Empirie oder Ansatz - Die Anfänge der empirischen Sozialforschung


Seminararbeit, 2004

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Erste Schritte auf der Suche nach dem Publikum

3. Publikumsforschung im frühen 20. Jahrhundert
3.1 Beginn der Hörerforschung
3.2 Organisierte Leserforschung der Arbeiterbewegung
3.3 Erste Ansätze der Kinoforschung
3.4 Leserforschung als ökonomische Verbrauchsforschung

4. Beginn der Institutionalisierung in der Weimarer Republik
4.1 Was wollen Sie im Radio hören? – Umfrage 1924
4.2 Expertenmeinungen
4.3 Ausnahmen und Weiterentwicklungen

5. Das schwarze Loch der Publikumsforschung: NS-Zeit

6. Zum Vergleich: Publikumsforschung in den USA
6.1. Hörerforschung mit Daten
6.2. Leserforschung von Paul von Laszarsfeld

7. Schluss mit Evaluation

8. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

67,9 Prozent Marktanteil für das erste deutsche EM-Spiel Deutschland gegen Holland[1], 51,9 Prozent in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen für „Der Schuh des Manitu“[2] auf ProSieben, in der Woche der 3000. Folge jeden Tag über 18 Prozent für RTLs „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“[3] – enorme Erfolgsbekundungen sowohl für Privat- als auch für öffentlich-rechtliche Sender. Schließlich zeigen diese Bilanzen nicht nur, dass die Programme den Massengeschmack treffen, sondern aus den Quoten berechnen sich auch die Werbepreise. Im Fernsehbereich ist die Zuschauerforschung also essentiell. Nicht weniger bedeutsam sind Leser- und Hörerforschung. Täglich erhalten die Medienbetriebe (sekundengenaue) Daten von Marktforschungsinstituten, um alles über das Profil ihres Publikums zu erfahren. Doch noch vor 50 Jahren sah die Situation ganz anders aus. Denn erst nach 1945 begann in Deutschland die Institutionalisierung der Publikumsforschung, die Gründung von Markt- und Meinungsforschungsinstituten und das eigentliche marktwirtschaftliche Interesse für das Publikum. In dieser Arbeit soll geklärt werden, wie sich die Publikumsforschung vor 1945 aussah, welche Methoden angewandt wurden und wo es sich schon damals moderne Entwicklungen abzeichneten.

Um bestimmende Traditionslinien zu verdeutlichen, ist die Arbeit chronologisch gegliedert. Zunächst sollen die Entwicklungen bis zur Jahrhundertwende geschildert werden, besonders Meinungsumfragen von Schriftstellern. Anschließend werden die Ansätze des frühen 20. Jahrhunderts betrachtet. Besondere Beachtung finden hierbei die Aktionen der Arbeiterbewegung sowie die ersten Anläufe der Kinoforschung unter Emilie Altenloh. In einem weiteren Punkt betrachtet die Arbeit die Forschung in der Weimarer Republik – hier insbesondere den Aufruf „Was wollen Sie vom Radio hören?“ von 1924, sowie den Einsatz von Expertenmeinungen in der Zeitschrift „Der Deutsche Rundfunk“. Als Abschluss der chronologischen Betrachtung folgt ein Abriss der Forschung in der Zeit von 1933 bis 1945. Um die ersten Entwicklungen in Deutschland einordnen zu können, werden im Anschluss die ersten Forschungsansätze in den USA geschildert.

In einer Abschließenden Evaluation soll versucht werden zu klären, inwiefern sich die deutsche Publikumsforschung von der angloamerikanischen unterscheidet und vor allem warum. Allgemein soll die deutsche Publikumsforschung eingeordnet werden.

2. Erste Schritte auf der Suche nach dem Publikum

2.1 Leserforschung großer Literaten

Schon Ende des 19. Jahrhunderts gab es in im Bereich der Literatur erste Ansätze, zu erforschen, was das Publikum interessiert und welche Taktiken erfolgreich sind, um die Leser an einen Autor oder Verlag zu binden. So operierte Charles Dickens mit einer heute vielleicht erstaunlichen Methode. Er veröffentlichte in der Zeit von 1839 bis 1850 Fortsetzungsromane in der Londoner Zeitung „The Times“. Anhand von Leserreaktionen und -briefen ermittelte er dann, welche Teile seiner Erzählungen dem Publikum nicht zusagten. Gegebenenfalls nahm er bei der Veröffentlichung der Geschichten in Buchform Änderungen in der Handlung vor, wenn sie bei den Lesern besonders häufig auf Ablehnung gestoßen war.[4] Ralf Hohlfeld sieht hierin eine „Vor- bzw. Frühform publizistischen Marketings“[5].

Auch ein anderer Schriftsteller, der zu dieser Zeit noch als Journalist arbeitete, Theodor Fontane, unterwarf sich dem Geschmack der Massen. Doch er verzweifelte daran und beugte sich nur widerwillig, da sein Geschmack stark von dem „miserablen literarischen Geschmacks“[6] des Massenpublikums abwich. Seinen in der Familienzeitschrift „Gartenlaube“ erschienener Roman „Quitt“ ließ er nur mit folgenden Worten ändern: „Ändern sie so viel Sie wollen. Aus der Schüssel aus der 300.000 Deutsche essen, ess’ ich ruhig mit.“[7] Mit der Zahl 300.000 bezog sich Fontane in diesem Kontext auf die Leserzahlen der „Gartenlaube“, die sich in Hochzeiten um die 400.000 bewegten.

Natürlich kann man diese Ansätze der Schriftsteller noch nicht der selben Kategorie zuordnen wie die heutige Forschung. Denn schon in diesem kurzen Abriss der Untersuchungen zeigt sich, wie ungerichtet die Aktionen damals war. Zwar liefen sie auf ein bestimmtes Ziel – die Veränderung der Romane – heraus, doch noch ist das Publikum nicht konkret aufgefordert sich zu den Medien zu äußern, es werden lediglich zufällige Meinungsäußerungen verwertet. Empirisch-statistische Daten wurden hierbei allerdings nicht einbezogen, die Frage nach der Zusammensetzung des Publikums wurde „allein mit sozialphilosophischen und literaturhistorischen Reflexionen gedanklich umkreist.“[8]

3. Publikumsforschung im frühen 20. Jahrhundert

3.1 Beginn der Hörerforschung

Die Anfänge der systematischen Publikumsforschung im engeren Sinne liegen eigentlich in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts und stehen in enger Verbindung mit der Verbreitung des Radios. Die Sender interessierten sich quasi von Anfang an für ihr Publikum. Natürlich handelte es sich anfangs auch hier nicht um aktive Forschung, vielmehr erhielten die Sender ihre Informationen aus Eigeninitiativen der Hörer. Im Vordergrund standen zunächst nicht Kritik oder Anregungen zum Programm, sondern vor allem technische Fragen zum Empfang.[9] Doch nach und nach wurden inhaltliche Kommentare immer häufiger und aus zufälligen Meinungsäußerungen der Zuhörer entwickelten sich langsam aktive Aufrufe der Sender, sich zum Programm zu äußern. Doch neben den Sendern spielten auch andere Organisationen eine große Rolle. Besonders rege agierten hierbei die kirchlichen Verbände. So riefen sie ihre Mitglieder bei kontroversen Sendungen gezielt zu Reaktionen auf, um Kritik zu äußern und die Weltsicht der Kirche ins Radioprogramm zu integrieren.[10] Diese Formen sind durchaus schon als Hörerforschung in unserem heutigen Sinne zu bezeichnen sind, aber nicht nur aus moderner Perspektive, sondern auch nach Meinung der damals Medienmachenden, spiegelten diese ungesteuerten Reaktionen kein umfassendes, repräsentatives Bild der Publikumsmeinung wider. Einerseits äußerte sich weder eine repräsentative Anzahl der Hörer, andererseits bezogen sich Kritik und Anregungen nicht auf einen ausreichend großen Teil des Programms. Trotzdem lässt sich rein quantitativ belegen, dass die Hörerforschung einen immer größeren Stellenwert sowohl für die Sender als auch für die Hörer entwickelte. So reagierten 1927 beispielsweise 13 500 Hörer auf eine Radiodurchsage während eines Fußballspiels und argumentierten schriftlich für oder gegen solche Arten der Radiounterhaltung.[11]

3.2 Organisierte Leserforschung der Arbeiterbewegung

Auch die Leserforschung entwickelte um die Jahrhundertwende organisierte Formen. Einen großen Schritt in diese Richtung bedeutete eine Enquete der damals sehr starken Leipziger Arbeiterbewegung mit dem Namen „Was liest der deutsche Arbeiter?“ Im Jahr 1898 untersuchten die Leipziger Gewerkschaften in Bibliotheken den Bildungshunger der deutschen Arbeiter. Pfannkuche dokumentiert diese Untersuchung ausführlich in seinem Buch „Was liest der deutsche Arbeiter?“ Befragt wurden einerseits Bibliothekare über die Gründe der Ausleihe, andererseits wurden die Ausleihstatistiken in Arbeiterbibliotheken und Bildungsvereinen analysiert. Die eigentlichen „Volksbibliotheken“ der Zeit ließen sie bei ihren Untersuchungen außen vor, da diese von den Arbeitern nur zu etwa 25 Prozent benutzt wurden.[12] Besonderes Augenmerk lag bei der Untersuchung darauf, welche Bücher und welche Bereiche die Arbeiter interessierte und ob sie sich überhaupt weiterbilden wollen und welche Schicht der Arbeiterschaft besonders interessiert war.

[...]


[1] http://www.rp-online.de/public/article/nachrichten/medien/tv/51101, Zugriff am 26.06.2004

[2] http://www.quotenmeter.de/index.php?newsid=4792, Zugriff am 27.06.2004

[3] http://www.quotenmeter.de/index.php?newsid=6084, Zugriff am 27.06.2004

[4] Vgl. Hohlfeld, Ralf: Journalismus und Medienforschung. Theorie, Empirie, Transfer. Konstanz 2003. S. 54

[5] Ebd. S. 54

[6] Ebd. S.54

[7] Ebd. S.54, zitiert in: H.H. Reuter: Theodor Fontane, von 30-80. Sein Leben in seinen Briefen. Leipzig o.J., S.388

[8] Ebd. S.55

[9] Vgl. Markgraf, Ingo: Hörfunkforschung im internationalen Vergleich. Lohmar/Köln 2001. S. 18

[10] Ebd. S.18 f.

[11] Bessler, Hansjörg, Hörer- und Zuschauerforschung. In: Bausch, Hans (Hg.): Rundfunk in Deutschland, S.17

[12] Vgl. Pfannkuche: Was liest der deutsche Arbeiter? Tübingen/Leipzig 1900

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Empirie oder Ansatz - Die Anfänge der empirischen Sozialforschung
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Veranstaltung
Das Publikum der Massenmedien
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
15
Katalognummer
V65276
ISBN (eBook)
9783638578837
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Empirie, Ansatz, Anfänge, Sozialforschung, Publikum, Massenmedien
Arbeit zitieren
Franzi Roth (Autor), 2004, Empirie oder Ansatz - Die Anfänge der empirischen Sozialforschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65276

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