Widerstand in der literarischen Umsetzung von Bertolt Brechts "Furcht und Elend des III. Reiches"


Hausarbeit, 2006
19 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Charakteristika des Stückes
2.1. Montage
2.2. Gestentafel

3. Der Weg zum Widerstand
3.1. Vom Terror zum Widerstand
3.2. Verrat
3.2.1. ,,Der Verrat’’
3.2.2. ,,Das Kreidekreuz’’
3.2.3. ,,Die Physiker’’
3.2.4. ,,Der Spitzel’’
3.3. Gewalt und Terror
3.3.1. ,,Dienst am Volke’’
3.3.2. ,,Die Kiste’’
3.3.3. ,,Winterhilfe’’
3.4. Widerstand
3.4.1. Was ist Widerstand?
3.4.2. ,,Dienst am Volke
3.4.3. ,,Die Berufskrankheit’’
3.4.4. ,,Die jüdische Frau’’
3.4.5. ,,Die schwarzen Schuhe’’
3.4.6. ,,Die Stunde des Arbeiters’’
3.4.7. ,,Die Internationale’’
3.4.8. ,,Der Bauer füttert die Sau’’
3.4.9. ,,Der alte Kämpfer’’
3.4.10. ,,Die Volksbefragung’’

4. Fazit

5. Anhang
5.1 Bibliographie

1. Vorwort

Bertolt Brechts ,,Furcht und Elend des III. Reiches’’ ist in den Jahren 1935 bis 1938 im dänischen Exil entstanden. Er entwarf ,,ein Panorama Deutschlands’’[1], bestehend aus 27 Einzelszenen[2], das einen Querschnitt durch fast alle Bevölkerungsgruppen liefert. Grundlage waren Zeitungsnotizen, Augenzeugenberichte und zugetragene Informationen über Alltagssituationen, die sich unter der Schreckensherrschaft der Nazis[3] zutrugen. Die einzelnen Szenen geben authentisch Momentaufnahmen aus dieser Zeit von verschiedenen Situationen in Deutschland lebender Personen wider. Es wird gezeigt, wie Gewalt und Terror das Leben der Deutschen beeinflussen. Weiterhin nimmt das Stück sowohl die Thematik der Lüge über die Lebensverhältnisse als auch die zunehmende Vereinzelung durch Anpassung auf. Es bildet sich eine Kausalkette, die von Verrat und Gewalt über Vereinzelung und Anpassung zum Widerstand führt.

In dieser Hausarbeit wird die Problematik des Widerstandes näher betrachtet. Es wird geprüft, ob und wie Brecht diese in seinem Stück aufgenommen und umgesetzt hat. Dazu werden der Verrat und die Gewalt, die die Bausteine der oben genannten Kausalkette bilden, beleuchtet, um den Kreis zum Widerstand zu schließen. Die Ausarbeitung wird sich dabei auf ausgewählte Szenen des Stückes beschränken, da die Bearbeitung aller Szenen weit über den Rahmen dieser Hausarbeit hinausgehen würde. Um das Verständnis von Zusammenhängen zu erleichtern, werden zunächst die Begriffe Montage und Gestentafel geklärt, die bei der Herausarbeitung des Motivs des Widerstandes benötigt werden.

2. Charakteristika des Stückes

2.1. Montage

Das Stück besteht aus einzelnen Szenen, die in keinem direkten Sinnzusammenhang zueinander stehen. Daher wird jeder Szene ein Sechszeiler[4] vorangestellt, der im Schweifreim verfasst wurde. Er leitet in die Situation des darauf folgenden Auftritts ein, indem er den Inhalt und die Essenz der Szene vorwegnimmt. Aufgrund des fehlenden Sinnzusammenhangs kann jede Szene für sich gespielt werden. Sie ist demnach autark. Es handelt sich um eine Montage, weil sich der Regisseur auf bestimmte Szenen festlegen kann, die gespielt werden sollen oder die Reihenfolge ändern kann. Dabei stellt dies nicht eine besondere Form des Theaters dar, sondern ein rein praktisches Element für die Spielertruppen in der damaligen Zeit[5], die durch einen Mangel an ausgebildeten Schauspielern und geringer finanzieller Mittel im Ausland gekennzeichnet waren. Dennoch handelt es sich nicht um ,,eine Reihe beliebig auswechselbarer Szenen’’.[6] Die Szenenfolge bildet ein Ganzes, das durch thematische Parallelen[7] wie Furcht, Elend und Terror zusammengehalten wird. Somit liefert jede Szene einen Akzent, der für den Gesamteindruck von entscheidender Bedeutung ist. Dieser Widerspruch ergibt sich aus der Dauer des gesamten Stückes, die es unmöglich sein lässt, es in voller Länge aufzuführen. Der Gesamteindruck lässt sich am besten dem Leser vermitteln. Für eine Aufführung ist es ratsam, eine eigene Szenenfolge, die das herausgearbeitete Thema konkretisiert, zu wählen.

Der Versuch das Stück in Sinnabschnitte zu unterteilen, stellt sich wegen der Montage und der fehlenden durchgängigen Handlung als schwierig dar. Hier werden zwei verschiedene Möglichkeiten, welche der Sekundärliteratur entnommen wurden, vorgestellt. Nach der einen Möglichkeit können die ersten fünf Szenen dem Oberbegriff des Verrats und dem dadurch entstandenen Misstrauen zugeordnet werden. Der mittlere Teil des Stückes zentriert sich auf die mittelständischen Berufe. Die letzteren Szenen machen die Zunahme des Terrorismus durch die Regierung deutlich.[8] Nach der anderen Möglichkeit verfolgt man zwei rote Fäden, die die Szenen zusammenhalten. Der Erste beschreibt die Zunahme des Terrors durch Gewalt, Verrat und Misstrauen. Der Zweite besteht im Thema Widerstand, der ebenfalls durch eine Steigerung im Verlauf des Stückes gekennzeichnet ist.[9] Diese Hausarbeit wird die zweite Einteilungsstruktur näher betrachten, um so das Thema des Widerstandes herauszuarbeiten.

2.2. Gestentafel

Wird über das Stück ,,Furcht und Elend des III. Reiches’’ gesprochen, fällt häufig der Begriff der Gestentafel. Dieser ist an die Tafel des Periodensystems aus der Chemie angelehnt, von welchem sowohl Namen als auch verschiedene Eigenschaften eines Elementes abgelesen werden können. Ähnlich stellt sich Brecht die Szenenfolge seines Stückes vor. Jeder Szene kann eine bestimmte oder mehrere Gesten entnommen werden. Es handelt sich um ,, Gesten des Verstummens, sich Anschickens, Erschreckens ’’[10], aber auch des Widerstandes. In dem Stück werden dafür verschiedene Darstellungsweisen gewählt. Die Darstellung der Lebensverhältnisse beleuchtet direkt die Schrecken des III. Reiches, welche dadurch unmittelbar in das Bewusstsein des Zuschauers dringen. Die Gesten der Brutalität und des Terrors werden beispielsweise in der 14. Szene, ,,Die Internationale’’, direkt erkennbar. In der indirekten Darstellung kommt die Thematik der Szene nicht explizit zur Sprache, wodurch sie nicht auf die Erkenntnis des Zuschauers hindrängt. Dennoch wird dadurch das Publikum gezwungen, ein eigenes Resümee zu ziehen. Dies wird anhand von Szene zwei, ,,Der Verrat’’, deutlich, in der dem Zuschauer die Deutung überlassen wird, ob die Frau und der Mann für die Verhaftung des Nachbarn verantwortlich sind. Bei der Darstellungsweise der direkten Erkenntnis zieht die Person im Stück ein Resümee, welches deckungsgleich mit dem des antifaschistischen Zuschauers ist. Diese Darstellungsform kommt in der dritten Szene, ,,Das Kreidekreuz’’, zur Geltung, als sich das Dienstmädchen über die Verhältnisse ihres Verlobten klar wird. Somit gibt es ,, nicht eine einzige Szene, […] [die] nicht durch eine Einsicht erwählt und geformt ist:’’.[11] In dem Stück darf daher nicht nur nach direkten Hinweisen auf Widerstand gegen das Nazi-Regime gesucht werden, sondern auch nach indirekten.

3. Der Weg zum Widerstand

3.1. Vom Terror zum Widerstand

,,Unter Widerstand wird jedes aktive oder passive Verhalten verstanden, das die Ablehnung des NS-Regimes oder eines Teilbereiches der NS-Ideologie erkennen lässt’’.[12] Fraglich ist, ob Brecht überhaupt eine Intention zum Widerstand in dem Stück gegeben hat. Wenn man dies bejaht, stellt sich die Frage, ob er die Formen von Widerstand, die in der oben vorgestellten Definition genannt werden, meinte. Zunächst muss also geklärt werden, worin der Grund für Widerstand besteht. War der Gegendruck, der von den Sozialdemokraten auf der politischen Bühne ausgeübt wurde, bereits Widerstand gegen das NS-Regime? Diese Frage muss man verneinen, zumal das NS-Regime in der Fülle von Gewalt, die es bis 1938 erreichte, noch nicht bestand. Die Machtkämpfe um die Regierungsmacht vor 1933 zählen zur politischen Gesinnung. Um Widerstand handelt es sich demnach erst, wenn sich das Verhalten ,,gegen eine als bedrohlich und nicht legitim empfundene Herrschaft richtet.’’.[13] Die Herrschaft der Nationalsozialisten war auf die Ausübung von Gewalt und Terror ausgelegt. Sie führte, aus Angst vor Ermordung oder Haft, zu Vereinzelung und Verleugnung der Wahrheit über die herrschenden Lebensverhältnisse. Das Ausmaß der eingesetzten Gewalt und somit auch die Furcht und das Elend der Bevölkerung nahmen stetig zu. Dieser Kreislauf aus Verrat, Misstrauen, Gewalt und Terror bricht auf, sobald das ertragbare Maß an Elend überschritten ist. Dann muss sich als Konsequenz der Notwendigkeit Widerstand regen: ,,der permanente Terror muß Gegenwehr und Widerstand erzeugen.’’.[14]

3.2. Verrat

3.2.1. ,,Der Verrat’’

Am deutlichsten wird die Thematik des Verrats an der gleichnamigen zweiten Szene des Stückes. Sie beschreibt eine Situation, in der sich eine Frau und ihr Mann über den Nachbarn unterhalten, der gerade, vermutlich von der Gestapo[15], verhaftet wird. Durch die indirekte Darstellungsart in Form eines Gespräches über den Hergang der Verhaftung kann man erkennen, dass das Ehepaar für diese verantwortlich ist: ,,Du hast doch nicht nur das gesagt.’’.[16] Das Schuldgefühl, die Gefangennahme des Nachbarn verursacht zu haben, versuchen sie durch Mitleid mit diesem: ,, Aber sie hätten ihm nicht die Jacke zu zerreißen brauchen. ’’[17] und Nichteingeständnis der Schuldhaftigkeit: ,, Ich habe doch nur gesagt, daß das Radio mit den Rußlandsendungen nicht von hier kam. ’’[18] zu relativieren. Weiterhin schieben sie die Schuld an der Verhaftung dem Gefangenen zu, da sich dieser dazu entschlossen hätte, Kommunist zu sein. Daher sei das Ehepaar nicht für dessen Schicksal verantwortlich. Trotz aller Entschuldigungen, die die Eheleute für ihr Verhalten hervorbringen, wird dem Zuschauer die völlige Tragweite ihrer Handlung bewusst. Sie haben ihren Nachbarn verraten, ohne die Folgen eines solchen Verhaltens zu bedenken. Letztendlich sind die Eheleute über die brutale Vorgehensweise der Gestapo erschrocken. Trotzdem sehen sie ihr falsches Handeln nicht ein, sondern versuchen noch, es mit Lügen zu rechtfertigen.

[...]


[1] Knopf, Jan: ,,Brecht Handbuch’’. Stuttgart 2001, S. 345.

[2] Es ist in der Sekundarliteratur umstritten, ob es sich um Szenen oder Einakter handelt (Vgl. Vinçon, Inge: ,,Die Einakter Bertolt Brechts’’. Königestein/Ts. 1980, S 127. / Benjamin, Walter. In: Monika Wyss (Hg.): Brecht in der Kritik. München 1977, S. 191).

[3] Nationalsozialisten

[4] Es gibt zwei Ausnahmen: Der Spitzel (9) und Winterhilfe (18).

[5] Vgl. Brecht, Bertolt: ,,Schriften zum Theater 4’’. Frankfurt a. M. 1963, S. 125.

[6] Knopf, Jan: ,,Brecht Handbuch’’. Stuttgart 2001, S. 346.

[7] Diese werden im weiteren Verlauf der Hausarbeit näher betrachtet.

[8] Völker, Klaus: ,,Brecht-Kommentar’’. München 1983, S. 174.

[9] Knopf, Jan: ,,Bertolt Brecht’’. Stuttgart 2000, S. 148.

[10] Brecht, Bertolt: ,,Arbeitsjournal 1938-1955’’. Frankfurt a. M. 1973, S. 22.

[11] Frisch, Max. In: Monika Wyss (Hg.): Brecht in der Kritik. München 1977, S. 196

[12] Jaeger, H./Rumschöttel, H.: Das Forschungsprojekt Widerstand und Verfolgung in Bayern 1933-1945’’. In: Archivarische Zeitschrift 73 (1977), S. 214.

[13] http://www. Politikecke.de/forum/index.php?act=lexiw

[14] Busch, Walter: ,,Bertolt Brecht: Furcht und Elend des III. Reiches’’. Frankfurt a. M. 1982., S. 43.

[15] Geheime Staatspolizei, deren Aufgabe es war, alle staatsgefährdenen Bestrebungen zu erforschen und zu bekämpfen.

[16] Brecht, Bertolt: ,,Furcht und Elend des III. Reiches’’. In: Werner Hecht/Jan Knopf/ Werner Mittenzwei/ Klaus-Detlef Müller (Hg.): ,,Bertolt Brecht, Werke, Band 4’’. Frankfurt a. M. 1988, S. 344, Zeile 20.

[17] ebd. S. 344, Zeile 24-25

[18] ebd. S. 344, Zeile 18-19.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Widerstand in der literarischen Umsetzung von Bertolt Brechts "Furcht und Elend des III. Reiches"
Hochschule
Universität Konstanz
Veranstaltung
Bertolt Brecht: Theorie und Theater
Note
2,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V65265
ISBN (eBook)
9783638578783
ISBN (Buch)
9783638954518
Dateigröße
2190 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Widerstand, Umsetzung, Bertolt, Brechts, Furcht, Elend, Reiches, Brecht, Theorie, Theater
Arbeit zitieren
Maria-Carina Holz (Autor), 2006, Widerstand in der literarischen Umsetzung von Bertolt Brechts "Furcht und Elend des III. Reiches", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65265

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