Vergleich bedeutender soziologischer Theorien zur Erklärung von deviatem Verhalten - Wirtschaftskriminalität erläutert am Beispiel 'Enron'


Seminararbeit, 2003
11 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Begründung der Themenwahl
1.2 Begriffsklärung: Abweichendes Verhalten
1.3 Begriffsklärung: White-Collar- und Wirtschaftskriminalität
1.4 Vorgehensweise, Zielsetzung

2. Soziologische Theorien abweichenden Verhaltens
2.1 Theorie der differenziellen Assoziation nach Sutherland
2.2 Anomietheorie nach Merton

3. Soziologische Theorien zur Erklärung von Wirtschaftskriminalität
3.1 Theorie der differenziellen Assoziation zur Erklärung von Wirtschaftskriminalität
3.2 Anomie-Theorie zur Erklärung von Wirtschaftskriminalität

4. Vergleich, Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Begründung der Themenwahl

Der Energiekonzern Enron schockierte Anleger und Mitarbeiter am 3. Dezember 2001 mit der damals noch grössten Pleite in der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte. Das Unternehmen hatte während Jahren seinen Gewinn zu hoch ausgewiesen und Schulden teilweise nicht in der Bilanz berücksichtigt.

Von solchen Fällen der Wirtschaftskriminalität hören wir vermehrt aus den Medien. Nicht nur in der USA auch in der Schweiz treten immer häufiger Fälle von Wirtschaftskriminalität auf.

Die Wirtschaftsprüfergesellschaft Price Waterhouse Coopers hatte im Jahr 1999 eine Umfrage bei den 579 grössten Schweizer Unternehmen durchgeführt und festgestellt, dass der geschätzte Ver­mögensverlust bei den befragten Gesellschaften bei rund CHF 380 Millionen pro Jahr liegt.[1] Dies ist eine beträchtliche Summe.

Obwohl die Toleranz gegenüber Wirtschaftskriminalität in der Gesellschaft grösser ist als die Tole­ranz gegenüber Strassenkriminalität, ist der finanzielle Schaden, der durch die Wirtschafts­kriminalität entsteht, gewaltig.

Es besteht das Vorurteil, dass vor allem Menschen aus der Unterschicht deviantes oder delinquentes Verhalten zeigen. Wirtschaftsdelikte hingegen werden oft als Kavaliersdelikte ange­sehen.

Die meisten soziologischen Theorien versuchen vor allem abweichendes Verhalten der sozialen Unter­schicht zu erklären. Mich interessiert, wie diese Modelle Wirtschaftskriminalität – ange­wendet auf den Fall von „Enron“ - erklären können, deren Akteure ja einer höheren sozialen Schicht zugehören.

1.2 Begriffsklärung: Abweichendes Verhalten

Im Soziologie-Lexikon wird abweichendes Verhalten folgendermassen definiert:

„Abweichendes Verhalten ist eine Teilklasse des Verhaltens und deckt sich nur zum Teil mit kri­minellem oder delinquentem Verhalten, das als Verstoss gegen kodifizierte Normen definiert ist. ...Abweichendes Verhalten kann nun bezeichnet werden als ein Handeln von Personen oder Grup­pen, das nicht den für Interaktionsbeziehungen in einer Gesellschaft oder einer ihrer Teilstruktur gülti­gen Regeln, Vorschriften, Verhaltenserwartungen oder Normen entspricht.“[2]

„Abweichung kann nur im Verhältnis zu den sozialen Normen existieren, die ihrerseits an be­stimmte Orte, Zeiten, Gruppen oder Situationen gebunden sind. Abweichung, mit anderen Worten, existiert in den Augen der jeweiligen Betrachter und ist eine Frage der sozialen Definition. Daher kann es per definitionem überhaupt kein a priori abweichendes Verhalten geben. Abweichung ist eine Eigenschaft, die bestimmten Verhaltensformen auf der Grundlage geteilter normativer Über­einstimmung darüber, was „gut“ und was „schlecht“ sei, zugeschrieben wird.“[3]

Abweichendes Verhalten oder Devianz hat also keine uneingeschränkte Gültigkeit in Raum und Zeit. Je nach Epoche oder Breitengrad ändert sich die Auslegung, was abweichendes Verhalten ist oder nicht ist.

1.3 Begriffsklärung: White-Collar- und Wirtschaftskriminalität

Edwin H. Sutherland prägte erstmals in den 40-er Jahren den Begriff „White Collar Crime“.

Er definierte „White-Collar-Crime“ als „a violation of the criminal law by a person of the upper socio-economic class in the course of his occupational activities.“[4]

„Ein White-Collar-Delikt liegt also vor, wenn drei Definitionsmerkmale erfüllt sind:

1. Eine Person muss ein Strafgesetz (und nicht ein anderes Gesetz) verletzt haben;
2. die Person muss aus einer hohen sozialen Schicht stammen;
3. die Gesetzesverletzung muss im Rahmen eines Berufes erfolgen.“[5]

Zum Punkt 1 würde ich sagen, dass es Wirtschaftsde­likte gibt, die nicht klar als gesetzwidrig einzustufen sind; also in einem Graubereich liegen.

Nun stellt sich die Frage, ob „White-Collar-Crime“ das Gleiche bedeutet wie „Wirtschaftskrimi­nalität".

„Im Gegensatz zur „Weisse-Kragen“-Kriminalität, bei der es um das Erreichen eines individuellen Vorteils für die Täter geht, meint Wirtschaftskriminalität Straftaten, die für eine formale Organisa­tion zwecks Steigerung ihres Gewinns oder Abwendung ihres Verlusts begangen werden.“[6]

Wirtschaftskriminalität ist also ein abweichendes, delinquentes Verhalten, dass gegen ein Straf­gesetz verstösst und innerhalb eines Berufes stattfindet, mit dem Ziel eine Leistungssteigerung für eine Organisation zu erreichen. Die White-Collar-Delikte zeichnen sich dadurch aus, dass die Täter eher individuelle Ziele verfolgen.

Was ist aber mit einem einfachen Buchhalter, der illegale Buchungen vornimmt, um sich zu berei­chern? Er stammt weder aus einer höheren Schicht, noch steigert er den Gewinn des Unter­nehmens, sondern verfolgt individuelle Ziele.

Meist werden Wirtschaftsdelikte von Berufsleuten begannen, die eine höhere Position in einem Unternehmen inne haben, deshalb mehr verdienen und daher zu einer höheren sozialen Gesell­schaftsschicht gehören. In dieser Kaderposition greifen deutlich weniger Kontrollmechanismen – ebenfalls wegen dem „Vertrauensbonus“ der Geschäftsleitung- , was es einfacher macht, deliktisch zu handeln.

Um welche Verbrechen handelt sich bei der Wirtschaftskriminalität? Es handelt sich um ver­schiedene Arten des Be­trugs (Steuerhinterziehungen, Subventionserschleichungen, Konkursdelikte etc.) oder Bilanzfälschungen, wie bei der eingangs erwähnten „Enron“, illegale Verkaufspraktiken, Bestechungen, Verstoss gegen das Kartellgesetz und Verletzungen der Urheberrechte. Zudem fal­len hierunter ebenfalls Umweltdelikte und Arbeitsunfälle, verursacht durch mangelhafte Sicherung von Arbeits­plätzen.

[...]


[1] Price Waterhouse Coopers, 2000, S. 7

[2] Reinhold, 2000, S. 3

[3] Sack; Lindenberg, 2001, S. 172

[4] Opp, 1975, S. 40

[5] Opp, 1975, S. 40

[6] Sack; Lindenberg, 2001, S. 188

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Details

Titel
Vergleich bedeutender soziologischer Theorien zur Erklärung von deviatem Verhalten - Wirtschaftskriminalität erläutert am Beispiel 'Enron'
Hochschule
Universität Zürich  (Soziologisches Institut)
Autor
Jahr
2003
Seiten
11
Katalognummer
V65306
ISBN (eBook)
9783638579094
ISBN (Buch)
9783640207145
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vergleich, Theorien, Erklärung, Verhalten, Wirtschaftskriminalität, Beispiel, Enron
Arbeit zitieren
Karolina Weber (Autor), 2003, Vergleich bedeutender soziologischer Theorien zur Erklärung von deviatem Verhalten - Wirtschaftskriminalität erläutert am Beispiel 'Enron', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65306

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