'In Südeuropa haben Frauen keine Freundschaften!' - Widerlegung einer Ideologie


Seminararbeit, 2005
18 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Theoretische Vorbemerkungen zu Freundschaft allgemein

3. Aspekte der Geschlechtertrennung in Südeuropa

4. Männer- und Frauenfreundschaften in Südeuropa
4.1. Bei Männern in Fuenmayor (Andalusien
4.1.1. Fuenmayor
4.1.2. Männerfreundschaften
4.1.3. Freundschaften im Lebenszyklus
4.2. Bei Frauen in Escalona (Andalusien
4.2.1 Escalona (Andalusien
4.2.2. Frauenfreundschaften
4.3 Psychologie der Freundschaft bei Frauen in Hatzi (Kreta

5. Abschluss und Diskussion

6. Literatur

1. Einleitung

In unserem westlichen Leben spielen Freundschaften eine große soziale Rolle. Das geht sogar so weit, dass man Menschen ohne Freunde für etwas sonderbar, vielleicht eigenbrötlerisch hält. Aber gibt es das überhaupt: Menschen ohne Freunde? Muss nicht jeder Mensch fast zwangsweise mit anderen Menschen in Kontakt treten und dabei auch Leute kennen lernen, mit denen er sich gut versteht und infolge dessen eine Freundschaft aufbaut?

Das Thema dieser Arbeit ist die Untersuchung von Männer- und Frauenfreundschaften im Südeuropa (von Portugal bis Kreta). Es gibt Ethnologen und Soziologen, die die These vertreten, es gäbe keine Freundschaften zwischen Frauen in diesem Raum (z.B. Gilmore 1975: 318[1] ). Frauen seien demnach in Familie und Verwandtschaft eingebunden. Es wird gesagt, Frauen seien aufgrund ihres neidischen Charakters und ihrer Klatschsucht unfähig für die tieferen Gefühle, die für eine Freundschaft nun einmal Bedingung sind. Anhand meiner Arbeit möchte ich diese These auf Signifikanz untersuchen und zwei Fragen beantworten: 1) Sind Frauenfreundschaften so hervorstechend wie Männerfreundschaften? 2) Unterscheiden sie sich von Männerfreundschaften? Wenn ja, wie? Zu diesem Zweck werde ich anfänglich Vorbemerkungen zum Thema Freundschaft voranschicken und Aspekte der Geschlechtertrennung diskutieren, wobei das Sprichwort „Frauen gehören ins Haus und Männer auf die Straße“ tonangebend sein soll. Diesen Vorbereitungen folgt der Hauptteil, indem ich anhand der Arbeiten von David Gilmore (1975) und Sahra Uhl (1991) Männer- und Frauenfreundschaften in Andalusien darstellen werde. Da auf Kreta ähnliche soziale Muster vorherrschen, werden im letzten Punkt einige psychologische Aspekte von Frauenfreundschaften untersucht. Im Schlussteil werden die Erkenntnisse in Hinblick auf die These, Frauen hätten in Südeuropa keine Freundschaften, diskutiert und entweder bestätigt oder als wissenschaftlicher Mythos entlarvt.

Leider nicht nachgehen kann ich einer Analyse der Beziehung von Feldforscher zu Informanten – dazu verweise ich auf Beer (2002).

2. Theoretische Vorbemerkungen zu Freundschaft allgemein

Eine Untersuchung über Freundschaft sei schon lange überfällig, meinen Sandra Bell und Simon Coleman (1999). In ihrem Buch „ The Anthropology of Friendship “ versuchen sie die Lücke zu füllen.

Zunächst muss man bemerken, dass an dieser Stelle die westliche Sicht über Freundschaft untersucht wird. Es steht in Frage, ob man diese Sicht auch auf andere Gesellschaften übertragen kann.

Im 18. Jh. entstand eine neue Sicht des Selbst: „This new self was seen to exist free from the external constraints of alliance, faction and patronage, as it was seen to be free from the internal constraints of prudential calculation and self-interest“ (Carrier 1999.: 26). Man nahm an, nur mit Menschen verkehren zu können, die einem ähnlich sind und zu denen man Sympathie empfindet. Es wurde möglich, Beziehungen allein auf spontanen Gefühlen aufzubauen (Ebd.). Heute wird gelehrt, dass sich Menschen innerhalb von Sekunden einen ersten Eindruck von einem Fremden verschaffen und sich sogleich Sympathie oder Ablehnung einstellen. Dies scheint den Wert der spontanen Gefühle für Beziehungen zu bestätigen.

Um 1700 entstand in Europa eine neue Moral, die den Zwang dämonisiert und Freiheit und Spontaneität feiert. Demnach hätten Menschen intuitiv das Verlangen, Gutes zu tun und Böses zu meiden: „With this moral calculus, constraint is evil because it hinders this innate, moral desire“ (Ebd.: 24). Die besitzlosen Klassen haben nicht das Maß an Autonomie wie die dominanten Klassen, weil sie gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Die Mittelklasse dagegen ist relativ autonom und frei und kann somit Freundschaften im hier geklärten Sinn aufbauen, während die Arbeiter in ein Netz von sozialen Beziehungen gezwungen sind – ihre Beziehungen sind eher geprägt von Arbeitskollegen, Nachbarschaft und Verwandtschaft. Zum Beispiel sehen in einer Umfrage nur ein Fünftel der befragten Arbeiter ihre Kollegen auch als Freunde an (Ebd.: 32-33). Auch Frauen hätten aufgrund ihrer Lebensumstände (Kindererziehung plus Lohnarbeit plus Haushalt) kein solches autonomes Selbst: „In this household labour, women are enmeshed in relationships that are more complex and constraining than those experienced by middle-class men.” (Ebd.: 32). Frauen teilen mit ihren Freundinnen auch eher Gefühle aus, während Männer viel eher Aktivitäten teilen (Bell und Coleman: 13).

Freundschaft ist für Menschen der westlichen Welt etwas hoch Moralisches: Von Freunden erwartet man emotionale Zuwendung, Rat und materielle Unterstützung in Zeiten der Not. Man lernt wie andere einen sehen und auch, wie man sich selbst sieht (Ebd.: 1). Im Gegensatz zur Verwandtschaft, der Forscher gerne Zwang und Zuschreibung zuordnen (Ebd.: 6), ist Freundschaft etwas freiwilliges, weil man sich seine Freunde aussuchen kann: „It is, after all, only through freedom and lack of constraint that the independent individual can be motivated by the spontaneous affection that makes real friendship“ (Carrier 1999: 23). Dies wird jedoch von einigen Forschern angezweifelt, da Beziehungen oft vorarrangiert seien und man vor sozialen Sanktionen Angst haben muss (Bell und Coleman 1999: 3). Pitt Rivers meint, die westliche Mittelklassenvorstellung von Freundschaft als persönliche, spontane und private Beziehung sei „sozialer Luxus“, da nur die westliche Gesellschaft einen solch hohen Grad an Individualisierung erreicht hat (Ebd.). Durch die Globalisierung ändern oder schwächen sich die Bande der Verwandtschaft, was Individualisierung fördert und damit auch die Entwicklung von Freundschafen: „At the same time new forms of friendship are emerging“ (Ebd.: 5). In vielen Gesellschaften behandeln sich Freunde wie Verwandte. In dem Dorf das Reed-Danahay untersuchte, wird „Verwandter“ und „Freund“ von „Außenseiter“ abgegrenzt. „Freund“ und „Verwandter“ können demnach manchmal gar nicht so leicht unterschieden werden wie es Ethnologen manchmal tun, indem sie die beiden Institutionen wie zwei Seiten einer Medaille behandeln (Ebd.: 7).

In einigen Fällen kann Freundschaft auch wichtiger sein als Verwandtschaft, doch Freundschaften können es schwer haben, weil befreundete aber nicht verwandte Menschen Loyalitätskonflikte erleiden könnten, wenn die Familien in Streit geraten.

Freundschaft geschieht laut Paine in größter Unabhängigkeit von Verwandtschaft und anderen sozialen Institutionen: „Friendship thus becomes ‚an institutionalised non-insitution’“ (Ebd.: 9).

Schließlich sei noch erwähnt, dass sich Freundschaft auch von der Patronage, der religiösen Mitgliedschaft und dem balancierten Austausch unterscheidet.

3. Aspekte der Geschlechtertrennung in Südeuropa

Die Grundlage für diesen Abschnitt bildet die Arbeit von Dorle Draklé (1998), die in den Jahren 1987, 1991-92 und 1993-94 Feldforschungen in Alentejo (Südportugal) unternommen hat. Ihre Ausführungen beschränken sich allerdings auf die unteren Schichten der Gesellschaft.

Seit den 1960er Jahren sind die Begriffe Ehre und Scham für die Region in der Forschung wichtige Begriffe. Ehre bezeichnet den öffentlichen Kampf des Mannes um Anerkennung im Konkurrenzkampf, Scham verwendet man für das sexuelle Wohlverhalten der Frau und ihr Ringen um gesellschaftliches Ansehen (Draklé 1998: 108). Die Ehefrau gefährde durch falsches Verhalten potentiell die Ehre des Mannes und muss daher als Ehefrau und Mutter „domestiziert“ werden, alles Weibliche erscheint als bedrohlich, gefährlich und schlecht. Viele Forscher betrachten Männer und Frauen als geschlossene Gruppen und reduzierten diese auf ihre reproduktiven Funktionen: „Damit beschrieben die auf das Mittelmeer spezialisierten Ethnologen exakt die lokal vorgefundenen Geschlechterideologien“ (Ebd.). Dieses Konzept von Ehre und Scham sei aber völlig unbrauchbar (Ebd.: 109).

Ein Sprichwort beschreibt die vorliegende Geschlechterideologie: „Frauen gehören ins Haus und Männer auf die Straße“. Dies ist eine „zentrale, alltäglich geäußerte Redensart“ (Ebd.: 107). Auch Draklé hatte während ihren Forschungen Probleme, da auch sie sich als Außenstehende nicht den allgegenwärtigen Geschlechterrollen entziehen konnte; sie musste sich während den Interviews mit Männern des Öfteren gegen Flirtversuche und sexuelle Anzüglichkeiten der Männer wehren und aufpassen, dass sie nicht Objekt des Klatsches wurde (Ebd.: 110-111).

Die Hauptfrage, die sich Draklé stellt, lautet:

„Welche Machtmechanismen wirken, damit die Geschlechterdifferenz im Alentejo so allumfassend und genormt erscheint? Gibt es andere Lebensentwürfe, wo entstehen Brüche, Widersprüchlichkeiten und welche Rolle spielen diese in diesem Gesamtkontext der lokalen Geschlecherdifferenz?“ (Edb.: 114)

Die Bewohner haben riesige Angst, nicht der Norm zu entsprechen, da dieses mit sozialen Sanktionen bestraft wird. Dies verstärkt den Druck auf Mann und Frau. Homosexuelle Männer gelten z.B. als weiblich und werden daher von den heterosexuellen Männern verachtet (Ebd.: 17). Ein akzeptierter geachteter Mann ist ein homo honesto (anständiger, ehrbarer Mann), ein verdadeiro homen (richtiger Mann) und ein homen de palavra (Mann, der sein Wort hält). Das Idealbild eines Mannes ist von dominanter Sexualität geprägt. Er verbringt viel Zeit in öffentlichen Räumen wie Kneipen, einer Art „Wohnzimmer für Männer“ (Ebd.: 120), da, wie ein Informant sagt, Zuhause-sein verweichliche. Männer müssen an den Aktivitäten der anderen Männer teilnehmen. Dazu zählen u. a. Tanz, Jagd, Spiele, Streitereien, Rauchen und Trinken, Fischen und Fußball (Ebd.: 119-20).

[...]


[1] “Women sometimes have confidantes before marriage but rarely retain close friends after marriage when they are encouraged to terminate frivolous activates.” (usw.)

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
'In Südeuropa haben Frauen keine Freundschaften!' - Widerlegung einer Ideologie
Hochschule
Universität Leipzig  (Ethnologie)
Veranstaltung
Gesellschaftsethnologie
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
18
Katalognummer
V65235
ISBN (eBook)
9783638578530
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Südeuropa, Frauen, Freundschaften, Widerlegung, Ideologie, Gesellschaftsethnologie
Arbeit zitieren
Christian Albrecht (Autor), 2005, 'In Südeuropa haben Frauen keine Freundschaften!' - Widerlegung einer Ideologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65235

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