Der sasanidische Feldherr Rustam in den Traditionen der Tarih des Tabari


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

17 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

Index

Einleitung

1. Vorbemerkungen
1.1. Die Quellen
1.2. Das Ende des sasanidischen Reiches
1.2.1. Das sasanidische Heer

2. Rustam im Spiegel der Quellen
2.1. Rustam und die Thronstreitigkeiten
2.2. Rustam und die Schlacht von al-Qādisiyya
2.2.1. Die Beziehung zwischen Rustam und Yazdagird III
2.2.2. Der Astrologe Rustam
2.2.3. Die Zusammentreffen von Rustam und Gesandten der Muslime

3. Fazit

4. Literatur
4.1. Primärliteratur
4.2. Sekundärliteratur

Einleitung

Als im 7. Jahrhundert die arabischen Stämme aus der arabischen Halbinsel ausbrachen, um einen neuen Glauben zu verbreiten, drängten sie die alten regionalen Großmächte Byzanz und Persien mit überraschend hoher Geschwindigkeit zurück. Geeint unter dem grünen Banner des Islams eroberten die Araber Syrien, Armenien und Ägypten von den Byzantinern. Im Osten zerstörten sie das sassanidische Perserreich, das Iran und Irak beherrschte.

Im Kampf um den Irak stand ihnen ein persischer Heerführer gegenüber, der im arabischen Geschichtswerk des Abū Ğa‛far Muhammad b. Ğarīr aƒ-³abarī eine große Rolle zugeteilt bekommt. Dieser General Rustam stand zwischen den Muslimen und der sassanidischen Hauptstadt al-Madā’in. Er war der Berater des Königs Yazdagird III. Nach seinem Tod in der Schlacht von al-Qādisiyya fiel die Hauptstadt ohne Kampf und Yazdagird III floh nach Osten.

Nicht viel Wissen über ihn gilt als gesichert. Der EI-Artikel führt nur an, dass er der Sohn des Farrūkh Hurmuzd war und die Perser in der Schlacht bei al-Qādisiyya befehligte.

Anhand der Traditionen der „Tarī¾“ des ³abarī will ich dieses Bild deutlicher machen. Dazu ist eine doppelte Einführung vonnöten. Zuerst werde ich auf die Qualität der Quellen eingehen. Zwischen den Ereignissen und der schriftlichen Fixierung lagen mehrere Jahrhunderte. Inwieweit kann man den Quellen also Glauben schenken? Wie werden diese Traditionen in der Forschung bewertet? Diese Fragen müssen in die Überlegungen einbezogen werden, wenn sich am Ende ein richtiges Bild von Rustam ergeben soll.

Rustam muss im Spiegel unserer Erkenntnisse vom Sassanidenreich betrachtet werden. Deshalb werde ich in einem zweiten Schritt kurz Organisationsstruktur des Sassanidenheeres darstellen, in dem er diente. Danach reiße ich die Ereignisse ab, die zur muslimischen Eroberung des Iraks und zum Tod Rustams führten. Im letzten Teil der Arbeit wende ich mich den Quellen selbst zu und zeichne aus ihnen das Bild von Rustam. Das Ergebnis kann kein authentisches Bild sein, sondern vielmehr ein Bild, wie die Araber es gezeichnet haben.

1. Vorbemerkungen

1.1. Die Quellen

Berichte über Rustam habe ich in drei Bänden der englischen ³abarī-Ausgabe gefunden.[1] Das Gros der Berichte findet sich in den Bänden XI und XII, während er im Band V nur ein einziges Mal genannt wird, als Sohn des Statthalters von ®urasan.[2]

Das stellt jedoch ein Problem dar, denn in diesen beiden Bänden beruft sich ³abarī hauptsächlich auf seine umstrittenste Quelle, Saif b. ‘Umar. Dieser Historiker ist geprägt von seiner Zugehörigkeit zum Stamm der Tamīm und seiner Loyalität zu seiner Heimatstadt al-Kūfa. Er bezieht sich in großem Maße auf Traditionen, die sonst nirgendwo erscheinen. Möglicherweise waren sie ebenso wie die Überlieferer frei erfunden.[3] Seine Schilderungen wirken oft übertrieben und pathetisch wie alte Beduinengeschichten. Er war Apologet der Beduinen, insbesondere der irakischen Stämme und al-Kūfas[4] und suchte eigene politische Ansichten zu verbreiten.[5] Noch heute ist nicht klar, welcher Anteil an seinem Werk ihm selbst zuzurechnen ist. Zu Recht ist Kritik an der Authentizität Saifs weit verbreitet unter Orientalisten. Julius Wellhausen gestand ihm keine einzige wahre Überlieferung zu.[6] Die moderne Forschung hat diese Ansicht relativiert.[7] Trotzdem steht Saif in der Glaubwürdigkeit hinter den anderen Quellen ³abarīs zurück. Wahre Fakten sind oft enthalten, doch wurden auch ganze Passagen erwiesenermaßen frei erfunden.[8]

Man sieht, dass gerade dieser Historiker mit Vorsicht zu genießen ist. Da jedoch seine Überlieferungen die einzigen sind, die Informationen zu Rustam bieten, werde ich versuchen, so viele Informationen herauszufiltern wie möglich. Denn über die iranische Geschichte jener Zeit existieren kaum aussagekräftige Quellen:

We must be grateful to al-Tabarī for preserving as much as he did of hard historical material, among the less valuable episodes of his History that were meant more for entertainment than instruction. Writing a history of the Sāsānids without the Arabic chronicles, even though these last from two or three centuries after the empire’s demise, would be a daunting task.[9]

Es darf nicht vergessen werden, dass es sich um gefärbte Quellen handelt. Wie wenig über die Person Rustam als gesichert gilt zeigt die Kürze des EI-Artikels: Rustam b. Farru¾ Hurmuzd war der Sohn und Stellvertreter des militärischen Oberbefehlshabers über „urasan. Er befehligte die sassanidischen Truppen in der Schlacht von al-Qādisiyya, in der er getötet wurde.[10]

Der Autor des Artikels weist darauf hin, dass besonders Saifs Beschreibungen der Zusammentreffen zwischen Rustam und den Muslimen aus Volksgeschichten stammen. Anscheinend gilt für ihn das auch für die Berichte über seine Taten vor der arabischen Invasion. Ich muss sie dennoch einbeziehen. Sonst bleibt diese unvollständige Skizze das einzige Ergebnis.

1.2. Das Ende des sassanidischen Reiches

Der arabische Angriff kam zu einem Zeitpunkt, als bereits mehr als zwei Jahrzehnte des Krieges über das persische Reich hinweggegangen waren. 25 Jahre lang hatten die Sassaniden mit Byzanz um die Vormacht in der Region gefochten. Nachdem Persien Anfang des 7. Jahrhunderts der mächtigste Staat gewesen war und sogar Ägypten besetzt hatte, lag es nun am Boden.

Der lange Krieg hatte das Reich ausgelaugt zurückgelassen. Wichtige Einnahmequellen waren dem Staat abhanden gekommen, die Verbindungen zu den Vasallen an den Grenzen waren gelockert, und der Königshof wurde zerrüttet von Erbstreitigkeiten. In den fünf Jahren nach dem Friedensschluss bestiegen ein Dutzend Herrscher den persischen Thron, aber kein einziger konnte die Ordnung im Reich wiederherstellen. Wie Martin Sicker beobachtete, kam die Wahl Yazdagirds III einfach zu spät:

The Sassanid state simply disintegrated in a proliferation of petty kingdoms. By the time the Persian house was put in order in 634 with the election of a Sassanid prince, Yezdegird III, who was deemed generally acceptable to the rulers of the country, it was already too late to salvage the Sassanid Empire. It had become too enfeebled to be able to deal adequately with the new and dynamic imperialist challenge that was emerging from Arabia. “[11]

Nach Donner fand die Eroberung des Iraks in drei Phasen statt.[12] Während in der ersten Phase die arabische Stämme zwischen arabischer Halbinsel und Zweistromland dem islamischen Staat unterworfen wurden, begann die Eroberung des Zentraliraks in der zweiten Phase. Razzien der Araber reichten bis weit nach Nordmesopotamien, bis sie in der Brückenschlacht (13 oder 14 AH) vernichtend geschlagen wurden.

Rustam trat ihnen erst in der dritten Phase entgegen, als der Prophetengenosse Sa‛d b. Abī Waqqās den Oberbefehl über die Araber übernahm. Die Perser waren in der Defensive und verloren viele ihrer Vasallen westlich des Euphrat. Gegen diese Gebiete sollte Rustam mit äußerster Härte vorgegangen sein. In Burs griff er nicht ein, als seine Männer mordeten und vergewaltigten. Der Höhepunkt dieser Phase war die entscheidende Schlacht bei al-Qādisiyya, in der die Muslime ein großes persisches Heer vernichteten und nun den Zentralirak westlich des Tigris kontrollierten. In der Zeit vor der Schlacht fanden wahrscheinlich mehrere Begegnungen zwischen muslimischen Gesandten und persischen Edlen statt – auch mit Rustam und Yazdagird. Die Größe des persischen Heeres variierte ebenso wie die des muslimischen Heeres in den Traditionen. Es standen sich 30.000 bis 210.000 Perser[13] und 6.000 bis 30.700 Araber gegenüber.[14] Rustam wurde in der Schlacht getötet. Kurze Zeit später fiel die sassanidische Hauptstadt und Yazdagird zog sich in den Zagros zurück.

[...]


[1] Die drei Bände sind Vol. V, XI und XII der englischen Ausgabe der Ta’rīkh al-rusul wa-al-mulūk von Tabarī: Abū Ğa`far Muhammad b. Ğarīr at-Tabarī: The Sāsānids, the Byzantines, the Lakmids, and Yemen, Alabany (NY) 1999; The Challenge to the Empires, Albany (NY) 1993; The Battle of al-Qādisiyyah and the Conquest of Syria and Palestine, Albany (NY) 1992.

[2] Tabarī: Vol V, S. 406.

[3] Khalid Yahya Blankinship: Translator’s Foreword, in: Tabarī: Vol. XI, S. xxiii ff. Besondere Beachtung gilt der MTZMAS Group (Donner).

[4] Wellhausen, S. 78; auch Blankinship, S. xvi f.

[5] Blankinship, S. xix-xxii.

[6] Wellhausen findet in allen Traditionen Saifs Fehler, zumindest chronologischer Natur, die ihm kein Vertrauen in diesen Historiker lassen.Wellhausen, S. 73-83.

[7] Donner, S. 333, Endnote 118; Blankinship, S. xxv f.

[8] Blankinship, S. xviii. Es ist allerdings nicht gesagt, dass diese Fälschungen immer auf Saif selbst zurückgehen. Ebd., Fußnote 11.

[9] C. E. Bosworth: Translator’s Foreword, in: Tabarī Vol. V, S. xx.

[10] EI Vol. XIII, S. 638.

[11] Martin Sicker: The pre-Islamic Middle East, Westport 2000, S. 209 f.

[12] Fred McGraw Donner: The early Islamic Conquests, Princeton 1981, S. 173-176.

[13] Ebd., S. 203.

[14] Julius Wellhausen: Prolegomena zur ältesten Geschichte des Islams, S. 76f.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der sasanidische Feldherr Rustam in den Traditionen der Tarih des Tabari
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Sprachen und Kulturen des Vorderen Orients)
Veranstaltung
Klassisches Arabisch
Note
2.0
Autor
Jahr
2005
Seiten
17
Katalognummer
V65141
ISBN (eBook)
9783638577816
ISBN (Buch)
9783638767248
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Mit überraschend großer Geschwindigkeit ging die muslimische Eroberung des Orients vor sich. Innerhalb weniger Jahre wurde das Byzantinische Reich aus Syrien verdrängt, das sassanidische Perserreich löste sich auf. In diesem letzten Kampf der Sassaniden spielte Rustam eine wichtige Rolle. Er verteidigte die Hauptstadt Ctesiphon (al-Mada'in) gegen die Araber und fiel dabei. Die Arbeit geht auf die Schilderung des feindlichen Feldherren in der Geschichte des Historikers Tabari ein.
Schlagworte
Feldherr, Rustam, Traditionen, Tarih, Tabari, Klassisches, Arabisch
Arbeit zitieren
Torsten Wollina (Autor), 2005, Der sasanidische Feldherr Rustam in den Traditionen der Tarih des Tabari, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65141

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der sasanidische Feldherr Rustam in den Traditionen  der Tarih des Tabari



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden