Die Motive des Selbstmords oder Werthers Todessehnsucht in Goethes "Werther"


Magisterarbeit, 2002
104 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Werther und die Gesellschaft
1.1 Werthers Herkunft, seine Kindheit und Jugend
1.2 Werthers Position in der Gesellschaft
1.3 Werthers Halt ung zur Gesellschaft
1.3.1 Werthers Verhältnis zu Kindern
1.4 Die Parallelfiguren zu Werther
1.4.1 Die Bauernburschenepisode
1.4.2 Der wahnsinnige Schreiber
1.5 Albert als Werthers Antagonist
1.5.1 Die Selbstmorddiskussion
1.6 Die Gesandtschaftsepisode
1.7 Der Eklat in der Adelsgesellschaft

2. Werther und die Natur
2.1 Die Naturauffassung des Sturm und Drang
2.2 Der Gegensatz Stadt/Land bzw. Kultur/Natur
2.2.1 Werther als Spaziergänger
2.2.2 Das Motiv der Nußbäume
2.3 Natur als positiver Verstärker
2.4 Die zerstörerische Natur

3. Werther und die Kunst
3.1 Erste Annäherung an Lotte mittels Literatur
3.2 Werther als Leser
3.1.1 Klopstock
3.1.2 Homer
3.1.3 Ossian
3.1.4 Lessing
3.2 Werther als Künstler
3.3 Die Kunstauffassung des Fürsten versus Werthers Kunstauffassung

4. Die Liebe zu Lotte
4.1 Der euphorische Bericht an Wilhelm
4.1.1 Klopstock als Losung
4.1.2 Lotte als Lebensmittelpunkt
4.2 Werther als Kranker
4.2.1 Werthers Rede gegen die üble Laune
4.2.2 Die Herz-Kind-Metaphorik
4.3 Lottes Charakter
4.4 Das Märchen vom Magnetberg
4.5 Albert als Werthers Konkurrent
4.6 Erster Entwurf einer jenseitigen Liebe
4.7 Wilhelm als Vertreter des Vernunftsprinzips
4.8 Werthers Vorstellung von der Liebe
4.8.1 Flucht aus der Situation und Rückkehr zu Lotte
4.8.2 Die Erfüllung der Liebe durch Lottes Kontrollverlust

5. Werther und die Religion
5.1 Die Haltung des Sturm und Drang zur Religion
5.2 Werthers Pantheismus
5.2.1 Ossian als Symbol einer deutlichen Absage an den Pantheismus
5.3 Biblische Anklänge im Werther
5.3.1 Die Hinwendung zu einem persönlichen Vatergott
5.3.2 Werther und die Kinder
5.4 Die religiöse Stilisierung Lotte

6. Der Selbstmord
6.1 Frühe Thematisierungen des Selbstmords
6.1.1 Das tote Mädchen als Beispiel für die Rechtfertigung des Selbstmords
6.2 Werthers latente Todessehnsucht
6.3 Der phantasierte Mord an Albert oder an Lotte
6.4 Die Planung
6.4.1 Die Funktion des Abschiedsbriefs an Lotte
6.5 Die Tat
6.6 Die Symbolik des Sterbetages

Resümee

Exkurs: Zur Rezeptions- und Wirkungsgeschichte des Werther-Romans

Literaturverzeichnis

Einleitung

Friedrich Maximilian Klinger verleiht mit seinem Drama „Sturm und Drang“ der literarischen Bewegung ihren Namen, doch es wird ein Roman eines bis dahin noch relativ unbekannten Autors sein, der als das Werk des Sturm und Drang schlechthin in die Literaturgeschichte eingehen wird. Es ist Goethes „Werther“[1], mit dem er seinen Ruhm begründet und mit dem er Wirkungen erzielen wird, die unwiederholbar bleiben werden.

„Allerhand neues hab ich gemacht. Eine Geschichte des Titels: die Leiden des jungen Werthers, darin ich einen jungen Menschen darstelle, der mit einer tiefen reinen Empfindung, und wahrer Penetration begabt, sich in schwärmende Träume verliert, sich durch Spekulation untergräbt, biss er zuletzt durch dazutretende unglückliche Leidenschafften, besonders eine endlose Liebe zerrüttet, sich eine Kugel vor den Kopf schiesst“,[2]

schreibt Goethe im Juni 1774 an Schönborn. Die Protagonisten dieser Liebesgeschichte, Werther und Lotte, sind seit der Veröffentlichung des Romans nicht mehr wegzudenken aus dem Kreis der großen Liebes-paare der Weltliteratur und werden in einem Atemzug mit Romeo und Julia, Tristan und Isolde oder Julie und Saint Preux genannt. Goethes Jugendwerk, mit dem er zu Weltruhm gelangt und einen Erfolg feiern kann, den er in dieser Form nie wird wiederholen können, jedoch nur an der Intensität der Darstellung der Liebesproblematik zu messen, würde dem Werk nicht gerecht werden. Wie oben zitiert, sagt Goethe ja selbst, dass die Liebe nur als ein Mosaikstein des Bildes zu sehen ist, als ein hinzutretendes Moment, das zu Werthers Untergang führt. Es zeigt sich sodann im Verlauf des Romans auch nicht ein einzelnes Motiv als ursächlich verantwortlich für seinen Selbstmord, sondern ein sehr komplexes Motivenbündel, das der Tat zugrunde liegt.

Psychoanalytische Interpretationen haben immer wieder versucht, herauszufinden, was den Protagonisten hätte retten können.[3] Obwohl menschlich verständlich, führen diese Fragestellungen nicht allzu weit, denn seinem Autor kann man unterstellen, dass er die Rahmenbedingungen, in denen er Werther leben lässt, und seine Charakterstruktur bewusst genau so und nicht anders gewählt hat. Interessieren kann allerdings, warum Werther von einer so starken Todessehnsucht getrieben wird, die letztlich dazu führt, dass er keine Alternative zum Selbstmord sieht und scheitert. Was ist es also, das Werther das Leben so unerträglich macht, dass er Selbstmord begehen will und diese Tat schließlich auch ausführt?

Diese Frage wird in der vorliegenden Arbeit eingehend untersucht. Dazu soll Werthers Charakterstruktur über seine Anschauungen zu verschiedenen Bereichen analysiert werden. Kapitel 1 beschäftigt sich mit Werthers Haltung zur feudalabsolutistischen Gesellschaft, die jedoch bereits Merkmale der aufkeimenden bürgerlichen Gesellschaft trägt sowie mit der Position, die Werther in eben dieser Gesellschaft einnimmt. In Kapitel 2 wird Werthers Verhältnis zur Natur in ihrer Funktion als gegenzivilisatorische Kraft untersucht. In Kapitel 3 werden seine Positionen zur Kunst auch im Hinblick darauf betrachtet, ob die Beschäftigung mit Kunst als Ausgleich zu einer ansonsten defizitär erlebten Welt gesehen werden kann. In Kapitel 4 wird die Liebe zu Lotte und der Stellenwert, den diese Liebe für Werther einnimmt, analysiert. Kapitel 5 beschäftigt sich mit der Frage, welche Religions-vorstellung Werther hat und ob er aus seiner Gottesidee Trost zu ziehen vermag. Kapitel 6 beleuchtet den Selbstmord Werthers näher und versucht die Frage zu beantworten, warum sein Selbstmord als zwangsläufig anzusehen ist. Im Resümee werden die Ergebnisse aus den Kapiteln 1 bis 6 zusammengefasst dargestellt. Die ungeheure Wirkung des Erstlingsromans von Goethe empfiehlt es, eine Darstellung der Rezeptions- und Wirkungsgeschichte des Werther-Romans anzuschließen, die sich allerdings auf das zeitgenössische Publikum beschränken soll. So beschäftigt sich der Exkurs mit der Frage, wie es ein fiktiver Text hat erreichen können, dass eine in viele Kleinstaaten zersplitterte Nation in der Frage pro oder kontra Werther insofern geeint zu sein schien, als man nur glühender Verehrer oder aber leidenschaftliche Gegner des Werther sein konnte.

1. Werther und die Gesellschaft

1.1 Werthers Herkunft, seine Kindheit und Jugend

Über Werthers Familie wissen wir aus seinen Briefen nur weniges. Sein Vater scheint früh verstorben zu sein, von Geschwistern ist nicht die Rede. Wenn Werther im Brief vom 5. Mai 1772 schreibt, dass die Mutter nach dem Tode des Vaters aus der Idylle einer Kleinstadt in der Nähe von Wäldern und Bergen weggezogen ist, um sich dort, in ihrer „Stadt einzusperren“[4], deutet sich an dieser Stelle bereits an, dass die Lebenseinstellung der Mutter nicht der seinen entspricht und eine gewisse Distanz zur Mutter besteht, die sich hier durch beider unter-schiedliche Haltung zu Land- und Stadtleben zeigt.

Die der erzählten Zeit vorhergehenden Abschnitte Kindheit und Jugend Werthers werden von ihm kaum gestreift, doch lassen sich an den Details, die er berichtet, die Grundlagen der Einschätzung der Welt, wie er sie später vornehmen wird, ablesen. So erinnert sich Werther seiner Kindheit als dumpf und bedrückend, wenn er von der Erziehung in der Schule spricht, als glücklich, wenn er von den träumend in der Natur verbrachten Stunden berichtet. Seine Betrachtungen über die Schule sind allerdings keine vereinzelten, völlig subjektiven Einschätzungen der Situation aus dem Blickwinkel eines besonders empfindsamen Menschen, der auch schon als Kind sehr sensibel war, sondern decken sich mit zeitgenössischen Erfahrungsberichten über die Art und Weise des Unterrichts von Kindern in deutschen Schulen.[5]

Werthers Aufenthalte in der Natur, die er rückblickend als glücklich verträumte Tage beschreibt, waren jedoch von den gesellschaftlichen Anforderungen, die seine Familie an ihn stellte, überschattet. Auch hier schon begriff er die sozialen Zwänge etwa eines geregelten Tagesablaufs als Hindernis zur Selbstverwirklichung, es erfüllte ihn mit Widerwillen, wenn er seinen Platz in der Natur verlassen musste, um den Erwartungen der Familie zu entsprechen und zu einer genau bestimmten Zeit zu Hause zu sein.[6] Diese negativ besetzte Routine der zeitlichen Abläufe, eines geregelten Lebensrhythmus überhaupt und der Kontrast des freien Herumschweifens in der Natur schließen an die Vorstellungen Rousseaus einer Natürlichkeit an, die den ganzen Roman durchziehen und einer unverbildeten, urwüchsigen Lebensweise das Wort reden.[7]

Werthers Jugend wird noch sparsamer beleuchtet. Alles, was er dazu reflektiert, ist zum einen die Tatsache, dass er offenbar zusammen mit der Mutter in die ihm verhasste Stadt ziehen musste, und zum anderen die Freundschaft zu einem Mädchen, das gestorben ist und das er schmerzlich vermisst:

„Ach dass die Freundin meiner Jugend dahin ist! ach, dass ich sie je gekannt habe! – Ich würde sagen, du bist ein Tor, du suchst, was hienieden nicht zu finden ist; aber ich habe sie gehabt, ich habe das Herz gefühlt, die große Seele, in deren Gegenwart ich mir schien, mehr zu sein als ich war, weil ich alles war was ich sein konnte.“[8]

Bereits in diesem frühen Brief, als Werther sich in der Aufbruch-stimmung des Reisenden befindet, der gerade in einer fremden Gegend angekommen ist, klingt eine melancholische Stimmung durch, wenn er die eigentliche Unerreichbarkeit von Glück thematisiert. Doch Werther hat dieses Glück der Seelenverwandtschaft erlebt. Er ist somit von daher ausreichend disponiert, ein Suchender zu bleiben, für die Begegnung mit Lotte ist er vorgeprägt. Noch ein zweites Element schwingt mit, denn in der Beziehung zu seiner Jugendfreundin konnte er sich selbst, seine eigene Seele, als wertvoller empfinden, eine Selbsteinschätzung, wie sie für die spätere Beziehung zu Lotte noch interessant werden wird, denn auch dort erlebt Werther sich ab einem gewissen Punkt nur noch in Bezug auf Lotte und lediglich in Hinsicht auf sie als wertvoll, worauf in Kapitel 4 noch näher eingegangen wird.

Außer der Mutter existiert noch eine Großmutter, von der Werther berichtet, dass sie ihm Märchen vorlas. Die These von der typisch matriarchalischen Hominisation Werthers in einer grundsätzlich patriarchalisch organisierten Gesellschaft, in der Werther sich aufgrund des mangelnden männlichen Rollenvorbilds von seiner Mutterprägung nicht emanzipieren könne und immer auf der „Suche nach dem abwesenden Vater“[9] bleibe, lässt sich aufgrund des fehlenden von Werther Berichteten über das Zusammenleben mit der Mutter schwerlich stützen, denn wenn Werther auch einige seiner Schritte dahingehend betrachtet, wie wohl die Mutter dazu stehen würde, so ist sein Verhältnis zu ihr doch grundlegend von „gleichgültig-distanzierter Höflichkeit“[10] gekennzeichnet, was sich u.a. darin zeigt, dass nicht ein einziger Brief an die Mutter gerichtet ist. In der Beurteilung des Charakters der Tante, die Werther im Auftrag seiner Mutter in strittigen Erbschaftsangelegenheiten aufsucht, zeigt sich ebenfalls eine Differenz zwischen Mutter und Sohn. Werther teilt die Ansicht der Mutter nicht, dass die Tante ein „böses Weib“ sei, sondern sie sei – ganz im Gegenteil – eine „muntere heftige Frau von dem besten Herzen“.[11] Die Distanz zur Mutter lässt sich auch an der Wortwahl ablesen, etwa wenn Werther Wilhelm aufträgt, seine Mutter von „ihrem Sohn“ zu grüßen, womit das Rollenverhältnis angesprochen und gleichzeitig auch die Reduktion auf die Rolle des Sohnes ausgedrückt wird.

Aus der Selbstverständlichkeit, mit der Werther liest, zeichnet und kleine Aufsätze verfasst, aus seiner Beschäftigung mit der klassischen Literatur, seiner Fähigkeit, fremdsprachliche Dichtung zu übersetzen, und seinen Rekursen auf bildungsbürgerliche Fragestellungen sowie seiner späteren Tätigkeit in der Gesandtschaft kann geschlossen werden, dass er eine höhere Schulbildung, wenn nicht eine akademische Aus-bildung, erhalten hat. Dafür spricht auch, dass er Wilhelm – höchstwahrscheinlich in Gleichsetzung mit sich selbst – als „auch der Gelehrten einer“[12] bezeichnet.

1.2 Werthers Position in der Gesellschaft

„Wie oft lull‘ ich mein empörtes Blut zur Ruhe, denn so ungleich so unstät hast du nichts gesehen als dieses Herz. Lieber! brauch‘ ich dir das zu sagen, der du so oft die Last getragen hast, mich vom Kummer zur Ausschweifung und von süßer Melancholie zur verderblichen Leidenschaft übergehen zu sehen? Auch halte ich mein Herzchen wie ein krankes Kind; jeder Wille wird ihm gestattet“[13],

schreibt Werther im Brief vom 13. Mai 1771. In dieser Selbstein-schätzung zeigt sich sein unausgeglichener Charakter, der starken Gefühlsschwankungen unterliegt. Trieberfüllung und Absolut-Setzung des Ich stehen im Vordergrund. Diese egozentrische Position auszuleben, wird ihm durch seine Stellung innerhalb der Gesellschaft erleichtert. Die Zugehörigkeit der Familie Werthers zum vermögenden Bürgertum ermöglicht es seiner Mutter, seinen Lebenswandel ohne Erwerbsarbeit und ohne wesentliche gesellschaftliche Verpflichtungen zu finanzieren, auch wenn sie andere Ziele verfolgt und ihn in eine geregelte Anstellung bringen will. Hilfreich werden sich hierzu die Kontakte der Familie zum Hofe erweisen, auch diese sind ein Zeichen der privilegierten Stellung der Familie und somit auch Werthers. Auch ohne berufliche Stellung sichert sie ihm durch ihre finanzielle Lage und ihre Reputation ein gewisses Ansehen und einige Vorzüge, wie z.B. die dauernde Beschäftigung eines Dieners. Seinen Neigungen entsprechend, gestaltet er seinen Tagesablauf, indem er etwas in der Kunst dilettiert, die Lektüre antiker Dichter betreibt und sich in der Natur ergeht. Das Handeln aus Neigung erhebt er dann auch ohne Umschweife zur Maxime, als deutlich wird, dass seine Mutter und Wilhelm ihn zur Übernahme von Pflichten bewegen wollen:

„Eure Idee will noch nicht die meinige werden, dass ich mit dem Gesandten nach *** gehen soll. Ich liebe die Subordination nicht mehr, und wir wissen alle, dass der Mann noch dazu ein widriger Mensch ist. Meine Mutter möchte mich gern in Aktivität haben, sagst du: das hat mich zu lachen gemacht. Bin ich jetzt nicht auch aktiv? und ist‘s im Grunde nicht einerlei: ob ich Erbsen zähle oder Linsen? Alles in der Welt läuft doch auf eine Lumperei hinaus, und ein Mensch, der um anderer willen, ohne dass es seine eigene Leidenschaft, sein eigenes Bedürfnis ist, sich um Geld oder Ehre oder sonst was abarbeitet, ist immer ein Tor.“[14]

Mit dieser Einstellung befindet sich Werther außerhalb der bürgerlichen Moral, in der Berufsarbeit für die männlichen Mitglieder der Gesellschaft ein wesentlicher Bestandteil des Lebens darstellt und der Status des jeweiligen Berufes neben der Herkunft der wichtigste Indikator des Gesamtstatus einer Person ist.[15] Auch der christlichen Moral läuft er mit dieser Ansicht zuwider.[16]

Im Sinne des zeitgenössischen Philosophen Kant, nach dem nur das Handeln aus Pflicht moralisch wertvoll ist[17], verhält sich Werther amoralisch. Mit seinem aus Neigung motivierten Handeln kontrastiert er die Normen und Werte der Aufklärung, die das Vernunftgebot zum obersten Prinzip erklärt. Dabei ist das Vernunftprinzip der Aufklärung nicht als absolut zu sehender Gegensatz zum Gefühlsprinzip zu verstehen, vielmehr sollten Gefühle und Vernunft gleichwertig nebeneinander bestehen können, wobei die Gefühle sich allerdings an vernünftigen Prinzipien orientieren sollten.

Doch zur Vernunft bzw. zum vernunftgeleiteten Handeln hat Werther eine deutlich negative Haltung. Im Disput mit Albert ruft er aus:

„Ach ihr vernünftigen Leute! (...) Leidenschaft! Trunkenheit! Wahnsinn! Ihr steht so gelassen, so ohne Teilnehmung da, ihr sittlichen Menschen! scheltet den Trinker, verabscheut den Unsinnigen, geht vorbei wie der Priester und dankt Gott wie der Pharisäer, dass er euch nicht gemacht hat wie einen von diesen. Ich bin mehr als einmal trunken gewesen, meine Leidenschaften waren nie weit vom Wahnsinn, und beides reut mich nicht: denn ich habe in meinem Maße begreifen lernen, wie man alle außerordentliche Menschen, die etwas Großes, etwas Unmöglichscheinendes wirkten, von jeher für Trunkene und Wahnsinnige ausschreien musste.“[18]

Hier ist der außergewöhnliche Gefühlsmensch angesprochen, der in soviel höherem Maße als der vernünftige Mensch geeignet scheint, die Dinge der Wirklichkeit zu begreifen und zu durchdringen, und erst durch sein hohes Empfindungsvermögen gleichsam geadelt und befähigt wird, Außergewöhnliches zu tun und zu leisten. Es gilt das Primat des Gefühls, das als sichere Quelle von wahrer Erkenntnis angesehen wird. Der Verstand und die Fähigkeiten, die der Mensch mit Hilfe seiner rationalen Möglichkeiten erwerben kann, nehmen in dieser Hinsicht eine untergeordnete Position ein.

So reflektiert Werther dann auch folgerichtig sein Wissen um seine Kenntnisse, die ihm die bildungsbürgerliche Erziehung ermöglicht hat, in resignativer Haltung:

„Ach was ich weiß, kann jeder wissen – mein Herz habe ich allein.“[19]

Doch zeigt sich an dieser Stelle auch deutlich ein Understatement Werthers, das fast an Koketterie grenzt, indem er sein Wissen gering schätzt und sein fühlendes Herz in den Vordergrund stellt, denn sein Bildungsstand ist keineswegs übertragbar auf die Gesamtbevölkerung, vor allem nicht auf die unteren Schichten des Volkes, die Werther aufgrund ihres natürlichen bzw. einfachen Lebens in hohem Maße schätzt. Die Gesellschaft, in der Werther sich bewegt, besteht noch zu einem ziemlich hohen Anteil aus Analphabeten, und diejenigen aus den unteren Schichten, die des Lesens mächtig sind, sind überwiegend mit der reinen Existenzsicherung beschäftigt, so dass sie nicht in der Position sind, sich z.B. mit den Werken Homers auseinandersetzen zu können.

Während Werthers Mutter und auch sein Freund Wilhelm sich in den Grundüberzeugungen der bürgerlichen Gesellschaft bewegen und für ihren Sohn und Freund eine angemessene berufliche Stellung zu erstreben suchen, bedeutet „Leben“ für Werther, sich dem Gefühlsprinzip zu überlassen, situiert in einem "Heute", das keine Zukunftsversicherung kennt:

"Ich gestehe dir gern, denn ich weiß was du mir hierauf sagen möchtest, dass diejenigen die glücklichsten sind, die, gleich den Kindern in den Tag hineinleben (...). Das sind glückliche Geschöpfe.“[20]

1.3 Werthers Haltung zur Gesellschaft

„Ich habe allerlei Bekanntschaft gemacht, Gesellschaft habe ich noch keine gefunden“, schreibt Werther im Brief vom 17. Mai 1771.[21] Dies ist der erste Ausdruck eines Isolationsgefühls unter Menschen, den er nicht müde wird, immer wieder zu variieren.

Isoliert fühlt er sich auch und gerade gegenüber den Angehörigen seines eigenen Standes, denn sie finden wenig Gnade vor seinen Augen. So berichtet er von der Begegnung mit einem jungen Akademiker, dessen Meinung, er wisse mehr als die anderen, Werthers Unmut erregt, denn dieser habe zwar ein paar „hübsche Kenntnisse“[22], doch das bildungs-bürgerliche Wissen, das er gleichsam vorführt, vermag Werther nicht wirklich zu interessieren, und so bricht er den Kontakt gelangweilt ab. Als „verzerrte Originale, an denen alles unausstehlich ist“[23], bezeichnet Werther weitere Menschen, die ihm begegnet sind. Was ihn an diesen am meisten stört, sind deren Freundschaftsbekundungen ihm gegenüber.

Die einzige Ausnahme in der ersten Wahlheimer Zeit bildet Lottes Vater, den er mit wohlwollenden Attributen wie „brav, offen und treuherzig“[24] beschreibt.

Es sind die niedrigen Stände, auf die sich seine Sympathie richtet, ihre einfache und unpreziöse Lebensweise zieht ihn an. Sein durchaus verinnerlichtes Standesbewusstsein hält ihn nicht davon ab, Kontakt zu den „geringen Leuten“ zu suchen. Sie und die Kinder sind nach Werthers Bekunden ihm zugetan, ja, sie lieben ihn sogar. Werther sieht sich hier in einer Sonderstellung, denn die Angehörigen höherer Stände seien immer in einiger Entfernung vom „gemeinen Volk“ zu finden. Werther demonstriert Wilhelm seine Kontaktfreudigkeit am Beispiel der Begebenheit mit dem Dienstmädchen, das er traf, als sie am Brunnen Wasser holen wollte.[25] Er half ihr generös, das Gefäß auf den Kopf zu heben. Dass das Mädchen über seine Hilfestellung errötete, berichtet Werther zwar, reflektiert ihre Anerkennung seiner gesellschaftlichen Überordnung aber nicht weiter. Sie hat offenbar die Standesgrenzen internalisiert, dies hindert Werther jedoch nicht daran, sich generell als jemanden zu betrachten, dessen Zugang zur Welt der „kleinen Leute“ echt und natürlich ist.

Seine idyllische Vorstellung vom Leben der einfachen Leute gipfelt darin, dass er die nach seiner Ansicht reflexionslos lebenden Menschen beneidet:

(...) wenn meine Sinnen gar nicht mehr halten wollen, so lindert all den Tumult der Anblick eines solchen Geschöpfs, das in glücklicher Gelassenheit den engen Kreis seines Daseins hingeht, von einem Tage zum andern sich durchhilft, die Blätter abfallen sieht, und nichts dabei denkt, als dass der Winter kommt.“[26]

Werther bringt sich mit der Ablehnung der Normen und Werte der meisten seiner Standesgenossen in eine Abseitsposition, denn auch aus seiner Neigung zum einfachen Volk und der Überschreitung der Standesgrenzen gelingt ihm keine wirkliche Integration in die unteren Stände, denn die Überschreitung ist einseitig, erfolgt nur von seiner Seite aus. So beziehen sich seine Isolationsgefühle auch auf diese, von ihm in vielerlei Hinsicht favorisierte gesellschaftliche Schicht, denn er muss vor diesen sorgfältig verbergen, über welche Talente er verfügt, und begreift dies als Einengung und Einschränkung:

„Aber eine recht gute Art Volks! Wenn ich mich manchmal vergesse, manchmal mit ihnen die Freuden genieße, die den Menschen noch gewährt sind, an einem artig besetzten Tisch mit aller Offen- und Treuherzigkeit sich herum zu spaßen, eine Spazierfahrt, einen Tanz zur rechten Zeit anzuordnen, und dergleichen, das tut eine ganz gute Wirkung auf mich; nur muss mir nicht einfallen, dass noch so viele andere Kräfte in mir ruhen, die alle ungenutzt vermodern und die ich sorgfältig verbergen muss. Ach das engt das ganze Herz so ein. – Und doch! mißverstanden zu werden, ist das Schicksal von unser einem.“[27]

Er fühlt sich jedoch nicht nur missverstanden, sondern zweifelt an der grundsätzlichen Erkenntnisfähigkeit des Menschen und einer Sinnhaftigkeit des Lebens überhaupt. Er geht soweit, das Leben an sich als Gefängnis zu begreifen, in welchem man sich der Illusion der Freiheit hingebe und der Wirklichkeit zugunsten der phantasievollen Ausschmückung möglicher Lebensaussichten entsage:

„Wenn ich die Einschränkung ansehe in welcher die tätigen und forschenden Kräfte des Menschen eingesperrt sind; wenn ich sehe, wie alle Wirksamkeit dahinaus läuft, sich die Befriedigung von Bedürfnissen zu verschaffen, die wieder keinen Zweck haben, als unsere arme Existenz zu verlängern, und dann, dass alle Beruhigung über gewisse Punkte des Nachforschens nur eine träumende Resignation ist, da man sich die Wände, zwischen denen man gefangen sitzt, mit bunten Gestalten und lichten Aussichten bemalt – Das alles Wilhelm macht mich stumm. Ich kehre in mich selbst zurück, und finde eine Welt!“[28]

Doch diese Welt, die er in sich findet, ist seine rein subjektive Erlebniswelt und manchmal führt ihn dieser Umstand dazu, sich zu wünschen, eine äußere Anforderung würde sich ihm stellen, um nicht immer nur auf sein Ego zurückverwiesen zu werden. Obwohl er die Freiheit einer ohne berufliche Bindung gelebten Existenz immer wieder propagiert, schwankt er doch gelegentlich in dieser Ansicht. So beneidet er einen Tagelöhner, der morgens noch mit einer gewissen Hoffnung aufwacht, an diesem Tag eine Arbeit und somit sein Auskommen zu finden; er beneidet ebenfalls Albert, den er in seinen Akten vergraben glücklich wähnt. Diese momentgebundene Einsicht in die mögliche Sinnhaftigkeit von Berufsarbeit zur Stabilisierung des Ich ist jedoch nicht mehr als ein kurzes Aufflackern einer Sehnsucht nach einem äußeren Fixpunkt. Gesellschaftliche Zwänge und Selbstbegrenzungen, denen sich die Menschen unterordnen, begreift er nach wie vor als Flucht vor der Freiheit:

„Es ist ein einförmiges Ding um das Menschengeschlecht. Die meisten verarbeiten den größten Teil der Zeit um zu leben, und das Bißchen das ihnen von Freiheit übrig bleibt ängstigt sie so, dass sie alle Mittel aufsuchen, um es los zu werden.“[29]

1.3.1 Werthers Verhältnis zu Kindern

„Ja, lieber Wilhelm, meinem Herzen sind die Kinder am nächsten auf der Erde. (...) Und nun, mein Bester, sie, die unseres Gleichen sind, die wir als unsere Muster ansehen sollten, behandeln wir als Untertanen. Sie sollen keinen Willen haben! – Haben wir denn keinen? Und wo liegt das Vorrecht? – Weil wir älter sind und gescheuter! – Guter Gott von deinem Himmel! alte Kinder siehst du und junge Kinder, und nichts weiter.“[30]

Aus dieser Einschätzung Werthers spricht Kritik an der herkömmlichen Auffassung der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts Kinder seien noch natürlich, aber gerade deshalb müssten die Erwachsenen versuchen, die der Natürlichkeit zugeschriebenen Merkmale wie Ungeschliffenheit, Wildheit und Unzivilisiertheit über das Mittel der Erziehung in geordnete Bahnen zu lenken. Mehr noch zeigt sich aber Werthers Einstellung, dass Kinder die besseren, weil noch nicht konditionierten Menschen seien.

Der Doktor, der sich um das gesundheitliche Wohlergehen der Familie Lottes kümmert, zeigt sich wenig erfreut über Werthers Art und Weise, mit Lottes kleinen Geschwistern umzugehen. Werther bezeichnet ihn abwertend als „dogmatische Drahtpuppe“,[31] was zweierlei aussagt: Zum einen ist der Doktor den herrschenden Dogmen verpflichtet, in Bezug auf Kindererziehung heißt das, dass er den Erziehungsstil, den wir heute unter der Bezeichnung „Schwarze Pädagogik“ fassen, favorisiert. Die in Mode gekommenen Erziehungsratgeber beschäftigen sich eingehend mit der Unterdrückung und Austreibung kindlicher Regungen. Die kleine Persönlichkeit soll idealerweise ihren „Eigensinn“ und ihre „Bosheit“ verlieren und den Eltern durch „Gehorsam“ und „Biegsamkeit“ ein gutes Kind werden.[32] Werther ist hier offenbar anderer Ansicht. Er liebt es, mit den Kindern herumzutollen, sich auf die Stufe der Kindern zu begeben, und verspürt nicht die Neigung, sich ihnen gegenüber als Autorität darzustellen. Zum anderen zeigt der Ausdruck „Drahtpuppe“, dass Werther dem Doktor ein gekünsteltes, unnatürliches Verhältnis zu Kindern unterstellt, das nicht von menschlicher Wärme geleitet ist, sondern von mechanischer Kälte und Glätte.

Die Kinder, und nicht nur die Geschwister Lottes, sondern auch die Dorfkinder, lieben Werther, und er liebt sie. Für ihn, der sich selbst oft noch als Kind bezeichnet und dies als Ehrenbezeichnung auffasst, sind die Kinder die wahren Menschen, und so gehört ihnen seine ganze Sympathie. Er hält dann – wie bereits oben zitiert - auch die Menschen für die Glücklichsten, die gleich den Kindern in den Tag hineinleben.

1.4 Die Parallelfiguren zu Werther

Bereits in der ersten Fassung des Werthers gestaltet Goethe Paralleli-sierungen, wie etwa den Wandel der Natur oder die Nussbäume im Pfarrhof, auf die in Kapitel 2 noch näher eingegangen wird. Sie wiederholen den Kontrast in Werthers Seele, den Kontrast von Glück und Unglück. Sie dienen also zur symbolischen Spiegelung der Haupthandlung. Goethe arbeitet in seinen Roman darüber hinaus zwei Parallelfiguren zu Werther ein. Es sind dies die - erst nachträglich in die zweite Fassung eingefügte - Episode des Bauernburschen und die des wahnsinnigen Schreibers. Mit den beiden Parallelerzählungen entsteht zum einen ein Kontrast zu Werther, da beide Figuren aus anderen sozialen Schichten stammen und charakterlich anders disponiert sind. Des Weiteren kann der jeweilige völlig andere Ausgang der Liebesgeschichte dieser beider Figuren auch als Handlungs- oder Verhaltens-alternative für Werther gesehen werden, als ein Weg, den er jedoch nicht einschlägt.

Zum anderen vermag das ähnliche Schicksal beider, die absolute Liebe und Hingabe zu einer Frau, das Los Werthers ins Allgemeine zu heben, dies allerdings nur in eingeschränkter Weise; auch wenn die Parallelerzählungen darauf hinzuweisen scheinen, dass Werther nicht der einzige leidende Liebende ist, so fühlt er sein Leid doch als singuläres, noch nie da gewesenes Elend:

„Manchmal sag ich mir: Dein Schicksal ist einzig; preise die übrigen glücklich – so ist noch keiner gequält worden.“[33]

1.4.1 Die Bauernburschenepisode

Werthers Hang zum „einfachen“ Volk bringt ihn auf einem Spaziergang in Kontakt mit einem Bauernburschen, der ihm vertrauensvoll die Geschichte seiner Liebe zu einer Witwe, für die er als Knecht arbeitet, erzählt. Er reflektiert die Erzählung des Burschen im letzten Brief an Wilhelm, bevor er Lotte kennen lernt, und weiß also noch nicht, dass ihm ein ähnliches Schicksal bevorsteht. Er zeigt sich beeindruckt von der Fähigkeit des Burschen, leidenschaftlich zu lieben und zu begehren. Gleichzeitig attestiert er ihm Reinheit und Unschuld, wie eine Naturerscheinung, bei der alles bestimmten Gesetzen gehorcht, erscheint ihm der Bursche. Werther sieht ihn unter anderen Vorzeichen wieder, als sein eigenes Glück, das er durch Lotte erlebt hat, in Unglück umgeschlagen und der Bauernbursche vom leidenschaftlich Liebenden zum Mörder aus Liebe geworden ist.

Die Naturparallelen der Haupthandlung wiederholen sich auch hier in der Nebenhandlung, es ist Frühling, erwachende und aufbrechende Natur, als Werther den Bauernburschen zum ersten Mal trifft, die Peripetie erfolgt im Herbst, als der Prozess des Wachsens und Reifens in der Natur abgeschlossen ist und die Zeit des Absterbens und Verwesens beginnt. Werther findet sich nun nicht mehr als Bewunderer eines vorbehaltlos Liebenden, sondern als Verteidiger eines Mörders, denn der Knecht hat seinen Nachfolger erschlagen.

Melitta Gerhard kommt in ihrer Analyse der Bauernburschenepisode zu dem Ergebnis, dass diese sowohl abhebend als auch kontrastierend wirke und durch das Nebeneinanderstellen zweier Schicksalsbilder die Umrisse eines jeden klarer und deutlicher hervortreten würden. Sie folgert weiter:

„Durch die nachbarliche Anreihung eines verwandten Geschicks an das Werthers wird der Rahmen für dieses weiter genommen, es wird unter einem größeren Gesichtswinkel eingestellt, erscheint nur noch als eines von vielen ähnlichen Geschehen, über denen sich ein gemeinsamer größerer Hintergrund wölbt. Werthers einzelnes Los wird damit unter das allgemeine Menschenlos einbezogen.“[34]

Ist der ersten These von Gerhard, dass die Schicksale beider vor dem Hintergrund des jeweils anderen sich klarer abzeichnen, zuzustimmen, so muss bei der weiteren Argumentation eingewandt werden, dass der Text dieser widerspricht. Wie oben bereits ausgeführt, fühlt Werther sein Leid als einzigartiges, in diesem Ausmaß noch von niemandem erlittenes Unglück.

Die sozial- bzw. klassengeschichtliche Interpretation von Peter Müller[35] sieht den Schwerpunkt nicht im Heben des Schicksals Werthers ins verallgemeinerbare Leid des unglücklich Liebenden an sich, sondern in der Parallele des Leidens am feudal-absolutistischen Staat. Beide - Werther als Stellvertreter des aufstrebenden Bürgertums gegenüber dem Adel, der Bauernbursche als Stellvertreter der unteren Schichten gegenüber dem Bürgertum - würden aus ihrer jeweiligen Position heraus unter der sozialen Immobilität des Ständestaates leiden. Dieser These widerspricht, dass Werther keineswegs die gesellschaftlichen Verhältnisse von Untertanentum und Herrschaft reflektiert, die zumindest einen großen Anteil am Unglück des Bauernburschen ausmachen, denn der Bruder seiner angebeteten Herrin fürchtete, dass bei einer eventuellen Heirat seiner Schwester mit dem Burschen sein Erbteil wegfiele, und veranlasste wohl hauptsächlich deshalb, dass der Knecht aus dem Dienst entlassen wurde. Dass der Bursche auf Werthers Frage, warum er den Mord begangen habe, antwortet: „Keiner wird sie haben, sie wird keinen haben“[36], lässt die Vermutung zu, dass die Bäuerin ihre Liebe dem neuen Knecht zugewandt hat. Dies spricht ebenfalls gegen die Ansicht Müllers, denn der Nachfolger des Burschen entstammt der gleichen gesellschaftlichen Schicht wie dieser.

Werther hingegen sieht allein die erotische Komponente, die enttäuschte Liebe. So versucht er in einem verzweifelten Appell an den für den Mordfall zuständigen Amtmann, ihn dazu zu bewegen, dem gefassten Mörder die Flucht entweder zu ermöglichen, oder aber ihn nicht daran zu hindern, falls sich die Gelegenheit dazu ergeben würde. Albert, der bei dieser Unterredung anwesend ist, reagiert mit Befremden auf Werthers leidenschaftliche Fürsprache, nicht wissend, dass mit Werther ein Mann vor ihm steht, der mit dem Gedanken gespielt hat, ihn zu ermorden. Beide weisen Werthers Ansinnen weit von sich. Auf einem Zettel, den der fiktive Herausgeber dem Leser zur Kenntnis bringt, notiert Werther: „Du bist nicht zu retten Unglücklicher! ich sehe wohl dass wir nicht zu retten sind.“[37] Er tätigt damit eine Übertragung des Schicksals des Bauernburschen auf sein eigenes, Rettung ist nicht mehr möglich, nur wird Werther die Aggression, die der Knecht nach außen richtete, nach innen, gegen sich selbst, richten.

1.4.2 Der wahnsinnige Schreiber

Ebenfalls auf einem Spaziergang trifft Werther den wahnsinnig gewordenen Schreiber, eine Begegnung, die Werther als schicksalhaft einstuft, wird er doch auch hier an sein eigenes Unglück erinnert, da der Schreiber sich als direkter Leidensgenosse erweist, denn er ist bei Lottes Vater angestellt gewesen und entlassen worden, als offenbar wurde, dass er sich in Lotte verliebt hatte. Von der Mutter des Schreibers erfährt Werther, dass ihr Sohn einige Zeit im Tollhaus war und sich dort über-glücklich fühlte, als sein Zustand Raserei war. Dass er jetzt nur noch von seinen Kontakten zu Königen und Kaisern halluziniert, ansonsten aber ruhig ist, begreift seine Mutter als Fortschritt. Werther zieht jedoch andere Schlüsse, und es ist eine Gelegenheit mehr für ihn, den Sinn des menschlichen Verstandes in Zweifel zu ziehen:

„Gott im Himmel! hast du das zum Schicksale der Menschen gemacht, dass sie nicht glücklich sind als ehe sie zu ihrem Verstande kommen und wenn sie ihn wieder verlieren!“[38]

Gleichzeitig erkennt er, dass er den Wahnsinnigen um die Verwirrung der Sinne beneidet, macht sie es ihm doch möglich, im fortgeschrittenen Herbst nach draußen zu gehen, um dort Blumen zu suchen, die er naturgemäß um diese Jahreszeit nicht finden kann. Allein die Hoffnung aber, mit der er ausgeht, ist für Werther das entscheidende Faktum, denn er selbst ist ohne Hoffnung.

Die Handlungs- bzw. Verhaltensalternative, die Goethe hier für Werther gestaltet, dem Wahnsinn zu verfallen und sich dadurch einerseits von der Lebensverantwortung zu befreien, andererseits auch den Sinnlosigkeitsgefühlen und dem Leid zu entkommen, ergreift Werther nicht und kann sie auch nicht so ohne weiteres ergreifen, denn die Disposition zum Wahnsinn muss in der Persönlichkeit zumindest latent vorhanden sein. In seiner literaturpsychologischen Analyse kommt Möbius dies-bezüglich zu dem deutlichen Schluss:

„Solche Zustände [wie bei dem wahnsinnigen Schreiber] entstehen nicht aus unglücklicher Liebe, sondern sind in der Regel der Ausdruck einer von vornherein verfehlten Gehirn-Organisation.“[39]

Wenn Werther auch davon spricht, dass seine „Leidenschaften nie weit vom Wahnsinn“[40] waren, so zeigt er sich dennoch in der Lage, seine Situation mit einem Bezug zur Wirklichkeit zu reflektieren, wenn er dabei manchmal auch Selbsttäuschungen unterliegt. Der Gefahr des Wahnsinns, die ihn in eine völlig andere Welt eintauchen ließe, wie es für den wahnsinnigen Schreiber gilt, ist er nicht ausgesetzt, was sich noch sehr deutlich an der kühl kalkulierten Planung seines späteren Selbstmords zeigen wird, die in Kapitel 6 näher beleuchtet wird.

1.5 Albert als Werthers Antagonist

In Albert begegnet Werther nicht nur der Rivale um Lottes Gunst, sondern auch der Gegenpol seines eigenen Charakters. Werther scheint nach dem ersten Kontakt zu Albert diesem durchaus zugetan, und folglich charakterisiert er ihn:

„Ein braver lieber Mann, dem man gut sein muss.“[41]

Auch wenn Werther sich hier noch der Selbsttäuschung hingibt, er hege nur positive Gefühle für Albert, so kündigt sich in der weiteren Beurteilung seines Charakters als „gelassen“ schon eine versteckte Kritik an. Denn an anderer Stelle hat Werther bereits die Gelassenheit als charakterlichen Mangel beschrieben, der der Ausbildung aller Kräfte eines Menschen im Wege stehe. So lässt ihn die Einbindung des bürgerlichen Menschen in sein enges und beschränktes Dasein ausrufen:

„O meine Freunde! warum der Strom des Genies so selten ausbricht, so selten in hohen Fluten hereinbraust und eure staunende Seele erschüttert? – Liebe Freunde, da wohnen die gelassenen Herren auf beiden Seiten des Ufers, denen ihre Gartenhäuschen, Tulpenbeete und Krautfelder zu Grunde gehen würden, die daher in Zeiten mit Dämmen und Ableiten der künftig drohenden Gefahr abzuwehren wissen.“[42]

So wie sich in der bürgerlichen Existenz, die sich an die Normen und Regeln der Gesellschaft anpasst, niemals das schöpferische Genie ausbilden kann, so sorgt der Bürger mit all seinen anerkannten und zum Teil selbst auferlegten Zwängen dafür, dass er im Mittelmaß verbleibt. Fleiß und Ordnung in geschäftlichen Dingen gehören zu Alberts Tugenden, eine Lebenshaltung, mit der Werther wenig anzufangen weiß. Dass Albert am Hofe, wo er ein Amt mit „artigem Einkommen“ erhalten soll, sehr beliebt ist, kann auch als versteckte Anspielung auf Alberts Anpassungsfähigkeit an die Anforderungen und die ungeschriebenen gesellschaftlichen Gesetze des noch feudal-absolutistischen Staates gelesen werden:

„Alberts Brauchbarkeit und Vernünftigkeit verdankt sich zugleich auch politischer Einschränkung und Anpassung an die Herrschaftsstruktur des absolutistischen Staats.“[43]

Alberts äußere und innere Integration in die bürgerliche Gesellschaft kontrastiert Werther, der sich aus einer „normativ-zivilisierten Existenz“[44] zurückgezogen hat.

1.5.1 Die Selbstmorddiskussion

Die Darstellung der Polarität beider Charaktere erreicht ihren Höhe­punkt im Brief vom 12. August, als Werther ihre Diskussion über den Selbstmord reflektiert. In seiner Verteidigungsrede für den Selbstmord als von moralischen und religiösen Geboten abgelöstes Selbstbestimmungsrecht wirft er Albert „Schwarz-Weiß-Denken“ vor. So vernachlässige Albert die Motive einer solchen Tat, und nehme eine moralische Bewertung vor.

Bei der Diskussion um die potentielle Berechtigung des Menschen, seinem Leben ein Ende zu setzen, wenn es ihm unerträglich scheint, wird zweierlei deutlich: Zum einen kann Werthers Position als vorweggenommene Entschuldigung und Verteidigung für sein späteres Handeln gelesen werden, zum anderen zeigen sich hier die unüberbrückbaren Differenzen in den Haltungen Werthers und Alberts.

Das anarchistische Element des Freitodes liegt in der Negation des Lebens an sich, das gesellschaftlich als höchster Wert anerkannt ist. In zweifacher Hinsicht entzieht sich das Individuum: Zum einen unterläuft es die Macht des Klerus, indem es das „göttliche Geschenk“ zurückweist, zum anderen lehnt es die Unterordnung unter weltliche Herrschaft ab und destabilisiert damit das System, das seine Mitglieder anhand ihrer Funktionen bemisst. Während Werther sich vehement für das Recht einsetzt, selbst zu bestimmen, wann das Leben enden soll, und damit die anarchistische Position einnimmt, vertritt Albert mit seiner Position, die den Selbstmord bestenfalls als Tat eines Wahnsinnigen gelten lässt, bürgerlich-christliche Standpunkte.

Werther differenziert die Ansicht Alberts folgerichtig nicht als die eines einzelnen, sondern setzt sie mit der aller „vernünftigen“ Menschen gleich, verdeutlicht damit gleichsam seine Isolation, indem er als einzelne Stimme gegen die Stimme der Welt spricht.

1.6 Die Gesandtschaftsepisode

Wilhelm und Werthers Mutter scheinen am Ziel ihrer Bemühungen zu sein, Werther zur Aufnahme einer Berufstätigkeit zu bewegen, als er in der Krise der Vergegenwärtigung der Aussichtslosigkeit seiner Liebe zu Lotte beschließt, seine bisherige Haltung aufzugeben und eine Stellung in einer Gesandtschaft fern von Wahlheim anzunehmen. Werther tritt in den Dienst bei Hofe. Aus den ersten Briefen aus der neuen Umgebung hat es zunächst den Anschein, als stehe Werther diesem neuen Lebensabschnitt durchaus positiv gegenüber. Doch die Alltagswirklichkeit eines Sekretärs des Gesandten lässt seine Situation nur anfangs etwas erträglicher werden. Schreibt er zunächst noch an Wilhelm, dass es ihm besser gehe, so mehren sich bald die Klagen über seinen Vorgesetzten. Es wird ihm immer unerträglicher, die Subordination unter einen Mann zu leisten, den er nicht nur für unfähig hält, sondern dem gegenüber er auch sein Überlegenheitsgefühl kaum verbergen kann, und so ist es für ihn doppelt kränkend, von diesem Anweisungen oder sogar Zurecht-weisungen anzunehmen. Sein Dienst ist fast von Beginn an gekennzeichnet durch Kontroversen mit seinem Vorgesetzten, und schon bald übt er massive Kritik an der ungeliebten Tätigkeit und an den hierarchischen Strukturen:

„Was das für Menschen sind, deren ganze Seele auf dem Zeremoniell ruht, deren Dichten und Trachten jahrelang dahin geht, wie sie um einen Stuhl weiter hinauf bei Tische sich einschieben wollen! Und nicht, dass sie sonst keine Angelegenheit hätten: nein, vielmehr häufen sich die Arbeiten, eben weil man über den kleinen Verdrießlichkeiten von Beförderung der wichtigen Sachen abgehalten wird. Vorige Woche gab es bei der Schlittenfahrt Händel und der ganze Spaß wurde verdorben.“[45]

Die Gesellschaftskritik an der beruflichen Alltagsrealität im feudal-absolutistischen Staat trägt bereits die Klage gegen ein Merkmal der aufkeimenden bürgerlichen Gesellschaft, gegen das der Konkurrenz. Bezeichnenderweise liegt in diesen Worten Werthers keine system-immanente Kritik, sondern die rein subjektive, nur auf seine eigene Person bezogene Kritik an den Nachteilen, die sich für ihn aus den hierarchischen Strukturen ergeben. An anderer Stelle zeigt er dann auch ganz deutlich, dass er das Gefühl genießt, selbst hierarchische Abstufungen vorzunehmen und sich im Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen zu sonnen:

„Dagegen wenn wir mit all unserer Schwachheit und Mühseligkeit nur gerade fort arbeiten, so finden wir gar oft, dass wir mit unserm Schlendern und Lavieren es weiter bringen, als andere mit ihrem Segeln und Rudern - und - das ist doch ein wahres Gefühl seiner selbst, wenn man andern gleich oder gar vorläuft.“[46]

Hält man sich vor Augen, was Werther an anderer Stelle schon zum Tätigkeitsdrang des Menschen gesagt hat, etwa seine These der Angst vor der Freiheit, derentwegen die Menschen den größten Teil der Zeit verarbeiten und die verbliebene Freizeit mit „sinnvollen“ Tätigkeiten füllen würden, um die innere Leere nicht spüren zu müssen, und hält man sich weiter vor Augen, dass Werther den ganzen Menschen in Anerkennung seiner Individualität gefördert sehen will, die Unterordnung nicht liebt und für sein eigentliches Leben in Naturschwärmerei und Beschäftigung mit Kunst genug Erfüllung zu finden meint, verwundert es nicht, dass Werther schon bald die verhaßte Tätigkeit wieder aufgeben will:

„Ich fürchte mein Gesandter und ich halten es zusammen nicht mehr lange aus. Der Mann ist ganz und gar unerträglich. Seine Art zu arbeiten und Geschäfte zu treiben ist so lächerlich, dass ich mich nicht enthalten kann ihm zu widersprechen, und oft eine Sache nach meinem Kopf und meiner Art zu machen, das ihm denn, wie natürlich niemals recht ist. Darüber hat er mich neulich bei Hofe verklagt, und der Minister gab mir einen zwar sanften Verweis, aber es war doch ein Verweis, und ich stand im Begriffe meinen Abschied zu begehren (...)“[47]

Doch der Minister schreibt ihm einen Privatbrief, der den richtigen Ton zu treffen weiß, der Werthers Empfindsamkeit thematisiert und ihn dazu führt, ein Loblied auf die Weisheit des Ministers zu singen. Werther wähnt sich nun gekräftigt und mit sich selbst im reinen. Dass diese Einschätzung nicht auf der Grundlage eines stabilen Egos ruht, sondern nichts als Momentaufnahme ist, zeigt sich im Schlusssatz des oben zitierten Briefes:

„Die Ruhe der Seele ist ein herrliches Ding und die Freude an sich selbst; Lieber Freund wenn nur das Kleinod nicht eben so zerbrechlich wäre als es schön und kostbar ist.“[48]

Als sich zu den Widerständen in Form von Diensthierarchien außerdem noch die Problematik der Standesgrenzen gesellt, ist Werthers Zeit in der Gesandtschaft abgelaufen.

1.7 Der Eklat in der Adelsgesellschaft

Zum Abbruch seines kurzen beruflichen Intermezzos in der Gesandtschaft kommt es - und fast scheint es, als sei es für Werther ein willkommener Anlass, die ungeliebte Tätigkeit wieder aufzugeben -, als er von einer adligen Gesellschaft in die Schranken seines Standes zurückverwiesen wird. Für Werther, der sich nicht nur ebenbürtig, sondern den meisten höhergestellten Personen geistig und in seiner Empfindungsfähigkeit überlegen fühlt, wird eine Situation zur persönlichen Katastrophe, in die er sich selbst hineinmanövriert.

Zu Gast bei dem Grafen von C., der ihm an sich freundschaftlich gegenübersteht, dehnt er seinen Besuch zeitlich soweit aus, dass dieser sich mit dem Eintreffen der adligen Abendgesellschaft überschneidet. Anstatt sich ohne Aufsehen zu erregen zu verabschieden, bleibt er, in der sicheren Annahme, dass sein Bleiben erwünscht sei. Dies ist jedoch nicht der Fall, man komplimentiert ihn hinaus. Er zeigt sich fassungslos und zutiefst verletzt. Zunächst versucht er noch, sein angeschlagenes Selbstwertgefühl wieder aufzurichten und sich darüber hinaus auch Trost zu verschaffen, indem er sich vor die Tore der Stadt begibt, um dort in der freien Natur in der „Odyssee“ zu lesen. Bezeichnenderweise schlägt er die Stelle auf, an der Odysseus, ein König also, der ranghöher ist als die Vertreter des Adels, die Werther als ihrer unwürdig einstuften, bei seinem Schweinehirten zu Gast ist und von diesem bewirtet wird. Er versucht des Weiteren, die Situation für sich zu retten, in dem er die Mitglieder der Adelsgesellschaft in ihrer ganzen prunkhaften Lächerlichkeit schildert, sie nur nach ihren offensichtlichen Mängeln in satirischer Weise beschreibt und sie so zu Karikaturen ihrer selbst verkleinert:

„Da tritt herein die übergnädige Dame von S... mit ihrem Herrn Gemahle und wohl ausgebrüteten Gänslein Tochter, mit der flachen Brust und niedlichem Schnürleibe, machen en passant ihre hergebrachten hochadelichen Augen und Naslöcher. (...) Der Baron F... mit der ganzen Garderobe von den Krönungszeiten Franz des ersten her, der Hofrath R... hier aber in qualitate Herr von R... genannt, mit seiner tauben Frau etc. den übel fournierten J... nicht zu vergessen, der die Lücken seiner altfränkischen Garderobe mit neumodischen Lappen ausflickt.“[49]

Auch in Werthers hier zitierten Beschreibung der Kleidung des Adels zeigt sich sein Überlegenheitsgefühl. So ist er mit seiner Garderobe, dem blauen Frack und der gelben Weste, zwar auffällig, aber sehr modern gekleidet, während der Adel offenbar den alten glorreichen Zeiten anhängt und - im Falle des verarmten Adels - lieber ein ausgeflicktes, aber pompöses Kleid trägt, als auf dieses Zeichen von hoher Geburt zu verzichten.

Doch mit dem Rückzug in die Natur, der Hinwendung zu Homer und der ironischen Betrachtung der Adelsgesellschaft vermag er keine wirkliche Stabilisierung seines verletzten Ehrgefühls zu erreichen. Es ist ihm unerträglich, dass der Vorfall bereits die Runde gemacht hat und er nun von Standesgenossen belächelt wird, denen er sich eigentlich überlegen fühlt.

So wie sich Werther über Standesgrenzen hinweg auch nach „unten“ orientiert, so öffnen der Graf von C. und die junge Adlige von B., mit der er Umgang pflegt und die er wegen ihrer Natürlichkeit schätzt, ihm während seiner Gesandtschaftszeit die Grenzen partiell nach „oben“. Dass auch sie sich gesellschaftlicher Konvention unterwerfen, als die anderen Mitglieder des Adels mit herablassender Attitüde die Standesunterschiede demonstrieren und ihre Machtstellung behaupten, veranlasst ihn jedoch nicht zu Gesellschaftskritik:

„Was mich am meisten neckt sind die fatalen bürgerlichen Verhältnisse. Zwar weiß ich so gut als einer, wie nötig der Unterschied der Stände ist, wie viel Vorteile er mir selbst verschafft: nur soll er mir nicht eben gerade im Wege stehen, wo ich noch ein wenig Freude, einen Schimmer von Glück auf dieser Erde genießen könnte.“[50]

Werther steht der feudal-absolutistisch beherrschten Gesellschaft des in viele Kleinstaaten zersplitterten Deutschland zwar kritisch gegenüber, er ist jedoch kein Rebell gegen die Ständeordnung, wie die marxistisch orientierte literatursoziologische Interpretation mit Georg Lukács an der Spitze es unterstellt. Lukács beruft sich in seiner Argumentation u.a. auf die Episode in der Adelsgesellschaft zum Nachweis seiner These und behauptet:

„Goethe sieht in der feudalen Standesschichtung, in der feudalen Abschließung der Stände voneinander, ein unmittelbares und wesentliches Hindernis der Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und kritisiert dementsprechend die Gesellschaftsordnung mit bitterer Satire.“[51]

Die Interpretation von Lukács, die „Goethe, den Angehörigen einer höheren sozialen Schicht, als Satiriker der feudalen Abschließung der Stände, Werther als Held der Revolution feiert“,[52] übersieht, dass Goethe Werther selbst in aller Deutlichkeit die Sinnhaftigkeit der Standesgrenzen thematisieren lässt. Werther hat sie nicht nur verinnerlicht, sondern erkennt ihren Wert ausdrücklich an:

„Ich weiß wohl dass wir nicht gleich sind, noch sein können.“[53]

Norbert Elias bringt diese ambivalente Haltung Werthers zur sozialen Wirklichkeit treffend auf den Punkt:

„Nichts ist charakteristischer für das mittelständische Bewusstsein als diese Äußerung: Die Tore nach unten sollen verschlossen bleiben. Die Tore nach oben sollen sich öffnen.“[54]

Es ist nicht die Zurückweisung in die Schranken des eigenen gesellschaftlichen Standes an sich, die für Werther problematisch ist, sondern als empfindenden und empfindsamen Menschen sieht er sich verletzt:

„So fühlt er sich auch nach der Szene beim Grafen nicht als Bürger zurückgesetzt, sondern als Mensch von Menschen gekränkt und klagt nicht den Adel als solchen an, sondern jene, die sich so schlecht auf die Würde ihrer höheren Geburt verstehen. Nein, Werther ist kein Revolutionär.“[55]

Peter Fischer bilanziert Werthers systemkritisches Potential:

„Hier kommen wir nun zum Kern von Werthers Verhältnis zum höheren Stand. Er versteht sich diesem gegenüber nicht als ebenbürtig, wie der echte Citoyen, sondern setzt ihm die Überlegenheit des außergewöhnlichen Gefühlsmenschen entgegen. Er fühlt sich als Überlegener (...). So ist auch der Hinauswurf aus der Adelsgesellschaft für Werther kaum ein gesellschaftspolitisches Problem, in hohem Maße jedoch eine Gefühlskatastrophe.“[56]

Werther ist jedoch nicht gewillt, die Verantwortung für sein Fehlverhalten in der Adelsgesellschaft zu tragen. Die Schuld verweist er an Wilhelm und an seine Mutter:

„Ich habe einen Verdruß gehabt, der mich von hier wegtreiben wird. Ich knirsche mit den Zähnen! Teufel! er ist nicht zu ersetzen, und ihr seid doch allein schuld daran, die ihr mich sporntet und triebt und quältet mich in einen Posten zu begeben, der nicht nach meinem Sinne war.“[57]

Der Versuch Werthers, sich über Berufsarbeit in die Gesellschaft zu integrieren, scheitert somit. Die stark eingeschränkte soziale Mobilität, die Werther einerseits beklagt und andererseits als legitim betrachtet, stellt sich ihm als schier unüberwindliches Hindernis in den Weg. Doch auch der Kontakt zu seinen eigenen Standesgenossen ist geprägt von der beständigen Demonstration seiner geistigen und emotionalen Überlegenheit, die sich z.T. auch auf Wilhelm erstreckt, der ihm mit seinen ständigen Mahnungen lästig wird. Vor den unteren Ständen glaubt er, einen Teil seiner Persönlichkeit verbergen zu müssen, und bleibt somit auch hier isoliert.

Die unerreichbar scheinende Intersubjektivität lässt den sinnhaften Aufbau einer gemeinsamen Welt misslingen. Das empfindende Ich, das sich mitteilen möchte, findet kein Gegenüber und, so klagt Werther schon im Brief vom 17. Mai, dass „mißverstanden zu werden das Schicksal von unser einem" sei. Die Überwindung von Isolationsgefühlen aber setzt Kommunikationsfähigkeit voraus. Das Verlangen Werthers, seiner Subjektivität Ausdruck zu verleihen und Rückmeldungen zu erhalten, die über normenregulierte Verhaltenserwartungen hinausgehen, erfüllt sich nicht.

[...]


[1] Ich beziehe mich mit den Textzitaten auf die Münchner Ausgabe. Goethe, Johann Wolfgang: Die Leiden des jungen Werthers, in: Sämtlich Werke, Bd. I.2, hrsg. von Karl Richter, München 1987, S. 197-299

[2] Goethe, Johann Wolfgang: Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche vom 23. Mai 1764 bis 30. Oktober 1775, II. Abtl., 1. Bd., hrsg. von Wilhelm Große, Frankfurt am Main 1997, Brief an G.F.E. Schönborn,

[3] So z.B. Möbius, Paul J.:Werthers Leiden, in: Schmiedt, Helmut (Hrsg.): „Wie froh bin ich, dass ich weg bin!“ Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“ in literaturpsychologischer Sicht, Würzburg 1989, S. 32: „Man hat kaum das Recht, zu sagen, Goethes Werther sei überhaupt nicht lebensfähig, sein Tod sei notwendig. Wäre Werther durch irgend ein günstiges Eingreifen über die Zeit der Gefahr weggehoben worden, so hätte er ruhig weitergelebt, wäre freilich immer pathologisch geblieben.“

[4] Goethe, Johann Wolfgang: Die Leiden des jungen Werthers, in: Sämtliche Werke, Münchner Ausgabe, Bd. 2.2, hrsg. von Karl Richter, München 1987, Brief vom 5. Mai 1772,

[5] So berichteten zahlreiche ehemalige Schüler dieser Zeit, dass der gesamte Unterricht, der ihnen zuteil wurde, auf Zwang ausgerichtet war und dazu diente, gehorsame und funktionierende Untertanen heranzuziehen. Vgl. hierzu Möller, Helmut: Die kleinbürgerliche Familie im 18. Jahrhundert. Verhalten und Gruppenkultur (Schriften zur Volksforschung, Bd. 3), Berlin 1969, S. 49 ff.

[6] Goethe, Johann Wolfgang: A.a.O., Brief vom 9. Mai 1772,

[7] Vgl. hierzu: Wuthenow, Ralph-Rainer: Rousseau im „Sturm und Drang“, in: Hinck, Walter (Hrsg.): Sturm und Drang. Ein literaturwissenschaftliches Studienbuch, Kronberg/Ts. 1978, S. 18 f.

[8] Goethe, Johann Wolfgang: A.a.O., Brief vom 17. Mai 1771,

[9] Meyer-Kalkus, Reinhart: Werthers Krankheit zum Tode. Pathologie und Familie in der Empfindsamkeit, in: Schmiedt, Helmut (Hrsg.): „Wie froh bin ich, dass ich weg bin!“ Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“ in literaturpsychologischer Sicht, Würzburg 1989,

[10] Vgl. hierzu: Hübner, Klaus: Alltag im literarischen Werk. Eine literatursoziologische Studie zu Goethes Werther, Heidelberg 1982, S. 90 f.

[11] Goethe, Johann Wolfgang: A.a.O., Brief vom 4. Mai 1771,

[12] A.a.O., Brief vom 16. Junius 1771,

[13] A.a.O., Brief vom 13. Mai 1771,

[14] A.a.O., Brief vom 20. Julius 1771,

[15] Der Status der Frau bemißt sich bis weit ins 20. Jahrhundert hinein allein am erwerbstätigen Familienoberhaupt, also entweder am Status des Ehemannes oder bei unverheirateten Frauen am Status des Vaters. Ein Umstand, der in Bezug auf Werthers Liebe zu Lotte in Kapitel 4 noch näher beleuchtet wird.

[16] Ende des 19. Jahrhunderts wird Max Weber in seiner religionssoziologischen Studie zur Arbeitsethik des Protestantismus und hier vor allem zu der des Calvinismus und Pietismus feststellen, dass die Vorstellung von einer Prädestinationslehre die Grundlage der Berufsauffassung ist. Nach dieser Lehre ist man entweder von Gott zur Gnade auserwählt, oder - wenn dies nicht der Fall sein sollte – man kann sich der Gnade Gottes versichern, indem man in seinen Bemühungen - auch in seinem Arbeitseifer - niemals nachlässt. Um dieses Ziel erreichen zu können, bedarf es einer ständigen, systematischen Selbstkontrolle und daraus folgenden Askese, die dann zur Gewißheit der Seligkeit führt.

Vgl. hierzu Weber, Max: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Tübingen 1921, Bd. 1, S. 114 f.

[17] Vgl. Kant, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Ed. Hartenstein, Leipzig 1867, Bd. 4, S. 262 ff.

[18] Goethe, Johann Wolfgang: A.a.O., Brief vom 12. August 1771, S.388 f.

[19] A.a.O., Brief vom 9. Mai 1772,

[20] A.a.O., Brief vom 22. Mai 1771,

[21] A.a.O., Brief vom 17. Mai 1771,

[22] A.a.O., Brief vom 17. Mai 1771,

[23] Ebd.

[24] Ebd.

[25] A.a.O., Brief vom 15. Mai 1771, S. 353 f.

[26] A.a.O., Brief vom 27. Mai 1771,

[27] A.a.O., Brief vom 17. Mai 1771,

[28] A.a.O., Brief vom 22. Mai 1771, S. 355 f.

[29] A.a.O., Brief vom 17. Mai 1771,

[30] A.a.O., Brief vom 29. Junius 1771, S. 372 f.

[31] A.a.O., Brief vom 29. Junius 1771,

[32] Vgl. Miller, Alice: Am Anfang war Erziehung, Frankfurt am Main 1980, S. 25 ff.

[33] Goethe, Johann Wolfgang: A.a.O., Brief vom 26. November 1772,

[34] Gerhard, Melitta: Die Bauernburschenepisode im „Werther“, in: Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft 11, 1916,

[35] Vgl. Müller, Peter: Zeitkritik und Utopie in Goethes „Werther“, Berlin 1969,

[36] Goethe, Johann Wolfgang: A.a.O., Herausgeberbericht,

[37] A.a.O., Herausgeberbericht,

[38] A.a.O., Brief vom 30. November 1772,

[39] Möbius, Paul J.: Werthers Leiden, in: Schmiedt, Helmut (Hrsg.): „Wie froh bin ich, dass ich weg bin!“ Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“ in literaturpsychologischer Sicht, Würzburg 1989,

[40] A.a.O., Brief vom 12. August 1771,

[41] A.a.O., Brief vom 30. Julius 1771,

[42] A.a.O., Brief vom 26. Mai 1771,

[43] Mog, Paul: Ratio und Gefühlskultur. Studien zur Psychogenese und Literatur im 18. Jahrhundert, Tübingen 1976,

[44] Engel, Ingrid: Werther und die Wertheriaden, Diss., Sankt Ingbert 1986,

[45] Goethe, Johann Wolfgang: A.a.O., Brief vom 8. Januar 1772,

[46] A.a.O., Brief vom 20. Oktober 1771, S. 402 f.

[47] A.a.O., Brief vom 17. Februar 1772,

[48] Ebd.

[49] A.a.O., Brief vom 15. März 1772, S. 409 f.

[50] A.a.O., Brief vom 24. Dezember 1771,

[51] Lukács, Georg: Die Leiden des jungen Werther, in: Werke, Bd. 7, Deutsche Literatur in zwei Jahrhunderten, Neuwied und Berlin 1964,

[52] Engel, Ingrid: A.a.O., S. 103 f.

[53] Goethe, Johann Wolfgang: A.a.O., Brief vom 15. Mai 1771,

[54] Elias, Norbert: Über den Prozeß der Zivilisation, Bd. 1, Bern 1969,

[55] Staiger, Emil: Goethe, Bd. 1, 1749-1786, Zürich und München 19816 (19521),

[56] Fischer, Peter: Familienauftritte. Goethes Phantasiewelt und die Konstruktion des Werther-Romans, in: Schmiedt, Helmut (Hrsg.): „Wie froh bin ich, dass ich weg bin!“ Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“ in literaturpsychologischer Sicht, Würzburg 1989,

[57] Goethe, Johann Wolfgang: A.a.O., Brief vom 15. März 1772,

Ende der Leseprobe aus 104 Seiten

Details

Titel
Die Motive des Selbstmords oder Werthers Todessehnsucht in Goethes "Werther"
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
104
Katalognummer
V65134
ISBN (eBook)
9783638577755
ISBN (Buch)
9783638922333
Dateigröße
896 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Motive, Selbstmords, Werthers, Todessehnsucht, Thema Die Leiden des jungen Werther
Arbeit zitieren
MA Annette Wallbruch (Autor), 2002, Die Motive des Selbstmords oder Werthers Todessehnsucht in Goethes "Werther", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65134

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