Politische Macht bei Niklas Luhmann und Pierre Bourdieu - ein Vergleich


Seminararbeit, 2005

23 Seiten, Note: 1,2


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung: Macht als Gegenstand der Soziologie und Thema dieser Arbeit

2. Politische Macht bei Niklas Luhmann und Pierre Bourdieu
2.1 Der Begriff der Macht
2.1.1 Macht als soziale Beziehung
2.1.2 Machtausübung als Handeln
2.1.3 Macht als Kommunikationsmedium
2.1.4 Macht als generalisiertes Kommunikationsmedium
2.1.5 Macht als symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium
2.2 Macht und Politik
2.2.1 Politisches System und politisches Feld
2.2..2 Politisch-symbolische Macht und politisches System/Feld
2.2..3 Legitime politische Macht und der Staat
2.3 Exkurs zu den Konzepten Kapital und Medium
2.3.1 Macht als Kapital?
2.3.2 Macht als Ziel oder Mittel/Medium?

3. Resümee und Bemerkung zur gemeinsamen Grundintention

4. Literatur

1. Einleitung: Macht als Gegenstand der Soziologie und Thema dieser Arbeit

Das Thema Macht steht seit den Anfängen der Soziologie im Zentrum ihrer Theoriebildung, man denke nur an die enzyklopädischen und mittlerweile klassischen Arbeiten und Definitionen Max Webers (vgl. Weber 1980). Aufgegriffen wird die Machtthematik insbesondere in der kritischen Theorie, welche auf die Ubiquität von Machtausübung hinweist und ihr Verhältnis zu Herrschaft untersucht. In dieser Arbeit soll versucht werden, den Machtbegriff, insbesondere den Begriff politischer Macht, anhand zweier Theorien herauszuarbeiten, welche ein soziologischer Normalverbraucher auf den ersten Blick nicht sofort mit dem Phänomen der Macht in Verbindung bringen würde, nämlich dem systemtheoretische Zugang Niklas Luhmanns und der Praxeologie Pierre Bourdieus. Damit setzt die Arbeit an der im Band „Bourdieu und Luhmann“ (Nassehi/Nollmann 2004), postulierte theorietechnische Nähe der beiden Ansätze an und überprüft sie an dem konkreten Phänomen der politischen Macht.

Dieser Fährte folgend wird systematisch nach Gemeinsamkeiten bei der Machtanalyse und der Verortung politischer Macht im politischen Feld bzw. System gefahndet. Der Tatsache, dass Ähnlichkeiten der Theorien nicht auf den ersten Blick erkennbar, sondern eher im Bereich der Theorieästhetik und bei grundlegenden Intuitionen bei der Bestimmung soziologischer Tatbestände und Konzepte zu finden sind, ist es geschuldet, dass sich der Theorienvergleich auf einem relativ abstrakten Niveau abspielen wird. Da Luhmann meiner Meinung nach eine stringentere und präzisere Bestimmung des Machtbegriffes vorlegt, soll sich die Analyse genereller Eigenschaften der Macht an seinen Vorschlägen orientieren, welche die Folie bilden, vor der Bourdieus Ergebnisse expliziert werden.

Im Folgenden werden zunächst Gemeinsamkeiten bei der Definition von Macht rekonstruiert und der Bezug zu sozialen Prozessen wie Handeln und Kommunikation exploriert. Nach einem Exkurs zur Vergleichbarkeit der Konzepte Kapital und Medium wird plausibilisiert, warum Macht sich als Basis für Operationen des politischen Systems/Feldes eignet, wobei ich in diesem Zusammenhang auch auf die Gemeinsamkeiten des politischen Systems bei Luhmann und des politischen Feldes bei Bourdieu eingehen werde. Schließlich sollen die Charakteristika von Macht im staatlichen Bereich aufgezeigt werden.

2. Politische Macht bei Niklas Luhmann und Pierre Bourdieu

2.1 Der Begriff der Macht

2.1.1 Macht als soziale Beziehung

Als Möglichkeit der Machtbestimmung läge es zunächst nahe, Macht als Eigenschaft von Akteuren, als die Fähigkeit, kausal Wirkungen zu erzeugen, zu beschreiben. Macht ließe sich unter diesen Umständen auf die Kompetenz eines Akteurs zurückführen, die sich z.B. auf Sachkenntnis, Information, Status (Crott 1997: 233) etc. gründen könnte. Diese Simplifizierung wird aber von Luhmann und Bourdieu gleichermaßen abgelehnt. Auch außerhalb der Soziologie wird der soziale Charakter nicht bestritten, der Macht an eine soziale Beziehung bindet, sobald die Macht von A als Fähigkeit verstanden wird, „auf die Wahl der Handlungen von B einzuwirken“ (ebd.: 232). Den soziale Charakter der Macht formuliert am prägnantesten Max Weber, welcher Macht als „jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“ (Weber 1980: 28, Hervorhebung durch d. Verf.), definiert.

Macht liegt bei Luhmann dann vor, wenn die Selektion des einen als Prämisse für die Entscheidung eines anderen fungiert, wenn also die Wahrscheinlichkeit der Selektionen des einen durch eine Selektion des anderen strukturiert wird (vgl. z.B. Luhmann 2000: 39). Voraussetzung dabei ist, dass eine Wahl zwischen Alternativen auf beiden Seiten sowie die Unsicherheit ihres Ausgangs gegeben ist. In der Eigenschaft der prinzipiellen Unsicherheit von Anschlusshandeln, in der Situation der doppelten Kontingenz also, die nur in sozialen Systemen gegeben ist bzw. die sofort zur Kristallisation sozialer Systeme führt (vgl. Luhmann 1987: 177), findet also auch Macht die Bedingung ihrer Möglichkeit und ist daher immer an soziale Beziehungen gebunden.

Auf den ersten Blick ist Macht bei Bourdieu eine Eigenschaft von Personen, ein Kapital, das zwar mehr oder weniger übertragbar sein kann, aber dennoch in ihrer Aktualisierbarkeit an eine Person gebunden ist (vgl. Bourdieu 2005a: 49ff). Selbst wenn man aber die später noch zu diskutierende Hypothese, dass es sich bei Macht um eine Form von Kapital handelt, nur vorläufig akzeptiert, so ist doch darauf hinzuweisen, dass Kapitalien nur auf Felder wirksam sind (vgl. Bourdieu/Wacquant 1996: 132), d.h. in Relation zu den Inhabern von Positionen (ebd.: 127). Abgesehen davon erhalten Kapitalien ihre Potenz nur durch ihre Knappheit, d.h. in Relation zu der Menge an Kapital, die andere Akteure auf den jeweiligen Feldern aufbieten können. Macht kann schon allein deswegen nur als Eigenschaft sozialer Beziehungen gedacht werden.

Macht hat sozialen Charakter und ist daher ein genuines Thema der Soziologie. Die Analyse praktischer Machtausübung kann sich nicht in der Untersuchung von Attributen einzelner Akteure erschöpfen, sondern muss die Relationen zwischen den Elementen der sozialen Welt in den Blick nehmen.

2.1.2 Machtausübung als Handeln

Auch wenn Macht als Komponente sozialer Beziehungen analysiert werden muss, so kann doch in den meisten Fällen angegeben werden, welcher Akteur als der Machtüberlegene und welcher als der Machtunterlegene auftritt. Von theoretischen Gedankenfiguren wie dem Herr-Knecht-Dilemma einmal abgesehen, kann Macht in der Praxis Personen zugerechnet werden.

Handeln heißt für Luhmann, dass „selektives Verhalten einem System (und nicht seiner Umwelt) zugerechnet wird“ (Luhmann 2003b: 19). Erst dies eröffnet im Gegensatz zum Erleben die Möglichkeit, auf der Seite des Machtunterlegenen Selbstbestimmung zu unterstellen, d.h. eine Kontingenz, deren Auflösung durch Machtausübung dem Machthaber wiederum als Handelndem zugerechnet wird, nämlich als Akt des Willens, der prinzipiell kontingent ist (vgl. Luhmann 2003b: 21). Sozialität konfrontiert Personen mit einem Überschuss an Möglichkeiten und zwingt die Beteiligten zu Reduktion von Komplexität durch Handeln als selektive Auswahl einer dieser Möglichkeiten, wofür im Falle der Macht, im Gegensatz zum Erleben, im Nachhinein die Personen allein verantwortlich gemacht werden. Das Asymmetrisieren sozialer Machtbeziehungen durch das Feststellen von Machtüberlegenheit und Machtunterlegenheit wird durch die Selbstbeschreibung von Kommunikation als Handeln realisiert (vgl. Luhmann 1987: 232).

Diese in der Zeit ablaufenden Selektionen betitelt Bourdieu mit Praxis, die sich dem Zusammentreffen des Habitus mit der konkreten sozialen Situation verdankt. Handeln ist auch bei Bourdieu eine Selektionsleistung, in der permanent „die unwahrscheinlichsten Praktiken ... als undenkbare ausgeschieden“ (Bourdieu 1993a: 100, Hervorhebung im Orig., Anm. d. Verf.) werden. Je mehr die Produktionsbedingungen des Habitus zwar mit der Situation der Praxis übereinstimmen, desto mehr ist die richtige Selektion ein Prozess „ohne Willen und Bewusstsein“ (ebd.: 105), desto weniger wird sie also als Handeln im Sinne Luhmanns zu bezeichnen sein, sondern eher als Notwendigkeit, die der Umwelt, d.h. ihren Produktions- und Reproduktionsbedingung, zuzurechnen ist, erlebt . Dabei ist aber nicht dem objektivistischen bzw. strukturalistischen Fehlschluss zu verfallen, der Akteure als Marionetten sozialer Strukturen missversteht. „Die Erhaltung sozialer Strukturen ist nicht bloß mechanischer Effekt sozialer Mechanismen“ (Bourdieu 2005a: 24), sondern „das Ergebnis einer Erhebung von individuellen Strategien“ (ebd.: 24), d.h. das Resultat konkreter Selektions- bzw. Handlungspraxis. Dass diese Selektionsleistungen bei Bourdieu grundsätzlich ausschließlich den Akteuren zugerechnet werden, führt dann auch zur Dominanz der Sozialdimension von Sinn als offenem Handlungs- und Erlebnisraum, so dass auch Machtpraxis bei Bourdieu letztlich immer als Handlung verstanden wird (vgl. Nassehi: 172).

Macht ist nicht ein bloßes Strukturmerkmal sozialer Beziehungen, sondern sie muss operativ, in praxi ausgeübt werden. Sie setzt Selektionsleistungen sowohl auf Seiten des Machtüberlegenen und als auch des Machtunterlegenen voraus, für die sich die Akteure verantworten lassen müssen. Daher lässt sich Macht als Handlung beschreiben, wodurch Machtüberlegenheit und Machtunterlegenheit festgesetzt werden können.

2.1.3 Macht als Kommunikationsmedium

Luhmann bindet den Machtbegriff konsequent an den Grundbegriff der Kommunikation und versteht unter Macht ein Kommunikationsmedium. Medien sind alle evolutionären Errungenschaften, mit deren Hilfe Kommunikation trotz ihrer prinzipiellen Unwahrscheinlichkeit wahrscheinlich gemacht werden kann (vgl. Luhmann 2001: 79). Da diese Unwahrscheinlichkeit Erreichen, Verstehen und Erfolg einer Kommunikationsofferte betrifft, können Medien an diesen Selektionskernen ansetzen und als Katalysator für die Verbreitung, Anschlussfähigkeit oder Annahme von Selektionsofferten fungieren. Im Gegensatz z.B. zur Sprache, welche Aufforderungen lediglich mitteilt, haben symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien die Funktion, die Motivation zur Annahme von Selektionsofferten zu konditionieren, d.h. die Annahme von Handlungsvorschlägen auch gegen Widerstreben nahe zu legen (vgl. Luhmann 2003a: 21).

Durch die Kommunikation von Drohungen im Falle der Machtausübung (mehr dazu in Abschnitt 2.1.5) wird die Annahme einer Handlungsaufforderung wahrscheinlicher gemacht, als dies unter machtfreien Bedingungen der Fall wäre, wobei „situationsangepasstes Kommunikations geschick erforderlich [ist, Anm. d. Verf.], um ein Drohpotential sichtbar zu machen, ohne damit zu drohen“ (Luhmann 2000: 46, Hervorhebung durch d. Verf.). Die Demonstration dieses Drohpotentials kann außerdem deshalb nur kommunikativ erfolgen, da das Aufzeigen einer Negation, hier die Demonstration der Nichtausführung einer Handlung, zu deren Motivation Macht eingesetzt werden kann, nur in Form von Symbolen, nicht z.B. direkt in Form von Handlungen oder Bildern, darstellbar ist. Hier wird also deutlich, dass Macht nur die Form von Kommunikation annehmen kann. Da Sprache an Symbolen besonders reich ist, ist die Sprache der primäre Ort der Machtausübung, in der „formulierte Macht (...) den Charakter einer Drohung“ (Luhmann 2003b: 26) annimmt.

Die Wirkung von Macht verortet auch Bourdieu in der Kommunikation, für ihn ist „Sprechen (...) immer ein Machtakt“ (Nassehi 2004: 172). Dieses Sprechen ist aber keine von Personen lösgelöste Sphäre, wie es vor allem die von ihm scharf kritisierte strukturalistische Linguistik proklamiert, sondern sie muss in ihren sozialen Bedingungen analysiert werden. Kommunikationsbeziehungen sind insofern Ausdruck von Macht, als sich in ihnen „die Machtbeziehungen zwischen den Sprechern oder ihren jeweiligen Gruppen aktualisieren“ (Bourdieu 2005b: 41). Überhaupt trägt „jede sprachliche Interaktion (...) die Spuren der sozialen Struktur (...), die sie zum Ausdruck bringt und zugleich reproduzieren hilft“ (Thompson in Bourdieu 2005b: 3). Was Kommunizieren zu Macht macht, ist die Demonstration von Handlungspotentialen (Genaueres hierzu in Abschnitt 2.1.5), die einer Person kraft ihrer Kapitalausstattung zur Verfügung stehen und die vermittels des Sprachhabitus als konkrete Sprechpraxis aktualisiert werden. Dass Macht bei Bourdieu als ein Medium interpretiert werden kann, mit dem Praxis beschleunigt wird, wird deutlich, wenn Bourdieu formuliert, Machtkommunikationen „machen sehen, sie machen glauben, sie machen handeln “ (Bourdieu 2005a: 83, Hervorhebung durch d. Verf.).

Mit dem medialen Charakter von Macht ist die Beschleunigung von Operationen bzw. von Praxis formuliert. Macht wirkt damit als „Katalysator“ (Luhmann 2003b: 12) für Handlungsketten, was besonders auch im Lichte der Kausalsemantik klassischer Machtbegriffe betont werden muss. Luhmann und Bourdieu sehen Machtausübung nicht als lineare Kausalkette, sondern lediglich als Modellierung der Wahrscheinlichkeit für Selektionen. Bourdieu stellt sich dadurch vor allem gegen ein fatalistisches Modell der (Macht-)Praxis, nach dem diese als deterministische Übersetzung objektiver Strukturen rekonstruiert werden kann, die auch den Nachvollzug linearer Strukturen ermöglicht. Die Kategorie der Kausalität ist lediglich ein Beobachtungsschema, das im Nachhinein an machtstrukturierte Kommunikation angelegt wird, sei es vom Wissenschaftler oder als andersartige Selbstsimplifizierung der Kommunikation.

Ebendies ist der Gewinn der Beschreibung eines Kommunikationsaktes als Handlung im Sinne Luhmanns, in dem sie Personen zugerechnet werden kann, ihnen die Verantwortung dafür angelastet wird, und damit die Handlungskette als kausal verursacht beschrieben werden kann. Die Beschreibung der Macht als Handlung ist aber eine Simplifizierung, vielmehr wird Macht in der Praxis als Kommunikation realisiert, in der Handlungspotentiale demonstriert werden, ohne dass sie in konkretes Handeln umgesetzt werden müssen. Als Medium dient diese Demonstration der Motivation, kommunizierte Selektionsvorschläge anzunehmen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Politische Macht bei Niklas Luhmann und Pierre Bourdieu - ein Vergleich
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Pierre Bourdieu
Note
1,2
Autor
Jahr
2005
Seiten
23
Katalognummer
V65288
ISBN (eBook)
9783638578929
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politische, Macht, Niklas, Luhmann, Pierre, Bourdieu, Vergleich
Arbeit zitieren
Manuel Wätjen (Autor), 2005, Politische Macht bei Niklas Luhmann und Pierre Bourdieu - ein Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65288

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