Die chinesische Nordkoreapolitk nach 1990


Magisterarbeit, 2005

88 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Anmerkungen

A. Problemstellung
a) Fragestellung
b) Theoretischer Ansatz

B. Hypothesenüberprüfung
1. Die Distanzierungsphase (1990-1993)
1.1 Nordkoreapolitik direkt: Kürzung der Wirtschaftshilfe15
a) Der teure Nachbar: Nordkorea als wirtschaftliche Bürde
Hypothese: China ändert Nordkoreapolitik wegen der Kosten der Wirtschaftshilfe an Nordkorea
b) „Juche“ über alles: Frustration Chinas über die Wirtschaftspolitik Nordkoreas
Hypothese: China ändert Nordkoreapolitik, weil es nicht an eine Besserung der wirtschaftlichen Lage Nordkoreas glaubt
- Kürzung der Wirtschaftshilfe – Fazit 1.1
1.2. Nordkoreapolitik indirekt: China will Südkorea gewinnen und Nordkorea
isolieren.
a) Attraktiverer Partner: Südkoreas Wirtschaft
Hypothese: Südkorea ist ein attraktiverer Partner als Nordkorea
b) Möglicher machtpolitischer Meilenstein: Koreas Wiedervereinigung
Hypothese: Mögliche Wiedervereinigung zwingt China zur Annäherung an Südkorea
c) Korea als Machtfaktor im Ringen mit Japan, Russland und den USA
Hypothese: Nähe zu Sükorea bietet machtpolitische Vorteile im Verhältnis zu den Rivalen
d) China will der Vermittler sein: Die bewusste Isolierung Nordkoreas
Hypothese: China hat Vorteile von der Isolierung Nordkoreas
- China will Südkorea gewinnen und Nordkorea isolieren –
Fazit 1.2
<Zusammenfassung Teil 1 - Die Distanzierung als systemischer Effekt
2. Die Kooperationsphase (ab 1993)
2.1 Nordkoreas Atomrüstung als machtpolitische Bedrohung
a) Der amerikanische Raketenabwehrschirm
Hypothese: China fürchtet einen regionalen US-Raketenabwehrschirm
b) Die Bombe für alle – Nordkorea als potenzieller Proliferateur
Hypothese: China fürchtet die Verbreitung von Nuklearmaterial und ein nukleares Wettrüsten in Ostasien
- Wettrüsten, Bandwagoning und Proliferation als Bedrohung –
Fazit 2.1
2.2 Instabilität und ein nordkoreanischer Kollaps als Bedrohung
a) Furcht um die Stabilität der Region
Hypothese: China fürchtet Destabilisierung des Wirtschaftsraumes
b) Furcht vor dem nordkoreanischen Kollaps
Hypothese: China fürchtet nordkoreanischen Kollaps
- Wirtschaftliche Instabilität und ein nordkoreanischer Kollaps als Bedrohung –
Fazit 2.2
<Zusammenfassung Teil 2 - Kooperation und Rapprochement als systemische Effekte

C. Ergebnisse
a) Systemische Effekte – die Umverteilung der Capabilities
b) Die Veränderung in der Struktur des Systems
c) Begründung für die Zäsuren in der chinesischen Nordkoreapolitik – Beantwortung der Forschungsfrage

D. Anhang
Abkürzungsverzeichnis
Literaturverzeichnis
1. Literatur zur Internationalen Politik in Ostasien
a) Quellen aus westlichen Ländern und aus Hongkong vor dem 1. Juli 1997
b) Quellen aus der Volksrepublik China
2. Literatur zu Theorien der Internationalen Beziehungen

Verzeichnis der Grafiken

Diagramm 1: Handelsvolumen China Südkorea 1990 – 2000

Diagramm 2: Das chinesische Wirtschaftswachstum 1987 – 1993

Diagramm 3: Anteil der Regionen am chinesischen Außenhandel

Diagramm 4: Systemische Effekte 1990 – 1993

Diagramm 5: Mögliche Systemische Effekte ab 1993

Diagramm 6: Die Verlagerung der Capabilities im System während
der einzelnen Phasen

Anmerkungen zur Transkription:

Die Schreibweise der asiatischen Begriffe erfolgt der im Westen gebräuchlichen Pingyin - Schreibweise, außer, wenn chinesische Begriffe in einer anderen Weise Eingang in den deutschen Sprachgebrauch gefunden haben (z.B. „Peking“ statt „Beijing“). Das Format der asiatischen Eigennamen im Fließtext erfolgt dem asiatischen Muster, also erst der Nachname, dann der Vorname. Davon ausgenommen sind die japanischen Eigennamen, die – dem internationalen Standard folgend – im westlichen Format mit dem vorangestellten Vornamen vor dem Nachnamen wiedergegeben werden. Die Übersetzung der chinesischen Originalzitate folgt der Übersetzung der angegebenen Quellen. Bei englischen Quellen wurde – dem wissenschaftlichen Standard entsprechend – auf die Übersetzung ins Deutsche verzichtet. Der gängigen Praxis folgend werden die chinesischen Publikationen (z.B. die Remnin Ribao) unter ihrer englischen Bezeichnung angegeben (z.B. „People's Daily“).

Anmerkungen zu den Quellen:

Die politische Lage in China im Blick erfordert es, bei Inhalten aus zitierter Literatur zwischen Quellen, die in China selbst publiziert wurden, und solchen, die aus westlichen Ländern stammen, zu unterscheiden. Bei Texten chinesischer Wissenschaftler, die von China aus publizieren, Artikeln in chinesischen Zeitungen einschließlich ihrer Internetausgaben oder Büchern aus China muss davon ausgegangen werden, dass diese die Meinung des offiziellen Chinas vertreten. Die heutige Chinaforschung arbeitet deshalb unter anderem mit persönlichen Kontakten westlicher Wissenschaftler mit Menschen in China. Den festgehaltenen Fakten, die von Funktionären, Wissenschaftlern oder Beamten in diesen informellen Gesprächen unabhängig voneinander gemacht wurden, wird eine Authentizität zugeordnet, die über der von Publikationen, die die Parteimeinung widerspiegeln, liegt. Die dabei erhaltenen Daten und Fakten werden von den Chinaexperten im Westen überarbeitet, wissenschaftlich eingeordnet und in westlichen Publikationen, die unter anderem auch als Quellen für diese Arbeit genutzt wurden, veröffentlicht.

A. Problemstellung

a) Fragestellung

„Wenn China erwacht, wird die Erde beben.“ Dieses Napoleon zugeordnete Zitat wird bei Abhandlungen zum heutigen China nach wie vor gerne genannt. Stets als Hinweis auf das mögliche hohe Potenzial an wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und militärischer Kraft gedacht, ordnet es China den Status als „kommende“ Macht zu. Schon das Alter dieses Ausspruchs, der nach wie vor passend zu sein scheint – etwa 200 Jahre – zeigt, wie lange – wenn auch nicht ohne Unterbrechung – China schon als aufsteigende Macht gesehen wird. Die Erwartungen gegenüber dem China der Zukunft reichten und reichen vom „regionalen Hegemon“ bis hin zu einer möglicherweise absoluten Weltmacht. Selbst die Weltbank wurde im Jahr 1997 – etwas voreilig – dazu verleitet, die Ablösung der USA als größte Wirtschaftsmacht für das Jahr 2020 vorherzusagen[1]. Darüber hinaus glauben nicht wenige Menschen, dass China den Vereinigten Staaten von Amerika, die ihrerseits die Weltmacht des 20. Jahrhunderts gewesen seien, und den Europäern, die die Welt des 19 Jahrhunderts beherrscht hätten, im 21. Jahrhundert nachfolgen könnten, und somit ein „chinesisches Jahrhundert“ anbrechen würde. Eine aktuelle Bestandsaufnahme zeigt: so weit ist es noch nicht[2]. Handelt es sich bei der Volksrepublik China zwar zweifelsohne um eine der wichtigsten Mächte Ostasiens – von der Rolle des regionalen Hegemons ist man noch weit entfernt. Unbestreitbar ist dennoch die wachsende Bedeutung chinesischer Außenpolitik und chinesischer Interessen für die Region Ostasien. Das aktuelle Beispiel dazu ist der Konflikt um das nordkoreanische Atomwaffenprogramm. Dieser hat bis dato zu zwei großen Krisen geführt: 1993 nach der Verkündung Nordkoreas aus dem Atomwaffensperrvertrag auszutreten und 2002, als der US-Staatssekretär Kelly Nordkorea vorwirft, weiter geheim an einem Plutoniumprogramm zu arbeiten. Eine der jüngsten Entwicklungen im Februar 2005 durch das offene Bekenntnis Nordkoreas, nun im Besitz funktionstüchtiger Atomwaffen zu sein, hat ein weiteres Kapitel der zweiten Krise aufgeschlagen. Die Volksrepublik China spielt bei diesem Problemfeld aufgrund mehrerer Faktoren eine besondere Rolle: 1. China unterhält als einziges Land diplomatische Beziehungen zu allen Staaten, die bei der Krise eine direkte Rolle spielen: Nordkorea, die USA (die sich weigern, mit Nordkorea und seinem Führer Kim Jong-il direkt zu verhandeln[3] ), Südkorea, Japan und Russland; 2. Kein Land hat ein vergleichbar enges Verhältnis zu Nordkorea wie China. Die Waffenbruderschaft im Koreakrieg, in dem etwa 520.000 Nordkoreaner und 900.000 Chinesen gefallen waren, die jahrzehntelangen Wirtschaftsbeziehungen mit China als wichtigstem Wirtschaftspartner Nordkoreas, die Wirtschaftshilfe Chinas für Nordkorea und die kulturellen Gemeinsamkeiten ihrer Völker geben den beiden Ländern eine weite Basis für enge Beziehungen; 3. China verfolgt von sich aus eine Vermittlerrolle in dem Konflikt, ist damit für den Westen zum ersten und entscheidenden Ansprechpartner in diesem Zusammenhang geworden, versucht, auf eine längerfristige Institutionalisierung der Sechs-Parteien-Gespräche auf chinesischem Boden hinzuwirken[4] und hat auch nach dem Verkünden der nordkoreanischen Führung, nun schließlich über Atomwaffen zu verfügen und aus den Verhandlungsrunden auszusteigen, seinen Willen, weiter verhandeln zu wollen und Nordkorea wieder an den Verhandlungstisch zu bringen, bekräftigt[5]. Die Volksrepublik China ist für den Westen eine Schlüsselfigur in der Krise geworden. Das einzigartige Verhältnis des „Reiches der Mitte“ zu Nordkorea spielt dabei die entscheidende Rolle.

Der Einfluss, den China nun auf die nordkoreanische Führung ausüben könnte, werde im Westen permanent überschätzt, wie von chinesischen Diplomaten immer wieder verdeutlicht wird. Keineswegs seien die Beziehungen so eng wie die in der offiziellen sino-nordkoreanischen Rhetorik immer wieder beschworenen „Zähne zu den Lippen“[6]. Die historische Entwicklung zeigt: Das ehemals gute Verhältnis zwischen China und Nordkorea nach dem Koreakrieg hat sich noch während des Kalten Krieges abgekühlt[7]. Die nordkoreanische Politik der Abschottung verlangte nach einer Distanzierung sowohl zur Sowjetunion als auch gegenüber China: beide sozialistischen Staaten betrachteten sich von den Sechziger Jahren bis in die Achtziger hinein als Rivalen. Dengs Reformen ab den späten Siebzigern sorgten zudem für Irritationen zwischen China und Nordkorea, dessen „Juche“–Ideologie der Selbstgenügsamkeit keinen Platz für ähnliche Veränderungen im nordkoreanischen System sah[8]. Eine massive Entfremdung zwischen China und Nordkorea vollzog sich schließlich nach Ende des Ost-West-Konflikts. Die chinesische Nordkoreapolitik in den Neunziger Jahren hat zweimal einen bedeutenden Einschnitt erfahren, nämlich im Jahr 1990 nach dem Ende des Ost-West-Konflikts und 1993 als Nordkorea aus dem Atomwaffensperrvertrag austritt und offiziell ein Programm zum Bau von Atomwaffen aufnimmt[9]. Die möglichen Gründe für diese Wechsel der chinesischen Nordkoreapolitik im System Ostasiens geben Aufschluss über die Interessen, die China gegenüber der Koreanischen Halbinsel sowie der Region hat. Da China der entscheidende Vermittler in der Nuklearwaffenkrise ist, kann die Frage nach diesen Interessen Chinas, das nach außen hin in den Verhandlungen als „ehrlicher Makler“[10] auftritt, zur Schicksalsfrage einer ganzen Region werden, deren Stabilität durch das Bedrohungspotenzial nordkoreanischer Nuklearbewaffnung ins Wanken geraten würde. Eine nähere Analyse der chinesischen Politik gegenüber Nordkorea erscheint in diesem Zusammenhang sinnvoll.

Aus der Problemstellung abgeleitet ergibt sich folgende Forschungsfrage: „Warum hat sich die chinesische Politik gegenüber Nordkorea in den Neunziger Jahren verändert?“ Genauer ausdifferenziert werden dabei folgende Fragen gestellt: Welche mittel- und langfristigen Interessen haben den Paradigmenwechsel der chinesischen Nordkoreapolitik bewirkt? Warum hat sich das Verhältnis der beiden Staaten in den Neunziger Jahren rapide verschlechtert? Wieso tritt China nicht als der Bruderstaat und enge Verbündete Nordkoreas auf wie früher und erlaubt sogar, dass auf das Regime Kim Jong-ils Druck ausgeübt wird, beispielsweise anhand von UN-Resolutionen? Warum suchte und sucht China die Kooperation im Rahmen der 4- bzw. 6-Parteiengespräche? Für den Westen sind dies entscheidende Fragen, da die Ergebnisse dieser Fallstudie Rückschlüsse auf die Gesamtinteressen und Ziele Chinas in Ostasien zulassen.

b) Theoretischer Ansatz

Die Klärung der Forschungsfrage soll aus neorealistischer Perspektive erfolgen. Übertragen auf die Veränderungen in der Nordkoreapolitik Chinas in den Neunziger Jahren heißt das: Es wird untersucht, ob strukturelle Zwänge im Staatensystem Ostasiens zu dem Paradigmenwechsel in der Politik Chinas gegenüber Nordkorea geführt haben, ob also neorealistische Erklärungsmuster die Veränderungen der chinesischen Nordkoreapolitik hinreichend erklären können. Die theoretischen Grundlagen liefern dabei Werke von Autoren die der Gruppe der Neorealisten zugeordnet werden. Zentral sind dabei: Kenneth Waltz’ „Theory of International Politics“, John Mearsheimers „The Tragedy of Great Power Politics“ und Robert Gilpins „War and Change in World Politics“. Diese Autoren identifizieren sich „nicht vollständig mit der Tradition des ‚klassischen’ Realismus Hans Morgenthaus, sondern (….) [weichen] von dieser älteren Schule ab (…)“[11], was sie, so Reinhard Meier-Walser, als Neorealisten klassifiziere. In der Arbeit sollen verschiedene Grundannahmen dieser Theoretiker herangezogen und auf die Situation im System Ostasiens ab dem Ende des Ost-West-Konflikts übertragen werden.

Ordnet man das System, in das China in der Region Ostasien eingebettet ist, in das neorealistische Modell nach Waltz (in dem sich ein System aus Struktur und Einheiten zusammensetzt), ergeben sich als Einheiten die Staaten, die für China in der Politik gegenüber Nordkoreas eine Rolle spielen: Das sind neben China und Nordkorea selbst, die Staaten Südkorea, Japan und Russland. Ebenso eine Rolle als Einheiten spielen die USA aufgrund ihres Engagements in Ostasien, ihrer militärischen Präsenz und ihrer Interessen in der Region sowie Taiwan aufgrund seiner umfassenden Bedeutung für China. Die Struktur des Systems ist neben der Anzahl dieser Einheiten (Units) von deren Machtmitteln (Capabilities) bedingt.

Die neorealistische Betrachtung erfolgt auf der Ebene des Systems. In seinem Werk „Theory of International Politics“ verdeutlicht Kenneth Waltz, dass die Internationale Politik im Internationalen System nicht bloß aus der Summe ihrer einzelnen Teile besteht. Damit unterscheidet sich sein Ansatz von der Betrachtungsweise der „reduktionistischen“ Theorien[12], einschließlich des klassischen Realismus. Übertragen auf die zu betrachtende Situation heißt das: Das regionale System Ostasiens besteht nicht aus der Summe der „einzelnen Außenpolitiken“[13] der beteiligten Staaten. Die Forschungsfrage beschäftigt sich somit in systemischer Perspektive mit der „chinesischen Nordkoreapolitik“, nicht mit der „Außenpolitik Chinas gegenüber Nordkorea“. Letztere würde nämlich nur aus der bilateralen Beziehung von China zu Nordkorea bestehen. Auf der Ebene des Systems wäre es falsch, nur die Außenpolitik eines Staates gegenüber einem anderen zu betrachten, ohne dabei das Internationale System, in dem diese spezifische Außenpolitik implementiert wird, einzubeziehen. Die einzelne Außenpolitik eines Staates wird durch die Struktur des Internationalen Systems bedingt. Die „Außenpolitik Chinas gegenüber Nordkorea“ - also die bilateralen Beziehung von China zu Nordkorea - in der Fragestellung wäre somit eine „reduktionistische Betrachtungsweise“ auf einer darunter liegenden Analyseebene und für eine neorealistische Perspektive ungeeignet. Die „chinesische Nordkoreapolitik“ dagegen betrachtet das System, denn „Nordkoreapolitik“ kann beispielsweise auch in den Beziehungen zu anderen Staaten, etwa Südkorea, den USA oder Japan offenbar werden, die natürlich auch zum System Ostasiens gehören und als Einheiten Teil seiner Struktur sind. Der beste Beleg für diese Argumentation sind die Beziehungen zu Südkorea: Die Politik Chinas gegenüber Südkorea kann nie isoliert von der Politik Chinas gegenüber beispielsweise Nordkorea gesehen werden, da sich beide in der jeweils anderen widerspiegeln (Beispiel: China eröffnet eine Botschaft in Südkorea (= primär Außenpolitik gegenüber Südkorea) und stellt dadurch aber indirekt Nordkoreas Alleinvertretungsanspruch in Frage (= chinesische Nordkoreapolitik).

Geht man davon aus, dass sich die Politik Chinas gegenüber Nordkorea verändert hat und sucht man die Gründe anhand eines neorealistischen Ansatzes, in dem also die Struktur des Systems einen eigenständigen kausalen Einfluss auf die Akteure habe, müsste dieser Paradigmenwechsel chinesischer Nordkoreapolitik zwangläufig aufgrund struktureller Veränderungen im System Ostasiens stattgefunden haben. Diese strukturellen Veränderungen könnte beispielsweise eine Veränderung der Anzahl der beteiligten Einheiten sein[14] oder eine signifikante Veränderung der Machtmittel eines oder mehrerer Einheiten, die Teil des Systems sind[15].

Die Vorgehensweise in der Arbeit läuft nach folgendem Muster ab: Zunächst werden die Veränderungen der chinesischen Nordkoreapolitik erfasst und in Phasen strukturiert. Die Auswertung der Quellen ergibt zwei dieser Phasen, nämlich die Distanzierungsphase nach 1990 und die Phase der Kooperation und der Wiederannäherung nach 1993, wobei die Übergänge nicht langsam, sondern schnell vollzogen wurden. In der Folge wird in der Arbeit überprüft, ob und welche strukturellen Veränderungen im System für diese Zäsuren in Frage kämen, welche Folgen jene Veränderungen für die chinesische Nordkoreapolitik hatten, und ob die Wechsel in der Nordkoreapolitik jeweils durch eine strukturelle Veränderung, also mittels eines neorealistischen Ansatzes, hinreichend erklärbar wären.

B. Hypothesenüberprüfung

Die Auswertung der gegenwärtigen Literatur, die sich mit dem sino-nordkoreanischen Verhältnis beschäftigt, ergibt zwei entscheidende Einschnitte in der Politik Chinas gegenüber Nordkorea. Die erste Zäsur hat 1990 mit dem Ende des Kalten Krieges stattgefunden, die zweite nach dem Jahr 1993 als Nordkorea aus dem Atomwaffensperrvertrag austritt, und damit das Streben nach einer Atombewaffnung des nordkoreanischen Militärs im Raum steht. In der Folge dieser Ereignisse hat sich die Politik Chinas gegenüber Nordkorea geändert. Nach 1990 distanzierte sich China von Nordkorea und versuchte, aktiv sein Verhältnis zu Südkorea zu verbessern. Diese Annäherung an den kapitalistischen Teil Koreas gipfelte in der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Südkorea im Jahr 1992, was einem Schlag ins Gesicht für Nordkorea, für den das andere Korea im Süden Feindesland war und blieb, gleichkam. Die Phase dieser Distanzierung endete 1993 mit dem Austritt Nordkoreas aus dem Nichtverbreitungsvertrag. In Folge dieses Ereignisses, das Nordkorea und die Angst vor der Atombombe in den Händen der nordkoreanischen Führung in das Zentrum des Weltinteresses rückte, versucht China, sich an Nordkorea wieder anzunähern und über eine Kooperation mit anderen Staaten der Region die Lage zu stabilisieren. Diese Politik, bei gleichzeitigem Aufrechterhalten guter Beziehungen zu Südkorea mit Nordkorea trotzdem weiterhin engen Kontakt zu pflegen, um den verlorenen Einfluss wieder auszubauen[16], ist als Politik des „Rapprochements“[17] bekannt geworden, die in den Versuch Chinas, den Streit um das nordkoreanische Atomprogramm mittels der Vier- bzw. Sechs-Parteien-Gespräche beizulegen, mündete. China hat seine Politik gegenüber Nordkorea somit aufgrund bestimmter Ereignisse verändert, was jeweils zu einem neuen Abschnitt in der chinesischen Nordkoreapolitik führte – einmal in Form einer Distanzierung, ein anderes Mal in Form einer Kooperation mit anschließenden internationalen Gesprächen. Aus neorealistischer Sicht müssen bei beiden Abschnitten die möglichen Auswirkungen der den Phasen zugrunde liegenden Ereignisse auf die Struktur des Systems Ostasiens bestimmt werden. Ausgehend von dem theoretischen Ansatz ist zu prüfen, ob diese Ereignisse die Struktur verändert haben und welche Auswirkungen dies für die chinesische Nordkoreapolitik hatte. Die Teilhypothesen, die die Forschungsfrage beantworten sollen, werden im Folgenden überprüft.

Teil 1: Die Distanzierungsphase (1990-1993)

Das zentrale Ereignis zu Beginn der Neunziger Jahre war das Ende der Sowjetunion, zunächst als Großmacht, dann als Staat. Nicht nur auf Europa, auch auf Ostasien hatten das Ende der Supermacht und das des Ost-West-Konflikts Auswirkungen. Beides wurde von der chinesischen Seite als der Anfang eines neuen Kapitels internationaler Politik in Ostasien verstanden, das im Gegensatz der bis dahin gekannten Bipolarität nun von Multipolarität und Selbsthilfe der Staaten geprägt sein würde. Auf die bewusste Wahrnehmung der neuen Lage lassen die Worte des chinesischen Außenministers Qian Qichen in seiner Rede vor der UNO im September 1994 schließen: „Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts gibt es die beiden beherrschenden Supermächte nicht mehr. Stattdessen entwickeln sich mehrere Pole und Machtzentren auf der Welt, die – etwa gleich stark – miteinander auf der Basis der Gleichheit und des gegenseitigen Respekts zusammenarbeiten (…) müssen.“[18] Ähnliches lässt sich aus den Worten des Generalsekretärs der Kommunistischen Partei Chinas (KPC), Jiang Zemin, in seiner Rede vor dem Kreml im Mai 1991 herauslesen, in der er der Erwartung, die künftige Welt sei eine multipolare, Ausdruck verlieh[19]. Sinologen wie der amerikanische Chinaexperte Robert Sutter oder Kim Dong-sung werten diese Äußerungen – diejenigen von Jiang Zemin wurden zudem auf dem Boden des ehemaligen Erzrivalen Sowjetunion gemacht – als Chinas bewusste Annahme einer neuen Rolle in der Internationalen Politik in einem System, das von nun an stärker auf Selbsthilfe und Wettbewerb zwischen den Staaten geprägt sein würde[20]. Selbsthilfe und Wettbewerb um Macht und Sicherheit gehören zu den Grundprinzipen der neorealistischen Theorie[21], die somit als der geeignete Ansatz für eine Untersuchung der chinesischen Nordkoreapolitik in der folgenden Zeit erscheint.

Die strukturelle Veränderung des Systems Ostasiens Anfang der Neunziger Jahre besteht im Wegfall der Sowjetunion. Damit ist zwar keine Einheit weggefallen, denn die Sowjetunion hatte ja in Russland einen Nachfolgestaat. Dieser Nachfolger verfügte jedoch bei weitem nicht über die Machtmittel, die die Sowjetunion aufgrund der Hegemonie in ihrem Block, umgeben von Satellitenstaaten und ausgerüstet mit der größten Armee der Welt, die über Niederlassungen in zahlreichen anderen Staaten verfügte, aufbieten konnte. Ersetzt man die Einheit Sowjetunion durch die Einheit Russland ist zumindest eine erhebliche Einbuße der Machtmittel zu verzeichnen. Waltz meint dazu: „Die Struktur eines Systems ändert sich mit einer Veränderung der Verteilung der Machtmittel unter den Einheiten eines Systems“[22]. Diese Veränderung der Capabilities im Übergang von der Sowjetunion zu Russland (und den anderen ehemaligen Teilrepubliken der Sowjetunion, die für das System Ostasiens keine Bedeutung haben) haben die Struktur verändert. Da Staaten nach neorealistischer Sicht kontinuierlich überprüfen, ob es sinnvoll sei, das Internationale System zu ihren Gunsten zu verändern[23], hätte China hier als „rationaler Spieler“[24] den Wegfall der Sowjetunion entsprechend wahrgenommen und eine neue Rolle in der neuen Struktur angenommen, die auch die Nordkoreapolitik Chinas in der Folge veränderte.

Die Distanzierung Chinas gegenüber Nordkorea nach Ende des Ost-West-Konflikts wird von zwei Aspekten geprägt: Die drastische Kürzung der Wirtschaftshilfe und das Zugehen Chinas auf Südkorea. Angewandt auf diese Distanzierungsphase muss die Forschungsfrage hier lauten: Warum hat China die Wirtschaftshilfe für Nordkorea gekürzt, warum ist China auf Südkorea zugegangen und kommen als Auslöser dafür strukturelle Zwänge in Betracht?

1.1 Nordkoreapolitik direkt: Kürzung der Wirtschaftshilfe

Die Existenz der Sowjetunion spielte für die Nordkoreapolitik Chinas immer eine besondere Rolle, und zwar in ihrer Eigenschaft als rivalisierende Macht. Das Misstrauen der Chinesen gegenüber der Sowjetunion in den späten Fünfziger Jahren nach dem Tod Stalins, der Abzug der sowjetischen Berater aus China in den frühen Sechziger Jahren, die Verbesserung der Beziehungen zwischen China und den USA nach dem Amtsantritt Nixons, die Breschniew - Doktrin und der Grenzkonflikt am Ussuri im Zusammenhang mit dem chinesischen Selbstbewusstsein, sich nicht einer sowjetischen Führung der kommunistischen Welt unterordnen zu wollen, waren Aspekte dieser Rivalität. Diese hatte auch Auswirkungen auf das Verhältnis von Nordkorea zu China und der Sowjetunion und somit auf die chinesische Nordkoreapolitik. War China nach Ende des Koreakrieges 1950-1953 der erste und wichtigste Partner Nordkoreas gewesen, änderte sich dies im Laufe der Sechziger Jahre[25]. Kim Il-sung hatte es mit Hilfe der Sowjetunion und nicht Chinas durch Säuberungsaktionen in der Gruppe der rivalisierenden kommunistischen Kader zum Alleinherrscher Nordkoreas gebracht[26], obwohl er ursprünglich zur pro-China Fraktion der nordkoreanischen Kommunisten, die sich in ein pro-sowjetisches und ein pro-chinesisches Lager aufteilten, gehörte. Eine ebensolche Gewandtheit im Verhältnis zu den beiden Großmächten der kommunistischen Welt zeigte der nordkoreanische Diktator beim Umgang mit den steigenden Spannungen zwischen den Rivalen Sowjetunion und China. Diese Rivalität nutze Kim Jong-il für den unmittelbaren Vorteil für sich und Nordkorea aus[27]. Trotz der viel beschworenen „historischen Verbundenheit“ Chinas mit Nordkorea gab es zwischen den Staaten eine Reihe von Differenzen durch unterschiedliche oder gar gegensätzliche Interessen. Ein Beispiel ist die Ablehnung Chinas gegenüber einer „Thronfolge“ von Kim Il-sung („Der große Führer“) auf Kim Jong-il („Der liebe Führer“). Mao hatte bereits 1974 gegenüber dem älteren Kim eine derartige Weitergabe der Macht innerhalb der Familie abgelehnt, die einzigartig in der kommunistischen Welt sein würde[28], was für entsprechende Verstimmung bei Kim Jong-il und seinem Sohn, der heute Nordkorea führt, sorgte. Die Zustimmung für den Aufbau von Kim Jong-il als Nachfolger kam schließlich aus der Sowjetunion. Kim hatte somit Beweggründe, mit beiden Seiten eine gute Zusammenarbeit unterhalten zu wollen: Standen gegenüber China die „historische Verbundenheit“, die kulturellen Gemeinsamkeiten beider Völker und die geografische Nähe im Vordergrund waren es gegenüber der Sowjetunion seine persönliche Sympathie mit Moskau und die Möglichkeit, sich aus der chinesischen Umklammerung, zu lösen, indem er die „sowjetische Karte“ spielen konnte. Diese Zwischenstellung, die Nordkorea die Möglichkeit gab, beide Großmächte gegeneinander auszuspielen, führte zu handfesten Vorteilen für Nordkorea, nämlich in Form von Wirtschaftshilfe.

Als sich der Konflikt zwischen der Sowjetunion und China intensivierte, betrachtete China Nordkorea als „ein Mittel zur Abschreckung der sowjetischen Gefahr“, so der koreanische Politologe Kim Dong-sung[29]. China baute deswegen ab den frühen Siebzigern seine Wirtschaftshilfe und die militärische Unterstützung für Nordkorea aus[30]. In den frühen achtziger Jahren lieferte China sogar technologische hochwertige Kampfjets des Typs A-5. Ebenso beliefern – wenn auch nicht unbedingt gleichzeitig – ließ sich Nordkorea von der Sowjetunion, beispielsweise mit modernen MIG-29 Jägern oder SU-5 Luftbodenraketen[31]. Die amerikanische Library of Congress Studies unterteilt die Unterstützung der beiden Großmächte für Nordkorea in ihrem Kurzbericht zu dem nordkoreanischen Verhältnis gegenüber China und der Sowjetunion nach dem Koreakrieg bis zum Kollaps der Sowjetunion in mehrere Phasen[32], anhand derer das Schwanken Nordkoreas zwischen China und der Sowjetunion deutlich wird: In der Phase 1961-1964 erfolgte die Hilfe noch gleichermaßen von beiden Seiten auf relativ niedrigem Niveau. Ab 1965 steigerte sich die Unterstützung aus der Sowjetunion und die chinesische Hilfe wurde deutlich eingeschränkt. Diese Phase dauerte bis 1972 an. 1973 bis 1984 erfolgte eine stetige Steigerung der chinesischen Unterstützung gegenüber Nordkorea, die die sowjetische schließlich überholte. Von 1984 bis 1989 verringerte sich die chinesische Hilfe drastisch und die sowjetische stieg sprunghaft an - vor allem nach dem Besuch Kim Jong-ils in Moskau im Mai 1984. Dazu kam der wechselseitige Besuch hochrangiger Soldaten, der Austausch militärischer Geheimdienstberichte und gemeinsame Flotten- und Luftmanöver zwischen Nordkorea und der Sowjetunion[33].

Durch den Zusammenbruch des Ostblocks und schließlich der Sowjetunion im Dezember 1991 fiel für Nordkorea eine der beiden möglichen Optionen für die wirtschaftliche und militärische Hilfe weg. Die Sowjetunion in der Phase von 1989 bis 1991 und danach ihre Nachfolgestaaten standen für Nordkorea als Partner in der alten Form nicht mehr zur Verfügung. Der nordkoreanische Handel mit Russland ist nach 1990 zudem fast vollständig zusammengebrochen[34]. Diese strukturelle Veränderung durch den Kollaps eines Staates war Auslöser eines entscheidenden Schrittes der chinesischen Führung in ihrer Nordkoreapolitik: Ab 1990 wurde die chinesische Wirtschaftshilfe, die bis dahin geflossen war, rapide und deutlich gekürzt[35]. Der genaue Umfang der Kürzung ist nicht bekannt, da China und Nordkorea generell über die Wirtschaftshilfe Stillschweigen vereinbart haben. Der drastische Einschnitt wird jedoch von verschiedenen amerikanischen, deutschen und koreanischen Experten, deren Erkenntnisse auf langjährigen Kontakten mit chinesischen Beamten, Politikern und Politologen beruhen, bestätigt. Diese Kürzung stellt einen entscheidenden Aspekt der Distanzierung Chinas gegenüber Nordkorea in der Phase 1990 bis 1993 dar. Im Folgenden sollen die möglichen Gründe für dieses Handeln untersucht werden:

a) Der teure Nachbar: Nordkorea als wirtschaftliche Bürde

Hatte Nordkorea während der Existenz des Rivalen Sowjetunion noch einen hohen Stellenwert für die chinesische Außenpolitik, verfiel dieser Rang schlagartig mit dem Kollaps der Führungsmacht des Ostblocks. Russland stand für eine der Hilfe der Sowjetunion entsprechenden Unterstützung Nordkoreas mangels strategischer Notwendigkeit und wirtschaftlichen Möglichkeiten nicht zur Verfügung[36]. Nordkorea – beraubt seiner Bedeutung als attraktiver Partner im Machtspiel zwischen China und der Sowjetunion – wurde zur wirtschaftlichen Bürde. Der Hauptzweck des in China bereits unter Deng Xiaoping eingeleiteten Reformkurses war das Streben nach wirtschaftlichem Wohlstand. Bereits 1986 stellte dieser fest: „How much of a role we can play in international affairs depends on how much economic construction we achieve. (…) Our current role is not small; but if our material basis and material capabilities are enhanced, [our] role will be even larger.“[37] Für Robert Sutter, der in diesem Zusammenhang vom „Imperative of Economic Growth“[38] spricht, ist wirtschaftliches Wachstum in China eines der Kernziele der Volksrepublik, dem sich die chinesische Politik zum größten Teil unterzuordnen hat. Eine entsprechend aufwändige Unterstützung der nordkoreanischen Wirtschaft und des dortigen Militärs läuft diesem Streben entgegen – zumal ein durchaus für möglich gehaltener Kollaps des nordkoreanischen Systems sämtliche Investitionen zunichte gemacht hätte und machen würde. Der in Neuseeland und Australien lehrende Politologe You Ji dazu: „It does not make much sense to prop up a collapsing regime with this huge amount of economic aid. This view is quite common among China's diplomats and military researchers, as I interviewed them in Beijing over the last few years.”[39] Das nordkoreanische Wirtschaftswachstum ist von 1990 bis 1995 negativ gewesen[40]. Von den Anleihen, die China Nordkorea für die wirtschaftliche Unterstützung gewährte, wurden nur wenige zurückgezahlt[41]. Der gesamte Außenhandel Nordkoreas ist seit 1990 um mehr als 50% zurückgegangen[42]. Diese Entwicklung wird als unmittelbare Folge der drastischen Verminderung chinesischer Wirtschaftshilfen nach 1990 gesehen[43] und verstärkt durch den Verlust der sowjetischen Märkte[44]. Hinzu kam das Problem, dass die anderen ehemals kommunistischen Handelspartner nun in harter Währung und nicht in Naturalien bezahlt werden wollten, was aber die nordkoreanischen Möglichkeiten überstieg.[45]

Die chinesische Hilfe für Nordkorea bestand und besteht vor allem aus Lieferungen von Rohstoffen und Naturalien an Nordkorea. Diese Lieferungen sind für das nordkoreanische Überleben existentiell wichtig. Chinesische Getreidelieferungen haben während der großen Hungersnöte im Nordkorea der Neunziger Jahre tausenden Bürgern das Leben gerettet. Nach wie vor machen Nahrungsmittel einen Großteil der Hilfslieferungen aus. Diese Lieferungen zu leisten ist auch für China ein große Herausforderung. Während die Volksrepublik 20 Prozent der Weltbevölkerung beheimatet, verfügt sie nur über 6 Prozent des für die landwirtschaftliche Bewirtschaftung geeigneten Landes auf dem Globus, wodurch es für China grundsätzlich schwierig ist, überhaupt die eigene Versorgung sicherzustellen. Trotz eines immensen Wirtschaftswachstums ist China zahlreichen wirtschaftlichen Herausforderungen ausgesetzt, zum Beispiel der Versorgung der eigenen Bevölkerung. Von dieser leben vor allem im wirtschaftlich unterentwickelten westlichen China immer noch viele Menschen unter der von der Weltbank standardisierten Armutsgrenze und bergen damit enormes soziales Konfliktpotenzial. Die dadurch verursachten Engpässe Chinas schränken die Spielräume des „Reichs der Mitte“, was die Entwicklungshilfe anderer angeht, empfindlich ein. Der Wert der Nahrungsmittellieferungen Chinas nach Nordkorea ist nach Schätzungen des American Enterprise Institutes bis 1994 auf 55 Millionen US-Dollar gefallen, wobei er sich in früheren Jahren auf etwa 150 Millionen US-Dollar belaufen haben soll[46]. Im gleichen Zeitraum seien die Kohlelieferungen von 264 Millionen US-Dollar auf 194 Millionen US-Dollar gefallen[47]. Die chinesische Hilfspolitik gegenüber Nordkorea beschränkt sich aber nicht nur auf Nahrungsmittel und Rohstoffe. Chinesische Energielieferungen stellten auch den Betrieb der nordkoreanischen Industrie sicher, deren Produktion ansonsten größtenteils ausfallen würde[48]. Die Kosten für China sind in allen Bereichen erheblich und stellen für die Entwicklung der chinesischen Wirtschaft eine große Belastung dar. Anfang der Neunziger Jahre versuchte Peking seine Ressourcen mehr auf die eigene Wirtschaft zu konzentrieren[49] und bestand darauf, dass Nordkorea für die erbrachten Lieferungen näher an den üblichen Weltmarktpreisen bezahlen sollte, anstatt sich an den als „Freundschaftspreise“ deklarierten Tarifen, die weit unter dem am Weltmarkt Üblichen lagen, zu orientieren[50]. Dies war und ist für Nordkorea nicht finanzierbar.

[...]


[1] Vgl. Heinrich Kreft: China - die kommende Großmacht; in : Aus Politik und Zeitgeschichte (Im folgenden APuZ), B 51 (2000), 21-29, hier 21.

[2] Vgl. Joseph Nye: „Chinas gefahrvoller Aufstieg“; Süddeutsche Zeitung (im folgenden SZ), 30.03.2005, 2.

[3] Vgl. „China and North Korea. Managing Chaos”; The Economist, 19.02.2005, 50.

[4] Vgl. Urs Schoettli: „Chinas Rolle bei den Nordkorea-Gesprächen“; Neuer Zürcher Zeitung (im folgenden NZZ), 25.02.2004, 4.

[5] Vgl. Quan Kong, Außenminister der Volksrepublik China auf der Pressekonferenz am 17.02.2005, „Foreign Ministry Spokesman Kong Quan’s Press Conference on 17 February 2005“; Außenministerium der Volksrepublik China, Internetveröffentlichungen: http://fmprc.gov.cn/eng/xwfy/s2510/t183887.htm, Zugriff am 18.02.2005.

Vgl. „China urges US, DPRK to resume dialogue“; Xinhua, Internetveröffentlichung unter www.chinaview.cn, Zugriff am 23.02.2005.

[6] Vgl. Gustav Kempf: Chinas Außenpolitik, München, 2002, 96.

[7] Vgl. Oskar Weggel: Außenpolitik auf Beschwörungskurs – China und die Koreafrage; in: China Aktuell (im folgenden CA), Januar 2000, 51.

[8] Vgl. Robert Sutter: Chinese Policy Priorities and their Implication for the United States, Lanham, 2000, 101f.

[9] Vgl. ebd., 103f. / Vgl. Dong-Sung Kim: China’s policy toward North Korea and cooperation between South Korea and China; in : The Korean Journal of International Studies, 25.1 (1994), 29-46, hier: 44. / Vgl. Yongho Kim: Forty Years of the Sino-North Korean Alliance; in: Issues & Studies (im folgenden I&S), 2.37 (2001), 147-176, hier 155ff.

[10] Weggel, 2000, 53.

[11] Reinhard Meier-Walser: Neorealismus ist mehr als Waltz; in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen (im folgenden ZIB), 1:1 (1994), 115-126, zitiert in: Niklas Schörnig: Neorealismus; in: Schiedler/Spindler (Hrsg.): Theorien der Internationalen Beziehungen, Opladen, 2003, 61-87, hier 74.

[12] Vgl. Kenneth Waltz: Theory of International Politics, New York, 1979, 18.

[13] Schörnig, 2003, 65.

[14] Vgl. Gert Krell: Weltbilder und Weltordnung, Baden-Baden, 2004, 156.

[15] Vgl. Waltz, 1979, 93.

[16] Vgl. Weggel, 2000, 53.

[17] Vgl. Tom Hart: The PRC-DPRK Rapprochement and China’s Dilemma in Korea; in: Asian Perspective (im folgenden AP), 25 (2001), 247-259, hier 247.

[18] Zitiert in: Kempf, 2002, 120f.

[19] Vgl. Kim, 1994, 32.

[20] Vgl. Robert Sutter: United States and East Asia: Dynamics and Implications; Lanham, 2003, 109.

[21] Vgl. Waltz, 1979, 91.

[22] Waltz, 1979, 95.

[23] Vgl. Schörnig, 2003, 78.

[24] John Mearsheimer: The Tragedy of Great Power Politics, New York, 2003, 31.

[25] Vgl. Ji You: China and North Korea. A fragile relationship of strategic convenience; in: The Journal of Contemporary China, 10 (2001), 387-398, hier 390.

[26] Vgl. ebd., 388.

[27] Vgl. ebd., 390.

[28] Vgl. ebd., 399.

[29] Kim, 1994, 35.

[30] Vgl. ebd.

[31] Vgl. ebd., 36.

[32] Library of Congress: North Korea; Washington, 1993, Internetveröffentlichung: http://geoinfo.amu.edu.pl/wpk/locsc/kptoc.html, Zugriffsdatum: 03.02.2005.

[33] ebd.

[34] Vgl. Michael Schloms: Divide et impera – totalitärer Staat und humanitäre Hilfe in Nordkorea, Berlin, 2000, 7.

[35] Vgl. Kim, 1994, 38. / Vgl. Quansheng Zhao: Interpreting Chinese Foreign Policy. The Micro-Macro Linkage Approach, Oxford, 1996, 201.

[36] Vgl. Sutter, 2003, 146.

[37] Zitiert in: Fei-ling Wang: China and Korean Unification; in: Korea & World Affairs, 22 (1998), 177-198, hier 182.

[38] Sutter, 2003, 111.

[39] You, 2001, 391.

[40] Vgl. China Institute of Contemporary International Relations (CICIR) zitiert in: Garret, Banning / Glaser, Bonnie: Looking across the Yalu; in: Asian Survey (im folgenden AS), 6 (1995), 528-545, hier 532.

[41] Vgl. You, 2001, 391.

[42] Vgl. Auswärtigen Amt, Länder- und Reiseinformationen: Nordkorea, Berlin, 2004.

[43] Vgl. Dongmyung Kim: Die sicherheitspolitische Lage in Korea; in: Occasional Paper Universität Trier, No. 9 (1997), 1-21, hier 12.

[44] Vgl. John Feffer: Nordkorea und die USA, 2003, München, 53.

[45] Vgl. Kempf, 2002, 91.

[46] Vgl. Zhao, 1996, 200f.

[47] Vgl. ebd.

[48] You, 2001, 390f.

[49] Vgl. Garret/Glaser, 1995, 528.

[50] Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 88 Seiten

Details

Titel
Die chinesische Nordkoreapolitk nach 1990
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Politikwissenschaft)
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
88
Katalognummer
V65354
ISBN (eBook)
9783638579483
Dateigröße
815 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit beschäftigt sich mit den Veränderungen in der chinesischen Politik gegenüber Nordkorea nach Ende des Ost-West Konflikts. Während China Nordkorea während des Kalten Krieges stets unterstützt hat, änderte sich dies schlagartig nach 1990. Die Arbeit begründet die Veränderungen der chinesischen Nordkoreapolitik mit strukturellen Effekten ( Neorealismus ) beim Wegfall der Sowjtunion einerseits und später durch die Auswirkungen eines möglichen nordkoreanischen Atomprogramms andererseits.
Schlagworte
Nordkoreapolitk
Arbeit zitieren
Bernhard Kuttenhofer (Autor), 2005, Die chinesische Nordkoreapolitk nach 1990, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65354

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