Auswirkungen von Befragungsmodi. Andere Antworten bei Telefoninterviews als bei face-to-face-Umfragen und Fragebogenerhebungen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001

26 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung „Nicht der Interviewer muß schlau sein, sondern der Fragebogen“ (Fuchs, 1994)

1 Allgemeine Aspekte der fragebogengestaltung
1.1 Frageformulierung
1.2 Antwortformatierung
1.3 Fragebogenkonstruktion
1.4 Antwortverzerrung

2 Unterschiedliche Befragungsmodi
2.1 Schriftliche und mündliche Formen der Befragung
2.2 Unterschiedliche Fragebogenkonstruktionen

3 Auswirkungen von Befragungsmodi

4 Schlußbeurteilung

Literaturverzeichnis

Selbständigkeitserklärung

0 Einleitung – „Nicht der Interviewer muß schlau sein, sondern der Fragebogen“ (Fuchs, 1994)

Die Befragung eines repräsentativen Querschnitts der Bevölkerung mittels eines standardisierten Fragebogens stellt in der Markt- und Meinungsforschung wie auch in der Sozialforschung ein gängiges Instrumentarium dar, das von schriftlichen Befragungen bis hin zu telefonisch durchgeführten Befragungen reicht.

Die Umfrage- bzw. Sozialforschung ist nicht nur Bestandteil eines gesellschaftlichen Dialogs, sie bedient sich auch einer spezifisch dialogischen Technik, um Informationen zu sammeln: dem Interview.

Das Interview spielt also insofern eine hervorragende Rolle, als das es die gebräuchlichste Methode zur Klärung der meisten Forschungsfragen ist.

Besonders auch das telefonisch durchgeführte Interview wird seit einigen Jahren zur Messung von Meinungen und Einstellungen der Bevölkerung oder von Bevölkerungsteilen zu aktuellen Fragen, Problemen, sozialen Mißständen, usw. immer öfter verwendet.

Obwohl in den USA schon seit den vierziger Jahren Telefoninterviews durchgeführt werden, galten sie vor allem nach einigen Fehlschlägen in der Bundesrepublik noch lange Zeit als schnell („quick“) und unsauber („dirty“).

Heute aber, insbesondere im Zuge der mittlerweile großen Telefondichte in der BRD, ist der Anteil der durchgeführten Telefoninterviews laut Angaben des ADM (Arbeitsgemeinschaft Deutscher Marktforschungsinstitute) nahezu gleich dem Anteil der durchgeführten face-to-face-Befragungen.

Neben Telefon- und face-to-face-Interviews werden ausserdem noch schriftliche Befragungen durchgeführt, bei denen der Befragte auf sich alleine gestellt ist und nicht von einem Interviewer durch den Fragebogen geleitet wird. Diese strukturierten bzw. standardisierten Formen des Interviews stehen weniger strukturierten Befragungen, wie z.B. einer Gruppendiskussion, einem Expertengespräch oder auch einem Leitfadengespräch gegenüber.

Allen Formen der Befragung gemein ist aber, ausser dem „self administrated interview“, dass sie sich durch eine spezielle Dialogsituation, also einer spezielle Kommunikationssituation zwischen dem Interviewer und dem Befragten auszeichnen. Natürlich treten der Befragte und der Interviewer, wie in einer herkömmlichen Dialogsituation auch, in kommunikativen Kontakt, allerdings ist diese durch einen sehr viel strukturierteren, künstlicheren Ablauf gekennzeichnet. Die Kommunikations-situation des Interviews wird durch die Struktur des Fragebogens bestimmt, die durch den Interviewer nur vermittelt wird und dessen Aufgabe es ist, den Befragten möglichst unbeeinflusst durch das Interview zu leiten.

„Als sozialwissenschaftliches Messinstrument strukturiert und standardisiert der Fragebogen die situativ bedingte Kommunikation zwischen Befragtem und Interviewer in einem vom Forscher vorgegebenen und festgelegten Bezugsrahmen“[1]

Trotzdem ist es nicht ausgeschlossen, dass der Befragte erstens auf spezifische Weise und unter Beeinflussung durch andere Faktoren (z.B. die Umgebung, in der er sich befindet, die Situation, in der man den Befragten angetroffen hat, usw.) antwortet, was die Repräsentativität der Umfrage gefährden kann.

Speziell bei der Konstruktion des Fragebogens und der Formulierung von Fragen für ein Interview gilt es daher einige grundlegende Dinge zu beachten, um ein möglichst vergleichbares und unbeeinflusstes Ergebnis zu erhalten.

In der vorliegenden Arbeit werden wir uns also zu einem großen Teil der Frage zuwenden, welche Beeinflussungen des Befragten und damit auch welche Antwortverzerrungen entstehen können, welche Kriterien bei der Formulierung von Fragen beachtet werden müssen und auf welche Weise ein Fragebogen allgemein sinnvoll aufgebaut wird.

Im Besonderen wird das Augenmerk auf den Vor- und Nachteilen der verschiedenen Befragungsmodi liegen, um schließlich die Frage zu klären, wie sich die einzelnen Befragungsarten auf das Antwortverhalten des Befragten auswirken und zu welchen spezifischen Antwortverzerrungen es kommt. Dabei soll vor allem auch geklärt werden, welche Unterschiede es in der Fragebogenkonstruktion und Frageformulierung in den verschiedenen Befragungsmodi gibt.

Ziel der Arbeit wird also sein, die Unterschiede der einzelnen Befragungsarten allgemein herauszustellen und im Besonderen die Unterschiede in der Konstruktion des Fragebogens und dem Antwortverhalten des Befragten aufzuzeigen.

1 Allgemeine Aspekte der fragebogengestaltung

1.1 Frageformulierung

Bei der Planung und dem Entwurf eines Fragebogens gilt es zunächst die Fragen für ein spezielles Thema zu konstruieren, das erhoben werden soll. Dabei muß vorab bedacht werden, dass es sich bei den Fragen in einem standardisierten Interview nicht um eine Aneinanderreihung von Forschungsfragen handelt. Die Erhebungsfragen sind vielmehr das Ergebnis eines Vorgangs, den man Operationalisierung nennt, bei dem die Erforschungsfragen in Erhebungsfragen „übersetzt“ werden. Die Operationalisierung geschieht methodisch geleitet und hat zur Folge, dass in einem standardisierten Erhebungsinstrument zusammengefassten Fragen unter inhaltlichen und formalen Aspekten mit den Forschungsfragen korrespondieren müssen.

Allgemein gilt es dabei zu beachten, dass in einem standardisierten Interview nicht beliebig komplizierte Erhebungsfragen gestellt werden können, die den Interviewer wie auch den Befragten überfordern und somit die Standardisierung der Erhebung in Frage stellen würden. Um den Interviewer nicht zu überlasten ist es zudem notwendig, dass die Fragen ohne allzu komplexe Intervieweranweisungen durchgeführt werden können. Auch um das Interesse des Befragten zu Beginn des Gespräches zu gewinnen und über die gesamte Dauer des Interviews aufrecht zu erhalten, ist es erforderlich, dass sich das Erhebungsgespräch als interessantes und strukturiertes Interview darstellt, so dass auf eine gewisse Fragebogendramaturgie zurückgegriffen werden kann.[2]

Das Medium jeden Interviews, sei es ein schriftlich oder mündlich durchgeführtes Interview, ist die Sprache. Sie ist dabei keinesfalls ein eindeutiges, zweifelsfreies Medium der Verständigung. Es bestehen nicht nur regionale Unterschiede, sondern die Sprache ist vor allem auch durch verschiedene Schichten der Gesellschaft unterschiedlich. Allgemein muß deshalb weiterhin bei der Formulierung von Fragen für die Konzeption eines Fragebogens darauf geachtet werden, dass die verwendete Sprache den Kern des Problems klar und ohne Schnörkel darzustellen vermag und allen Ballast vermeidet. Sie muß durch Klarheit und Einfachheit überzeugen, zielorientiert sein.

Bei der Operationalisierung nun im Spezielleren kann man auf einige sprachliche und inhaltliche Faustregeln bezüglich der letztendlichen Formulierung der Erhebungsfrage zurückgreifen, die auf der Basis von empirischen Studien und Experimenten entstanden sind. Es ist allerdings ratsam, diese „Regeln“ nicht blind anzuwenden, sondern hauptsächlich als ernstzunehmende Hinweise zu betrachten, die auf die spezielle Fragestellung und Zielsetzung der Untersuchung ausgerichtet sein müssen und die Eigenheit des Themas beachten:

Die Erhebungsfragen sollten in einfachen Worten gestellt sein, was im wesentlichen bedeutet, dass keine Fachausdrücke, keine besonderen Fremdwörter, keine Abkürzungen und keine Slangausdrücke verwendet werden sollen.

Ausserdem sollten die Fragen kurz und konkret formuliert sein. Abstrakte Begriffe müssen also in konkrete Begriffe überführt werden. Die Frage“ Wie zufrieden sind Sie mit ihrer Arbeitssituation?“ ist demnach besser als die Frage „Wie zufrieden sind Sie mit ihrem Leben?“.

Auch sollte die Erhebungsfrage keine bestimmten Antworten provozieren und möglichst neutral gehalten sein, was beinhaltet, dass keine „belastenden“ Wörter wie beispielsweise „Freiheit“, „Leistungswille“, „Boss“, etc. enthalten sein dürfen.

Unzulässig sind weiterhin hypothetisch formulierte Fragen und mehrdimensionale Fragen sollten möglichst in zwei getrennte Fragen unterteilt werden, da sich eine Frage immer nur auf einen Sachverhalt beziehen sollte.

Fragen dürfen keine doppelten Negationen enthalten und dürfen den Befragten nicht überfordern.

Letztlich sollten Fragen zumindest formal „balanciert“ sein, d.h. in der Frage sollten alle – negativen und positiven – Antwortmöglichkeiten enthalten sein, um die gleichwertige Berechtigung jeder vom Befragten gewählten Antwort zu demonstrieren.[3]

Bei der Frageformulierung muß man sich also stets bewusst sein, dass die Antwort immer eine Reaktion auf einen Frageimpuls darstellt. So können unterschiedliche Formulierungen ein und derselben Frage sehr verschiedene Antworten ergeben.

1.2 Antwortformatierung

Eine wichtige Aufgabe, die die Befragten also zunächst einmal bei der Beantwortung eines Fragebogens lösen müssen, ist , die ihnen gestellt Frage zu verstehen und zwar sowohl semantisch „Was bedeutet der Satz?“ als auch pragmatisch „Was will der Frager wissen?“.

Der Prozess, der für die Beantwortung einer Frage beim Befragten dabei abläuft, beginnt mit der reinen Wahrnehmung der Frage. Diese wird ihm von einem Interviewer, möglichst ohne zusätzliche Beeinflussungen, wie beispielsweise dem Einflechten eigener Wertungen und Kommentare oder einem veränderten Tonfall, vorgelesen.

Der Befragte hört also den Fragetext und entschlüsselt dessen Bedeutung. Der Forscher nimmt dabei an, dass die Formulierung der Frage dazu führt, dass jeder Befragte seiner Stichprobe die Bedeutung des Fragetextes in gleicher Weise und mit der vom Forscher intendierten Bedeutung versteht, was sich aber kaum überprüfen lässt und ausserdem aufgrund der differierenden Interpretationen der Frage durch die Befragten kaum möglich sein wird. In der reellen Praxis ist es doch eher so, dass jeder Befragte die Frage individuell interpretiert und es allenfalls ein theoretisches Ideal sein kann, dass die Frage von jedem auf gleiche Weise verstanden und interpretiert wird.

Der Befragte entwickelt also seine eigene Interpretation der Frage und sucht auf der Grundlage dieser Interpretation nach weiteren Informationen in seinem Gedächtnis, mit Hilfe derer er schließlich zu einem Einstellungsurteil kommt. Dieses Einstellungsurteil bildet die letztendliche Basis für die Antwortformatierung des Befragten, die er dem Interviewer darauf auch mitteilt.[4]

Formal wird der Befragte vom Forscher als Merkmalsträger angesehen, den es zu stimulieren gilt, damit er offen und unverzerrt, stets kompetent, mit einer Antwort reagiert – entsprechend ist die Interviewsituation vorstrukturiert und funktioniert auf der Basis einer Stimulus-Response-Reaktion.

Andererseits sind diese Informationen nur in einer sozialen Situation erhältlich, die ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten gehorcht.

So kann es dazu kommen, dass der Befragte neben der Kommunikation der reinen Antwort ebenso argumentieren, sich rechtfertigen oder etwas erläutern möchte. Auch möchte er unter Umständen eventuell bestehende Unwissenheiten oder abweichende Ansichten und Verhaltensweisen verbergen, weshalb es häufig zu sogenannten „Response Errors“, also Antwortverzerrungen kommen kann.

1.3 Fragebogenkonstruktion

Es zeigt sich also, dass nur eine äußerst sorgfältige theoretische Vorbereitung und empirische Absicherung durch Voruntersuchungen („Pretests“) des Interviews Ergebnisse liefern kann, die das Potential der Erhebungstechnik voll nutzen kann.

Einige Reaktivitätseffekte lassen sich wohl durch entsprechende Frageformulierung und Fragebogenaufbau ausschalten, doch sind diese Maßnahmen, wie bereits angedeutet, durch den sozialen Charakter der Situation nur teilweise erfolgreich.

Bei der Fragebogenkonstruktion sollten demnach einige allgemeine Kriterien beachtet werden, wodurch solche Effekte zumindest partiell eingeschränkt werden.

Vor allem den ersten Fragen („Einleitungsfragen“) sollte besondere Beachtung geschenkt werden, da sich an ihnen das Engagement entscheidet, mit dem der Befragte an die Beantwortung des gesamten Fragebogens herantreten wird. Demnach sollten sie entsprechend interessant in das gesamte Thema einführen und leicht zu beantworten sein, um eventuell bestehende Ängste des Befragten über die Schwierigkeiten einer Befragung zu mildern. Dabei sollten Einleitungsfragen vermieden werden, die nur von einem Teil der Befragten beantwortet werden können, da der Eindruck erweckt werden könnte, dass das gesamte Interview sie nur wenig betrifft. Auch sollte man davon absehen, als Einleitung Fragen nach Geschlecht, Alter und anderen demographischen Merkmalen zu stellen. Eine solche Einführung lässt den Befragten zu lange im Unklaren über den eigentlichen Sinn des Interviews.

[...]


[1] Vgl. dazu Frey, Kunz, Lüschen 1990, S.112 in Fuchs 1994, S.63

[2] vgl. dazu Fuchs, 1994, S. 63/64

[3] vgl. dazu Schnell, Hill, Esser, 1999, S. 312/313

[4] vgl. dazu Schwarz, 1983, S. 3 f.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Auswirkungen von Befragungsmodi. Andere Antworten bei Telefoninterviews als bei face-to-face-Umfragen und Fragebogenerhebungen
Hochschule
Universität Mannheim  (Mikrosoziologie und Sozialpsychologie)
Veranstaltung
Theoretische und praktische Aspekte bei der Gestaltung von Fragebögen
Note
2
Autor
Jahr
2001
Seiten
26
Katalognummer
V6524
ISBN (eBook)
9783638140713
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Hausarbeit beschäftigt sich mit verschiedenen Befragungsmethoden und untersucht verschiedene Aspekte der Fragebogengestaltung und deren Auswirkungen.
Schlagworte
Sozialpsychologie, Soziologie, Interview, Umfragen, Fragebogen, Frageeffekte
Arbeit zitieren
Nadine Buschmann (Autor), 2001, Auswirkungen von Befragungsmodi. Andere Antworten bei Telefoninterviews als bei face-to-face-Umfragen und Fragebogenerhebungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6524

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