationszweck geschaffen und nicht für den allgemeinen Gebrauch konzipiert.[37] Kartografische Infografiken sind dadurch bestimmt, dass die Zeit zur Informationsaufnahme in den Medien nur kurz ist, und sie von möglichst vielen Lesern verstanden werden sollen. In ihren Grundformen sind sie dem Leser meist vertraut, so dass eine verstärkte Konzentration auf die journalistischen Zusatzinformationen möglich ist. Dazu ist bei ihrer Herstellung verstärkt Reduktion und Vereinfachung zweckmäßig. Soll beispielsweise im Zusammenhang mit dem Skandal um verdorbenes Fleisch im Handel die Verteilung großer Schweinemast­betriebe in Deutschland dargestellt werden, sind die Hauptstädte der Bundesländer nicht von Bedeutung und können weggelassen werden.

In der Kartografie gelten verschiedene Klassifikationsmöglichkeiten. So sind Eintei­lungen nach Inhalt, nach Maßstab oder nach Hersteller möglich.[38] Für kartografische Infografiken eignet sich die Unterscheidung nach dem Inhalt, wie sie auch Wilhelmy[39] wählt. So werden die kartografischen Infografiken in der vorliegenden Arbeit in topografische Karten und thematische Karten gegliedert.

Topografische Karten

Zu dieser Kategorie – auch Ereignisraum-Darstellungen genannt – gehören die meisten in der Printpresse eingesetzten kartografischen Infografiken. Diese Karten­art zeigt den Lesern den Ort oder das Gebiet, in dem das Ereignis stattgefunden hat, über das in der Textnachricht berichtet wird. Das Zentrum des Geschehens wird meist mit einem Pfeil oder einem anderen markanten Zeichen markiert. Zusätzlich werden Gegebenheiten der näheren Umgebung wie Gewässer, Straßen und Sied­lungen dargestellt. So erhält der Leser die Möglichkeit, den Ereignisort in seine Raumvorstellungen einzuordnen. Einsatzmöglichkeiten für topografische Karten bieten Berichte über Unfälle, Naturkatastrophen, Verbrechen und Kriegsschauplätze.

Thematische Karten

Thematische Karten zeigen die Verbreitung einer oder mehrerer Merkmale zu einem bestimmten Thema. Meist verbinden sie geografische mit statistischen Informa­tio­nen. Der Kartengrund ist bei thematischen Karten von sekundärer Bedeutung und bietet häufig nur Orientierungsmöglichkeit. Die thematisierten Erscheinungen werden meist durch unterschiedliche Farben oder Muster oder durch Symbole repräsentiert. Für das Verständnis der Leser ist deshalb eine Legende in vielen Fällen unverzicht­bar. Auch eine Überschrift erleichtert dem Leser die Einordnung der vermittelten Informationen.[40]

Diese Art der kartografischen Infografiken kann spezielle Themen wie die Arbeits­losenquote in einem Land, die Lage gefährlicher Erdbebengebiete auf der Erde oder den Autobahnstau zu Urlaubsbeginn visualisieren. Wetterkarten bilden eine Son­derform der thematischen Karten. Da sie in den Magazinen, die in dieser Arbeit untersucht werden, so gut wie nie eingesetzt werden, wird hier nicht näher auf ihre Besonderheiten eingegangen.

2.2.3 Funktionsinfografiken

Funktionsinfografiken – in der Literatur auch häufig als Erklärgrafiken bezeichnet – geben die infografische Antwort auf Wie-Fragen . Sie können grafisch erläutern wie etwas funktioniert, wie ein Geschehen abgelaufen ist, wie etwas aufgebaut ist, wie sich eine Hierarchie gestaltet, wie Dinge erledigt werden oder auch wie Ereignisse zeitlich in Bezug stehen. Somit lässt diese Infografikart den größten Gestaltungs-freiraum. Zugleich ist sie sowohl in der grafischen Herstellung als auch von ihrem Informationsgehalt her die anspruchsvollste Form.

In der Literatur sind unterschiedliche Versionen für die frühen Funktionsinfografiken zu finden. So bezeichnen Jansen/Scharfe eine Darstellung landwirtschaftlicher Arbeiten aus dem Jahr 2.400 vor Christi als eines der ersten Informationsbilder und Vorgänger der heutigen Funktionsinfografiken.[41] Ein Wandteppich aus Bayeux zählt für einige Infografiker zu einer der ersten eindrucksvollen Darstellungen eines zeitli­chen Ablaufes, veranschaulicht durch die Kombination von szenischen Bildern und textlichen Erläuterungen.[42] Auf dem Wandteppich von 1066 wird der Angriff der Nor­mannen auf das angelsächsische Reich geschildert.

Als erste Funktionsinfografiken nach dem heutigen Verständnis gelten die erklären-den Abbildungen in der „L’encyclopédie, ou Dictionnaire Raisonné des Sciences, des Arts et des Métiers“. Der französische Philosoph Diderot veröffentlichte in den Jahren 1751 bis 1777 das 33 Bände umfassende Werk. In der Enzyklopädie stellte Diderot den damaligen Wissensstand verschiedener Gebiete zusammen. Fast 3.000 aussagekräftige Abbildungen erklären Zusammensetzung, Funktionsweise und Abläufe verschiedener meist technischer Geräte. So visualisiert beispielsweise eine Darstellung das Funktionsprinzip einer Schleuse.[43]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ABB 6 Funktionsinfografik von Diderot, im Original wurde die Grafik durch Texte ergänzt, die Buchstaben dienten der Zuordnung (Entnommen aus: SULLIVAN, 1987, S. 13. Nachdruck aus: DIDEROT, 1762, o.S.)

Meist bestehen Funktionsinfografiken aus einer grafischen Darstellung des zu zei­genden Sachverhalts, Gegenstandes oder Körpers. Bei der Visualisierung eines zeitlichen Ablaufes wird die Situation häufig in mehreren Einzelbildern dargestellt. Durch Pfeile, Linien, grafische Symbole oder Zahlen werden zusammen mit text­lichen Erläuterungen Zusammenhänge, Beziehungen oder Abläufe erklärt. Um Hierarchien oder Aufgabenkompetenzen darzustellen, wählen Infografiker bevorzugt die Form eines Organigramms. Ein gängiges Beispiel ist der Stammbaum einer Adelsfamilie.

Eine weitere Einteilung der Funktionsinfografiken in verschiedene Untergruppen ist aufgrund der sehr unterschiedlichen Inhalte, die dargestellt werden können, und der Vielzahl an Gestaltungsmöglichkeiten nur schwer möglich. Deshalb würde eine wei­tere Kategorisierung kaum ein sinnvolles Ergebnis für den folgenden Verlauf dieser Arbeit liefern. An dieser Stelle wird daher darauf verzichtet.

Funktionsinfografiken kommen beispielsweise in Betracht, wenn dargestellt werden soll, wie in Japan Hochhäuser sicher vor Erdbeben konstruiert werden, wie der Vogelgrippevirus zusammen mit einem normalen Grippeerreger zu einem Supervirus mutieren könnte, oder wie die Strukturen in einem Unternehmen aussehen. Diese Vorgänge lassen sich zwar auch durch einen Text erläutern. Aber die größte Text­genauigkeit und Ausführlichkeit kann nicht ein vergleichbar hohes Vorstellungs-vermögen beim Leser erreichen wie eine grafische Darstellung. Außerdem kann die Textrezeption mehr Zeit in Anspruch nehmen als die Aufnahme von visuellen Infor­mationen.[44] Als Beispiel sei in diesem Zusammenhang eine bekannte Art der Funk­tionsinfografik genannt, die Bedienungsanleitung. Ohne zeichnerische Erklärungen kommt diese nur in seltenen Fällen aus.

Häufig werden Funktionsinfografiken auch eingesetzt, wenn aus organisatorischen Gründen zu einem aktuellen Ereignis kein Fotomaterial vorliegt.[45] Eine Funktions­infografik kann dann eine erste visuelle Vorstellung des Schauplatzes vermitteln. Neben der Vermittlung von Informationen übernehmen Funktionsinfografiken häufig die wichtige journalistische Funktion des Erzählens. Denn sie vermitteln einen lebendigen Eindruck und lassen den Leser am Geschehen teilhaben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ABB 7 Mit dieser Darstellung der Challanger-Katastrophe berichtete die Zeitschrift „Discover“

in ihrer Ausgabe April/1986 (S. 44) (Entnommen aus: SULLIVAN, 1987, S. 127)

Im nun abgeschlossenen Kapitel 2 wurde die Definitionsproblematik des Untersu­chungsgegenstandes ausführlich erörtert und verschiedene Herangehensweisen an eine Kategorisierung der Infografik dargestellt. Die daraus abgeleitete eigene Defini­tion und Systematik der Infografik dienen nun den weiteren Ausführungen und empi­rischen Untersuchungen dieser Arbeit. Im nächsten Kapitel wird eine konkrete Aus­einandersetzung mit den verschiedenen Qualitätsansprüchen an eine Infografik erfolgen. Die Ergebnisse werden eine Grundlage für die Forschungsfragen der späteren Untersuchungen bilden.

3. Die Infografik als journalistische Darstellungsform in der Praxis

3.1 Informationsvermittlung durch Infografiken

Ziel dieses Kapitels ist es, Kriterien für die Gestaltung von Infografiken zu erarbeiten. Diese sollen eine Grundlage für die späteren Forschungsfragen bilden. Dafür ist es zunächst wichtig, den Vorgang der Informationsvermittlung durch Infografiken zu erörtern. Vorweg ist anzumerken, dass noch keine gesicherten wissen­schaftlichen Erkenntnisse über die Vorgänge im Gehirn während der Informations­erfassung aus Infografiken vorliegen. Dies liegt zum einen daran, dass es keine all­gemein gültige Definition für Infografiken gibt. Zum anderen sind Infografiken so vielfältig in ihrer thematischen und gestalterischen Umsetzung, dass einzelne For­schungsergebnisse nicht automatisch auf das gesamte Feld der Infografik übertragen werden können. Denn der Prozess der Wahrnehmung und Informations­verarbeitung etwa beim Betrachten eines Balkendiagramms ist ein anderer als der einer umfangreichen Funktionsinfografik. Aus diesen Gründen werden in der Litera­tur die Abläufe im Gehirn während der Verarbeitung von Informationen aus Infogra­fiken abgeleitet von Erkenntnissen der Bild- und Textkommunikation. Kroeber-Riel verzichtet gänzlich auf eine sprachliche Unterscheidung zwischen Grafik und Bild und spricht allgemein von Bildinformationen.[46]

Die Ergebnisse verschiedener Studien zeigen, dass bildliche Informationen von Lesern eher beachtet und schneller erfasst werden als Informationen textlicher Art.[47] Teichert spricht daher vom modernen Menschen als „Augenmensch“.[48] Und laut Glotz leben wir im „visuellen Jahrhundert“.[49] Die Bevorzugung von Bildinformationen lässt sich durch die unterschiedliche Art der Informationsverarbeitung erklären.

Der gesamte Prozess der Informationsverarbeitung im Gehirn wird in der ange­wandten Verhaltensforschung in drei Schritte gegliedert: in Informationsaufnahme, Informationsverarbeitung und Informationsspeicherung.[50]

In der ersten Phase werden beim Betrachten eines Bildes die einfallenden Licht­strahlen von der Netzhaut aufgenommen, in Nervenreize umgesetzt und an das Gehirn weitergeleitet. In dieser Phase werden grafische Elemente wie Punkte, Linien und Farben wahrgenommen und im Kurzzeitgedächtnis für die Weiterverarbeitung gespeichert. Das Kurzzeitgedächtnis hat nur eine begrenzte Aufnahmekapazität. An dieser Stelle lässt sich bereits ein wichtiger Vorteil infografischer Darstellungen gegenüber Tabellen und Fließtext ableiten. Denn es können nur so viele erfasste Informationen im Kurzzeitgedächtnis zwischengespeichert werden, bis die Aufnahmefähigkeit erschöpft ist.[51] Eine Infografik stellt die Informationen auf weniger Daten komprimiert dar als Texte und Tabellen und benötigt deshalb weniger Kapazität des Kurzzeitgedächtnisses. So können aus Infografiken mehr Informa­tionseinheiten aufgenommen werden.

Mit modernen Geräten zur Blickaufzeichnung kann anhand des Blickverhaltens noch ein weiterer Unterschied während der Infor­mationsaufnahme nachgewiesen wer­den:[52] Das Auge tastet eine visuelle Vorlage in unregelmäßigen Sprüngen ab. Der Blick fixiert ein Element, verharrt kurz und springt dann weiter zum nächsten. Nur während des Fixierens wird Information aufgenom­men und zum Gehirn geleitet. Bei der Aufnahme von Bildinformationen sind erheb­lich weniger Fixiervorgänge und somit weniger Zeit erforderlich als für die sequen­zielle Aufnahme von sprachlichen oder numerischen Informationen. So werden zur Informationsaufnahme aus einem Bild mittlerer Komplexität im Durchschnitt eine bis zwei Sekunden benötigt. In die­sem Zeitraum können je nach Lesegeschwindigkeit fünf bis zehn Wörter erfasst werden. Küpper spricht deshalb von Bildern als „schnelle Schüsse ins Gehirn“.[53]

Die nun folgende Informationsverarbeitung mithilfe des Langzeitgedächtnisses ist ein sehr komplexes und umfangreiches Gebiet, das wissenschaftlich schwer zu erforschen ist. Denn die Informationsverarbeitung des Menschen kann individuell sehr unterschiedlich erfolgen. So hängt sie im Wesentlichen ab von der Eigenschaft des Bildes, von Fähigkeit, Erfahrung und Motivation des Betrachters und von der Situation, in der die bildlichen Informationen aufgenommen werden.[54] Allgemein wird gesagt, dass die Verarbeitung von Bildern analog abläuft, im Gegensatz zu Text und Sprache. Dort verläuft die Informationsverarbeitung digital, da die Daten sequenziell aufgenommen und an das Kurzzeitgedächtnis geleitet werden.[55]

Bei der analogen Informationsverarbeitung wird das wahrgenommene Bild mit visu­ellen Schemata verglichen, die dem Langzeitgedächtnis bekannt sind. Ein Bild wird schnell erkannt, wenn es einem im Gedächtnis gespeicherten Bildmuster entspricht oder nur wenig davon abweicht. Eine runde Form wird beispielsweise sofort als Kreis oder Kugel erkannt, wenn dieses Schemaattribut dem Langzeitgedächtnis bekannt ist. Diese Vorgänge laufen automatisch und mit wenig gedanklichem Aufwand ab. Die gedank­liche Leistung wird umso größer, je weniger leicht sich die Bildinformatio­nen einem Schema zuordnen lassen.[56]

Forscher gehen davon aus, dass die meisten Menschen bei der digitalen Verarbei­tung von Text und Sprache Kopf-Bilde r kreieren. Sie setzen die digitalen Eindrücke also in analoge, bildliche um. Beim Lesen des Wortes Katze beispielsweise entstehe im Gehirn ein Bild des Tieres. Dieser Vorgang der Umkodierung hat zur Folge, dass die Verarbeitung von textlichen und sprachlichen Informationen länger dauert als die von Bildeindrücken.[57]

Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass Bildinformationen lange im Gedächtnis gespeichert bleiben. So legte Shepard Probanden 612 Bilder vor und führte nach 20 Jahren einen Wiedererkennungstest durch. Das Resultat war, dass die Erinnerungsleistung mit einer Fehlerquote von 1,5 Prozent wesentlich besser war als bei einem Vergleichstest mit entsprechenden Informationen in formulierten Sätzen.[58] Ähnliche Ergebnisse lieferten verschiedene Experimente von Paivio.[59]

Die hohe Leistung der bildlichen Informationsspeicherung erklären Wissenschaftler durch die doppelte Speicherung von visuellen Informationen im Gedächtnis.[60]

Denn die wahrgenommenen und verarbeiteten Bildinformationen werden sowohl in ihren visuellen Ausprägungen gespeichert als auch in ihrer verbalen Entsprechung. Verbale und textliche Informationen dagegen werden nur in ihrer ursprünglichen Form im Gedächtnis abgelegt. Die duale Abspeicherung von bildlichen Informationen hat eine höhere Erinnerungswahrscheinlichkeit zur Folge.[61]

Die Verarbeitung von textlichen Inhalten erfolgt in der linken Hälfte des Gehirns, die für abstrakte und digitale Leistung zuständig ist. Die Vorgänge der Informations­verarbeitung von bildlichen Inhalten laufen in der rechten Hirnhälfte ab, die für direkte, analog-visuelle Verarbeitung und emotionale Eindrücke zuständig ist.[62] Die unterschiedlichen Orte der Informationsverarbeitung von Bild und Text haben einen weiteren Effekt zur Folge: Infografiken, eine Kombination aus Text und Bild, bieten einen hohen Lerneffekt. Denn es ist erwiesen, dass die menschliche Auffassung umso effektiver ist, desto mehr Kanäle zum Gehirn genutzt werden.[63] Zudem hilft der Text in Infografiken, den Interpretationsspielraum der bildlichen Darstellungen einzu­engen und das Bildverständnis zu präzisieren. Auch eine Ordnungsfunktion stellt Text in Infografiken dar. Denn im Gegensatz zu den meisten grafischen Elementen gibt er eine Reihenfolge der Informationsaufnahme vor.[64]

Die Erkenntnisse der Wahrnehmungspsychologie lassen auf Vorteile beim Einsatz von Infografiken gegenüber Fließtext schließen. Neben der schnelleren Informa­tionserfassung und -verarbeitung und der längeren Speicherung im Gedächtnis wir­ken Infografiken motivierend auf den Leser. Die größere Attraktivität von

Infogra­fiken gegenüber Text erklärt Geßler auf zwei Arten. Einerseits sei der opti­sche Unterschied zwischen Infografiken und Text ein Grund. Die Gleichförmigkeit eines Textes werde durch die Infografik unterbrochen, dies wecke die Aufmerksam­keit des Lesers. Der andere Grund sei ein kognitiver. Denn der Leser erwarte aus Erfahrung, dass durch Grafiken meist Ergebnisse oder andere bedeutende Sachver­halte darge­stellt werden.[65] Infografiken dienten deshalb nicht nur der Informations­vermittlung, ihr Einsatz biete zusätzlich einen Leseanreiz.

Ein weiterer Vorteil von Infografiken ist, dass sie für eine vergleichbare Informa­tionsmenge weniger Platz benötigen als entsprechender Fließtext. Dadurch kor­respondieren Infografiken mit der Platzknappheit, die in vielen Printmedien herrscht, und dem Trend der Leser, aus der Fülle an Informationen aus Zeitmangel auszuwählen.[66]

Neben all diesen Vorteilen können Infografiken auch Nachteile mit sich bringen. Weil die Verarbeitung von bildlichen Informationen weniger gedanklich kontrolliert wird als von Textinformationen, kann eine optisch solide gestaltete Infografik den Rezipien­ten dazu verleiten, auf einen seriösen Informationsinhalt zu schließen. So besteht die Gefahr, dass er die Aussagen weniger kritisch hinterfragt.[67] Aber in eine Infografik können sich ebenso wie in einen Fließtext falsche Zahlen und Aussagen einschlei­chen.

Zudem können schnellere Informationsaufnahme und -verarbeitung zu der Annahme verleiten, dass Infografiken einfacher zu verstehen seien als Texte. Deshalb wird vermutet, dass die Auseinandersetzung der Leser mit Bildern und Infografiken oberflächlicher ausfällt als mit Texten.[68] Doch komplexere Infografiken wie Funktionsinfografiken benötigen eine intensivere Beschäftigung. Weitere Missverständnisse, die bei der Informationsvermittlung von Infografiken auftreten können, sei es durch optische Täuschung der Rezipienten oder durch bewusst und unbewusst falsche Gestaltung, werden im nächsten Kapitel genannt.

Daraus folgend lässt sich dann ein Kriterienkatalog mit Gestaltungsanforderungen für Infografiken ableiten.

3.2 Ansprüche an Umsetzung und Gestaltung von Infografiken

In diesem Kapitel werden Kriterien für die Umsetzung und Gestaltung von Infogra­fiken erarbeitet. Mithilfe dieser Kriterien sollen mögliche Missverständnisse bei der Informationsvermittlung von Infografiken vermieden werden. Ein solcher Kriterien­katalog könnte dafür genutzt werden, um einen einheitlichen Qualitätsstandard bei Infografiken zu gewährleisten. In erster Linie wird er aber als Basis für die Frage­stellung der in Kapitel 5 folgenden Untersuchung der Gestaltungsqualität dienen. Denn die Infografik-Redaktionen der untersuchten Medien – „Focus“, „Spiegel“ und „Stern“ – haben nach eigenen Angaben nur wenige Vorgaben, die bei der Gestal­tung von Infografiken eingehalten werden müssen. Über Richtlinien des Coporate Design wie Schriftart und Farbwahl gehen diese nicht hinaus.[69]

Die Frage, wie sich die Qualität von Infografiken definieren lässt, welche Kriterien also eine gute Infografik auszeichnen, lässt sich nur schwer einheitlich beantworten. Viele Kriterien sind reine Geschmackssache oder nur grobe Richtwerte. Diese Pro­blematik lässt sich begründen durch die Vielfalt der Infografikarten und die verschie­denen Disziplinen, die an der Gestaltung und Beurteilung von Infografiken beteiligt sind. So wird ein Grafiker vielleicht die Farbgestaltung und Ausschmückung mit Pik­togrammen loben, während ein Statistiker bei derselben Infografik die Vereinfachung der Fakten ohne eindeutige Datenquelle bemängeln könnte. Ein Wahrnehmungs­psychologe könnte anerkennen, dass keine optische Täuschung durch den Moiré-Effekt[70] zu befürchten ist, ein Journalist aber beanstanden, dass die Infografik keine aktuelle Neuigkeit vermittele. Ein und dieselbe Infografik wird also je nach Blickwin­kel oder Fachdisziplin ganz unterschiedlich beurteilt.

„Graphical excellence is that which gives to the viewer the greatest num­ber of ideas in the shortest time with the least ink in the smallest space.“ (TUFTE: The visual display of quantitative information, 1997, S. 51)

Definiert etwa der Statistiker Tufte. Der Journalist Walther beschreibt gute Infogra­fiken folgendermaßen:

„Gut gemachte Grafiken werden zu richtigen Informationsbomben, die beim Leser einschlagen und einen bleibenden Eindruck hinterlassen.“ (WALTHER: Die Infografik als redaktionelles Werkzeug, 1990, S. 63)

Welche Kriterien Walther damit meint, bleiben offen. Genauer ist die Beschreibung von Sieverding, Infografiker beim Magazin „Focus“:

„Eine gute Infografik erklärt Sachverhalte schnell und verständlich. Eine schlechte Infografik ist eine, die zwar die gleichen Daten herüberbringt, dabei aber zu verschnörkelt, zu verspielt ist und nicht gewichtet.“ (SIEVERDING: informationen gehen direkter ins gehirn, 1998, ohne Sei­tenangabe)

Präzise Anhaltspunkte für die Umsetzung liefert aber auch diese Definition nicht. Schließlich noch ein Maßstab für die Informationsmenge einer Infografik von Neurath:

„Ein gutes Isotype-Bild sagt auf den ersten Blick das Wichtigste aus, auf den zweiten das Nächstwichtige, auf den dritten gibt es Einzelheiten zu erkennen, und wenn es auf den vierten Blick noch etwas zu zeigen hat, dann ist es kein gutes Isotype-Bild.“ (NEURATH: Isotype und die Graphik, 1935, o. S., zit. nach NEURATH: Gesammelte bildpädagogische Schrif­ten, 1991, S.188)

Die beispielhaft aufgeführten Beschreibungen zeigen sowohl, dass es kein einheitli­ches Bild von einer qualitativ hochwertigen Infografik gibt, als auch, dass es an kon­kreten Kriterien für die Gestaltung einer solchen mangelt. Dabei kann sich die Art der Infografik-Gestaltung auf das Image eines Mediums auswirken und zum Charakte­ristikum werden.[71] Da zudem ein steigender Einsatz von Infografiken in den Printmedien zu erwarten ist, und die meisten Leser Infografiken positiv beurteilen[72], sind aber einheitliche Anhaltspunkte für die Gestaltung unverzichtbar. Nur so kann ein hoher Qualitätsstandard erreicht und gehalten werden. Dass dieser momentan nicht vorhanden ist, zeigen die vielen Gegner und Kritiker von Infografiken – darunter auch Infografiker. Jansen beklagt beispielsweise, dass illustrative Elemente häufig die dürftigen inhaltlichen Aussagen überlagern. Viele Infografiken seien entgegen dem Anspruch, Informationen besser zu vermitteln, nur dekorative „Eyecatcher“.[73] Vom „gedruckten Fernsehen“ spricht Löffler.[74] Eichner, Redakteur der Zeitschrift „Page“, bezeichnet den steigenden Einsatz von Infografiken als „Pseudo-wissen­schaftlichen Visualisierungsdrang“ und fragt „Sollte das die Sprache der Information am Beginn des Informationszeitalters sein?“.[75]

Für die Rezipienten von Infografiken können Gestaltungskriterien ein Instrument der kritischen Informationsaufnahme bieten. Mithilfe der Kriterien können sie lernen, Infografiken zu lesen sowie ihre Aussagekraft und ihren Wahrheitsgehalt zu beurtei­len.

In den folgenden Unterkapiteln werden Qualitätskriterien aus unterschiedlichen Blickwinkeln aufgeführt, diskutiert und anschließend für die Fragestellung der Inhaltsanalyse zu einem Kriterien-Katalog zusammengefasst. Die Erörterung ver­schiedener Blickwinkel ist aufgrund der Vielfältigkeit von Infografiken nötig. Die Beleuchtung der Kriterien aus unterschiedlichen Perspektiven wird dabei vom All­gemeinen zum Speziellen erfolgen. Zunächst wird auf wahrnehmungspsychologi­sche Erkenntnisse und journalistische Standards eingegangen, da diese allgemein für alle Infografikarten gelten. Danach werden Anforderungen, die besonders für statistische und kartografische Infografiken gelten, erläutert.

3.2.1 Leitsätze der Wahrnehmungs- und Gestaltpsychologie

In Kapitel 3.1. wurden die grundlegenden Vorgänge im Gehirn bei der Informations-verarbeitung erläutert. Wahrnehmungspsychologen haben eine Reihe von so genannten optischen Täuschungen festgestellt, die den Prozess der Informations­aufnahme beeinflussen können.[76] Das Auftreten von Wahrnehmungstäuschungen kann durch geeignete Gestaltungstechniken für Infografiken vermieden werden, um die Informationsaufnahme nicht zu erschweren. Wahrnehmungstäuschungen entste­hen beispielsweise durch Muster von sich wiederholenden parallelen Linien.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darstellungen dieser Art flimmern selbst dann, wenn die Augen so ruhig wie möglich bleiben. Diese Auswirkung wird „Moiré-Effekt“[77] genannt. Wie der Effekt entsteht, ist unter Wahrnehmungspsychologen noch umstritten.[78] Um das Auftreten des Moiré-Effekts zu vermeiden, sollten Schraffuren von Infografiken nicht durch die abgebil­deten und ähnliche Muster erfolgen. Neben dem Moiré-Effekt können ungeeignete Schraffuren weitere Irritationen beim Betrachter auslösen. Grundsätzlich sind des­halb bei der Gestaltung von Infografiken Farbschattierungen den Schraffierungen vorzuziehen. Auf das weite Feld der Farbpsychologie wird in dieser Arbeit nicht ver­tiefend eingegangen, da dies über die Ziele der Arbeit hinausgehen würde.[79]

Um die Wahrnehmungsergebnisse unter bestimmten Reizkonfigurationen zu beschreiben, führen Gestaltpsychologen so genannte „Gestaltgesetze“[80] an, auch als „Gesetze der Wahrnehmungsorganisation“[81] bezeichnet. Anhand dieser Leitsätze lassen sich Gestaltungsgesetze für Infografiken ableiten. Die Wissenschaftler erklären, wie Wahrnehmungsreize im Gehirn gegliedert und zu einer Seheinheit geformt werden, durch das Gesetz der Nähe, das Gesetz der Ähnlichkeit, das Gesetz der Geschlossenheit, das Gesetz der Erfahrung und das Gesetz der guten Gestalt.[82]

Gesetz der Nähe

Nach dem Gesetz der Nähe werden Elemente wie Punkte und Linien, die räumlich nah beieinander liegen, als eine Gestalteinheit wahrgenommen. Entfernte Kompo­nenten gelten als nicht zusammengehörig.[83]

Für die Gestaltung insbesondere von kartografischen Infografiken und Funktions­infografiken bedeutet dies, dass Beschriftungen von Grafikbestandteilen möglichst in der Infografik erfolgen sollten und nicht in einer ausgelagerten Legende.[84] Denn wer­den Symbol-Erklärung und eigentliche Informationsträger getrennt, entsteht Distanz. Die Leser müssen zwischen beiden hin- und herwechseln, was die Informations­aufnahme verlangsamen und die Motivation der Betrachtung verringern kann. Wenn durch die direkte Beschriftung in der Infografik allerdings die Übersicht gefährdet wird, sollte auf eine Legende zurückgegriffen werden. Die Art der Symbol-Erläuterung muss also für den Einzelfall entschieden werden.

Bei Balken-, Säulen- oder Liniendiagrammen sollte die Beschriftung immer einheit­lich innerhalb der Elemente oder außerhalb erfolgen, damit die statistische Infografik insgesamt als Einheit wahrgenommen wird.[85]

Gesetz der Ähnlichkeit

Grafische Elemente werden dann als Einheit aufgefasst, wenn sie in ihrer Form, Farbe oder anderen Gestaltungsvariablen ähnlich sind. Ungleiche Bestandteile einer Darstellung werden als nicht zusammengehörig wahrgenommen.[86] Die identische Farbgebung bewirkt dabei stärker den Eindruck von Zusammengehörigkeit als eine gleiche Form.[87]

Dieses Gesetz lässt sich besonders für die Gestaltung von statistischen Infografiken anwenden: Säulen, Balken oder Linien, die zusammengehörige Werte abbilden, sollten durch entsprechende Einfärbungen und Schattierungen gekennzeichnet wer­den. Für die Gestaltung von kartografischen Infografiken eignet sich der Umkehr­schluss des Gesetzes: Flächen für Gewässer und Länder können durch Farbkon­traste deutlich abgetrennt und unterschieden werden.

Gesetz der Geschlossenheit

Diese Regel besagt, dass als zusammengehörig erkannt wird, was durch Linien zusammengeschlossen ist. Andersherum können Linien eine Abgrenzung von Seg­menten bewirken. Darüber hinaus können auch Weißräume Grenzen formen.[88]

Linien haben deshalb in Infografiken die bedeutende Funktion als Ordnungs- und Strukturierungselemente.

Gesetz der Erfahrung

Auch als Gesetz der Konventionen[89] bezeichnet, sagt diese Devise aus, dass Komponenten bevorzugt wahrgenommen werden, wenn sie einer bekannten Form ähneln.[90] Eine Linie wird beispielsweise als steigend interpretiert, wenn sie von links unten nach rechts oben verläuft. Sie löst beim Betrachter die Assoziation mit einem Berg aus, der direkt mit der wörtlichen Bedeutung von „Aufstieg“ verbunden wird.

Auf die Gestaltung von Infografiken hat dieses Gesetz mehrere Auswirkungen. Deshab sieht es Liebig als „eines der wichtigsten Gesetze der infografischen Gestaltung“ an.[91] So sollte bei der Erstellung von Infografiken auf Bekanntes zurück­gegriffen werden. Künstlerische Experimente sind nicht geeignet, da Infografiken durch Klarheit und journalistische Prägnanz leicht verständlich Informationen ver­mitteln sollen. Säulendiagramme etwa sollten der Leserichtung gemäß von links nach rechts steigend oder fallend angeordnet sein; bei Zeitreihen entsprechend chronologisch den Jahreszahlen nach. Auch bei Balkendiagrammen ist eine Sortie­rung nach dem Alphabet weniger sinnvoll als der Länge nach von oben nach unten oder umgekehrt.[92] Soll die Sitzverteilung im Bundestag auf die einzelnen Parteien dargestellt werden, eignet sich eine entsprechende Anordnung in einem Halbkreis. Weitere Gestaltungsregeln, die sich aus dem Gesetz der Konventionen ergeben, werden in den Kapiteln 3.2.3. und 3.2.4. beschrieben.

Gesetz der guten Gestalt

Es werden bevorzugt solche Formen als Figur oder Gestalt aufgefasst, die einen einfachen, voraussehbaren und gesetzmäßigen Verlauf aufweisen.[93] Ein Beispiel ist die Überlappung von einem Quadrat und einem Kreis. Durch die Überschneidung ergeben sich zwar viele verschiedene Figursegmente, die Wahrnehmung tendiert aber dazu, möglichst prägnante Figuren zu entdecken. Deshalb werden Kreis und Quadrat rasch erkannt.

Infografiker sollten dieses Gesetz als Richtlinie für eine klare Gestaltung ansehen, insbesondere von Symbolen und Piktogrammen.

3.2.2 Journalistische Kriterien

Infografiken gelten weitgehend als eigenständige journalistische Darstellungsform.[94] Deshalb müssen sie notwenigerweise journalistischen Qualitätskriterien entspre­chen. Als Erstes muss daher die Frage geklärt werden, ob für das darzustellende Thema eine Infografik sinnvoll ist. Eine Aussage, die sich auch in einem Satz ausdrücken lässt, muss nicht als aufwendig gestaltete Infografik verpackt werden. Auch für einen Vergleich von zwei Größen lohnt sich eine Infografik nicht.

Als journalistische Darstellungsform benötigt eine Infografik eine Überschrift. Eine Unterschrift wie sie sich bei Bilden etabliert hat, reicht für Infografiken nicht aus. Denn Infografiken sollen auch unabhängig vom Text wirken und eigene Informatio­nen vermitteln. Zur thematischen Einordnung benötigen sie daher eine Überschrift, während Bilder zunächst rein emotional wirken können.[95] Für die Überschrift einer Infografik gelten die allgemeinen Regeln für Headlines: Sie soll a ussagekräftig und prägnant sein und einen Leseanreiz bieten.[96]

Gegenstand dieser Arbeit sind Infografiken in drei General-Interest-Medien, von denen sich zwei als Nachrichtenmagazine bezeichnen lassen. Auch der Inhalt des dritten Magazins besteht zu einem großen Teil aus Texten mit nachrichtlichem In­halt. Daraus folgend sollten Infografiken, die in diesen Magazinen eingesetzt wer­den, die journalistische Ansprüche an eine Nachricht erfüllen. Die charakteristischen Elemente einer journalistischen Nachricht sind Aufbau, Aktualität , Allge­meines Interesse , Verständlichkeit und Objektivität.[97] Infografiken sollten diese Krite­rien ebenso erfüllen wie Texte. Eine Ausnahme bildet der Aufbau. Die Gliede­rung von Nachrichtentexten sollte so erfolgen, dass im ersten Satz das Wichtigste mitge­teilt wird, und der Text durch das Prinzip der abnehmenden Wichtigkeit von hinten zu kürzen ist.[98] Diese Regel lässt sich kaum auf Infografiken übertragen. Dennoch lässt sich der gute Aufbau einer Infografik definieren. Eine Infografik sollte so gestaltet sein, dass sie übersichtlich und schnell erfassbar Informationen vermittelt. Analog zum Aufbau eines Nachrichtentextes kann deshalb für Infografiken das Kriterium der Übersichtlichkeit[99] eingeführt werden .

Diese fünf Elemente werden nun im Einzelnen erläutert:

Übersichtlichkeit

Infografiken übersetzen Sinndifferenzen in optische Differenzen.[100] Sie bilden ab anstatt zu beschreiben. Deshalb sollte der Großteil der grafischen Elemente Infor­mationen transportieren. Bei zu vielen Ausschmückungen und optischen Spielereien besteht die Gefahr, dass die relevanten Informationen nicht sofort zu erfassen sind. Doch wie bei einer textlichen Nachricht muss auch bei einer Infografik die Kernaus­sage als Erstes wahrgenommen werden. Jansen empfiehlt deshalb, dass der Inhalt von Infografiken auf eine Hauptaussage und wenige logisch zugeordnete Neben­aussagen begrenzt werden solle.[101] Für Tufte sind jegliche grafischen Elemente wie beispielsweise Schattierungen, die keine Informationen transportieren, überflüssiger „chartjunk“[102].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die nebenstehende Abbildung zeigt, dass von Tufte erstellte Infografiken den heutigen Seh- und Lesege­wohnheiten der Käufer von Magazinen wie „Focus“, „Spiegel“ und „Stern“ wenig entsprechen.

[...]


[1] Vgl. u.a. KNIEPER: Infographiken, 1995, S. 3;

ebenso JANSEN/SCHARFE: Handbuch der Infografik, 1999, S. 10

[2] Vgl. HALLER: Recherchieren, 2000, S. 213; ebenso BERTELSMANN Lexikon-Verlag (Hrsg.): Das neue Taschenlexikon Band 7, 1992, S. 43

[3] Vgl. LIEBIG: Die Infografik, 1999, S. 19

[4] Vgl. LIEBIG: Die Infografik, 1999, S. 21

[5] Vgl. LIEBIG: Die Infografik, 1999, S. 26

[6] Vgl. LIEBIG: Die Infografik, 1999, S. 26

[7] Vgl. LIEBIG: Die Infografik, 1999, S. 26

[8] Vgl. JANSEN/SCHARFE: Handbuch der Infografik, 1999, S. 18 f.

[9] Vgl. BLUM/BUCHER: Die Zeitung: Ein Multimedium, 1998, S. 56

[10] Vgl. DER AUER GRAFIKDIENST (Hrsg.): Infografik, o. J., S. 2

[11] Vgl. KNIEPER: Infographiken, 1995, S. 47

[12] Vgl. KNIEPER: Viele Formen der Visualisierung, 1999, S. 5

[13] Vgl. KÜPPER: Journalisten-Werkstatt Infografik I, 1997, S. 2; ebenso LESTER: Visual Journalism, 2002, S. 210

[14] Vgl. LIEBIG: Die Infografik, 1999, S. 40

[15] Vgl. BLUM/BUCHER: Die Zeitung: Ein Multimedium, 1998, S.57

[16] Vgl. JANSEN: Info light?, 1996, S. 34

[17] Vgl. KNIEPER: Viele Formen der Visualisierung, 1999, S. 5

[18] Vgl. TANKARD: Quantitative Graphics in Newspapers, 1987, S. 412

[19] Vgl. KNIEPER: Infographiken, 1995, S. 47

[20] Vgl. o. V.: Medienpraxis, 1998, S. 3

[21] Vgl. dazu vertiefend SPECHT: René Descartes, 2001

[22] PLAYFAIR: The Commercial and Political Atlas, 1786

[23] Vgl. SULLIVAN: Zeitungsgrafiken, 1987, S. 12

[24] Vgl. TUFTE: The visual display of quantitative information, 1997, S. 32

[25] Vgl. KOBERSTEIN: Statistik in Bildern, 1973, S. 5

[26] Vgl. NEURATH: Isotype und die Graphik, 1935, zit. nach NEURATH:

Gesammelte bildpädagogische Schriften, 1991, S.342, dort ohne Seitenangabe

[27] Vgl. KOBERSTEIN: Statistik in Bildern, 1973, S. 19

[28] Vgl. CULBERTSON/POWERS: A Study of Graph Comprehension Difficulties, 1959, S. 97-110; anderer Meinung NEURATH: Bildstatistik nach der Wiener Methode in der Schule, 1933, S. 26

[29] Vgl. SPRISSLER: Infografiken gestalten, 1999, S. 35

[30] Vgl. LIEBIG: Die Infografik, 1999, S. 316

[31] Vgl. TANKARD: Quantitative Graphics in Newspapers, 1989, S. 412

[32] Vgl. DAVID: Accuracy of Visual Perception of Quantitative Graphics, 1992, S. 276 f.; anderer Meinung PETERSON/SCHRAMM: How Accurately Are Different Kinds of Graphs Read?, 1954, S. 179

[33] Vgl. KOHLSTOCK: Karthographie, 2004, S. 15

[34] Vgl. TUFTE: The visual display of quantitative information, 1997, S. 177; ebenso WAINER: Visual Revelations, 1997, S. 63-65

[35] TUFTE: The visual display of quantitative information, 1997, S. 40

[36] Vgl. JANSEN/SCHARFE: Handbuch der Infografik, 1999, S. 32

[37] Vgl. JANSEN/SCHARFE: Handbuch der Infografik, 1999, S. 142

[38] Vgl. KOHLSTOCK: Karthographie, 2004, S. 16 f.

[39] Vgl. WILHELMY: Karthographie in Stichworten, 2002, S. 17

[40] Vgl. WILHELMY: Karthographie in Stichworten, 2002, S. 229

[41] Vgl. JANSEN/SCHARFE: Handbuch der Infografik, 1999, S. 24 f.

[42] Vgl. SULLIVAN: Zeitungsgrafiken, 1987, S. 10 f.; ebenso WILDBUR/BURKE: Information Graphics, 1998, 12 f.

[43] Vgl. JANSEN/SCHARFE: Handbuch der Infografik, 1999, S. 28 f.

[44] Vgl. KROEBER-RIEL: Bildkommunikation, 1996, S. 53

[45] 1986 lag weder nach dem Challanger-Unglück noch nach der Tschernobyl-Katastrophe unmittelbar geeignetes Fotomaterial vor, so dass viele Redaktionen auf Infografiken zurückgriffen

[46] Vgl. KROEBER-RIEL: Vorteile der Business Graphik, 1986, S. 17

[47] Vgl. GARCIa/STARK: Eyes on the news, 1991, besonders S. 26 und 50

[48] TEICHERT: Nachrichten werden erfunden, 1993, S. 34

[49] GLOTZ: Das visuelle Zeitalter, 1994, S. 38-44

[50] Vgl. KROEBER-RIEL: Vorteile der Business Graphik, 1986, S. 17

[51] Vgl. WINTERHOFF-SPURK: Land unter?, 1994, S. 201

[52] Vgl. KROEBER-RIEL: Bildkommunikation, 1996, S. 53

[53] KÜPPER: Journalisten-Werkstatt Infografik II, 2002, S. 2

[54] Vgl. KROEBER-RIEL: Bildkommunikation, 1996, S. 63

[55] Vgl. PAIVIO: Imagery and Verbal Processes, 1979, besonders S. 179-181.

[56] Vgl. KROEBER-RIEL: Bildkommunikation, 1996, S. 54

[57] Vgl. MEYER: Designing Infographics, 1997, S. 98 f.

[58] Vgl. SHEPARD: Recognition Memory for Words, Sentences and Pictures, 1967, S. 156-

163

[59] Vgl. PAIVIO: Imagery and Verbal Processes, 1979, besonders S. 179-181

[60] Vgl. SCHNOTZ: Bild- und Sprachverarbeitung aus psychologischer Sicht, 2003, S. 27; ebenso PAIVIO: Imagery and Verbal Processes, 1979, besonders S. 179-181

[61] Vgl. SCHNOTZ: Bild- und Sprachverarbeitung aus psychologischer Sicht, 2003, S. 27; ebenso PAIVIO: Imagery and Verbal Processes, 1979, besonders S. 179-181

[62] Vgl. CARMON u.a.: Hemispheric Differences in rCBF During Verbal and Non-Verbal Tasks, 1975, besonders S. 417-423

[63] Vgl. LIEBIG: Die Infografik, 1999, S. 55

[64] Vgl. JANSEN/SCHARFE: Handbuch der Infografik, 1999, S. 72

[65] Vgl. GESSLER: Statistische Graphik, 1993, S. 18

[66] Vgl. BUCHER: Textdesign, 1996, S. 37

[67] Vgl. KROEBER-RIEL: Vorteile der Business Graphik, 1986, S. 20

[68] Vgl. LIEBIG: Die Infografik, 1999, S. 80

[69] Mitteilung per E-Mail von Silke Döhren, Pressereferentin „Spiegel“, am 31.03.2006; Telefonische Auskunft von Arno Langnickel, Stellvertreter Info-Grafik „Focus“, am 13.04.2006; Telefonische Auskunft von Andrew Timmins, Leitung Infografik „Stern“, am 21.04.2006

[70] Vgl. dazu vertiefend Kapitel 3.2.1. der vorliegenden Arbeit

[71] Vgl. DOMMER: Von Torten und Balken, 1996, S. 3

[72] Vgl. KNIEPER: Infographiken, 1995, S. 247 und 264

[73] JANSEN: Info light?, 1996, S. 32

[74] LÖFFLER: Gedruckte Videoclips, 1997, S. 14

[75] EICHNER: Hühnerknochen und Flugzeugabstürze, 1998, S. 25

[76] Vgl. u.a. LORENCEAU: Der rätselhafte Wasserfalleffekt, 2004, S. 17-19

[77] Vgl. GREGORY: Auge und Gehirn, 2001, S. 245

[78] Vgl. GREGORY: Auge und Gehirn, 2001, S. 245

[79] Vertiefende Informationen über die Wirkungen von Farbgestaltungen bietet KÜPPER: Journalisten-Werkstatt Farbe, 1999

[80] Vgl. SCHNOTZ: Informierende Bilder, 1993, S. 121

[81] Vgl. GUSKI: Wahrnehmung, 2000, S. 60

[82] Vgl. HALLER: Am Anfang war das Bild, 1999, S. 7; in ähnlicher Form GUSKI: Wahrnehmung, 2000, S. 60

[83] Vgl. GUSKI: Wahrnehmung, 2000, S. 61

[84] Vgl. MEYER: Designing Infographics, 1997, S. 67

[85] Vgl. MEYER: Designing Infographics, 1997, S. 186; ebenso HOLMES: Designer’s Guide to Creating Charts & Diagrams Charts & Diagrams, 1991, S. 173

[86] Vgl. GUSKI: Wahrnehmung, 2000, S. 61

[87] Vgl. JANSEN/SCHARFE: Handbuch der Infografik, 1999, S. 102

[88] Vgl. HALLER: Am Anfang war das Bild, 1999, S. 7

[89] Vgl. HALLER: Am Anfang war das Bild, 1999, S. 7

[90] Vgl. HALLER: Am Anfang war das Bild, 1999, S. 7

[91] LIEBIG: Die Infografik, 1999, S. 114

[92] Vgl. WAINER: Visual Revelations, 1997, S. 35-37

[93] Vgl. SCHNOTZ: Informierende Bilder, 1993, S. 121

[94] Vgl. z.B. BLUM/BUCHER: Die Zeitung: Ein Multimedium, 1998, S. 59

[95] Vgl. JANSEN/SCHARFE: Handbuch der Infografik, 1999, S. 86

[96] Vgl. SCHNEIDER/ESSLINGER: Die Überschrift, 2002, S. 13 f.

[97] Vgl. VON LA ROCHE: Recherchieren, 2000, S. 67

[98] Vgl. VON LA ROCHE: Recherchieren, 2000, S. 91

[99] Vgl. BUCHER: Ringrichter in der Tortenschlacht, 1995, S. 47

[100] Vgl. JANSEN: Info light?, 1996, S. 34

[101] Vgl. JANSEN: Info light, 1996, S. 34

[102] TUFTE: The visual display of quantitative information, 1997, S. 107-120

Ende der Leseprobe aus 210 Seiten

Details

Titel
Infografiken. Einsatz, Gestaltungsqualität und Informationsvermittlung
Hochschule
DIPLOMA Fachhochschule Nordhessen; Abt. Bonn
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
210
Katalognummer
V65128
ISBN (eBook)
9783638577700
Dateigröße
6244 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Einsatz, Gestaltungsqualität, Informationsvermittlung, Infografiken
Arbeit zitieren
Catherine Bouchon (Autor), 2006, Infografiken. Einsatz, Gestaltungsqualität und Informationsvermittlung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65128

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