Liebesauffassung und Ehrbegriff im Tristan Gottfrieds von Straßburg


Seminararbeit, 2005

17 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Liebe-Ehre-Konflikt

2. Liebe
2.1 Höfische Liebesauffassung
2.2 Gottfried von Straßburgs Liebesauffassung
2.2.1 Prolog
2.2.2 Hündchen Petitcreiu
2.2.3 Minnegrotten-Exkurs

3. Ehre
3.1 Höfischer êre- Begriff
3.1.1 Gottfried von Straßburgs êre-Begriff
3.1.2 Minnetrank
3.1.3 Minnegrotte
3.1.4 Markes êre

4. Lösung des Liebe-Ehre-Konflikts

5. Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1. Liebe-Ehre-Konflikt

Der Roman Tristan , der im 12. Jahrhundert von Gottfried von Straßburg, nach der Vorlage des französischen Originals, ins Deutsche übertragen wurde, behandelt im Kern die Themen Liebe und Ehre. Doch ganz im Gegensatz zu den damals herrschenden höfischen Vorstellungen dieser beiden Begriffe, definiert Gottfried von Straßburg den Liebes- und Ehrbegriff neu und veranschaulicht anhand einer Reihe von Exkursionen seine Auffassung davon. Tristan und Isolde, die beiden Hauptcharaktere im Tristan , verlieben sich aufgrund eines Liebestrankes, der von Isoldes Mutter, der Königin von Irland, eigens für Isolde und ihren zukünftigen Ehemann Marke, den König von Cornwall, zubereitet wurde. Als jedoch Tristan, der Neffe und getreue Anhänger Markes, die Prinzessin Isolde von Irland nach seiner Brautwerbungsfahrt für Marke mit dem Schiff nach Cornwall bringt, trinken Tristan und Isolde versehentlich von diesem Liebestrank und verlieben sich unsterblich ineinander. Diese Liebe entspricht jedoch nicht einer Liebe unter normalen Bedingungen, sondern wirkt auf die Betroffenen durch den Trank wie ein Bann, der weder durch Vernunft noch durch Trennung unschädlich gemacht werden kann und letztlich Leid und den Tod der beiden Liebenden bedeutet. Diese „mechanisch-zwanghafte Wirkung“[1] und die daraus resultierende „schicksalhafte, außerhalb jeder menschlichen Verantwortlichkeit liegende Urgewalt dieser Liebe“[2] stürzen Tristan und Isolde in eine Krise, durch die sie gezwungen sind, durch List und Intrigen König Marke und den Artushof zu hintergehen, um ihre Ehre aber auch ihre verächtete Liebe zu erhalten.

Im Folgenden soll nun der Konflikt zwischen dem höfischen Ehr- und Liebesideal und der von Gottfried von Straßburg dargestellten Ehre und Liebe erklärt werden.

2. Liebe

Um die Gegensätzlichkeit der Liebesbegriffe der höfischen Gesellschaft und Gottfrieds von Straßburg deutlich zu machen, muss zuerst einmal definiert werden, wie Liebe und Ehe durch die adelige Schicht am Hofe im Mittelalter verstanden wurde. Anhand dieser Definition soll dann geklärt werden, inwiefern Gottfrieds Meinung davon abweicht und welche Konsequenzen dies für Tristan und Isolde hatte.

2.1 Höfische Liebesauffassung

Zu aller erst muss erklärt werden, dass sich die Mitglieder der damals am Hof lebenden Gesellschaft nicht durch ihre Persönlichkeit und damit eventuell durch ihre persönliche Liebe definierten, sondern ihre Individualität erst durch ihre gesellschaftlich-soziale Umwelt[3] erlangten. Liebe war keine private Erfahrung, die in der Abgeschiedenheit von der Gesellschaft erlebt wurde, sondern sie war etwas Öffentliches und dadurch gewissen Normen und Regeln unterworfen. Dadurch war die Thematisierung durch die zahlreichen Minnesänger der damaligen Zeit überhaupt erst möglich. Im Adel wurde nicht aus reiner Zuneigung und eventueller Leidenschaft geheiratet, sondern Hochzeiten standen ganz im Dienste des „materielle[n] Besitz- und feudale[n] Standesdenken“[4]. Die unter diesem Standpunkt geschlossenen Ehen waren „rein utilitaristisch, quasi kommerziell geschlossene und entsprechend praktizierte Standes- und Besitzehe[n] besonders der Adeligen und höheren Patrizier“[5], die rein dem Zwecke der Nachkommenschaft und dem Erhalt beziehungsweise der Vermehrung des Besitzes unterworfen waren. Auch war die Ehe nach der „Sexualethik der Kirche [...] nicht der Ort erotischer Geschlechterliebe“[6], deren Missbrauch durch Lust und Leidenschaft als schlimmere Sünde betrachtet wurde als Lust und Leidenschaft außerhalb der Ehe[7].

In dem damals weit verbreiteten hohen Minnesang wurde die angebetete Dame um ihrer gesellschaftlichen Werte willen, als Tugendträgerin geradezu ins Göttliche hochstilisiert ohne dass der Minnesänger erwartete, in seiner Liebe erhört zu werden. „Denn Hohe Minne [war] Dienen um Lohn, Ausharren in geduldigem wân , ein Ringen um die Geliebte, die wegen ihres hohen Wertes geliebt [wurde]“[8] und das Leid in dieser Liebe war „ schônes trûren wegen fast unüberwindlicher Distanz“[9].

2.2 Gottfried von Straßburgs Liebesauffassung

In der von Gottfried von Straßburg beschriebenen „Tristanliebe ist von alledem nicht die Rede: kein Dienen und Ringen um die Frau, sondern ewige Einheit der Liebenden; [...] gemeinsames Leid wegen einer feindlichen Welt“[10], gegen die sich Isolde und Tristan zu wehren versuchen. Im Folgenden soll nun anhand einiger Szenen diese im Tristan vertretene Liebesauffassung klar herausgestellt werden.

2.2.1 Prolog

Bereits im Prolog, in dem Gottfried von Straßburg das Publikum auf sein Werk vorbereitet, spricht er nicht ir aller werlde[11], sondern eine ganz besondere kleine Gruppe der edelen herzen (V. 47) an, die nach Gottfrieds Einschätzung bereit sind, auch das Leid anzunehmen, das durch das „ständige Abschiednehmen[]“ und den „ständig gegenwärtigen Tod[] der Liebenden“[12] unverzichtbarer Bestandteil der Liebe ist. Diese Sicht der Liebe steht dabei im völligen Gegensatz zu der „idealistische[n] höfische[n] Freuden-Minne des Artusromans“[13] und wird von Gottfried folgendermaßen erklärt:

swem nie von liebe leit geschach,

dem geschach ouch liep von liebe nie.

liep unde leit diu wâren ie

an minnen ungescheiden. (V. 204-207)

Auch die Wertigkeit der beiden Liebenden wird von Gottfried anders als herkömmlich aufgefasst und als eine „in absoluter Partnerschaft [...] völlig integrierte[] Einheit“[14] angesehen. Tristan und Isolde werden dadurch zur idealen Verkörperung von Gottfrieds Liebesideal.

ich will in wol bemaeren

von edelen senedaeren,

die reiner sene wol tâten schîn:

ein senedaere unde ein senedaerîn,

ein man ein wîp, ein wîp ein man,

Tristan Isolt, Isolt Tristan. (V. 125ff)

Durch die Tatsache, dass Gottfried bereits im Prolog das Publikum der edlen Herzen über die fatale Wirkung des Liebestrankes informiert, werden die Zuhörer zu Eingeweihten und stellen damit „jenes ideale Rezipientenkollektiv“[15] dar, das Gottfried für den von ihm erwarteten „identifikatorischen und solidaritätstiftenden Effekt“[16] benötigt, denn wer möchte nicht „Teil der scheinbar exklusiven Gruppe der edelen herzen [...] werden.“[17]

Das Schlüsselelement in Gottfrieds Liebesauffassung stellt also das Verhalten dar, „nicht ausschließlich weltlichen Freunden [nachzujagen], sondern das Leben als gemeinsame Plattform für Freude und Leid“[18] zu akzeptieren und zu bejahen.

[...]


[1] Gottfried von Straßburg: Tristan. 3. Bd. Kommentar. 6. Aufl. Stuttgart 2002. S. 171 f.

[2] Ebd. S. 171 f.

[3] Vgl. Keck, Anna: Die Liebeskonzeption der mittelalterlichen Tristanromane. Zur Erzähllogik der Werke Bérouls, Eilharts, Thomas’ und Gottfrieds. München 1998. S. 34.

[4] Urbanek, Ferdinand: Die drei Minne-Exkurse im >Tristan< Gottfrieds von Straßburg. In: ZfdPh 98 (1979) S. 344 ff. S. 360.

[5] Ebd. S. 360.

[6] Ebd. S. 366.

[7] Vgl. ebd. S. 366.

[8] Furstner, Hans: Studien zur Wesensbestimmung der höfischen Minne. Groningen 1956. S. 198.

[9] Ebd. S. 198.

[10] Ebd. S. 198.

[11] Gottfried von Straßburg: Tristan. 1. Bd. 10. Aufl. Stuttgart 2003. V. 50.

Zukünftige Zitate aus der Primärliteratur werden mit der Versnummer in Klammern im Fließtext

angegeben.

[12] Urbanek, Ferdinand: Die drei Minne-Exkurse im >Tristan< Gottfrieds von Straßburg. In: ZfdPh 98 (1979) S. 344 ff. S. 369.

[13] Ebd. S. 369.

[14] Ebd. S. 369.

[15] Keck, Anna: Die Liebeskonzeption der mittelalterlichen Tristanromane. Zur Erzähllogik der Werke Bérouls, Eilharts, Thomas’ und Gottfrieds. München 1998. S. 41.

[16] Ebd. S. 41.

[17] Ebd. S. 192.

[18] Rosenband, Doris: Das Liebesmotiv in Gottfrieds „Tristan“ und Wagners „Tristan und Isolde“. Göppingen 1973. S. 11.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Liebesauffassung und Ehrbegriff im Tristan Gottfrieds von Straßburg
Hochschule
Universität Regensburg  (Lehrstuhl für ältere deutsche Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Gottfried von Straßburg: Tristan
Note
1,7
Jahr
2005
Seiten
17
Katalognummer
V65171
ISBN (eBook)
9783638578066
Dateigröße
392 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Liebesauffassung, Ehrbegriff, Tristan, Gottfrieds, Straßburg, Gottfried
Arbeit zitieren
Anonym, 2005, Liebesauffassung und Ehrbegriff im Tristan Gottfrieds von Straßburg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65171

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