Die Vereinfachungen im phonologischem und morphonologischen System der polnischen Sprache decken sich zeitgleich mit der aufklärerischen Epoche des 18. Jh. in Polen. Obwohl die grammatikalischen Veränderungen wohl kaum mit den geschichtlichen Ereignissen zusammenhängen, so erachte ich es dennoch für wichtig eine kleine Skizze der politischkulturellen Verhältnisse in Polen zu jener Zeit anzudeuten. Die geopolitische Lage Polens sah in der ersten Hälfte des 18 Jh. ziemlich eng aus (im wahrsten Sinne des Wortes): Preußen, Russland und Österreich, drei europäische Großmächte, bildeten einen gefährlichen Ring um das Königreich Polen. Die Monarchen, Friedrich II und Katharina II dominierten auf der politischen Bühne und bildeten die Spitze des aufgeklärten Absolutismus. Die polnische Regierung unter König Stanislaw August war schwach.1768 garantiert die russische Zarin die Unantastbarkeit der polnischen Konstitution, doch schon im Februar des gleichen Jahres verbünden sich die Konföderierten in Bar (Ukraine) gegen das russische Imperium, was mit einem 4-jährigen Krieg und anschließend der ersten Teilung Polens endet. Erst nach fast 150 Jahren wird Polen seine Unabhängigkeit wieder erlangen. Im kulturell-literarischen Bereich des 18. Jh. band sich Polen zusehend an seine nationalen Wurzeln, aber auch an seine Stellung im politischen Geschehen Europas. Die polnische Aufklärung teilt sich in zwei Literaturbereiche: diejenigen, die sich mit der gegenwärtigen geopolitischen Lage Polens beschäftigen, und andere, die sich mit der Geschichte ihres Landes auseinandersetzen. 1 Zu den bekannten Autoren der polnischen Aufklärung zählen Ignacy Krasicki („Myszeida“) und Stanisław Trembski („Sofiówka“, „Lew i mucha“). 2 Nach dieser kleinen geschichtlichen Exkursion möchte ich nun zum Hauptthema der Arbeit, zur polnischen Linguistik, wechseln. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. „Aufklärerische“ Einleitung und die allgemeinen Veränderungen in der polnischen Sprache im System der Konsonanten und Vokale
1.2 Veränderungen im System der Konsonanten
1.3 Veränderungen im System der Vokale
2. Der Schwund der „geneigten“ Vokale
2.1 Das geneigte a
2.2 Das geneigte e
2.3 Das geneigte o
3. Die Vereinfachung des morphonologischen Systems
3.1 Das Untergehen der Parallelen 'e || 'o und 'e || 'a
3.2 Das Untergehen der Parallele ę || ą
3.3 Das Untergehen der Parallele e || o
4. Andere Vereinfachungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die strukturellen Vereinfachungsprozesse des phonologischen und morphonologischen Systems innerhalb der polnischen Literatursprache des 18. Jahrhunderts. Dabei wird analysiert, wie sich der Schwund der sogenannten "geneigten" Vokale und verschiedene morphonologische Parallelen im Zuge der sprachlichen Entwicklung vollzogen haben.
- Analyse des Schwunds der "geneigten" Vokale (a, e, o) im 18. Jahrhundert.
- Untersuchung der phonologischen und morphonologischen Systemveränderungen.
- Vergleich der Literatursprache mit dialektalen Einflüssen.
- Auswertung historischer Wörterbücher zur Nachvollziehung sprachlicher Wandlungsprozesse.
- Erforschung der orthographischen Konsequenzen dieser Vereinfachungsprozesse.
Auszug aus dem Buch
2.1 Das geneigte a.
Den Schwund des geneigten a kann man anhand einer orthographischen Erscheinung mitverfolgen. Das mit einem Strich versehene Graphem a zieht sich aus dem System zurück, doch der La ut a, der den Buchstaben darstellt bleibt noch bis fast 1800 im phonetischen System der polnichen Sprache erhalten. Doch um es noch komplizierter zu machen, beinhaltet das a noch einen anderen Laut, nämlich der dem a folgende a. Somit zeigt sich das Graphem in seiner tatsächlichen Zwiespältigkeit.
Wenn wir davon ausgehen, dass der Schwund des Graphem gleichzeitig auch den Schwund des geneigten a bedeutet, so läßt sich im Gebrauch des a eine chronologische Linie in der polnischen Literatursprache ziehen.
Bis 1720 ist das a konstanter Bestandteil der Schrift. Erst nach 1720 beginnt das a aus der poln. Literatursprache zu verschwinden.
Der Strich über dem a zieht sich aus fast allen Kategorien zurück mit Ausnahme der Konjunktion a (und doch, aber). Aber auch die Präpositionen na (auf) und za (hinter) modernisieren sich relativ spät. Die Ursache dafür liegt darin, dass während a zu a wurde, konnte man sich immer noch leicht an die Kurzformen, die das a beinhaltet hatten erinnern, vor allem, wenn das a selbst Konjunktion oder Teil eines kurzen Wortes war. Auch in den folgenden Konjunktionen findet man noch das a: ale (aber), a(l)bo (oder), aby (dass, damit, um...zu + Inf.), az (bis, erst).
Zusammenfassung der Kapitel
1. „Aufklärerische“ Einleitung und die allgemeinen Veränderungen in der polnischen Sprache im System der Konsonanten und Vokale: Dieses Kapitel bettet die sprachlichen Entwicklungen in den historischen und kulturellen Kontext des 18. Jahrhunderts in Polen ein.
2. Der Schwund der „geneigten“ Vokale: Hier wird der Prozess der Vereinfachung der Vokalsysteme (a, e, o) detailliert analysiert, wobei besonders die chronologische Abfolge des Verschwindens der "geneigten" Vokale im Vordergrund steht.
3. Die Vereinfachung des morphonologischen Systems: In diesem Teil werden die Veränderungen in verschiedenen Parallelen sowie deren Auswirkungen auf das morphonologische System der polnischen Sprache untersucht.
4. Andere Vereinfachungen: Das abschließende Kapitel behandelt ergänzende phonetisch-morphologische Phänomene wie Reduktionen, Assimilationen und lexikalische Anpassungen.
Schlüsselwörter
Polnische Sprache, 18. Jahrhundert, phonologisches System, morphonologisches System, geneigte Vokale, Sprachgeschichte, Literatursprache, Lautwandel, Orthographie, Sprachwandel, Phonem, Konsonanten, Vokalsystem, Sprachstruktur, Dialekteinfluss.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der linguistischen Analyse der polnischen Sprache des 18. Jahrhunderts, insbesondere mit den Vereinfachungsprozessen des phonologischen und morphonologischen Systems.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Zentrale Themen sind der Schwund der sogenannten "geneigten" Vokale (a, e, o), die Vereinfachung morphonologischer Parallelen sowie der Einfluss der damaligen Literatursprache auf die schriftliche Fixierung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, wie und warum sich phonologische und morphonologische Systeme im 18. Jahrhundert vereinfacht haben und wie dies die Entwicklung der heutigen polnischen Literatursprache beeinflusste.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine linguistische Analyse historischer Sprachdaten, unter Einbeziehung von Wörterbüchern aus dem 18. Jahrhundert sowie der Auswertung bestehender Fachliteratur, um chronologische Trends zu identifizieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden detailliert der Schwund des geneigten a, e und o, die morphonologischen Parallelen und deren Untergangsmechanismen sowie weitere phonetisch-morphologische Anpassungen dargestellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie phonologischer Wandel, morphonologische Systeme, Literatursprache des 18. Jahrhunderts und Sprachgeschichte charakterisiert.
Warum wurde das 18. Jahrhundert als Untersuchungszeitraum gewählt?
Das 18. Jahrhundert in Polen war eine Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher Umbrüche (Aufklärung), die auch mit signifikanten Veränderungen der Literatursprache und ihrer Kodifizierung einhergingen.
Welche Rolle spielen die untersuchten Wörterbücher für die Ergebnisse?
Historische Wörterbücher, wie die von Troc und Linde, dienen als empirische Grundlage, um die zeitliche Varianz in der Schreibweise und den Gebrauch der "geneigten" Vokale statistisch und inhaltlich zu belegen.
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- Paul Lindner (Author), 2002, Die Vereinfachung des phonologischen und morphonologischen Systems in der polnischen Literatursprache des 18. Jh., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65236